NZZ Folio 05/96 - Thema: Entführt!   Inhaltsverzeichnis

Die Engel von London

Die diskreten Dienste der Befreiungsagenturen.

Von Oswald Iten

AM EINGANG zum Haus Nr. 83 in der Victoria Street in London deutet kein Schild darauf hin, dass hier die grösste jener Firmen residiert, die sich mit der Abwehr und Bewältigung von Entführungen beschäftigt; drinnen jedoch wird Sicherheit professionell vorexerziert, mit Wächtern, Zutrittssperren und schalldichten Türen. Sicherheit und Diskretion sind die Maximen des Geschäfts von «Control Risks», und so unauffällig wie das Unternehmen ist auch Richard Fenning, der einzige der 170 Angestellten, der ein bisschen Auskunft geben darf: mit seiner Intellektuellenbrille sieht er fast aus wie ein Unidozent oder Fondsmanager; dem Image eines Haudegens, das einem Anti-Kidnapper anhaften könnte, entspricht er nicht.

Am Anfang dieses Geschäftes mit dem Anti-Kidnapping, so erzählt Fenning, standen Versicherer der Lloyds-Gruppe. Als Mitte der siebziger Jahre Entführungen, Lösegeldforderungen und Erpressungen überall auf der Welt zunahmen, stieg auch das Bedürfnis, sich dagegen abzusichern, wenigstens finanziell. Weil niemand mehr Erfahrungen mit Spezialversicherungen als Lloyds hat, siedelte sich das Geschäft in London an. Die finanziellen Folgen für die Versicherer verlangten alsbald nach Vorsorge- und Abwehrmassnahmen, wofür wiederum in London reichlich geeignetes Personal aufzutreiben war, Agenten von Spezialdiensten und welterfahrene Beamte aus den ehemaligen Kolonien. Die Lloyds-Underwriter Cassidy, Davis, Hicox als führende Anbieter von Kidnapping-Versicherungspolicen veranlassten 1975 die Gründung von Control Risks, deren Liste von Direktoren sich liest «wie ein Who's who der pensionierten Geheimdienst- und Polizeichefs», wie ein Eingeweihter sagt. Abwehr und die Krisenbewältigung im Falle eingetretener Entführungen zählten zu den ersten Aufgaben der Firma. Daraus hat sich ein auf ganze Sicherheitskonzepte spezialisiertes Unternehmen entwickelt, wobei «Kidnapping and ransom» ? Entführung und Lösegeldforderung, kurz und diskret auch «k & r» genannt ? immer noch rund einen Viertel des Umsatzes ausmacht.

Versicherungen gegen die Folgen von Entführungen seien kontrovers, und deshalb wolle auch niemand von den Lloyds-Underwritern Auskunft geben, meint Fenning. Denn je mehr Leute solche Versicherungen abschliessen, desto grösser ist der Anreiz für Kidnapper. Zu den Versicherungsbedingungen gehört deshalb, dass über den Abschluss einer solchen Police absolutes Stillschweigen gewahrt werden muss, ansonsten sie sofort aufgelöst wird. Nie und nimmer würde er die Verwicklung seiner Firma in eine Krisenbewältigung eingestehen, sagt Fenning, auch nicht, wenn das befreite Opfer selber darüber in Interviews spräche. Sehr viele international tätige Konzerne leisteten sich solche Spezialversicherungen, sagt Fenning. Ihm sei ein Fall bekannt, in dem ein Manager in Südamerika entführt wurde, der nicht einmal wusste, dass für ihn eine solche Versicherung bestand.

Seit 1975 war Control Risks mit 650 Entführungen in 78 Ländern direkt konfrontiert. Fenning zieht eine Statistik von 4500 Kidnappings hervor, die Control Risks seit 1989 registriert hat: Kolumbien steht mit 1842 Fällen weit an der Spitze der fünf riskantesten Länder; es folgen Pakistan mit 868, Brasilien mit 424, die Philippinen mit 236 und Mexiko mit 227. Die aufgelisteten Fälle bilden nur einen Bruchteil der tatsächlich erfolgten Entführungen, da viele weder von der Polizei noch von der Presse bemerkt werden.

