NZZ Folio 01/92 - Thema: Entsagung   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Abwärts zum Glück

Von Lilli Binzegger

Hans im Glück aus Grimms Märchen tauschte auf seinem Weg nach Hause nach sieben Jahren Dienen seinen Lohn, einen Goldklumpen, gross wie sein Kopf, gegen ein Pferd, das Pferd gegen eine Kuh, die Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen eine Gans und die Gans gegen zwei Wetzsteine, die ihm in den Brunnen fielen, als er daraus trinken wollte. Nach jedem Tausch war er glücklicher als zuvor. Als er die Steine in die Tiefe versinken sah, sprang er vor Freude auf und dankte Gott mit Tränen in den Augen, dass er ihn auf so gute Art und ohne dass er sich einen Vorwurf zu machen brauchte, von den schweren Steinen befreit hatte. «So glücklich wie ich», rief er aus, «gibt es keinen Menschen unter der Sonne.» Leichten Herzens und frei von aller Last lief er nun, bis er zu Hause war.

Als Kind hatte man die Grimmsche Märchenfigur voller Unverständnis auf ihrem Heimweg begleitet und sie als dummen Hans in Erinnerung behalten. Später ist man als kluger Hans den Weg in entgegengesetzter Richtung gegangen, hat Kleines gegen stets Grösseres eingetauscht und ist irgendwann dennoch am selben Brunnen angelangt, ist dagestanden und hätte den Lohn der Jahre ohne Kummer darin versinken sehen. Denn wie der dumme Hans war man vom Pferd, auf dem man schnell dahinzureiten hoffte, abgeworfen worden. Die Kuh, von der man sich Milch versprach, war trocken und alt. Das Schwein hatte sich als gestohlen erwiesen, die Gans war nur so lange begehrenswert gewesen, als man sie nicht besass. Man ist am Brunnen gestanden und hätte den Goldklumpen noch so gerne in die Tiefe versinken sehen, hätte nur ein anderer ihn hineingestossen.

Da hat man sich an den dummen Hans, der auf seinem Weg die glänzenden Dinge gegen geringe eintauschte, als an einen in Wirklichkeit klugen und tatsächlich glücklichen Hans erinnert. Als an einen, der sich auf seinem Weg von den Dingen befreite, statt sich mit immer mehr Dingen zu beschweren, und der am Brunnen, «ohne dass er sich einen Vorwurf zu machen brauchte», zum Glücklichsein nur noch zwei wertlose Steine loswerden musste und nicht einen Klumpen Gold, der, wenn man ihn versenkt, mit seinem Wert auch seinen Schein verliert.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.