Schlimm, chauvinistisch, lächerlich! Die meisten sind sich einig. Aber nicht alle haben nachgedacht.
Da hat also der französische Kulturminister Jaques Toubon in der Nationalversammlung ein Gesetz durchgedrückt, das bei Strafe den Gebrauch von 3500 gängigen Importen aus dem Englischen verbietet; nicht allen Franzosen, aber den Werbetextern, den Verfassern von Gebrauchsanweisungen, den Journalisten in Radio und Fernsehen und Bürgern in amtlicher Mission. Statt dessen werden ihnen Übersetzungen oder Neuprägungen aufgenötigt, vor allem in der Académie française ersonnen: occultation für Blackout, écrasement für Crash. Darf eine Kulturnation sich so verhalten - und wenn: Hat sie eine Chance, sich damit durchzusetzen? Sie darf und sie hat. Für das Dürfen vier Gründe:
1. So ist es nicht, dass demokratische Nationen sich bisher aller Gängelung der Sprache enthalten hätten. In mehrsprachigen Staaten wie Belgien und der Schweiz besteht ein Regelungsbedarf, und selbstverständlich legen Gesetze und Verordnungen längst fest, wo und inwieweit Minderheitensprachen wie das Katalanische in Spanien, das Deutsche im Elsass als Unterrichtssprachen zugelassen sind.
2. Auch abseits der Gesetze nehmen die meisten Völker staatliche Zuschüsse für oder halbamtliche Einflüsse auf ihre Sprache hin; zum Beispiel in Österreich bei dem Bestreben von Heimat- und Tourismusverbänden, gegen den deutschen Ansturm von Meerrettich, Sahne, Johannisbeere und Tomate den Kren und den Obers, die Ribisel und den Paradeiser am Leben zu halten.
3. Als einst französische Begriffe ins Englische und ins Deutsche sickerten, stand keine Milliardenindustrie dahinter, anders als bei der Invasion aus Amerika: Jeans, Coca-Cola, Popmusik, Computer. Hier äussert sich nicht kulturelle Überlegenheit und schon gar nicht das «vielbeschworene freie Spiel der Kräfte», sondern merkantile Macht. Darf man nicht stutzen, dass dieser Überfall hundertfältig gutgeheissen, der Beschluss eines vom Volk gewählten Parlaments jedoch auf der Stelle mit Spott übergossen wird? Offenbar haben die Fernsehplauderer, die Discjockeys, die Werber es geschafft, die Dollar-Invasion so zu präsentieren, als erfülle sie den Europäern einen Herzenswunsch. Warum aber soll Michael Jackson einen grösseren Einfluss auf die französische Sprache haben als Jacques Toubon, obwohl er doch mit hoher Wahrscheinlichkeit dümmer ist als dieser?
4. In das angeblich freie Spiel der Kräfte, an dem der Staat sich nicht zu vergreifen habe, mischen sich neben der amerikanischen Industrie auch andere durch nichts und niemanden legitimierte Mächte ein: Werbetexter, Pressesprecher, Journalisten publizieren Sprachmodelle und vervielfältigen sie millionenfach, nicht zuletzt die Sportreporter und die gnadenlosen Schlagzeilentechniker der Boulevardzeitungen.
Der Staat also kann einem Quantum Sprachlenkung ohnehin nie ausweichen, und viel einflussreicher als er ist eine gewaltige Wirtschaftsmacht, die es noch dazu versteht, zusammen mit ihren Produkten den Anschein der freien Selbstbestimmung zu verkaufen. Und das heisst: Der Staat sollte sich um die Sprache kümmern dürfen.
Wenn sie nun aber praktisch oder gar pfiffig sind, die Importe aus Amerika? Viele sind es - andere sind es keineswegs. Walkie-talkie, das war einmal eine witzige und kaum übersetzbare Umschreibung für die ersten handlichen Funksprechgeräte. Im Walkman dagegen ist weder Musik enthalten noch der Knopf im Ohr, und es geht wahrlich nichts verloren, wenn er in Frankreich jetzt durch baladeur ersetzt werden soll (einer, der einen Bummel macht). Hardware und Software aus dem Computerjargon klingen hässlich in allen Sprachen, englische Ohren eingeschlossen, und heissen doch nichts als Geräte und Programme.
Schon gar keine guten Gründe gibt es für die erschwerte Form der Anglomanie: in vorauseilender Unterwerfung auch solche Gegenstände englisch zu benennen, die nicht aus dem englischen Sprachraum kommen. Der Luftsack oder Prallsack zum Beispiel ist eine deutsche Erfindung, war perfekt benannt und kam doch als Airbag auf den Markt, auch in Frankreich. Sac gonflable, wie die Franzosen nun sagen sollen, hat zwar zwei Silben mehr, schafft aber einen internationalen Unsinn aus der Welt - und ist das nichts?
Wie es mit den Chancen des französischen Gesetzes steht, selbst wenn man dem Staat das Recht seufzend konzediert - das ist eine andere Frage. Wenn die neuen Wörter gut sind, könnten sie überleben. Statt Ketchup tomatine, statt Fast food restovite - ist das so übel? Der deutsche Dichter Philipp von Zesen dachte sich im 17. Jahrhundert für den acteur den Schauspieler aus - und er hat sich durchgesetzt. Der Pädagoge Joachim Heinrich Campe schlug 1801 für den Supplikanten den Bittsteller vor, und er hat gesiegt.
So bleibt nur das Unbehagen, dass es der Staat ist, der uns solche Verbesserungen anrät, ja aufzwingen will. Das mag die Chancen trüben, in der Tat. Subtilere Mittel hätten vielleicht weiter führen können, etwa eine langjährige Werbekampagne, die der Staat nur finanziert. Doch auch so, wie es gekommen ist, sollte die Frage gestattet sein: Was ist an der Gängelung der französischen Sprache durch Madonna so viel erstrebenswerter als an der durch Mitterrand?