Oft wehren sich Angehörige von Opfern gegen die Einschaltung von Firmen wie Control Risks, weil sie lieber so schnell wie möglich durch die Zahlung von Lösegeld die Opfer freibekommen möchten und weil sie fürchten, den Versicherern könnte es vor allem um die Vermeidung von Ausgaben gehen. «Aber», so Fenning, «wir verfügen über zahlreiche Beispiele, bei denen die Kidnapper nach der schnellen Zahlung von Lösegeld die Geiseln nicht freiliessen, sondern die Forderungen verdoppelten.»

In Kolumbien wurde einmal die Helikopterbesatzung, die das Lösegeld überbrachte, ebenfalls geschnappt. Und später wurden weitere acht Mitarbeiter jenes internationalen Konzerns verschleppt ? weil es sich offenbar auszahlte und die Arbeit leicht war. Falls andererseits Kidnapper nach kurzer Zeit nur kleine Summen fordern, ist das oft ein Zeichen dafür, dass das Opfer wohl schon tot ist. «Zuerst muss ein Lebensbeweis her», sagt Fenning. «Einmal hat man uns alle paar Tage Fotos geschickt, auf denen die Geisel mit der neuesten Tageszeitung abgebildet war, bis sich herausstellte, dass das Opfer bereits tot war und in einem Kühlhaus konserviert wurde.»

Lange und harte Verhandlungen sollen die Kidnapper zermürben. Zuvor müssen aber die Fakten gesichert und von den Gerüchten getrennt werden. Innert 24 Stunden kann Control Risks ein Spezialistenteam an jeden Punkt der Welt schicken. Ein rasches Eingreifen ist deshalb wichtig, weil in den ersten Stunden nach einer Entführung das Chaos am grössten ist. «Hier müssen wir Ordnung hineinbringen und die Emotionen glätten, vor allem jene der Angehörigen», sagt Fenning. «Wir bleiben immer im Hintergrund und schieben unsere lokalen Kontakte vor. Wenn Kidnapper merken, dass Ausländer dahinterstecken, wird die Angelegenheit erst recht teuer.»

Die Behörden jedoch werden über die Anwesenheit von Control Risks informiert, allerdings nur soweit nötig, denn in gewissen Ländern macht die Polizei mitunter mit Entführern gemeinsame Sache. «Von Befreiungsaktionen raten wir praktisch immer ab, weil dabei die Geiseln oft umkommen.» Falls eine Befreiungsaktion unumgänglich ist, wird sie von den Hütern des Gesetzes im betreffenden Land ausgeführt. «Wir haben noch nie selber ein ?snatch team? ausgeschickt», sagt der Sprecher von Control Risks, «wir haben keine Action Commandos.» Die Realität ist vielmehr folgende: «Wir sitzen in Hotelzimmern und beraten Leute. Selten kriechen wir im Dschungel herum. Wir haben nichts mit Söldnern gemein.» Dennoch können diese Berater in ihren Hotelzimmern ein Vermögen kosten: 1500 Pfund Sterling pro Person und Tag, plus Spesen. Im Schnitt laufen jeden Monat, den eine Entführung andauert, 56 000 Pfund an Kosten auf.

