Zusatzinformation: Textkasten: Die weniger glänzende Seite des Geschäfts
DER SCHWERE WAGEN scheint über die karge Savanne zu fliegen, auf einer neuen Autobahn südwestlich von Gabarone, der Hauptstadt Botswanas. Es gibt keinen störenden Verkehr; wer sich in Botswana ein Auto leisten kann, hat über Land freie Fahrt. Am gefährlichsten sind die Kühe, vor allem nachts, wenn sie wie aus dem Nichts im Scheinwerferlicht auftauchen. Wenn abends unter freiem Himmel gegrillt wird, sind Zusammenstösse mit Tieren ein beliebtes Gesprächsthema.
Nach gut anderthalb Stunden Fahrt in brütender Hitze stösst man am Ausläufer der Kalahari-Wüste auf das Städtchen Jwaneng. Lediglich eine Handvoll Menschen, ein paar von ihnen mit farbigen Plastic-Helmen auf dem Kopf, sind in den staubigen Strassen zu sehen; ihre Konturen lösen sich bald in der flirrenden Hitze auf. Der Oktober ist einer der heissesten Monate im Jahr; er leitet die Regenzeit im südlichen Botswana ein. Einige neue Asphaltstrassen durchschneiden die Stadt mit ihrem Netz kleiner und kleinster Naturstrassen. Häuser liegen wie vom Himmel gefallen wild verstreut in der Steppe, mit dem allgegenwärtigen runden Wassertank auf dem Dach. Steinmauern umfassen die blühenden Blumengärten der stattlicheren Häuser und Villen. Bougainvillea in hellem Orange bis hin zu leuchtendem Violett, Jacaranda-Bäume in zartem Lila. Rund 16 000 Einwohner zählt Jwaneng, das an Fläche eine vergleichbare Schweizer Stadt um ein Vielfaches übertrifft.
Ausser der Tatsache, dass es in dieser abgelegenen Gegend überhaupt eine Stadt gibt, deutet nichts darauf hin, dass nur zehn Kilometer entfernt 24 Stunden am Tag, von Montag bis Samstag mittag, Gestein abgetragen wird, Tonne für Tonne, mit dem einzigen Ziel, Diamanten zu gewinnen, aus jeder Tonne Gestein im Schnitt 1,5 Karat, 0,3 Gramm. 16 000 Tonnen Erdreich werden in der Jwaneng-Mine täglich abgetragen; aus ihnen werden in einem aufwendigen Verfahren täglich gegen 25 000 Karat Diamanten. Rund 2500 der 16 000 Einwohner von Jwaneng arbeiten in der Mine; mehrere hundert sind zudem in Zulieferbetrieben beschäftigt. Jwaneng wurde für die Mine, die 1983 die Produktion aufnahm, gebaut und ist die Stadt der Mine geblieben.
Das Wort Jwaneng bedeutet in Setswana, der Sprache Botswanas, «Ort der kleinen Steine». Die Jwaneng-Mine ist eine der drei Tagbau-Diamantminen in Botswana, diesem politischen und wirtschaftlichen Musterland des gebeutelten Schwarzen Kontinents. Der Erfolg Botswanas wäre ohne die Diamantindustrie undenkbar. Den Diamanten verdankt Botswana alles, was es heute an Fortschritt aufzuweisen hat: Strassen, Elektrizität, Wasserversorgung, ein Pro-Kopf-Jahreseinkommen von umgerechnet rund 1000 Dollar. Botswana hat, wenigstens in der Gegend der Minen und der grösseren Städte, den Übergang von der reinen Agrar- zur Industriegesellschaft geschafft. Zuvor war Viehzucht Botswanas einziger wirtschaftlicher Pfeiler gewesen.
