«FUCK!» Aus aufgerissenen Mündern bricht es hervor: «Fuck!!» Ein verkrampftes Blecken der Zähne FF! - die Lippen öffnen sich - das Zwerchfell vibriert mit der kosmischen Schwingung AAAA!! eine gigantische Welle stürmt in den Himmel AAAKKKK!!! zerbirst der Schrei, zaubert purpurne Dunstgalaxien auf die Retina . . . Country Joe McDonald, der mit seinem Buchstabierspielchen «Gimme an F. . . » den Orkan ausgelöst hat, will zum viertenmal wissen: «What's that spell?!»
«Fuck!!!»
Kichernd schwappt die Welle zurück in die Menge. Es ist Freitag, der 15. August 1969, ein heisser Nachmittag in Whitelake, Upstate New York.
HIP! Herbst 1959, Veterans Hospital Menlo Park, Kalifornien. Der Arzt, der die Tests des Nationalen Forschungsprogramms über «psychomimetische Drogen» betreut, legt Ken Kesey eine kleine Kapsel in die Hand. Kesey schluckt die Kapsel, und langsam beginnt er sich eigenartig zu fühlen: «wie ein Pingpongball in einer Flut sensorischer Stimuli, die Sonne glüht auf einem Stück rostfreiem Stahl, es ist ein kleiner Film, der sich da abspielt, Technicolor . . .» Die Kapsel enthält Lysergsäurediäthylamid: LSD.
LSD, das ist die Entdeckung - und bald sickert die Droge in die Bohémien- und Beatnikszene in der Bay Area von San Francisco. Talentierte Chemiker beginnen eigene LSD-Grossproduktionen aufzuziehen; sie geben ihren «Trips» Namen: Purple Haze, Blue Cheer . . .
LSD flutet in die Konzertlokale, wo Rockgruppen wie Jefferson Airplane oder The Grateful Dead, von vielfarbigen Lichtern überströmt, völlig high, sehr seltsame Töne von sich geben und vor einem ekstatisch tanzenden Publikum weisse Hasen und Sonnenaufgänge besingen. Das Epizentrum der neuen Szene ist die Haight Ashbury Street in San Francisco.
Die amerikanische Presse bekommt Wind von der neuen «Mode» und erklärt LSD zum Staatsfeind Nummer eins. Die staatlichen Behörden arbeiten ein Gesetz aus, das LSD verbietet; es tritt am 6. Oktober 1966 in Kraft. Als Reaktion auf das neue Drogengesetz wird ein Be-in angekündigt. «Im Verlauf der vergangenen zehn Jahre», schreibt die Untergrundzeitung «Barb», «ist im Innern des Roboterfleisches der alten Nation eine neue herangewachsen. Vor euren Augen schliesst sich eine neue, lebendige Seele wieder an die lebenden Zentren des amerikanischen Körpers an . . . um zu feiern und um die Epoche der Befreiung, von Love und Peace und der Einheit aller zu prophezeien.»
Über 25 000 Frauen, Männer und Kinder kommen am vereinbarten 14. Januar 1967 im Golden Gate Park in San Francisco zusammen. Die Presse berichtet eingehend über die Veranstaltung, und ein Kolumnist des seriösen «San Francisco Chronicle» etikettiert die Be-in- Teilnehmer als «Hippies»; es ist die Geburtsstunde des «Hippie» - eine Erfindung der Presse.
Mit der Eskalation des Vietnamkrieges radikalisieren sich auch die neue Linke und die Hippie-Bewegung. Im Herbst 1967 organisieren Antikriegsaktivisten wie Jerry Rubin und Abbie Hoffman eine Demonstration vor dem Pentagon in Washington D. C. Der Presse wird Grosses versprochen, nämlich die Levitation des Pentagons in eine Höhe von 100 Metern und keinem Meter weniger.
Die Demonstration ist ein durchschlagender Erfolg. Jerry Rubin schreibt im «Barb»: «Beim Pentagon rauchten wir alle Pot; wir alle erkannten die Natur des Imperialismus, wir alle fühlten uns miteinander verbunden als lebende Menschen, teilten das Essen und lebten in der kollektiven Angst angesichts der bewaffneten Soldaten. Seit zwei Jahren zeigte die sogenannte Hippie-Rebellion, dass eine teils kulturelle, teils religiöse Bewegung nötig war, um das politische Bewusstsein der neuen Linken zu vertiefen. Die politische Bewegung ist jetzt im Begriffe, eine kulturelle und quasireligiöse Bewegung zu werden. Wir haben unsere eigene Presse, wir haben unsere eigene Musik, und wir haben unsere eigenen Mythen.»