Risikoanalyse und Vorbeugung sind wichtige Bestandteile der Tätigkeit von «k & r»-Firmen. Da die meisten Opfer aus ihren Fahrzeugen oder von zu Hause verschleppt werden, müssen die Vorbeugungsmassnahmen bereits hier ansetzen. Die Checkliste von Control Risks enthält eine ganze Reihe von Banalitäten, wie etwa, dass die Türe nie einem Fremden geöffnet werden sollte. Sie enthält aber auch Hinweise, die nicht zu den offensichtlichsten Verhaltensregeln gehören, wie zum Beispiel den Benzintank des Wagens immer mindestens zu einem Viertel gefüllt zu halten oder in Südamerika einem Polizisten auf ein Haltesignal hin nur dann zu folgen, wenn neben ihm auch ein offizielles Polizeifahrzeug zu sehen ist (um den einfachsten Verkleidungsaktionen auszuweichen). Jene Geiseln, die sich mental schon vor einer Entführung mit dem Eventualfall auseinandergesetzt hätten, litten in der Regel weniger, schreibt Control Risks. «Sie wissen, was auf sie zukommt, und sie wissen, dass nur wenige Geiseln getötet werden. Die schlimmste Zeit einer jeden Entführung ist am Anfang. Die Bewacher sind dann meistens brutal, nicht nur, weil sie die psychologische Überlegenheit über ihre Geisel erzwingen, sondern auch als Reaktion auf die Nervenbelastung und die Adrenalinschübe, der sie während ihrer Aktion ausgesetzt waren. Jene Geiseln, die in Selbstmitleid versinken, tun sich am schwersten.» Irgendeine Beziehung zu den Peinigern herzustellen ist unvermeidlich, und die Firma rät: «Kidnapper sehen eher vom Töten ihrer Geiseln ab, wenn sie ein menschliches Gefühl für sie entwickelt haben.» Eines der grössten Probleme für jedes Entführungsopfer ist die schiere Langeweile, die an die Stelle eines zuvor meist hektischen Managerlebens tritt. Control Risks rät, «im Kopf ein Buch zu schreiben oder sein Traumhaus zu entwerfen». Ebenso gehören zum Angebot der grossen Anti-Kidnapping-Firmen Betreuungsmassnahmen nach einer Befreiung, in Fachkreisen als Detraumatisierung bezeichnet.

John Wick, ehemaliger Offizier der Special Air Services und nun Chef von Integrated Security Systems (ISS), der Nummer zwei der «k & r»-Branche, veranstaltet für die Klienten seiner Underwriter auch praktische Kurse. So simuliert er zum Beispiel Überfälle, oder er bildet die Kursteilnehmer in «defensivem Fahren» aus. Er nennt das «target hardening», die Abwehrbereitschaft eines potentiellen Opfers erhöhen. Von einer Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden hält Wick wenig, zu oft seien die doch selber in die Entführung verwickelt. Im Gegenteil müsse sichergestellt werden, dass Hotelzimmer und Telefonleitungen nicht abgehört werden. «Vertraue weder der Regierung noch der Polizei», rät Wick. «Die haben andere Prioritäten, nämlich die politische Schadensbegrenzung oder die Eliminierung der Täter. Wir hingegen haben nur ein Ziel: das Opfer gesund und so rasch und billig wie möglich freizubekommen.» Dazu lehnt auch er den Einsatz von Greiferkommandos ab. «Unsere Arbeit ist eine rein intellektuelle.»

Einen rasant wachsenden Markt wittert der ISS-Boss in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, weshalb er in Moskau bereits ein Zweigbüro eröffnet hat. Dieses beschäftigt sich vorerst noch vor allem mit der Informationsbeschaffung, zum Beispiel, ob ein Partner eines Joint venture einen kriminellen Hintergrund hat oder an Geldwäsche interessiert sein könnte. Der Kidnapping-Markt, so Wick, ist in Russland noch wenig entwickelt. «Dort bezahlst du entweder sofort oder erhältst gleich die Leiche.»

