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Sage und Schreibe -- Allerlei Ganzheitlichkeiten
Von Manfred Papst
Endsilben wie -lich, -heit oder -keit brauchen wir, um abgeleitete Wörter zu bilden. Menschen sind wir, nichts Menschliches soll uns fremd sein, Menschlichkeit sollen wir anstreben. So weit, so gut. Oft aber leiten wir bereits abgeleitete Wörter weiter ab, ohne es zu merken. Wir preisen des gütigen Schicksals Gnädigkeit und vergessen, dass es die Gnade schon täte, wir tadeln die Widersinnigkeit und meinen doch nur den Widersinn. So sind wir halt: Kümmern uns keinen Deut um Deutlichkeit und gelangen vom Hölzchen zum Stöckchen; zudem kommt uns stets allerlei Unpassendes in den Sinn. Zeigt sich nicht in der Wichtigkeit der Wicht, fragen wir, und was ist ein Weitschweif?
Vom Duden ist in solchen Fällen wenig Hilfe zu erwarten. Friedlich summt er vor sich hin und lässt die Varianten vorbeispazieren. Was halbwegs wie ein Wort aussieht, das lässt er gelten. So lässlich waren frühere Sprachlehren oder Wörterbücher nicht. Das treffliche «Wörterbuch der Hauptschwierigkeiten der deutschen Sprache» etwa, erstmals herausgegeben von Daniel Sanders 1872, neu bearbeitet von Julius Dumcke 1908, hält mit preussischer Schärfe fest: «Man vermeide unnütze und schwerfällige Weiterbildungen auf -heit und -keit, wenn dafür einfachere Hauptwörter zur Verfügung stehen. So ist zu verwerfen Riesenhaftigkeit statt das Riesenhafte, Gegensätzlichkeit statt Gegensatz, Gütigkeit statt Güte u. ä.»
Doch längst nicht immer ist das abgeleitete Wort nur ein blasserer Zwilling des ursprünglichen. Ängstlichkeit ist nicht Angst; vielmehr die Neigung, sich auch ohne hinreichenden Grund zu ängstigen. Fiebrigkeit ist weniger als Fieber, Zierlichkeit etwas ganz anderes als Zier. Von einem Staatenlenker erwarten wir Weitsicht; seine Weitsichtigkeit kann eine Brille korrigieren. Dass der Mohr seine Schuldigkeit getan hat, können wir nicht mit Hilfe der «Schuld» ausdrücken, und manchmal verlangt auch der Vers sein Recht: «Ich bin kein ausgeklügelt Buch, ich bin ein Mensch mit seiner Widersprüchlichkeit» klingt irgendwie nicht überzeugend. Manchmal geht es nur um Nuancen. Wenn Walter Jens schreibt, bei Sternheim gewinne (gegenüber Hofmannsthal, Kafka, Heym) das Ich seine alte Mächtigkeit wieder und werde noch einmal Subjekt, dann hat er nicht einfach Mächtigkeit für Macht gesetzt, sondern differenziert. Macht hat das dichterische Ich ohnehin keine; es ist nur insofern mächtig, als es seiner selbst gewiss ist.
Neben den feinen Unterschieden gibt es freilich auch den glatten Unfug. Dabei sind Versprecher wie Helmut Kohls sprichwörtlich gewordene «Hektigkeit» noch die harmlosen. Andere Wendungen verraten schon mehr über den, der sie braucht. Wer etwa die hochtrabende «Ganzheitlichkeit» im Munde führt, sagt zwar bloss, man solle bei der Betrachtung einer Sache keinen Aspekt vernachlässigen. Das Jargonwort aber zeigt, wie ungemein stolz sein Verwender auf diesen bescheidenen Gedanken ist.
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