Drei Jahre nach der Unabhängigkeit von Grossbritannien im Jahr 1966 hatte die botswanische Regierung mit der De-Beers-Gruppe ein Abkommen ausgehandelt, das die Diamantproduktion einem Joint-venture-Unternehmen übertragen hat, an dem der Staat und die De-Beers-Gruppe zu je 50 Prozent beteiligt sind. Die Debswana Diamond Company, so heisst die Gesellschaft seit 1992, gibt sich wie De Beers diskret und verweist bei Fragen gerne auf den Jahresbericht, der für Laien kaum ergiebiger ist als das Testbild eines Fernsehsenders. Einiges statistisches Material lässt sich ihm dennoch entnehmen, etwa, dass die Einnahmen aus der Debswana-Produktion der Regierung Botswanas rund 70 Prozent ihrer gesamten Deviseneinnahmen bescheren, dass der Reinertrag der drei botswanischen Minen 1992 umgerechnet rund 850 Millionen Franken betrug oder dass im gleichen Jahr insgesamt knapp 16 Millionen Karat Diamanten gewonnen wurden. UNTER DEN DIAMANTMINEN im südlichen Afrika ist Jwaneng eine Ausnahme: Erstmals ist man hier das Risiko eingegangen, die Wohnquartiere für die Angestellten ausserhalb des Sicherheitsgürtels der Mine zu errichten. In den andern Minen bewegen sich die Arbeiter zwischen Arbeitsplatz, Wohnung und Freizeiteinrichtungen in einer Art geschlossenem System. Um nach Jwaneng zu gelangen, bedarf es keiner Bewilligung. Wer immer das will, kann sich in einer der Bars unter die Minenangestellten mischen, die sich zum Feierabendbier treffen. Das tun mitunter auch zweifelhafte Geschäftsleute, in der Debswana-Sprache «Diamanten-Mafia» genannt, die hier mit dem Versprechen, sie reich zu machen, Diamantenschmuggler anzuheuern versuchen. Es kommt vor, dass ein Arbeiter in der Mine buchstäblich über einen Diamanten stolpert. Er muss dann - ein strikte einzuhaltendes Ritual - seinen Schutzhelm über den Fund legen und einen Angehörigen des Werkschutzes herbeirufen. Nur diesem ist es erlaubt, die kostbare Ware aufzuheben.
Erst kürzlich wurde nun aber einem 25 Köpfe zählenden Schmugglerring das Handwerk gelegt - die meisten von ihnen waren Angehörige des Werkschutzes. Das schmerzte die Geschäftsleitung besonders, sind jene neben den Geologen doch die einzigen, die in der Mine das Recht haben, einen Klumpen Erz oder einen Rohdiamanten auch nur in die Hand zu nehmen. Wenn ein Minenarbeiter das Ritual befolgt, den gefundenen Stein also nicht im Overall verschwinden lässt oder ihn kurzerhand verschluckt, wird er mit rund zehn Prozent des Wertes belohnt. Dieser Betrag kommt zwar nicht einmal in die Nähe des Preises für einen illegal verkauften Diamanten, der schieren Reichtum bedeutet, ist aber ein gewichtiger Zustupf zum Lohn. Der Ehrlichkeit der Minenarbeiter hilft man in Botswana nach, indem man auf illegalen Rohdiamantenhandel und -besitz äusserst drakonische Strafen ausgesetzt hat. Wie man hört, sind es vor allem ältere Angestellte, die der Versuchung erliegen und den Verkauf eines aus der Mine geschmuggelten Steins wagen, obwohl für sie die 20- bis 25jährigen Haftstrafen oft lebenslangem Verlust der Freiheit gleichkommen.
Sicherheit wird in Jwaneng in zweierlei Hinsicht gross geschrieben. Zum einen versucht die Abteilung mit dem etwas euphemistisch klingenden Namen «Loss Control», Unfälle zu vermeiden. Sie tut dies mit einigem Erfolg: Jwaneng konnte im Oktober annähernd drei Millionen unfallfreie Mannschichten (Anzahl Schichten multipliziert mit der Zahl der Angestellten) in ununterbrochener Folge vorweisen, wobei in dieser Statistik als Unfall gilt, wenn das Opfer eine Schicht ausfallen lassen muss. Zum andern wacht der Werkschutz mit reichlich militärischem Habitus darüber, dass die in der Mine gewonnenen Rohdiamanten auch alle ins «Orapa House» nach Gabarone gelangen, wo die Botswana Diamond Valuing Company den Wert der Steine schätzt und sie für den zehnmal jährlich stattfindenden Verkauf der Central Selling Organisation der De-Beers-Gruppe vorbereitet.