Noch im gleichen Jahr rufen Jerry Rubin, Abbie Hoffman und weitere Aktivisten die Youth International Party (YIP) ins Leben. Die Yippies versuchen, das politisch radikale «Ich protestiere» der neuen Linken mit dem existentiellen «Ich bin» der Hippies zu verschmelzen. Die Doktrin der Yippies: «The freedom to do whatever the fuck you want.»
Nach dem Erfolgserlebnis vor dem Pentagon planen die Yippies auf den August 1968 das «Festival of Live». Sie wollen 100 000 Leute nach Chicago bringen, und die jungen Männer sollen dort öffentlich ihre Marschbefehle verbrennen. Alle Top-Rockgruppen, so sagen die Organisatoren, werden am Festival auftreten.
Die Chicagoer Stadtbehörden bieten 23 000 Mann der regulären Polizei, der Nationalgarde und Armeetruppen auf, um die LSD-Esser und Marschbefehlverbrenner in Empfang zu nehmen. Es endet in der Katastrophe: Die knapp 10 000 Festivalgänger, die nach Chicago kommen, werden von den Sicherheitskräften durch die Strassen gehetzt und verprügelt.
WOODSTOCK VENTURES INCORPORATED. Michael Lang, ein Hippie aus New York, fühlt im Sommer1968, dass er sich etwas abkühlen sollte. Ähnliches empfindet Artie Kornfeld, ein Musikfreak mit Hip-Hintergrund; seit 1967 managt er als Vizepräsident der Capitol Record Company die Ostküste - ein hektischer Job. Auch Artie sehnt sich nach ruhigeren Zeiten und nach mehr Stabilität. Michael und Artie beschliessen, ein Plattenstudio in Woodstock aufzubauen. Was ihnen fehlt, ist das Startkapital. Arties Anwalt vermittelt den beiden den Kontakt zu zwei jungen wohlhabenden Männern Mitte zwanzig, John Roberts und Joel Rosenman, die soeben in New York ein kleines Aufnahmestudio eröffnet haben. Rosenman und Roberts sind, was man «straight boys» nennt - keine Hippies, sondern Leute mit Tendenz zum «Kurzhaardenken».
Anfang 1969 treffen sich die vier in New York. Artie und Michael versuchen, Roberts und Rosenman ihr Studioprojekt schmackhaft zu machen: In Woodstock, Upstate New York, wohnen viele Grössen der Musikszene - Bob Dylan zum Beispiel. Sie sind überzeugt, dass Woodstock der ideale Ort für ein Plattenstudio ist. Roberts und Rosenman haben keine Lust einzusteigen, sie sehen Probleme. «Wie erfahren die Leute von dem neuen Studio?» fragen sie. «Die Künstler in Woodstock, okay - aber der Rest der Welt?»
Michael und Artie bringen die Idee auf, das Studio mit einer Presseparty zu eröffnen: Ein paar Talente geben ein Konzert, und Bob Dylan singt ein paar Töne - a free concert.
Roberts verliert jegliches Interesse. Rosenman hingegen geht die Konzertidee nicht mehr aus dem Kopf. Er sagt zu Roberts: «Weshalb lassen wir die Studiogeschichte nicht einfach fallen und machen statt dessen ein Konzert? Wir könnten ein Vermögen verdienen.»
Michael und Artie wehren sich mit Klauen und Zähnen für das Studioprojekt. Ein Konzert? Sie haben im Unterschied zu Rosenman und Roberts ihre Erfahrungen gemacht und wissen ungefähr, was auf sie zukommen würde. Rosenman schlägt schliesslich vor, mit dem Profit des Konzertes das Studio in Woodstock zu finanzieren. Artie und Michael geben nach - «Woodstock Ventures» ist gegründet.
AN AQUARIAN EXPOSITION. Michael und Artie nehmen Kontakt mit ihren Freunden und Bekannten aus dem Musikbusiness auf. Bald beginnen sich die Dimensionen des Ereignisses abzuzeichnen: Es soll ein Festival werden, das drei Tage dauert; man rechnet mit 30 000 Eintritten. Unklar ist, wo das Festival stattfinden soll, denn Woodstock, so stellt sich heraus, ist ungeeignet. Schliesslich findet sich ein Gelände bei der Kleinstadt Wallkill. Michael ist nicht glücklich: «Der Ort hat schlechte Vibrationen, und überhaupt, die Umgebung: das ist Suburbia.»
