NZZ Folio 12/96 - Thema: Wunder   Inhaltsverzeichnis

Alles wahr

Ernst Tanner, Wunderheiler.

Von Lilli Binzegger

WENN MAN EINMAL die Wahrheit gesehen hat, sagt Ernst Tanner, dann hat man für alles eine Erklärung, dann gibt es keine Wunder mehr.

Am 26. Januar 1932, einem Föhntag - soviel zur Vorgeschichte -, transportierte Ernst Tanner mit seinem Bruder Holz, das sie im Wald oberhalb von Urnäsch in Appenzell Ausserrhoden gefällt hatten. Der Bruder trug oben das geschlagene Holz herbei, Ernst fuhr die Schlitten, die sie zusammen beluden, zu Tal. Bei der letzten Fuhre vermochte er das Gefährt auf dem angetauten Schnee nicht mehr zu meistern und prallte mit aller Wucht gegen einen Felsen. Weh tat ihm nichts. Doch dann spürte er, dass mit seinem Bein etwas nicht in Ordnung war. Es hatte eine unnatürliche Stellung, und als er es zu bewegen versuchte, spritzte das Blut drei Meter weit und färbte den Schnee rot. Er hatte sich bei dem Aufprall die Arterie aufgerissen und, wie sich später herausstellen sollte, den Unterschenkel an siebzehn Stellen gebrochen.

Zum Glück, sagt der heute 89jährige Mann, wie er mir am Nachmittag wiederum eines Föhntages vor seiner Hütte unweit des damaligen Geschehnisses seine Geschichte erzählt, zum Glück habe er, weil er bei den Hochgebirgstelegraphen diente, gewusst, was zu tun war. Er wickelte sich die Wadenbinde vom Bein (wenn denn ein heutiger Städter überhaupt noch wisse, was das sei) und band sich damit die verletzte Blutbahn ab.

Im Spital Herisau kam er in die Hände eines Arztes, der auf den Schlachtfeldern von Verdun Dienst getan hatte und dem ein siebzehnmal gebrochenes Bein und eine gerissene Arterie gewiss nichts Neues waren. Anfangs ging auch alles ganz gut, bis das Bein innen zu faulen begann und Ernst Tanner ins Fieberdelir fiel, das die hochgradige Blutvergiftung mit sich brachte. Fünf Tage lang war er bewusstlos, er hatte nur ganz wenige lichte Momente. In einem sah er, wie man ihm schon den Sarg anmass. Und dann geschah etwas, was das Leben von Ernst Tanner verändern sollte, der noch heute beteuert, nie habe er Heiler werden wollen, er habe auch gar keine Fähigkeiten gehabt, nichts, rein gar nichts. Am fünften Tag der Bewusstlosigkeit sah er, wie sein Geist (sein feinstofflicher Körper, wie er, der Branchenausdrücke mittlerweile längst kundig, es heute ausdrückt) sich von seiner fleischlichen Hülle löste und anderthalb Meter über dieser schwebte und auf sie herunterschauen konnte. Als er in seinen Körper zurückkehrte, hörte er eine Stimme, die sagte: Du wirst nicht sterben, du hast noch eine schwere Aufgabe vor dir.

Noch jetzt ist Ernst Tanner aufgebracht über diese Botschaft, die ihm, der nach langen Monaten im Spital und all den Leiden nun doch weiss Gott schon geplagt genug war, Schwieriges verhiess. Dabei hatte er schon in die andere Welt hinüberschauen können. Und die war sehr schön, mit wunderschönen Wesen, die wunderschön gekleidet und ganz lieb zu ihm waren.

Danach gingen die Fieber zurück. Die Ärzte sagten: Da ist ein Wunder passiert. Man verlegte den Genesenden in den Kindersaal, ihn, den 26jährigen - auf seinen eigenen Wunsch, wie er dachte, auf Wunsch seines geistigen Führers, wie er später erkannte. In diesem Saal lag auch ein frischoperierter Knabe, dem man nach durchbrochenem Blinddarm nicht mehr lange zu leben gab. Da befahl ihm eine Stimme: Nimm den Bub in dein Bett und lege ihm die rechte Hand auf die Wunde. Ernst Tanner muss ein wenig lachen, wenn er daran denkt, wie unbefangen er diesem Befehl folgte. Nicht auszudenken, was heute losginge, täte das einer, sagt er. Die Schmerzen des Bubs verschwanden, er wurde gesund.

Ernst Tanners Leben verlief in den geordneten Bahnen, wie sie dem fleissigen jungen Mann mit der Meisterprüfung als Spengler und Sanitärinstallateur wohl irgendwie vorbestimmt waren. Ein Jahr nach seiner Entlassung aus dem Spital heiratete er Betti, die als seine Braut sich nächtelang an seinem Krankenbett geängstigt hatte. Er brachte in Herisau den väterlichen Spenglereibetrieb mit Geschick über die Krisen- und die Kriegsjahre, zog mit seiner Frau zwei Töchter und einen Sohn gross, übernahm Ämter, wie sie auf dem Land den bürgerlich soliden Männern zustehen, war Feuerwehrkommandant und 18 Jahre lang Oberrichter, im Appenzellischen ein Nebenamt, davon 9 Jahre Obergerichtspräsident. Nichts unterschied sein Leben von dem anderer angesehener Bürger, wäre da nicht sein Wissen gewesen, dass er ein Heiler war und, wie er eines Tages feststellen sollte, auch ein Seher.