Wer die Mine nach mehrstufigem «security clearing» betritt - der Zutritt wird einem, wenn überhaupt, nur mit Bewilligung, Passierschein und Begleitperson gewährt -, stösst am Eingang auf eine riesige Tafel, mit der man ihn darauf aufmerksam macht, dass er beim Verlassen womöglich gründlich untersucht wird. Dazu muss er in eine von mehreren Ausgangsschleusen treten, von der zwei Türen weiter führen: die eine ins Freie, die andere in einen speziellen Untersuchungsraum, wo eine Art Lügendetektor, der Pulsmonitor, und ein Zufallssystem über die Ehrlichkeit wachen. Der Pulsmonitor ist eine Metallplatte, auf welche die Hände gelegt werden müssen. Weicht der Puls von der Norm ab oder ordnet das Zufallssystem dies an, wird eine Leibesvisitation vorgenommen. Röntgenaufnahmen - was die einfachste Methode wäre, da Diamanten unter Röntgenbestrahlung aufleuchten - sind in Botswana, anders als etwa in Südafrika, gesetzlich verboten; statt dessen kommt ein natürliches Verfahren zur Anwendung: Verdächtige werden so lange festgehalten, bis die Verdauung die allenfalls verschluckten Rohdiamanten ans Tageslicht bringt. Auf die Frage, wie das denn vor sich gehe, weil sich eine solche Sache ja hinziehen könne, mochte man nicht näher eingehen . . . DAS DIAMANTHALTIGE KIMBERLIT-ERZ wird in riesigen Gebäuden zerkleinert und gewaschen. Anschliessend werden die Diamanten in einer besonders dichten Silikon-Wasser-Lösung vom wertlosen Gestein getrennt. Dieser Prozess wird mehrfach wiederholt, damit möglichst alle Diamanten, seien sie noch so klein, aus dem Erz gelöst werden. Förderbandanlagen von mehreren Kilometern Länge und riesige Schutthalden prägen das Bild. Werkstatt- und Bürogebäude säumen das Gelände. Das Herz der Mine ist die gegenwärtig 200 Meter tiefe terrassierte Grube, in der saurierhafte Bagger eine endlose Kette von Muldenkippern mit Erz beladen. Da mit dem Vorstoss in die Tiefe - angestrebt sind vorläufig 600 Meter - die Grube ständig erweitert werden muss, wird in einer zweiten Lastwagenkette Aushub, wertloses Gestein, auf eine gigantische Schutthalde gebracht. Das an der blau- oder grüngrauen Farbe deutlich erkennbare Kimberlit-Erz dagegen kommt in den «primary crusher», der das Erz in Stücke von höchstens 15 Zentimeter Grösse zermalmt.
Auf dem Grund der Grube wird die nächste Sprengung vorbereitet. Ein Sprengmeister und fünf Hilfskräfte bringen die Ladungen in den Bohrlöchern an. Da der Betrieb in der Grube während der Sprengung eingestellt werden muss, führt die Sprengequipe stets mehrere Sprengungen gleichzeitig durch. Während am einen Ort noch gesprengt wird, wird wenige hundert Meter entfernt bereits wieder Kimberlit abgetragen. Ein Trax schiebt einem Schaufelbagger das Gestein zu, das dann auf die «Triple Seven»-Muldenkipper mit 77 Tonnen Nutzlast geladen wird. Es sind bei weitem nicht die grössten Lastwagen der Mine. Doch passen die 177-Tonner mit ihren enormen Ausmassen nicht in die Entladebucht des «primary crusher» und werden zum Abtransport des Aushubes eingesetzt.
Gut vier Meter über dem Boden sitzt der 35 Jahre alte Obert Mothlabi im Führerstand des grössten Schaufelbaggers der Mine, des Caterpillar 994, der die «kleineren» 77-Tonnen-Lastwagen mit lediglich vier Schaufelladungen füllt. Seine Arbeit ist eine der härtesten in der ganzen Mine, während über siebeneinhalb Stunden seiner Achtstundenschicht betätigt er die Hebel seines «Sauriers». Eine Teepause von vielleicht 20 Minuten ist seine einzige Ruhezeit. Die Kette der heranrollenden Muldenkipper, die beladen werden müssen, reisst während seiner Schicht kaum je ab; dafür sorgen drei Aufseher in einem Kommandostand ganz oben am Minenrand, die den Verkehr in der Grube überwachen und per Funk steuern. Lastwagen dürfen allenfalls noch ein paar Minuten untätig herumstehen, nicht aber die Ladebagger, lautet das eiserne Gesetz. Dabei müssen die Aufseher nicht nur den Strom der Muldenkipper im Auge behalten, da wieseln auch Pick-ups mit Gruppenchefs, Geologen oder Besuchern an Bord zwischen den Ungetümen umher. Und ständig sind Tankwagen unterwegs, die die Verkehrswege mit Wasser berieseln und so die grösste Plage in der Grube, den alles durchdringenden Staub, etwas mildern.
