NZZ Folio 11/09 - Thema: Family Business   Inhaltsverzeichnis

Das Experiment -- Verbrechen unter Hypnose

© Loomis Dean//Time Life Picture...
Könnte dieser Mann Ihnen befehlen, eine Bank auszurauben? Linktext
Kann man jemandem unter Hypnose illegale Handlungen befehlen? Einige der Forscher, die es ­herausfinden wollten, riskierten ihre Karriere – und ihre Gesundheit.

Von Reto U. Schneider

Als Harcourt Stebbins das Brennen in seinem Gesicht spürte, wusste er, dass etwas schiefgegangen war, mordsmässig schief. Bis dahin war alles nach Plan gelaufen: Der hypnotisierte Student hatte die Schale mit der Flüssigkeit vom Tisch gehoben, leicht ausgeholt und ihm ins Gesicht geschüttet, genau so, wie es ihm befohlen worden war. Bloss brennen hätte das Stebbins nicht dürfen, denn in der Schale hätte bloss Wasser sein dürfen. Zwar hatte man dem Studenten zu Beginn des Experiments eine Schale mit Salpetersäure hingestellt und zum Beweis ihrer Gefährlichkeit eine Pennymünze darin aufgelöst, aber Stebbins Forscherkollegen hätten diese Schale in einem unbemerkten Moment mit einer Schale Wasser austauschen sollen. Der Student sollte bloss glauben, dass es Salpetersäure sei.

«Ich trage heute noch das Mal dieses Experiments», sagt der 88jährige Stebbins. Mitten auf dem Kopf, versteckt unter seinen grauen Haaren, hat er eine kleine Narbe. Sonst blieben «dank der Schnelligkeit medizinischer Massnahmen», wie es im Fachartikel über den Versuch heisst, keine Narben zurück. Stebbins’ Name wird auf ewig in der Fussnote auf Seite 405 weiterleben, in der «seine Kühnheit, das Risiko des Opfers eingegangen zu sein», verdankt wird.

Dieses Experiment, das 1942 an der Louisiana State University in Baton Rouge durchgeführt worden war, sollte die Frage klären, ob man Menschen unter Hypnose kriminelle Handlungen befehlen könne. Dabei zeigte sich einmal mehr, wie pannenanfällig solche Versuche waren. Harcourt Stebbins war weder ihr erstes Opfer, noch würde er ihr letztes sein.

Um zu verstehen, warum Wissenschafter auf die Idee kommen, sich Säure ins Gesicht spritzen zu lassen, muss man zu den Anfängen der Hypnose zurück­gehen.

Im 18. Jahrhundert begründete der Försterssohn Franz Anton Mesmer aus Iznang am Bodensee unter dem Namen animalischer Magnetismus eine Heilmethode. Mesmer, der in Wien als Arzt arbeitete, glaubte, dass alle Krankheiten eine Folge des Ungleichgewichts einer unsichtbaren magnetischen Flüssigkeit seien, die den Körper durchströme. Durch den «magnetischen Schlaf», in den er seine Patienten versetzte, versuchte er das Gleichgewicht wiederherzustellen.

Verführt unter Hypnose

Mesmer, der in einem lila Samtumhang zu den ätherischen Tönen seiner Glasharfe auftrat, hatte grossen Erfolg. Er wurde an Fürstenhöfe eingeladen und zählte Leute aus der besten Gesellschaft zu seinen Patienten, bloss die Mediziner glaubten nicht an die Existenz der mag­netischen Flüssigkeit und versagten ihm ihre Anerkennung. Sie vermuteten, dass der sogenannte Mesmerismus ein rein psychologisches Phänomen sei und nichts mit irgendeiner Flüssigkeit zu tun habe.

Der grossen Masse war der Expertenstreit egal. Was die Leute endlos faszinierte, waren die zwei hervorstechendsten Eigenschaften des magnetischen Schlafs: Man konnte Leuten in diesem Zustand Dinge befehlen, und sie konnten sich später nicht daran erinnern.

«Der Schlafende wird in einen Automaten verwandelt, den man nach Lust und Laune formen und manipulieren kann», schrieb der französische Arzt Ambroise-Auguste Liébeault 1866 über die Hypnose, wie man den magnetischen Schlaf nun nannte. Und tatsächlich beschäftigten sich schon bald die Gerichte damit.

Zu Beginn waren es vor allem junge Frauen, die erklärten, unter Hypnose verführt worden zu sein, was in manchen Fällen tatsächlich stimmte, in anderen aber eine Notlüge war. Das zeigte sich immer dann, wenn bei ungewollt Schwangeren das Datum der Hypnosebehandlung nicht zum Zeitpunkt der Niederkunft passte.

