AM 29. JANUAR 1994 wurden dem amerikanischen Präsidenten Bill Clinton von seinen Beratern zwei Empfehlungen vorgelegt. In der ersten riet man ihm dringend, ein Gesuch von Gerry Adams um ein Einreisevisum in die Vereinigten Staaten abzulehnen, dies mit der Begründung, dass Adams als Führer der Sinn Fein, des politischen Flügels der verbotenen Irisch-Republikanischen Armee (IRA), mit Terrorismus in Verbindung gebracht werde und deshalb laut amerikanischem Gesetz von einer Einreise auszuschliessen sei. Diese Empfehlung war unterzeichnet vom amerikanischen Aussenminister Warren Christopher und von der Justizministerin Janet Reno. Zudem wurde sie von der amerikanischen Botschaft in London unterstützt, die warnend verlauten liess, die britische Regierung werde ungehalten reagieren, sollte Adams die Einreise in die Vereinigten Staaten gestattet werden.
In der anderen Empfehlung wurde dem Präsidenten hingegen geraten, die Gelegenheit wahrzunehmen und Adams einreisen zu lassen, denn damit liesse sich möglicherweise der harzige Friedensprozess in Nordirland fördern. Diese Empfehlung kam von Clintons Staatssicherheitsberater Anthony Lake und seiner Sonderberaterin in Sachen Irland, Nancy Soderberg. Ihnen oblag die Aufgabe, die innenpolitischen Aspekte von aussenpolitischen Angelegenheiten kritisch zu beurteilen; und ein solcher Aspekt war die Meinung der irisch-amerikanischen Lobby, die ein Visum für den Sinn-Fein-Vorsitzenden entschieden befürwortete.
Heute gehört es bereits zur Geschichte, dass Präsident Clinton nicht auf die Empfehlung von Christopher und Reno einging und Adams statt dessen ein 48-Stunden-Visum ausstellen liess. Damit verhalf er der irischen Lobby in den Vereinigten Staaten zum grössten politischen Coup in ihrer Geschichte. Zum erstenmal überhaupt konnten die Irischstämmigen einen amerikanischen Präsidenten dazu bewegen, sich der britischen Regierung zu widersetzen, und damit brach Clinton zugleich eine Abmachung, laut der Washington akzeptierte, dass Nordirland eine innere Angelegenheit des Vereinten Königreichs sei. Diese Abmachung hatte sich aus der sogenannten «special relationship» - den «besonderen Beziehungen» - ergeben, der strategischen Allianz zwischen den Vereinigten Staaten und Grossbritannien also, die den kalten Krieg beherrschte.
Iren und Irinnen waren in der amerikanischen Politik schon immer gut vertreten, besonders in den Städten des Nordostens, wo im Laufe der verschiedenen irischen Einwanderungswellen grosse irische Gemeinden entstanden. Seit dem 17. Jahrhundert kamen sehr viele Iren in die Vereinigten Staaten; vor allem während des 19. Jahrhunderts flüchteten Millionen aus dem überfüllten, armen, von den Briten regierten Land. Allein in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als in Irland eine Hungersnot herrschte, wanderten zwei Millionen Menschen nach Amerika aus. Heute berufen sich nicht weniger als 42 Millionen Amerikaner und Amerikanerinnen auf irische Vorfahren.
Was die irischstämmigen Amerikaner gegen Grossbritannien von jeher einte, war ein Gefühl der Verbitterung ob des erlittenen Unrechts. Die Immigranten, die 1922 nach dem Bürgerkrieg in Irland in Amerika eintrafen und die auf der Verliererseite gekämpft hatten, hegten zudem tiefe Ressentiments gegen die Regierung des neu unabhängig gewordenen irischen Staates, die ihrer Ansicht nach das Ideal einer Republik kompromittiert und Nordirland in den Verhandlungen mit den Briten vorschnell aufgegeben hatte. Sie wurden zu aktiven Führungsfiguren der irisch-amerikanischen Gemeinschaft.