Vor 24 Jahren, nach der vierten Klasse, hat Obert Mothlabi die Schule seines Savannendorfs Ramutsa im Südwesten Botswanas verlassen. Daraufhin führte er jenes Leben, das für die Batswana (so nennen sich die Einwohner Botswanas) in ländlichen Gebieten heute noch alltäglich ist: Er half in der Grossfamilie mit, die Felder zu bestellen, auf denen in reiner Subsistenzwirtschaft etwas Sorghum, Mais und Gemüse angebaut wird, er kümmerte sich um das Vieh und machte sich hie und da als Gelegenheitsarbeiter nützlich, vor allem für seinen Onkel, der ein kleines Geschäft für die Auslieferung von Baumaterialien betrieb. Die Jahreszeiten und das Wetter bestimmen den Takt des Lebens im Dorf. Die Felder sind vor der Regenzeit zu bestellen, gearbeitet wird am Morgen, ehe die Sonne alles verbrennt, und spätnachmittags, wenn die Hitze etwas nachzulassen beginnt.
Vor 13 Jahren vernahm Obert Mothlabi in seinem Dorf, dass die Jwaneng-Mine Arbeitskräfte suche. Er machte sich auf den rund 100 Kilometer langen Weg und meldete sich. Als «unskilled labourer», als ungelernter Arbeiter und weitgehend ohne Bildung, wurde er in die unterste Besoldungsklasse eingestuft. Bald wurde er für tauglich befunden, anspruchsvollere Arbeiten zu verrichten. Nach verschiedenen Ausbildungsstufen wurde er zunächst Chauffeur kleinerer Fahrzeuge, dann der grossen Muldenkipper. Schliesslich bildete man ihn für die Bedienung der Schaufelbagger aus, und seit einem Jahr steuert Mothlabi den «994», den grössten mechanischen Bagger der Welt, der über drei Millionen Dollar wert ist. Mit seinem beruflichen Aufstieg stieg auch der Lohn. Gegenwärtig verdient Mothlabi gut 16 000 Pula (die Landeswährung Botswanas), umgerechnet rund 11 000 Franken, im Jahr. Damit befindet er sich in der botswanischen Gesellschaft an der Schwelle zum unteren Mittelstand.
«Es ist ein guter Job, aber nicht mehr», sagt Obert Mothlabi. Hätte er eine bessere Bildung, würde er anderswo arbeiten, am liebsten in einem Büro. Diamanten bedeuten ihm nichts; einen zu kaufen liegt sowieso ausserhalb seiner finanziellen Möglichkeiten. Geschliffene Diamanten kennt er nur aus den Abbildungen in den Werbeprospekten der Mine. Warum Leute «für so etwas» so viel Geld ausgeben, ist ihm ein Rätsel. Drei-, viermal hat er in der Mine einen Rohdiamanten gefunden und dafür - weil er sich an die Vorschriften hielt - satte Prämien eingesteckt.
Nach Arbeitsschluss - er ist der Frühschicht von 7 Uhr morgens bis 3 Uhr nachmittags zugeteilt - kehrt Obert Mothlabi im Firmenbus in die Stadt zurück. Wohnung und Transport zum Arbeitsplatz sind für die Angestellten der Mine ebenso im Lohn inbegriffen wie die Behandlung im Spital von Jwaneng, das - gegen ein symbolisches Entgelt - auch Nichtangestellten offensteht. Mothlabi hat vier Kinder, ist aus familiären Gründen aber noch nicht verheiratet. Die familiären Gründe können zahlreich sein im afrikanischen System der Grossfamilie: vielleicht findet die eine Familie die andere nicht standesgemäss, vielleicht ist aber auch nur ein Onkel, dessen Zustimmung man braucht, gerade nicht auffindbar. So lebt Mothlabi von seiner Verlobten, der Mutter seiner Kinder, getrennt und teilt ein Häuschen mit zwei anderen unverheirateten Minenarbeitern. Jeder hat sein eigenes Zimmer; Wohnzimmer, Küche und Bad werden gemeinsam benutzt. Die Kinder und ihre Mutter leben offiziell ein paar Strassen weiter, gehen aber auch in seinem Haus ein und aus. Zwar träumt er von einem eigenen Haus für seine Familie, doch können sich die Verlobten unmöglich über ihre Familien hinwegsetzen. Sie wären für diese nicht länger existent.
