Die langsame Genese ist den Häusern Alvaro Sizas eigen. Moral und Disziplin verbieten ihm das schnelle Bauen; denn sein Ziel als Architekt ist nicht die Reissbrettutopie, sondern das Gebäude, das wie ein Lebewesen von individueller Geschichte und Umgebung geprägt ist. Um die Komplexität der Architektur wissend, gibt Siza, der anfangs davon träumte, Bildhauer zu werden, dem Arbeitsvorgang gegenüber der schalen Theorie den Vorrang: Aus dem Prozesshaften seines Schaffens resultieren immer neue Änderungen, die vom Reichen weg zum Kargen weisen. Zugleich erinnern sorgfältige Details an jenes künstlerische Ethos, das einst den Erbauern der Kathedralen eigen war.
Gleichwohl hat der 58jährige Siza bisher noch keinen Dom erbaut. Und auch mit dessen weltlichem Pendant, dem Museum, sammelt der international bewunderte Grossmeister der «Schule von Porto» erst jetzt in Santiago de Compostela Erfahrung - und in Madrid, wo er soeben ein Idealmodell für ein Guernica-Museum präsentierte. Der gesellschaftliche Bezug und die Beschäftigung mit Licht und Raum sind bei diesen Entwürfen ebenso zentral wie bei seinen frühen Werken, zu denen Wohnblocks, Siedlungen und Schulen zählen. Doch auch das private Wohnhaus ist ihm als Typus wichtig. Dies zeigt die nun schon acht Jahre währende Beschäftigung mit der Casa Vieira de Castro, einer Villa, der im Kontext mit der kurz vor der Vollendung stehenden Architekturfakultät in Porto und der Schule in Setubal entscheidende Bedeutung zukommt.
In diesem auf den Hügeln von Vila Nova de Familicão inmitten von Pinien und Eukalypten errichteten Haus sind die architektonischen Ideen der beiden Grossprojekte aufs Wesentliche reduziert. Der winkelförmig abgestufte Bau, der den niedrigen Felsformationen und Terrassenmauern ebenso wie dem dreiteiligen Nachbargebäude folgt, wird zum plastischen Widerhall des Ortes. Von zwei zueinander abgewinkelten geometrischen Systemen durchdrungen, öffnet sich das Gebäude mit vielen Nischen zum Licht und zum Aussenraum. Konfliktfrei finden der baukünstlerische Entwurf und die ursprüngliche Natur zueinander. So bedeutet denn diese ganz im Geist von Alvar Aalto durch Licht, Natur und Topographie geprägte Villa, in der sich geometrische Strukturen subtil mit organischen Formideen versöhnen und alle künstlerischen Exzesse durch eine rationalistische Syntax gezähmt sind, gleichsam die Materialisation von Sizas Philosophie.
Deswegen kann sich Siza wohl von diesem Haus nicht trennen. Immer neue Details diskutiert er mit dem Bauherrn, einem reichen Biskuit-Fabrikanten, der mit Gemahlin und zwei Kindern in einem Apartment dem Umzug entgegensieht. Auch er scheint den Augenblick zu fürchten, da diese «architektonische Romanze» ein Ende findet. Denn nur wenige Installationen und Umgebungsarbeiten trennen seit geraumer Zeit das Haus von der Vollendung, von der man im Land des Fado nur zu gut weiss, dass in ihr neben Freude auch Trauer liegt.
Sizas Häuser sind im Rohbau schön wie ungeschliffene Edelsteine. Raum, Licht, Textur und Materialien verdichten sich zum sinnlichen Erlebnis. Und die Magie des Fragmentarischen, die sonst Ruinen eignet, beflügelt die Phantasie: Entlang einer gezackten Felswand gelangt man zum versteckten Eingang. Bereits im weiten Entrée verzaubert das die Räume modellierende Spiel des Lichts das leere Interieur in idealer Weise. Überraschende Durchblicke lassen schnell erkennen, wie raffiniert durchdacht die Pläne und die Schnitte sind. Eine Treppe führt ins Obergeschoss, wo vier Schlafzimmer durch ein balkonartiges Korridorsystem erschlossen sind. Sie öffnen sich auf schattige Terrassen und südseitige Balkone, die von Sonnenblenden zum Bild gerahmte Ausblicke auf die Landschaft bieten.
Schnell offenbart sich, dass der wahre Luxus dieses Hauses Licht und Räume sind: Im Elternzimmer wechseln dunkle Gänge spannungsvoll mit hellen Zonen ab. Ein zentrales Oberlicht thematisiert den natürlichen Fluss der Energie und markiert zugleich den Mittelpunkt der sozialen Kommunikation. Die Helligkeit ergiesst sich über ein terrassenartig nach innen offenes Studiolo und flutet dann hinab zum Essbereich im Parterre. Von dort gelangt man über eine flache Rampe zurück zum Entrée oder ebenerdig in den Dienstbereich. Ein freistehender Kamin von grosser plastischer Präsenz separiert den Essplatz optisch vom weiten Wohnraum. Dieser öffnet sich nach Süden hin in einem elf Meter langen Fensterband. Davor steht eine durchbrochene Aussenmauer, die den verwehrten Blick thematisiert, die Aussicht akzentuiert und zudem als brise soleil dient.
Gleissend helle Wände, tief eingekerbte Schattenzonen, vorspringende Terrassen und schiefe Flächen erzeugen stark plastische Effekte. Das Haus wird zur bewohnbaren Skulptur, die beweist, wie sehr Sizas von Handwerk und Kunst geprägte Architektur aus sich selbst lebt und doch in Raum und Massstab menschlich bleibt. Komplexität und Widerspruch dieses intimen Monuments spiegeln sich in der sanft melancholischen Poesie des Ortes und dem entschlossenen Selbstbewusstsein der Kanten und der Kuben im grellen Sonnenlicht.