ICH HABE MICH IMMER NUR für Wunder interessiert, für Dinge, die ich nicht verstehe. Wenn ich ein Wunder erklären kann, so ist es keins mehr. In einer Welt von lauter Erklärungen, einer Welt ohne Wunder, mag ich nicht leben. Und doch locken mich die Wunder gerade deshalb, weil es mich treibt, sie zu erklären. So zerstöre ich fortwährend die Gegenstände meines Interesses, aber immer wieder glimmt in der Asche des zerredeten Wunders ein neues Wunder auf und fesselt mich.
Als Kind haben sie mich einmal auf eine Bahnfahrt mitgenommen. Als der Zug aus der Stadt hinaus fuhr, es war Abend, sah ich durchs Fenster, ganz nahe, ein ungeheures schwarzes Ding auf und ab flattern, die ganze Höhe des Fensters hinauf und hinunter, einmal, ein zweitesmal, dann noch ein drittes. Was war das? Aber sie wussten es mir nicht zu sagen, sie hatten nichts gesehen. Sei ruhig Bub, es war nichts. Freilich war’s was, und es hat sich sogar bewegt, dreimal. Ich bettelte, wieder mit demselben Zug fahren zu dürfen, um das flatternde Ding noch einmal zu sehen, wenn es noch da war. Irgendwann haben sie mir den Wunsch erfüllt. Diesmal war es Tag, ich durfte am Fenster sitzen und sah die drei eisernen Bögen der Eisenbahnbrücke, die über die Gleise hervorragten, und sah, wie man an ihrem Auf und Ab vorbeifuhr, und verstand. Ein Wunder weniger.
Die Märchen, die sie mir in der Küche am Herd erzählten, mochte ich gern. Aber nur, wenn da irgend etwas vorkam, was es in meiner vertrauten Welt nicht gab. Blähte der Frosch sich nicht zu einem Prinzen auf, erschien da nicht im Walde ein geheimnisvolles Leuchten und dann eine Fee, ging die Hexe ganz normal von dannen, statt durch die Luft zu fliegen, so war ich am Ende enttäuscht. Aber natürlich glaubte ich nicht, dass Lichterscheinungen mit Feen tatsächlich im Wald zu sehen sind. Glauben und nicht glauben, wissen und doch nicht glauben, glauben und doch nicht wissen, das war meine Geisteshaltung und ist es heute noch.
Aber Lichterscheinungen im Walde gibt es wirklich. Das las ich in einem Buch über die Wunder der Natur, an dessen aufgeklärtem Geist nicht zu zweifeln war. Faulendes, vermodertes Holz gibt im Dunkeln einen matten Schein von sich, ohne dass es brennt, es phosphoresziert, hiess es darin. Vielleicht stand da auch, dass das Leuchten von gewissen Bakterien herrührt, die Holz fressen und chemische Energie in Licht verwandeln. Endlich ein handfestes Wunder, eins, das dem bisher Gelernten widersprach, dem Zusammenhang zwischen Licht und Feuer, der Regel, dass leuchtende Dinge heiss sind: die Sonne, ein brennendes Streichholz, eine Glühbirne. Ich ging nachts in den Wald, aber da leuchtete nichts ausser Silberpapier im Sternenlicht. Ich nahm ein Stück faules Holz in mein Zimmer mit und betrachtete es nachts vom Bett aus. Vergeblich. Ich suche heute noch, manchmal, an modrigen Orten nach solch leuchtendem Holz, habe aber noch nie eines gesehen. Sicher gibt es das, warum hätte man es sonst in einem Buch für die heranwachsende Jugend geschrieben? Aber warum schreibt man von leuchtenden Feen im Walde? Offenbar gibt es die auch, wenn auch selten. In meiner persönlichen Erfahrung allerdings nicht seltener und nicht häufiger als das leuchtende Faulholz.