Obert Mothlabis Zimmer ist recht komfortabel: Neben dem Bett steht ein Fernseher prominent im Regal, auch Stereoanlage und Kühlschrank fehlen nicht, und vor dem Haus steht der eigene Wagen. Doch all das, wie auch die Achtstundenschicht an den Hebeln des «994», ist nur der eine Teil von Obert Mothlabis Leben. Der andere ist seine Existenz auf dem Land, in seinem Dorf, wo er - wie die meisten Batswana - eine Heimstatt unterhält, ein paar Hütten, einen «cattle post» und einige Felder. Dort lebt er während der 25 Urlaubstage pro Jahr, oft auch an Wochenenden, manchmal nach Feierabend. Eine gute Stunde Autofahrt trennt hier das Industriezeitalter von der traditionellen Lebensweise im Dorf, wo es weder fliessendes Wasser noch Elektrizität, weder Telefon noch Fernsehgeräte gibt.
Dass er im eigenen Auto vorfährt, weist Mothlabi hier zwar als gut verdienenden Mann aus, aber wirkliches Ansehen verschafft ihm das Vieh. Mit 50 Rindern und einigen Ziegen ist er im Dorf ein angesehener Mann. Er kann sich zwei «Angestellte» leisten, die während seiner Abwesenheit nach den Tieren sehen. Die «Zeitreisen» von Jwaneng in sein Dorf machen ihm heute kaum mehr zu schaffen. Man passt sich an. Höchstens, dass er sich jetzt im Dorf manchmal langweilt, weil er keinen Fernsehapparat hat. Früher, da war ihm dort nie langweilig gewesen. TSETSELE FANTAN, in der Umgangssprache der Minenarbeiter «Ma Fantan» genannt, ist die Personalchefin von Jwaneng. Das Pendeln zwischen zwei Kulturen sei für die Batswana eine beträchtliche Belastung, sagt sie, auch wenn sie sich dies kaum eingeständen. Die Mobilität, die durch die Diamantenproduktion in Botswana Einzug hielt, hat zu gewaltigen sozialen Veränderungen geführt. Die Zahl der Ehescheidungen, die traditionell allenfalls wegen Unfruchtbarkeit gesprochen wurden, hat sprunghaft zugenommen, die Familienbande lockern sich; die Frauen sind, sofern sie arbeiten, unabhängiger geworden und können sich erlauben, von ihren Männern mehr zu erwarten als früher. Die Landbevölkerung gerät in den Städten oft in Einsamkeit und physischen wie psychischen Stress.
Die Chancen, in den Bars von Jwaneng einen Minenangestellten in angeheitertem Zustand anzutreffen, sind gross. Der Kulturschock trifft nicht nur die Batswana, die mit der Anstellung in der Mine aus den strohgedeckten Lehmhütten direkt ins Industriezeitalter katapultiert worden sind. Auch «Expatriates», Briten, Südafrikaner oder Simbabwer zumeist, sind davor nicht gefeit. Alkohol ist als «Schmerzmittel» verbreitet; Alkoholismus beschäftigt das Employee Assistance Programme (EAP) der Minen, das sich um das soziale Wohl der Angestellten kümmert, von allen Problemen am meisten. Im Fall der Batswana hat sich das EAP die Tradition zum Helfer gemacht, wonach ein in Bedrängnis geratener Batswana, der nicht mehr weiter weiss, in der Regel den für ihn zuständigen Onkel in seiner Grossfamilie aufsucht. Das EAP bemüht sich gegenwärtig, in der Belegschaft Persönlichkeiten auszumachen, die innerhalb einer Gruppe die Funktion des Onkels übernehmen können. Die Bewältigung der Alkoholprobleme ist der Mine einigen Aufwand wert, denn sie führen zu Absenzen am Arbeitsplatz, und die sind der häufigste Entlassungsgrund.
Von einem Rausch ganz anderer Art ist mitunter die Rede, wenn es um Diamanten geht. Finger würden sich ganz von selbst um einen besonders schönen Stein schliessen, sagt die Legende, der Mythos des Aussergewöhnlichen rund um den Diamanten, der das lukrative Geschäft in Bewegung hält. Für einen Batswana sind Diamanten im Grunde ganz gewöhnliche Steine - nur unsere Eitelkeit macht sie zu etwas Besonderem. In der Mine von Jwaneng ist weder von Eitelkeit noch von Mythos etwas zu spüren, lediglich von ganz gewöhnlicher, harter Arbeit. Fast symbolisch stehen am Anfang der Erfolgsgeschichte Botswanas die Termiten. Sie haben das während Jahrmillionen gehütete Geheimnis um die verborgenen Schätze an die Menschen verraten. Sie waren es, die, als sie ihre Schächte gruben, «Bodenproben» der diamanthaltigen Gesteinsschichten an die Erdoberfläche und damit ins Blickfeld aufmerksamer Geologen brachten.
Peter Winkler ist Mitglied der NZZ-Auslandredaktion.