Als Ende der sechziger Jahre in Nordirland Unruhen ausbrachen, fand die IRA in der irisch-amerikanischen Gemeinschaft viele aktive Anhänger. Irische Bürgerkriegsveteranen gründeten eine Organisation mit Namen Irish Northern Aid (Noraid), die Niederlassungen in den grösseren Städten hatte und Geld für die Angehörigen von Personen sammelte, die in britischen Gefängnissen sassen. Die britische Regierung behauptete allerdings, dass der grösste Teil dieser Gelder an die IRA gegangen sei. IRA-Sympathisanten in Amerika begannen, Waffen nach Nordirland zu schmuggeln; im Laufe der nächsten zwei Jahrzehnte erhielt die IRA möglicherweise etwa die Hälfte ihrer Waffen aus den USA.
Die irische Regierung kritisierte die britische Politik in Nordirland zwar, aber sie wandte sich auch gegen Noraid und den Waffenschmuggel; sie vertrat die Auffassung, nur im gemeinsamen Einverständnis könne die Einheit von Irland Wirklichkeit werden. Die Regierung bat die irischstämmigen Amerikaner denn auch eindringlich, Noraid nicht zu unterstützen. Dublin bekämpfte Initiativen, die von Amerikanern irischer Herkunft lanciert wurden, so etwa die Kampagne, mit der amerikanische Unternehmen, die in Nordirland investierten, gezwungen werden sollten, antidiskriminierende Gesetze zu erlassen. Dadurch würden protestantische Arbeiter und Arbeiterinnen in Nordirland vor den Kopf gestossen, so die Begründung Dublins. Und die irische Regierung hatte auch nichts dagegen einzuwenden, als Washington auf Drängen der Briten den politischen Führern der IRA verbot, in die USA einzureisen.
Dies vertiefte die Spaltung zwischen Dublin und den militanteren führenden Köpfen der irischstämmigen Amerikaner. Irische Diplomaten in New York verlangten zuweilen gar bewaffneten Geleitschutz, wenn sie Veranstaltungen der Irisch-Amerikaner besuchten. Aber Ende der siebziger Jahre, als die Dubliner Regierung zu erkennen begann, dass viele führende irisch-amerikanische Politiker die IRA-Kampagne nicht befürworteten, suchte sie deren Unterstützung, um die US-Administration dazu zu bringen, Grossbritannien in bezug auf Nordirland unter Druck zu setzen. Mit Hilfe von John Hume, dem führenden gemässigten Nationalisten Nordirlands, der in Washington wertvolle Freundschaften pflegte, fanden sie willige und mächtige Verbündete in der Demokratischen Partei, der sich die meisten irischen Amerikaner traditionellerweise zugehörig fühlten. Dazu gehörten unter andern die Senatoren Edward Kennedy und Daniel Patrick Moynihan, der damalige Sprecher des Repräsentantenhauses, Thomas «Tip» O'Neill, und der New Yorker Gouverneur Hugh Carey.
1977 rieten die «vier Reiter», wie man sie gemeinhin nannte, den irischstämmigen Amerikanern dringend davon ab, die IRA zu unterstützen. Später organisierten sie im Kongress die Gruppe Friends of Ireland: Diese Gruppe lehnte zwar einerseits Noraid und andere mit der IRA sympathisierende Gruppen ab, andererseits machte sie aber auch ihren Einfluss auf Ronald Reagan geltend - einen Republikaner mit irischen Wurzeln notabene -, um dafür zu sorgen, dass ihre Bedenken wegen der Einhaltung der Menschenrechte in Nordirland vor die britische Premierministerin Margaret Thatcher gebracht wurden. Eine zweite Gruppe des Kongresses, das Congressional Ad Hoc Committee for Irish Affairs, verfolgte eine etwas militantere anti-britische Linie, vermochte jedoch kaum Einfluss auf die Politik der Regierung zu nehmen.