Noch ein Wunder der Natur: fleischfressende Pflanzen. Ich konnte es nicht glauben, dass es sie gibt. Tiere fressen Pflanzen, aber doch nicht umgekehrt! Vielleicht fressen Pflanzen andere Pflanzen, wie Tiere Tiere fressen, schon möglich, aber wie sollte die Pflanze eines Tiers habhaft werden? Mein Vater führte mich auf eine Lichtung im Wald, und siehe da, an einer feuchten Stelle, Pinguicula mit den gelbgrünen Blättern flach auf dem Boden, auf den Blättern Schweisstropfen und eine Menge verkrümmter, verhutzelter, zum Teil noch zappelnder Ameisen. Mein Vater entrollte den Rand des Blatts, wo den Tieren der Prozess gemacht wird. Wir suchten anderswo nach Drosera, dem Sonnentau, und fanden ihn, ein noch tückischeres Wesen, das die Insekten mit Fingern festhält. Mein Vater kannte sie alle. Aldrovandia, sagte er, gibt es hier nicht, weiter unten im Tal vielleicht. Er kannte die Namen von vielen Pflanzen und Tieren, aber die der fleischfressenden Pflanzen besonders. Warum eigentlich? Im Grunde konnte es ihm und mir doch ganz gleich sein, ob die Pflanzen im Wald Ameisen fressen oder sonstwas. Aber wir hatten beide Sinn für die Märchen in der Natur. Vielleicht Freude daran, dass alles, was man so sagt, nur bedingt wahr ist.
Ich kann kein Lehrbuch lesen, ohne dass mich nach wenigen Seiten das Wundern überkommt. So habe ich noch kein Lehrbuch zu Ende gelesen und lese doch immer wieder darin. Physik ist das unerschöpfliche Märchenbuch, in dem das Unerwartete mit Sicherheit die Erwartung übertrifft, wenn man nur weiterliest.
Was eine Kraft ist, hat mich gewundert, seit ich zum erstenmal mit einem Magneten spielte. Wie weiss der Nagel, wo der Magnet ist, wenn er ihm entgegenhüpft? Und dass zwei Magneten, wenn ich sie Nordpol an Nordpol aneinanderhielt, widerspenstig auseinanderstrebten, schien mir noch unheimlicher, fast als ob sie Willenskraft in sich hätten. Später las ich, dass Schwerkraft zwischen zwei Himmelskörpern (oder die Kraft zwischen zwei elektrischen Ladungen) mit dem Quadrat ihres Abstands abnimmt, also: zweimal so weit - ein Viertel der Kraft, dreimal so weit - ein Neuntel usw. Ich wunderte mich darüber, aber nicht lange. Klar, sagte ich, die Kraft wirkt wie auf Kugelflächen, verdünnt sich sozusagen über die ganze Fläche der Kugel, und die wächst mit dem Quadrat des Abstands. Und dann las ich weiter, dass die magnetische Kraft, die von einem stromdurchflossenen Draht ausgeht, nicht mit dem Quadrat, sondern einfach mit dem Abstand abnimmt: zweimal so weit - die Hälfte der Kraft, dreimal so weit - ein Drittel. Auch das ist kein Wunder, dachte ich, weil die magnetische Kraft sich ja nicht wie Kugelwellen ausbreitet, sondern auf Kreisen den Draht umgibt, und die Länge der Kreise wächst einfach mit dem Abstand. Alles klar, schon wieder ein Wunder wegerklärt.
Als ich dann ein paar Jahre später Atomphysik las, fing das grosse, schöne Wundern wieder an. Die Elektronen werden auf ihren Platz im Atom durch Regeln verwiesen, die mit den Kräften, so wie sie mir vertraut waren, nicht das Geringste zu tun haben. Das Wundern darüber, schon bald hundert Jahre alt, hält auch bei den Leuten, die etwas davon verstehen, immer noch an. Noch wundersamer erschien mir das, was über den Atomkern gesagt wird. Da werden die auseinanderstrebenden Teilchen durch Kräfte zusammengehalten, die unheimlich stark, aber nur in nächster Nähe wirken. Wie das? Nehmen die nicht mit dem Abstand oder mit dem Quadrat des Abstands ab? Tun sie nicht. Schlimmer noch: wenn die Teilchen noch näher beisammen sind als «nächste Nähe», dann werden sie von denselben Kräften, die sie sonst zusammenhalten, ein wenig auseinandergetrieben. Man muss es hinnehmen, wie einst die Fee im Walde, und darf sich wundern. Ich kenne einen, der aus der Physik ausgestiegen ist, als er merkte, dass er sich unter einer Kraft nichts Rechtes mehr vorstellen konnte (jetzt ist er ein berühmter Mathematiker).