Für die Professionellen, die Bühnenbauer und die Techniker, ist Wallkill in Ordnung: Verkehrsanschluss, Wasser, Elektrizität . . . was will man noch mehr!
Artie und die Leute, die er zusammentrommelt, beginnen mit dem Buchen der Musikgruppen. Die Buchungsphilosophie ist simpel: Der erste Tag soll soft sein, mit Auftritten von Richie Havens, Joan Baez oder Ravi Shankar; die zweite Nacht ist als «American Night» geplant, und am Sonntag soll die Reise nach England gehen. Das Festival wird auf das Wochenende vom 15. bis zum 17. August terminiert. Michael schlägt als Titel: «An Aquarian Exposition - Arts, Crafts and Music» vor. Er präsentiert Roberts und Rosenman einen Vorschlag für das Poster, doch die beiden sind nicht einverstanden. «An Exposition» - das klingt zu sehr nach 19. Jahrhundert, und das Design, dieses Belle-époque-Girlandenzeugs . . . Sie mögen das alles nicht und wollen sich selber darum kümmern. Rosenman und Roberts kaufen im New Yorker Village weite Hemden, Gürtel und Schuhe, wie sie von den Kids getragen werden, und schlendern als Hippies verkleidet durch New York. Sie plaudern mit jungen Freaks und versuchen herauszufinden, in welche Richtung deren Träume und Wünsche gehen. Nach dieser Expedition glauben sie, den richtigen Titel gefunden zu haben: «Woodstock - Three Days of Music, Peace and Love». Als Logo entwerfen sie den Gitarrenhals, auf dem eine weisse Taube sitzt.
VON WALLKILL NACH WHITELAKE. In Wallkill häufen sich die Probleme. Rund um die Langhaarigen, die auf dem Gelände arbeiten, macht sich eine Stimmung breit, die sie - in Anlehnung an den Film, der 1968 in die Kinos gekommen war - mit «Easy Rider»-Stimmung umschreiben: «Ist das Mister oder Missis Lang?» Oder: «Der erste Hippie, der einen Fuss auf mein Grundstück setzt, dem puste ich den Kopf weg!» Und als die Stadt Wallkill endlich noch eine neue Zonenordnung erlässt, stehen die Organisatoren am Abgrund: Am 7. Juli verliert «Woodstock» die Festivalbewilligung, doch die Tickets - sie kosten 18 Dollar - sind bereits im Verkauf.
Michael, Artie, Roberts und Rosenman überfliegen mit Helikoptern ganz Upstate New York und suchen einen neuen Platz. Ohne Erfolg. Rosenman und Roberts glauben schon nicht mehr an das Zustandekommen des Festivals, da meldet sich Max Yasgur, ein Farmer aus Whitelake in den Catskills. Das Grundstück, das Yasgur anbietet, könnte idealer nicht sein: Ein natürliches Amphitheater, ein riesiges Feld, Wald . . . Den «Three Days of Music, Peace and Love» steht, zumindest was den Ort anbelangt, nichts mehr im Wege.
10 000 DOLLAR. Die Nachricht vom geplanten Festival verbreitet sich rasch. Sie erreicht Abbie Hoffman während eines Treffens der Youth International Party in Michigan: «Viele Leute sprachen über dieses riesige Musikfestival, das auf Bob Dylans Farm stattfinden sollte, und ich sagte: <Wow, das tönt interessant.> Als ich wieder in New York war und mich daran machte herauszufinden, was nun tatsächlich vorging, und erfuhr, dass es nicht Bob Dylans Farm war - es war ja nicht einmal in Woodstock -, da wusste ich, dass es eine riesige Veranstaltung geben würde, weil sie bereits ein Mythos war und die Leute sich die erstaunlichsten Geschichten ausdachten. Und das war genau der Punkt, von dem aus ich die Promoter anging.»
Hoffman wendet sich Anfang August an Michael Lang und verlangt 10 000 Dollar: «Wir werden euch sonst die ganze Show abwürgen. Diese Kultur gehört den Leuten auf der Strasse; wir versuchen eine Gegenkultur aufzubauen. Ich werde eine Koalition mit Lower-Eastside-Gruppen zusammenbringen, von Human Rights über Against The Wall und Motherfuckers bis zu den Yippies, zu den Antikriegsgruppen.»