Die Kidnapping-Szene wandelt sich ständig, sowohl was die potentiellen Ziele als auch was die gefährlichsten Länder betrifft. Früher handelten die Täter vor allem aus politischen Motiven und schnappten sich Politiker oder Grossunternehmer, nun stehen immer mehr rein kriminelle Machenschaften im Vordergrund, denen auch mittlere Angestellte oder ganz gewöhnliche Touristen zum Opfer fallen. John Wick wählt für seine Spezialistenteams am liebsten ungebundene sogenannte Freelancer, Ex-Agenten, die flexibel bleiben, indem sie möglichst an vielen Fronten fit gehalten werden. In London schwirren schätzungsweise rund hundert solcher freiberuflichen Anti-Kidnapping-Experten herum, die ihre Dienste den «k & r»-Firmen anbieten. Als Klient wählt man somit zwar unter verschiedenen Firmen aus, die effektive Arbeit aber wird mehr oder minder von den gleichen Freelancern ausgeführt.

Der 34jährige J. C. ist ein solcher Freelancer und möchte nur mit seinen Initialen genannt werden. Als Agent der kanadischen Drogenpolizei wurde er einst in Südamerika «verheizt» und hätte darauf mit einem Bürojob vorliebnehmen müssen. Statt dessen jobbt er nun für die Londoner «k & r»-Branche. Als seinen interessantesten Fall bezeichnet er jene drei Monate, in denen er in eine Sekte eingeschleust wurde, die den Spross eines schottischen Adelsgeschlechtes in ihre Fänge gebracht hatte. J. C. gelang es, das Zeichen für eine Rückführungsaktion zu geben, was schliesslich zu einer erfolgreichen «Deprogrammierung» führte. Als grösste Gefahr für die Branche sieht J. C. die Welle arbeitssuchender Agenten, die mit dem Ende des kalten Krieges auf den Londoner Markt schwappte. Damit wachse die Gefahr, dass schwarze Schafe in dem Geschäft mitzumischen begännen, bei denen man am Ende nicht wisse, auf welcher Seite sie stünden.

«Die ganze Branche baut auf der Angst auf», sagt Alex Moody, ein Filmproduzent, «deshalb gibt es auch schwarze Schafe, welche die Angst zu ihren Gunsten schüren.» Und alle behaupteten immer, «auf der Seite der Engel zu arbeiten». Deshalb halte man sich als Klient lieber an Firmen wie Control Risks und ISS, das seien die Markennamen der Branche, meint Moody. Er muss es wissen. Moody hatte den Dokumentarfilm des Schweizers Claudio von Planta produziert, der erstmals über die Rebellen berichtete, die gegen die indonesische Unterjochung der Papua in Irian Jaya kämpfen. Dabei ging ein in Australien gechartertes und illegal nach Irian Jaya geflogenes Flugzeug mit von Planta an Bord im Dschungel verloren. Die Eltern von Plantas waren in der Lage, die Dienste von Control Risks anzuheuern. Grossen Anteil an der Rettung von Plantas, der schliesslich durch einen Helikopter aus Irian Jaya nach Papua-Neuguinea ausgeflogen wurde, hatten zwar Moody und seine Freunde; aber der Einfluss von Control Risks war dennoch entscheidend, vor allem auf der emotionalen Ebene zu Hause, wo das professionelle Handling für die Angehörigen sehr beruhigend gewirkt habe.

Auch Claudio von Planta glaubt, dass sich der grosse finanzielle Aufwand gelohnt hat. So hatte Control Risks zum Beispiel einen Geheimcode ausgearbeitet, dank dem er während der Rettungsphase unentdeckt den Funkkontakt aufrechterhalten konnte. «Sie haben rundum einen kühlen Kopf bewahrt und an das kleinste Detail gedacht», lobt der heute in London lebende von Planta. Belustigt, aber auch voller Anerkennung erinnert er sich an eines dieser klitzekleinen Details: saubere Kleidung, Parfum und ein Paar Bally-Schuhe wurden für ihn im Rettungshelikopter bereitgehalten, damit er sich in Papua-Neuguinea nicht durch sein Dschungel-Outfit des illegalen Grenzübertritts verdächtig machte. Das hätte ihm Zwangsarbeit oder die Auslieferung an Indonesien eingetragen.

Oswald Iten ist redaktioneller Mitarbeiter der NZZ.


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