Es war im Jahr 1952, als er im Traum eine Feuersbrunst erlebte, in allen Einzelheiten, wie im Kino, die drei Wochen später nach genau diesem Drehbuch wirklich passieren sollte. Wirklich wie ein Film sei der Traum gewesen, und er, Ernst Tanner, habe mit der Filmleitung reden können, die ihm die Rolle zuwies, im Traum und auch bald in der Wirklichkeit ein Kind aus den Flammen zu retten. Er habe mit diesen Leuten noch herumgestritten, erzählt er. Er habe gesagt: Ihr seid doch einfach Spukgeister. Dann vernahm er die Worte: Noch ein einziges Wort, und wir können dir den Auftrag, das Kind zu retten, nicht geben. Seine Frau, die schon von Kindheit auf hellsehend war und der er von dem Traum erzählte, rief aus: Du ungläubiger Thomas! Entschuldige dich sofort bei deinen geistigen Führern!

An diesem prächtigen Herbsttag dem Himmel vielleicht etwas näher als sonst, nehme ich hin, dass in Ernst Tanners Geschichte die Geister so leibhaftig zu werden beginnen, dass ich sie zwischen den Bäumen stehen sehe, die die schöne Waldlichtung mit Blick hinauf zum Säntis begrenzen. Auch weiss ich ja, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die unser kümmerlicher Menschenverstand uns nicht erklärt. Und schliesslich hat Ernst Tanner am Anfang unseres Gespräches gesagt und sagt es jetzt wieder: Es ist alles wahr.

Er rettete dann das Kind aus dem Feuer, das drei Wochen nach dem Traum in Herisau ein Haus zerstörte, und zweifelte nie wieder an seinen geistigen Führern. Er linderte fortan hier die Schmerzen eines unheilbar Kranken, heilte dort ein Leiden, das heilbar war, ohne dass er gross über die Familie und den Freundeskreis hinaus als Heiler tätig wurde. Das sollte sich erst ändern, als er das Geschäft seinem Sohn übergab, der sich über die übersinnlichen Seiten seines Vaters nie sonderlich freute, schon eher im Gegenteil, und mit seiner Frau vom geschäftigen Herisau ins stille Urnäsch zog. Da behandelte er, unterdessen mit einem Masseurdiplom zum Anfassen von Leuten berechtigt, auch Fremde, denen der Weg zu ihm aber weitgehend von Freunden Tanners gewiesen worden war.

Und anfassen muss er die Leute: um festzustellen, was ihnen fehlt, wo das nicht sowieso sichtbar ist. Er legt ihnen die Hände auf die Schulter und verspürt bei sich sofort dort Schmerzen, wo sie krank sind. Wäscht er seine Hände im kalten Wasser, ist der Schmerz bei ihm wieder weg. Anfassen muss er die Leute auch, um ihre Aura zu öffnen, damit seine geistige Kraft in ihren Körper hineinfliessen kann, und um sie danach wieder zu schliessen, weil ein Mensch mit offener Aura Schaden an negativer Energie nimmt, sagt er. Die Auren öffnet und schliesst er, wie er sagt, indem er den Leuten dreimal mit den Händen über den Körper streicht. Auch er selber kann, wenn er die geistigen Gesetze nicht einhält, beim Helfen Schaden nehmen von den negativen Kräften der Leute, die er heilt.

Ernst Tanner kennt die geistigen Gesetze, sonst wäre er nicht mit seinen fast 90 Jahren derart aufrecht und derart sicheren Schrittes mir voran den Weg hier herauf zu seiner Berghütte gegangen; überhaupt sieht der so unappenzellisch grossgewachsene Mann mit dem schönen weissen Haar zwanzig Jahre jünger aus, als er ist. Die Psychiater kennen die Gesetze nicht und können sich daher nicht schützen, darum spinnen so viele von ihnen, sagt er.

Vor fünf Jahren ist Betti gestorben, mit der er 57 Jahre lang verheiratet war, die ihm half, als er einst nicht wusste, wie man sich bei Geistern entschuldigte («Du musst einfach beten und ihnen sagen, der Verstand sei dir im Wege gewesen»), die sechs Wochen nach dem Unfall vor über 60 Jahren am Unglücksort noch ein zwölf Zentimeter grosses Knochenstück von ihm fand und es dann, weil man es ja doch für nichts mehr brauchen konnte, zum Kompost warf. Sie hat jetzt eine neue Aufgabe, hat sie ihrem Mann erzählt, sie holt frischgestorbene Seelen ab, die noch zwischen Himmel und Erde herumirren, und zeigt ihnen den Weg in den Himmel. Seit einem halben Jahr erscheint sie Ernst Tanner nicht mehr so oft, sie ist jetzt in höheren Sphären. Jetzt träumt er um so öfter von ihr, und in den Träumen ist sie ganz jung.

Ernst Tanner hat keine Angst vor dem Sterben, wie sollte er. In jener fernen Nacht, als er im Spital Herisau im Fieber lag, hat er in den Himmel schauen können, hat die strahlenden Engelwesen gesehen, die so hell waren, dass er die Augen zudrückte, weil er Angst hatte, sonst vergehen und verglühen zu müssen. Wie Inderinnen haben sie ausgesehen, und sie hatten, was lustig war, weil man sich das doch anders vorstellt, keine Flügel. Sie konnten schweben, ohne mit Flügeln schlagen zu müssen. Und die Landschaft war wunderschön, mit Wäldern und Bergen. Wie hier, sagt Tanner, der sich mit glücklichem Gesicht in den Korbstuhl zurücklehnt, während mir beim Gedanken, mich nun allmählich wieder heimwärts begeben zu müssen, erdwärts, nun doch etwas kühl geworden ist.


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