Hoffman verlangt Zugang zur Bühne, um dem Publikum politische Informationen durchzugeben.
Michael eilt zu Rosenman und Roberts. Die beiden nehmen es auf die leichte Schulter; weder wollen sie zahlen, noch sind sie dafür, dass Hoffman ein Forum erhält - das entspricht nicht ihren Vorstellungen von «Three Days of Music, Peace and Love». Rosenman sucht eine Aussprache mit Abbie Hoffman, doch der lässt ihn gar nicht erst zu Wort kommen: Es sei nicht alles bloss Love, Love, Love; es gehe auch um Gerechtigkeit, darum, einen Krieg zu beenden und die Gesellschaft zu verändern.
Schliesslich zahlt «Woodstock» die 10 000 Dollar, und die Sache ist vom Tisch. Die Show kann beginnen.
FREITAG, 15. AUGUST. Tausende und Abertausende von Menschen strömen nach Whitelake, in der Mehrzahl ausgefreakte weisse Mittelstand-Kids. Bald sind alle Strassen blockiert. Die Leute lassen ihre Wagen stehen und gehen zu Fuss. Meilenweit.
Hinter der Bühne herrscht das totale Chaos. Bis jetzt haben es nur einige wenige Musiker hierher geschafft. Jedoch: ihr Equipment steht irgendwo auf irgendeiner Strasse im Umkreis von fünfzig Meilen. Die Organisatoren werden nervös. Nach mehreren Stunden des Wartens bitten sie den schwarzen Sänger und Gitarristen Richie Havens, er möchte doch den Anfang machen. Richie Havens hat Schiss. «Bitte, stellt mich nicht vor eure Probleme da draussen», fleht er, «bitte nicht, tut mir das nicht an.»
Doch er geht, allein, nur mit seiner Gitarre und ohne seinen Bassisten, der irgendwo auf der Strecke geblieben ist. Richie Havens spielt sein ganzes Repertoire durch, er spielt sich leer, er ist am Ende und will aufhören. Doch hinter der Bühne ist die Situation unverändert. Die Organisatoren rufen Richie Havens zu, er möge um Gottes Willen weiterspielen. Er setzt sich wieder hin und improvisiert, er singt, was ihm gerade in den Sinn kommt: «Freedom!» singt er, «Freedom . . . !» immer wieder nur: «Freedom!» - und die Menge ist begeistert, geht mit . . .
In der Zwischenzeit versucht Stage Manager John Morris den Folksänger Country Joe McDonald zu einem Soloauftritt zu überreden. Joe sagt, er habe nicht einmal eine Gitarre. Also geht Morris auf die Suche, bis er eine Gitarre findet. Es fehlt auch ein Kapodaster. Morris findet einen Kapo bei Gerry Garcia von den Grateful Dead. Als Country Joe auf die Bühne geht, ruft ihm jemand hinterher: «Spiel den Fixin-To-Die-Rag!» Und McDonald tritt vor die mittlerweile 200 000 Menschen und ruft: «Gimme an F . . .!»
Tausendfach schreit es zurück: «FFFF!»
Das Konzert hat nun wirklich begonnen.
Doch die Musiker sind immer noch nicht hier.
Eine Gruppe von Leuten spricht Morris an: «Swami Satchdinanda ist draussen. Er möchte zu den Leuten sprechen.»
John Morris denkt: «Ein indischer Guru, ein heiliger Mann? Wieso nicht!»
Morris ist froh um jedes Bühnenereignis. Der Swami erscheint, und Morris wendet sich an den kleinen, dünnen Mann: «Ich hoffe, Sie wissen, was Sie tun.»
Morris führt ihn auf die Bühne. Der Swami spricht über den Frieden - alle werden sehr, sehr ruhig.
Hinter der Bühne vergeht keine Minute, ohne dass eine Hiobsbotschaft eintrifft. Zum Beispiel, dass die Motorradgang Hell's Angels eingetroffen ist. Doch die Hell's werden von der Menge irgendwie aufgeschluckt. Es ist vier Uhr nachmittags.