Offenbar ist die Welt im Kleinen ganz anders gebaut als die, mit der wir normalerweise umgehen. Auch dies habe ich eines Tages, vor langer Zeit, als Wunder erfasst, noch ehe ich in der Schule von Atomen und Molekülen gelernt hatte. Ich lag auf dem Rücken im Gras und schlief. Als ich aufwachte und vorsichtig durch ein Auge in die Welt blinzelte, sah ich über mir einen riesigen, geneigten Baum, einen unheimlich dünnen, sanft gekrümmten Stamm, bis ganz oben ohne Äste, nur am Ende eine Krone, eine Quaste von sehr merkwürdigen Zweigen. Ich fragte mich, wie kann ein so dünner Baum überhaupt stehen - nein, es kann ihn so gar nicht geben, er würde sofort einknicken, und schon machte ich beide Augen auf und sah, was es war, ein Grashalm schräg über meinem Gesicht.
Und dann überlegte ich: eigentlich könnte man ja alles, was an einem Grashalm ist, seine Haut, die Zellen, aus denen er besteht, die Fasern und Röhrchen in seinem Inneren, einfach vergrössern, um aus derselben Substanz einen Baum mit genau derselben Form und denselben Eigenschaften zu machen. Aber es scheint nicht möglich zu sein, Substanz kann man nicht vergrössern, ohne dass sich ihre Eigenschaften ändern. Also ist die Materie nicht homogen, im Kleinen nicht gleich wie im Grossen. Ein grosser Haufen Kirschen kann nicht die gleiche Form haben wie eine Handvoll davon. So entdeckte ich die Atome durch das Wundern. Ich könnte mir vorstellen, dass Demokrit im alten Griechenland auf dieselbe Weise, vielleicht im Gras liegend, zu seiner Theorie gekommen ist. Oder indem er über Wassertropfen nachgedacht hat. Warum gibt es keine riesigen Wassertropfen?
Manche Leute sehen die Wunder in der Natur nicht und suchen sie statt dessen in Phänomenen, die es gar nicht gibt (oder die so selten sind, dass es kein Wunder ist, wenn sie einmal zufällig zustande kommen). Eine Journalistin wollte wissen, ob ich an die Möglichkeit der Gedankenübertragung glaube. Freilich gibt es die, sagte ich, und ich besitze sogar eine Maschine, mit der ich sie jederzeit demonstrieren kann. Kurz darauf kam die Journalistin mit einem Team von Fernsehleuten zu mir nach Hause. Nachdem die Apparate ausgepackt und die Lampen aufgestellt waren, fragte sie: Wo ist die gedankenübertragende Maschine? Ich zeigte ihr mein Telefon. Das ist gemein, sagte sie, das gilt nicht. Aber ich übertrage damit täglich meine Gedanken über weite Strecken auf andere Menschen! Schon, aber das ist ja nicht interessant. Warum ist das nicht interessant? Weil man das ja ganz einfach erklären kann, sagte sie. Ach, wirklich? Dann probieren Sie’s doch! Wieviel verstehen Sie von elektromagnetischen Wellen? Und von Akustik? Und von der Darstellung der Gedanken in der Sprache? Und von Gehirnen?
Ich weiss, das hätte ich nicht tun sollen. Ich sollte andere Menschen in ihrer Märchenwelt nicht stören, damit sie auch mich in der meinen in Ruhe lassen.
Valentin Braitenberg ist emeritierter Direktor des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen.