GENF, Quartier Les Grottes, in voller Umstrukturierung, Pressluftbohrer, Abbruchmaschinen, Lastwagen. Sie wohnt in einem renovierten alten Haus in einer Strasse, die keinen Namen mehr hat, die Tafel wurde noch nicht wieder angebracht. Liliane Maury Pasquier, «ohne Bindestrich», präzisiert sie, «Maury ist mein Mädchenname», hat für diesen Namen gekämpft, und als das neue Eherecht es ermöglichte, hat sie ihn wieder angenommen. Sie ist in der Politik. Kandidatin für den Grossen Rat auf der Liste der Sozialistischen Partei. Sie nennt die Mitglieder der Partei «Kollegen» und kann sich nicht daran gewöhnen, «Genossen» zu sagen. Sie kommt nicht aus «dieser Richtung».
Ihr Mann hat sich in der Kirche engagiert. Er ist Mitglied der Dritte-Welt-Kommission der katholischen Kirche der Stadt. Auch sie ist katholisch. Was sie nicht daran hindert, «gewissen Stellungnahmen des Papstes gegenüber kritisch zu sein. Macht entfernt. Der Papst hat keine Ahnung, wie die Leute leben.»
Als Hebamme arbeitet sie bei den Leuten zu Hause und in der Gebärabteilung des Spitals. Das ist etwas ganz anderes. Im Spital von Genf gibt es 2800 Geburten pro Jahr. Vier Tage Spitalaufenthalt pro Geburt. Bei Hausgeburten werden die Wöchnerinnen während zehn Tagen vor der Geburt betreut, was ganz von der Versicherung bezahlt wird, Vorbereitung, man fühlt sich den Leuten näher, «man ist in ihrer Geschichte drin». Wer entscheidet sich, zu Hause zu gebären? Vor allem Krankenschwestern, Lehrerinnen. Und die Illegalen, die Angst haben, entdeckt zu werden? Nein, man rät ihnen davon ab, versucht, sie zu beruhigen. Es gibt keine Verbindung zwischen der Gebärabteilung und der Polizei.
Sie hat sich entschlossen, diesen Beruf auszuüben, als ihr erstes Kind geboren wurde. Vorher hatte sie geglaubt, dieser Beruf sei ausgestorben. Sie hat nie zu Hause geboren. Ihr Mann hatte keine Lust dazu. Angst vor Komplikationen auch. Das Telefon klingelt. «Das trifft sich aber gut, ich wollte dich gerade anrufen. Hast du immer noch Schmerzen, trotz dem Osteopaten? Hast du die Übungen gemacht? Das hilft nichts? Nein, da du keine Missbildung hast, hängt das mit der Lage des Babys zusammen, das ist alles. Du wirst sehen, alles wird gut gehen.»
Eine Hebamme ist keine Krankenschwester. Sie kümmert sich um Leben und Gesundheit, nicht um Krankheit. Die Geburt ist wirklich ein «starker Moment. Man kann ihn mit keinem andern vergleichen. Es ist etwas Wunderbares, Erstaunliches. Wenn alles gut geht, natürlich. Wenn nicht, sind wir dafür da.» Eine schöne Geburt? «Die letzte. Eine Freundin. Ambulant. Kurz vor Mitternacht hatte sie die Wehen, sie nahm ein Bad, ging ins Spital mit ihrem Mann, kam um 2 Uhr an, und um 2 Uhr 07 wurde das Kind geboren, ein Knabe, ganz rosa, kaum hatte er den Kopf draussen, schrie er schon. Um 6 Uhr war sie wieder zu Hause. Eine ideale Geburt.»
Ein Beruf mit unregelmässiger Arbeitszeit, Familie, Politik, bleibt ihr da noch Zeit? «Ja, es bleibt immer Platz für Freunde und Kultur in Anführungszeichen.» Warum in Anführungszeichen? Es tönt oft hochtrabend, von Kultur zu sprechen.
Von ihrem Land, der Schweiz, liebt sie die Natur, die Alpen und die Tatsache, dass so verschiedene Leute es schaffen, zusammen zu leben.