Dann bricht die Nacht herein, und ein Sturm zieht auf. Ein starker Wind bläst, und ein schwerer Regen ergiesst sich über die 400 000 Menschen. Es ist warmer Regen; niemand stört sich allzusehr daran. Alles trieft, und das Feld verwandelt sich in einen riesigen Sumpf.
Das Essen geht aus. Über Radio werden die Leute, die immer noch nach Whitelake strömen, aufgerufen: «Bringt mit, was ihr könnt.»
Die Dorfbewohner und die Farmer von Whitelake verbringen die Nacht damit, Sandwiches zu streichen.
Die medizinische Versorgung ist völlig unzureichend. Abbie Hoffman sorgt dafür, dass in New York Medikamente, Plasma, Verbandsmaterial usw. bereitgestellt werden. Die Helikopter, die er ausschicken will, um das Material zu holen, sind allerdings mit Champagner und Delikatessen für die Rockstars beladen. Er wirft die Leckereien aus den Helikoptern. Den Organisatoren droht er: «Ich werde allen erzählen, dass wir hier Leute haben, die dringend eine Bluttransfusion brauchen, und ihr liefert den gottverdammten Sängern Champagner, Trauben und Entenleberpastete. Wollt ihr diese gottverdammte Musik Toten vorspielen, oder was!?»
Im Organisationszentrum sitzen Rosenman und Roberts. Über die Telefone erhalten sie Nachricht, was in der weiteren Umgebung vor sich geht. Oft sind es Gerüchte. Zum Beispiel, dass Langhaarige eine Kuh angefallen und bei lebendigem Leib gefressen hätten.
Gouverneur Rockefeller erklärt Whitelake und Umgebung zum Katastrophengebiet. SAMSTAG, 16. AUGUST. «Goood Moooorning!!!!» Hunderttausende, die soeben noch ruhig und flach auf dem Boden gelegen haben, erheben sich allmählich. Festivalleiter Mel Lawrence erschrickt selber, wie laut sein Morgengruss in die Weite dröhnt. «Wir haben hier eine der grössten Städte in den Vereinigten Staaten», ruft er, «und wir sollten stolz auf uns sein. Und alles ist o. k. und vollkommen Spitze. Der Rest der Welt denkt, dass wir hier echt in der Klemme sitzen, sitzen wir aber nicht!»
Mel erklärt den Leuten, dass nun der Abfall weggeräumt werden muss, eine kleine action, fünfzehn Minuten. «Und es wird grossartig werden!»
Inzwischen sind die ersten Zeitungen eingetroffen: «Albtraum in den Catskills» titelt die «Los Angeles Times». Im Text heisst es: «. . . die Jugend ist auf die tiefste Stufe gefallen . . .»
Der Ticketverkauf und die Eingangskontrollen werden eingestellt. Es ist sinnlos, noch irgend etwas kontrollieren zu wollen. Die Zäune liegen schon längst am Boden. Einer der Organisatoren ruft den 500 000 Leuten zu: «Von jetzt an ist es ein Gratiskonzert!»
Der Samstag gehört der Rockmusik, und den Höhepunkt bilden The Who. Michael Lang und Abbie Hoffman sitzen hinter der Bühne. Abbie ist ziemlich fly-hi; er muss wohl ein bisschen zuviel acid, LSD, erwischt haben. Abbie sagt zu Michael: «Ich muss den Leuten da draussen etwas wegen John Sinclair sagen.» Sinclair, der Kopf der Rockgruppe MC5, sitzt im Gefängnis - er wurde wegen zwei Marihuana-Joints zu neun Jahren verurteilt. Michael sagt: «Wieso schaust du nicht den Who zu? Das ist nicht der richtige Zeitpunkt; niemand will das jetzt hören.» Abbie insistiert: «Wir müssen etwas über die Legalisierung von Marihuana sagen. Das ist nicht fair, wenn Leute einfach eingebuchtet werden. Da hast du 500 000 Leute, und neunzig Prozent davon rauchen Pot. Wir haben die Macht des Volkes.»
SONNTAG, 17. AUGUST. In der Morgendämmerung beginnen Jefferson Airplane zu spielen. Die Band war als Höhepunkt der Samstagnacht geplant, doch das Timing ist komplett durcheinandergeraten. Die ursprüngliche Idee, das Programm spätestens um 1 Uhr enden zu lassen, hat sich als völlig unhaltbar herausgestellt. Man lässt einfach weiterspielen, eine Band nach der anderen.
