NICHTS FÜR EINSTEIGER ist der Barolo. Es ist ein sperriger, urtümlicher, überaus gerbstoffreicher Wein. Für sich allein getrunken, belegt sein mächtiger Tanningehalt die ganze Mundhöhle und hinterlässt einen trockenen, unversöhnlichen Geschmack. Verstehen kann den Barolo wohl nur, wer sich mit Land und Leuten der Langhe auseinandersetzt. In Kombination mit der traditionellen Küche des Piemont verwandelt sich der Barolo nämlich, erst dann lässt er etwas von seinem wirklich aussergewöhnlichen Charakter durchschimmern.
Dort, in einer der exzellenten Osterien - etwa als Begleitung zu den göttlichen Taglierini oder einem deftigen Brasato -, zeigt er seine wahre Grösse und Komplexität. Der Barolo wird aus der Nebbiolo-Traube gewonnen, und da ist hohe Qualität nicht leicht zu erreichen. Der Nebbiolo reift sehr spät und auch nur in den besten Lagen. Wegen seiner dünnen Traubenschalen ist er ein äusserst sensibles Gewächs, er ist empfindlich auf Fäulnis und gibt wenig Farbe ab. Die Nebbiolo-Traube wird deshalb selbst in ihrer Heimat selten angepflanzt, und die einzige andere Weinbauregion ausserhalb des Piemonts, die sich in einem nennenswerten Mass ihrer Kultivierung widmet, ist das Veltlin.
Kürzlich degustierten wir einige Jahrgänge des Produzenten Giacomo Conterno, dessen Weine wie massive, ehrfurchtgebietende Monolithen gebaut sind. Der Patron des Hauses, Giovanni Conterno, trennte sich seinerzeit freundschaftlich von seinem Bruder Aldo, der eine modernere Bereitung des Barolo suchte.
Giovanni verstand sich als Hüter der Tradition, und mit viel Akkuratesse kelterte er einige wahrhaft grosse Barolos, darunter den legendären Monfortino. Mittlerweile, nachdem vor einigen Jahren sein Sohn Roberto das Geschäft übernommen hat, haben sich auch die Conterno-Weine ein wenig dem Zeitgeist angepasst. Vergoren wird jetzt im Stahltank, und die Extraktion dauert nicht mehr so lange wie früher. Es war deshalb faszinierend, die Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte anhand einer kleinen Retrospektive zu verfolgen: Sehr reif, aber mit tiefer Farbe und viel Gerbstoff präsentierte sich die 82er Riserva. Sie besass bereits die für überreifen Nebbiolo typische, entfernt an Maggikraut erinnernde Würze.
Dicht, wuchtig, mit enormer Länge und Kraft war der 85er, der sehr ähnlich wie der 82er wirkte und jetzt seinen Höhepunkt erreicht hat. Bereits von der neuen Stilistik geprägt schien der 90er: Weniger kompromisslos herb, aber trotzdem massiv; war er zu Beginn verschlossen in der Nase, öffnete er sich nach einigen Stunden und verströmte ein tiefgründiges, an Teer und Veilchen erinnerndes Aroma.
1993 und erst recht 1994 waren schwierige Jahre. Erstaunlich war, wie sich der anfänglich verschlossene 94er nach längerer Öffnungszeit in einen noblen Wein verwandelte. Eine jugendlichere Farbe und mehr Konzentration hatte der 93er. 1995 war dann wieder ein grosses Jahr. Es resultierte daraus ein weniger herber, eleganterer Wein als der 90er, der die Trinkreife schneller als die früheren Jahrgänge erreichen dürfte, ohne seine Unverwechselbarkeit einzubüssen.