«Diese leute sind alles Freunde von mir, die an dem teilnehmen, was ich Salon nenne. Hätte ich vor hundert Jahren gelebt und über die nötigen Mittel verfügt, dann hätte ich sicher einen Kultursalon geführt. Mich fasziniert zum Beispiel, was in den zwanziger und dreissiger Jahren am Stadelhofen im Haus von Wladimir Rosenbaum und Aline Valangin in dieser Hinsicht vor sich ging. Ich kupple und vermittle furchtbar gern, ich mag es, wenn Leute sich bei mir kennenlernen oder wiedersehen können. Es hat aus diesen Begegnungen auch schon dauerhafte Freundschaften gegeben.
Diese Salons veranstalte ich ein-, zweimal im Jahr. Wir treffen uns jeweils um halb sechs Uhr im Kunsthaus, wo Guido Magnaguagno, Vizedirektor des Kunsthauses und ein Freund von mir, für uns eine anderthalbstündige Führung durch die aktuelle Ausstellung macht. Montags ist das Kunsthaus für die Öffentlichkeit immer geschlossen. Heute war es die Ausstellung von Hanny Fries, die leider nicht dabeisein kann, weil sie noch in ihrem Atelier in Italien ist. Danach kommen alle hierher, und wir essen und trinken und reden, über die Ausstellung und anderes, es herrscht da kein Zwang.
Es gibt ein Buffet mit Salaten, Terrinen und verschiedenen anderen Speisen. Das meiste bereite ich am Wochenende zu, aber ich nehme an diesen Montagen immer noch einen Ferientag. Manches lässt sich ja nicht schon am Vortag machen. Angefangen hat das ganze vor etwa neun Jahren, als ich Sepp Estermann, den Stadtpräsidenten, mit Guido zusammenbringen wollte, die kannten sich damals noch nicht. Ich glaube, es war bei der Segantini-Ausstellung. Da waren erst ganz wenige Leute dabei. Ich vermittelte Guido später noch anderen Leuten und kam schliesslich auf die Idee, ich könnte meinen alten Wunsch nach einem Salon verwirklichen.
Wir sind jeweils um die 30 Leute, es kommen immer wieder neue hinzu, aber es gibt auch einen harten Kern. Stühle habe ich genug, ich hole sie jeweils auch noch vom Garten herauf. Und vom Geschirr her könnte ich noch dreimal mehr Gäste verpflegen. Einmal, an Glausers Geburtstag, hatten wir einen Zmorge, da richteten wir im Treppenhaus eine Ausstellung mit Glauser-Zeichnungen von Hannes Binder ein und hörten ein Glauser-Hörspiel, und der Schriftsteller Peter Zeindler las Glauser-Texte vor. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich gerne auch Lesungen veranstalten oder Salons nach einem gemeinsamen Theaterbesuch, ich bin ja ein absoluter Theaterfreak. Und würde gerne auch mehr Leute einladen.
Aber das alles liegt zeitlich im Moment nicht drin. Ich stehe früh auf, bin in der Regel zwischen 5 und 7 Uhr in meinem Büro an der Walchestrasse und bleibe abends bis zwischen 5 und 7 Uhr. Das ergibt Tage zwischen zehn und zwölf Stunden. Es kommt vor, dass ich auch nachts einspringen muss wie kürzlich, als eine Mutter notfallmässig in eine Klinik eingewiesen wurde und der Beistand gerade nicht erreichbar war.
Ich vermittle auch beruflich gern, muss das auch. Als Waisenrätin muss ich Menschen, die das nötig haben, einen guten Beistand oder einen guten Vormund vermitteln. Das sind zu zwei Dritteln Erwachsene, der alte Begriff Waisenrat ist da etwas irreführend. Ich muss beruflich oft zu Leuten nach Hause. Wenn ich in einen Raum komme, merke ich rasch, ob da ein guter Geist herrscht oder nicht. Ich spüre auch, was zwischen Menschen an Wärme oder Kälte abläuft, beschreiben lässt sich das aber schwer. Lieblosigkeit ist das Schlimmste, sie ist immer auch ein Boden für Gewalt. Ein chaotischer Haushalt kann ganz liebevoll sein und ein perfekter ganz lieblos.
Diese Wohnung war nicht immer so. Hier war ursprünglich das Kinderzimmer. Als wir vor 15 Jahren die Wohnung von der Tante meines Mannes kaufen konnten und Liv und Jonas in die ehemaligen Dienstbotenzimmer im Parterre zogen, haben wir hier alles aufgemacht und den Wohnraum vergrössert. Nur die Küche war schon, wo sie jetzt ist, aber es gibt keine trennenden Wände mehr. Man kann sich miteinander von überall her austauschen und von fast jedem Punkt die ganze Wohnung überblicken. Im ganzen sind es vier Zimmer, ein Gang und eine geschlossene Veranda. Es ist ein Dreifamilienhaus, Felix, mein Mann, ist in diesem Haus aufgewachsen. Über uns hat bis vor kurzem meine Schwiegermutter gewohnt, und der Onkel wohnt immer noch unter uns.
Wir haben einen schönen Ausblick hinüber ins Limmattal, leider nicht auf den See, dazu sind die Bauten vor uns zu hoch. Wir sind hier am Fuss des Zürichbergs und gehören gerade noch zum Kreis 6. Das Quartier ist ruhig, heute morgen habe ich wieder einmal die Füchse gehört, und es hat eine durchmischte Bevölkerung, die sich für die Wohnlichkeit ihres Quartiers einsetzt und wehrt.
Die Wohnung kommt meiner Vorstellung von Traumwohnung sehr nah. Mir gefallen auch grosse, loftähnliche Räume, aber ich bin mir nicht einmal sicher, ob mir dort wohl wäre. Ich brauche Winkel, die Geborgenheit geben. Ich bin auch ein bisschen chaotisch, habe viel Gnusch, und da ist ein bisschen Struktur schon ganz gut. In zu grossen Räumen ginge ich irgendwie verloren. Und gross genug ist es hier auf jeden Fall, wir sind ja nur noch zu zweit. Zwar kommen die Kinder immer noch oft her, regelmässig etwa am Sonntag zum Znacht.
Doch, natürlich werden es bei den Salons immer mehr. Bis jetzt hat nämlich noch niemand gesagt, er wolle nicht mehr kommen. Aber wenn es dann einmal zu viele sein sollten, die herkommen, dann sind es halt zu viele. Dann müssen die Leute eben stehen, und es ist ein bisschen anders.»