Wavy Gravy von der Hog-Farm-Kommune tritt auf die Bühne: «Hey, es gibt noch etwas anderes, um high zu gehen. No drugs.»
Er gibt Anweisungen: Beine kreuzen - gerader Rücken - Einatmen - Hände über den Kopf heben - Ausatmen - Arme sinken lassen . . . Zweihundertausend, vierhundertausend Arme strecken sich hoch.
Rosenman überlegt: «Wie schaffen wir es, dass die Kids glücklich bleiben?» Denn das Gegenteil von «glücklich» wagt er sich nicht auszudenken: zum Beispiel eine Stampede in Panik geratener Freaks - eine Horrorvorstellung. Rosenman überfliegt nochmals die Schlagzeilen der Zeitungen und denkt: «Alle Berichte sagen dasselbe, nämlich, dass die Welt darauf wartet, dass dieses thing explodiert. Das ist perfekt! Du musst den Leuten sagen, was die Welt von ihnen erwartet. Denn es gibt nichts, was die Kids mehr mögen, als das Gegenteil dessen zu tun, was die Welt von ihnen erwartet.» Von nun an werden die Presseschlagzeilen und -berichte über das Mik durchgegeben. Die Kids sind begeistert. Es ist Sonntag nachmittag.
Joe Cocker hat soeben «With a little help from my friends» zu Ende gesungen. Jemand ruft ihm zu: «Joe, schau mal über deine Schulter!» Joe Cocker dreht sich um und sieht massive, tiefschwarze Wolken aufziehen. «Mein Gott», sagt er, «haben wir das verursacht?»
Wieder bricht ein Sturm los, diesmal noch heftiger. Die Blitze schlagen in unmittelbarer Nähe ein, und es giesst, es giesst. Country Joe McDonald tritt auf die Bühne und schreit: «No rain! No rain! No rain!»
Die Kids stimmen ein: «No rain! No rain!» Nach einer Weile verziehen sich die Wolken, und Tausende tanzen jubelnd im knöcheltiefen Schlamm.
Jemand hat die Idee, den Farmer Max Yasgur auf die Bühne zu holen. Michael bringt ihn her, und Max fragt: «Was soll ich sagen?» Doch schon geht er auf das Mik zu: «Ich denke, ihr habt der Welt etwas bewiesen - dass eine halbe Million Kids zusammenkommen und drei Tage Musik und fun haben können und nichts als fun und Musik. Und ich segne euch dafür!»
Die ersten beginnen jetzt aufzubrechen. Die «Woodstock Nation», wie Abbie Hoffman sie nennt, kehrt in die Diaspora zurück.
Der Montagmorgen meldet sich bereits hinter dem Horizont. Jimi Hendrix spielt vor einem beinahe leeren Feld seine apokalyptische Version der Nationalhymne. Er steht da und spielt, spielt «Purple Haze», und es ist fast niemand mehr da, vielleicht noch zwanzigtausend Menschen: Purple Haze was on my brain / Lately Things don't seem the same / Acting funny, but I don't know why / 'Scuse me while I kiss the sky / You've got me blowing, blowin' my mind, / Is it tomorrow or just the end of time?
EPILOG. Wavy Gravy: «Der Rückflug war erstaunlich. Mein Freund Robert hatte ein paar hundert Tabletten grünes acid dabei. Er gab sie aus. Ich lag dann auf dem Boden des Flugzeuges und las irgend so ein seltsames Griechending über die Bordanlage vor. Kommt dieser Hippie auf mich zu und sagt: <Hey man, der Pilot möchte einen Sitarspieler im Cockpit, weil er ist ziemlich gelangweilt.> Und es war genau in diesem Moment, als ich dachte, dass jemand tatsächlich dem Piloten acid verfüttert haben könnte. Und rannte - rannte - ins Cockpit, ging etwa auf zehn Zentimeter an den Piloten heran und beobachtete genau seine Pupillen, um zu sehen, ob er drauf war. Ist ja leicht gesagt: hol einen herunter, der auf acid ist - wir befanden uns auf 5000 Metern. Und so fragte ich den Mann das, was ich dachte, dass es die totale Frage war: <Kann ich steuern?> Der Mensch nimmt seine Hände vom Steuer und sagt: <Klar, Sohn. Fliege, wohin du willst, so lange du American fliegst.> Mein Hirn setzte einfach aus.»
Marcel Zwingli ist freier Journalist in Zürich.