Die Taktik der Friends of Ireland begann sich auszuzahlen. Der Druck des Weissen Hauses trug dazu bei, dass die Briten 1985 ein Abkommen mit der irischen Regierung abschlossen, das der Republik Irland erstmals ein Konsultativrecht in bezug auf Nordirland einräumte. «Tip» O'Neill und Reagan unterstützten zudem die Schaffung eines internationalen Fonds zugunsten Irlands, an den die USA jährlich 20 Millionen Dollar beisteuern und mit dem die sozialen Bedingungen in Nordirland verbessert werden sollen.
Auf Grund der «besonderen Beziehungen» war allerdings vorgeschrieben, dass Reagan und später auch George Bush nur mit Zustimmung der britischen Regierung in Nordirland tätig werden konnten. Republikanische Regierungsmitglieder setzten sich im besonderen Masse für eine enge taktische Verbindung mit Grossbritannien ein. Als Gouverneur Bill Clinton 1992 als demokratischer Präsidentschaftskandidat ins Rennen ging, versuchten überzeugte irischstämmige Amerikaner, ihm das Versprechen abzunehmen, mit diesem historischen Usus zu brechen. Einige von ihnen luden Clinton am 5. April 1992, also genau zu der Zeit, als die so eminent wichtigen New Yorker innerparteilichen Vorwahlen im Gang waren, zu einem «irischen Forum» in einem New Yorker Hotel ein und entlockten ihm die Zusage, einen Friedensgesandten nach Nordirland zu schicken und Gerry Adams ein US-Visum auszustellen.
Etwa zur gleichen Zeit taten sich einige irisch-amerikanische Persönlichkeiten zusammen, um Clinton zu unterstützen. Einer von ihnen war das ehemalige demokratische Kongressmitglied Bruce Morrison aus Connecticut. Morrison gilt für die irischstämmigen Amerikaner als Held: Er hatte 1991 im Kongress eine Gesetzesvorlage eingebracht, dank der 48 000 Visa an irische Immigranten ausgegeben wurden, was die Probleme Tausender «papierloser» Iren und Irinnen löste, die in den USA lebten. Diese Gesetzesvorlage bedeutete für die irisch-amerikanische Lobby einen grossen Erfolg. Sie vermittelt eine Vorstellung davon, wieviel Wohlwollen für irischstämmige Amerikaner vorhanden war, sofern sie denn rechtmässige Ziele verfolgten.
Nachdem Clinton Präsident geworden war, knüpfte Morrison zusammen mit Niall O'Dowd, dem Herausgeber der Wochenzeitschrift «Irish Voice» in New York und ein Schlüsselstratege unter den Amerikanern irischer Abstammung, Kontakte mit dem Weissen Haus. Sie forderten den Präsidenten immer wieder dazu auf, seine «irischen Versprechen» in die Tat umzusetzen.
Dieser Versuch von irischstämmigen Amerikanern, die demokratische Regierung zum Handeln zu bewegen, traf zeitlich zusammen mit dramatischen Bemühungen in Irland selbst, einen Friedensprozess zu lancieren und einen Waffenstillstand der IRA herbeizuführen. Irisch-amerikanische Aktivisten argumentierten, dass diese Bemühungen nur dann erfolgreich sein könnten, wenn die politische Isolation von Adams und der Sinn Fein beendet werde. Deshalb sei auch ein US-Visum für Adams so wichtig.
Dieser Standpunkt wurde von zahlreichen wohlhabenden und einflussreichen Managern irisch-amerikanischer Unternehmen geteilt, die den Friedensprozess fördern wollten. Die Iren haben die Gewerkschaften in den Vereinigten Staaten von jeher dominiert; in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stiegen sie zudem auch in die Direktionsräume der Nation auf. Heute ist in Amerika einer von vier Firmendirektoren und leitenden Geschäftsführern irischer Abstammung, darunter Bill Flynn von der Mutual of American und Chuck Feeney von der General Atlantic Corporation.
Morrison, O'Dowd, Flynn und Feeney, die nie mit der IRA in Verbindung gebracht worden waren, unternahmen eine Reihe von Reisen über den Atlantik, um Politiker und Politikerinnen aller Parteien in Dublin und Belfast für ihre Sache zu gewinnen. Sie erstatteten Bericht an das Weisse Haus und an führende irisch-amerikanische Kongressmitglieder - in Tat und Wahrheit wurden sie zu Präsident Clintons Friedensgesandten. Sie überredeten die Regierung in Dublin, nichts gegen die wachsende Kampagne von Amerikanern irischer Herkunft zu unternehmen, die sich für die Ausstellung eines US-Visums für Adams einsetzten. Und sie fanden Unterstützung bei den Senatoren Kennedy und Chris Dodd, beides wichtige Verbündete von Clinton auf dem Capitol Hill. Nur London stellte sich gegen die Erteilung eines Visums, aus Angst, Adams Einreiseerlaubnis für die Vereinigten Staaten könnte von der IRA als riesiger Propagandacoup missbraucht werden.
Clinton wies den Einspruch der Briten allerdings ab. Nachdem die IRA im Jahre 1994 einen Waffenstillstand verkündet hatte, ging er sogar noch weiter und gestattete Sinn-Fein-Führern regelmässige Besuche in den Vereinigten Staaten. Im März 1995 erlaubte er Adams, in Amerika Geld zu sammeln, was wiederum John Major so sehr erzürnte, dass sich der britische Premierminister eine geschlagene Woche lang weigerte, Telefongespräche aus dem Weissen Haus entgegenzunehmen.
Clinton sah in dieser Sache allerdings nicht nur eine historische Gelegenheit, als Katalysator zu wirken und Irland Frieden zu bringen und sich die Gunst von Millionen von irischstämmigen Amerikanern zu sichern: Er entdeckte selber seine irischen Wurzeln, denn sowohl seine Mutter als auch sein Vater sind irischer Herkunft. Clinton nahm sich darauf persönlich der irischen Politik an und öffnete die Türen des Weissen Hauses für Besuche irischer Politiker aller Schattierungen, und dies zu einer Zeit, da andere europäische Staatsoberhäupter den Zugang zu Washington nur schwer fanden.
Dann begann Clinton damit, jeweils am 17. März - am St. Patrick's Day, dem irischen Nationalfeiertag - im Weissen Haus ein Fest zu veranstalten. Letztes Jahr figurierten auf der Gästeliste neben irischen Ministern auch führende Köpfe der irischstämmigen Amerikaner sowie Angehörige beider sich opponierender paramilitärischer Gruppierungen Nordirlands. Im Mai 1995 war Clinton in Washington Gastgeber einer Investitionskonferenz, die zum erstenmal in der Geschichte Vertreter aller politischer Parteien Irlands, aus dem Norden und dem Süden, zusammenbrachte. Und schliesslich unternahm er am 30. November 1995 eine höchst erfolgreiche Reise nach Nordirland, in deren Verlauf er den Leuten Amerikas volle Unterstützung für den Friedensprozess zusicherte.
Mit dem Ende des kalten Krieges gelang es dem irischstämmigen Amerika so erstmals, seinen politischen Einfluss in Washington geltend zu machen, und dieser Kraft ist es zuzuschreiben, dass die amerikanische Nordirland-Politik vom Aussenministerium ins Weisse Haus verlegt worden ist. Zwar ist der Riss in der Beziehung zwischen Clinton und Major mittlerweile gekittet, doch hat mit der Wiederaufnahme der Gewalt durch die IRA die amerikanische Diplomatie - mindestens vorübergehend - einiges an Dynamik eingebüsst.
Conor O'Clery ist Amerikakorrespondent der «Irish Times» in Washington.