Juristisch heikler war die Möglichkeit, dass eine Person unter Hypnose nicht zum Opfer, sondern zum Täter wird. Kann man jemanden unter Hypnose zwingen, ein Verbrechen zu begehen, fragten sich die Experten und begannen gleich wieder zu streiten. Die Anhänger der sogenannten Schule der Salpêtrière glaubten nicht daran, jene der Nancy-Schule hielten es für möglich. Liébeault war einer von ihnen und verkündete ­sogar, dass jeder durch Hypnose manipuliert werden könne und dabei «der ­Weiseste ­unmoralisch, die Keuscheste schamlos wird».

Wenn er recht bekäme, stand die Rechtsprechung vor einem unlösbaren Problem: Wer sollte in einem solchen Fall bestraft werden? Der hypnotisierte Täter? Der Hypnotiseur? Beide?

Einer der ersten, die mit Experimenten herauszufinden versuchten, wie weit Menschen unter Hypnose gehen würden, war der Jurist Jules Liégeois. Er befahl der Versuchsperson N., wie sie in seinem 1884 publizierten Aufsatz heisst, seine Tante mit Arsen zu vergiften, und der Versuchsperson G., jemanden zu erschiessen. Beide führten die Taten ohne zu zögern aus. (Das weisse Pulver war natürlich kein Arsen und die Pistole auch nicht geladen.)

Andere Versuchspersonen signierten unter Hypnose Schuldscheine und fälschten Testamente – oder sie schütteten Säure über andere Menschen. Liégeois war der erste, der diese Prozedur anwandte und damit mitschuldig an Harcourt Stebbins’ späterem Unglück.

Säure auf den Versuchsleiter zu schütten, setzte sich in Hypnoseversuchen als Standard für eine kriminelle Tat durch. Wahrscheinlich waren den Forschern Gummischwerter zu unrealistisch und Schusswaffen zu gefährlich. Zudem war von Vorteil, dass es zu keinem direkten körperlichen Kontakt kam.

Mord: ja, Striptease: nein

Trotz dem offensichtlichen Erfolg von Liégeois’ Experimenten wollten die Kritiker von der Salpêtrière nicht verstummen. Was die hypnotisierten Personen da begingen, seien bloss Laborverbrechen. Sie wüssten sehr wohl, dass die Pistole nicht geladen, das Arsen bloss Zucker sei. Tatsächlich zeigte Liégeois mit einem seiner eigenen Experimente unfreiwillig auf, dass die hypnotische Suggestion offenbar auch Grenzen hatte.

Bei einer Demonstration vor grossem Publikum befahl er einer jungen Frau, die Zuschauer zu töten. Sie stach zu, schoss um sich und verabreichte Gift, bis «der Raum mit Leichen bedeckt war», wie ein Zeitzeuge schrieb. Tief beeindruckt verliessen die anwesenden Politiker und Professoren den Saal.

Zurück blieben die Studenten, deren erster Einfall es natürlich war, der immer noch hypnotisierten Frau zu befehlen, sich auszuziehen. Doch die Frau, die eben, ohne mit der Wimper zu zucken, reihenweise Leute umgebracht hatte, flüchtete sich in einen hysterischen Anfall. Auf irgendeiner Ebene ihres Bewusstseins muss sie die Situation erfasst haben.

Bei vielen Experten setzte sich die Meinung durch, dass sich nur ein kleiner Teil der Menschen leicht hypnotisieren lasse und dass auch diese unter Hypnose nichts tun würden, was gegen ihren Willen, ihre Überzeugungen oder ihre moralischen Werte verstiesse.

Als der Psychologe Roy M. Dorcus von der University of California das Experiment der Studenten ein halbes Jahrhundert später heimlich wiederholte, begann sich seine weibliche Versuchsperson unter Hypnose zwar so schnell auszuziehen, dass er sie sofort stoppen musste. Später stellte sich heraus, dass sie es gewohnt war, in Nachtclubs zu strippen.

Griff in die Schlangenkiste

Die Fallbeschreibungen von Liégeois genügten kaum wissenschaftlichen Kriterien, ein Grund für Lloyd W.?Rowland von der University of Tulsa in Oklahoma, die Sache Ende 1930er Jahre genauer – und ohne Publikum – anzugehen.

Um herauszufinden, ob seine Versuchspersonen unter Hypnose anderen etwas antun würden, wandte er die Säuremethode von Liégeois an. Sein Gesicht befand sich dabei hinter einer für die Versuchspersonen unsichtbaren, entspiegelten Glasscheibe. Beide Versuchspersonen warfen die Säure, wenn auch erst nach leichtem Zögern und im einen Fall nach heftigem Zuspruch.

Wenn die Leute unter Hypnose anderen Leid zufügten, würden sie auch sich selbst gefährden? Um diese Frage zu beantworten, dachte sich Rowland eine Testmethode aus, die so originell war, dass andere Forscher sie sofort übernahmen. Er steckte eine Klapperschlange in eine gegen vorne offene Kiste und sagte den hypnotisierten Leuten: «In dieser Kiste liegt ein Stück aufgewickeltes Gummiseil. Gehen Sie zur Kiste, greifen Sie hinein, und nehmen Sie es heraus.»

Rowland hielt die Schlange drei Tage an der Wärme, damit sie lebhaft wurde. Zudem piekste er sie kurz vor dem Experiment durch Löcher in der Kiste. «Das Resultat bot einen höllischen Anblick», schrieb Rowland, «Die Schlange … hob ihren Kopf, bereit, zuzuschlagen, und klapperte so laut, dass es noch in dreissig Metern Entfernung zu hören war.»

Trotzdem fassten drei der vier Versuchsteilnehmer in die Kiste und waren überrascht, als sie mit ihrer Hand gegen eine unsichtbare Glasscheibe stiessen, die den Zugriff versperrte. Von den 42 nicht hypnotisierten Personen der Kontrollgruppe, die Rowland aufforderte, die Schlange anzufassen, folgte keine seinem Befehl. Die meisten konnte er noch nicht einmal davon überzeugen, sich der Kiste zu nähern. Rowland schloss daraus, dass die Ansicht, eine hypnotisierte Person würde «nichts tun, was ihre Ideale verletzt, revidiert werden muss».

1942 wiederholte der Psychologe Paul C. Young von der Louisiana State University Rowlands beide Versuche und erhöhte dann den Schwierigkeitsgrad, indem er sie ein zweites Mal durchführte, diesmal ohne Sicherheitsglasscheiben.

Entspechend fielen die Resultate aus: Einer der Versuchsteilnehmer wurde von der Schlange gebissen, und Harcourt Stebbins bekam «wegen eines äusserst bedauerlichen Missgeschicks», wie es in der Publikation heisst, die Säure ins Gesicht. Der Student, der sie ihm unter Hypnose angeschüttet hatte, war ein guter Freund von ihm. Stebbins, der selber etwas Hypnose betrieb, hatte ihn Young als leicht hypnotisierbare Versuchsperson vermittelt. Er hat ihm nie erzählt, was damals geschehen ist.

Der Mann, der von der Schlange gebissen worden war, fiel übrigens sofort in Ohnmacht. Rowland benutzte ungiftige Diamant-Wassernattern, die den giftigen Wasser-Mokassinottern sehr ähnlich sahen. Für Young war diese Panne kein Grund, das Experiment abzubrechen. Vielmehr brachte er den Versuchsteilnehmer zurück in Hypnose und drängte ihn so lange, bis er «unter Todesangst», wie Young schrieb, die Schlange anpackte. Das Resultat der heroischen Studien: Sieben der acht Versuchsteilnehmer hatten die Befehle ausgeführt.

Young schloss daraus, dass die Hypnose in «geschickten, aber unwürdigen Händen zu einem gefährlichen Instrument werden könnte».

The Manchurian Candidate

Wie die meisten Leute bis heute über die Möglichkeit von Verbrechen unter Hypnose denken, bestimmte aber kein wis­senschaftliches Experiment, sondern ein Thriller. 1959 publizierte der amerikanische Schriftsteller Richard Condon den zweimal verfilmten Krimi «The Manchurian Candidate». Darin wird ein Soldat in Kriegsgefangenschaft mittels Hypnose und Gehirnwäsche darauf programmiert, beim Anblick der Spielkarte Karo-Dame zum willenlosen Roboter unter kommunistischem Befehl zu werden.

Anfang der 1970er Jahre wollten die Psychologen William C.?Coe, Ken Kobayashi und Mark L.?Howard von der California State University endgültig Klarheit schaffen.

Das Problem mit allen bisherigen Experimenten war, dass man nie sicher sein konnte, ob die hypnotisierten Versuchspersonen nicht doch merkten, dass es bloss ein Experiment war. «Diese Schwierigkeit mussten wir überwinden», erinnert sich Howard. «Als wir nach einer kriminellen Handlung suchten, von der die Versuchspersonen nicht vermuten würden, dass sie Teil eines Experiments sein könnten, fiel uns der Handel mit Drogen ein. Und die schlimmste Droge war natürlich Heroin.»

Die bizarre – und aus heutiger Sicht nicht besonders clevere – Idee war, die Versuchspersonen unter Hypnose zu Heroindealern zu machen. Der Drogenhandel schien den Forschern besonders geeignet für das Experiment, weil er ihnen erheblich weniger gefährlich erschien als Versuche mit Schlangen und Säure. Sie sollten sich täuschen.

Drogendealer unter Hypnose

Unter dem Vorwand, im Experiment gehe es um individuelle Unterschiede in der Hypnotisierbarkeit, wählten die Forscher aus 190 Studenten jene 26 aus, die sich am leichtesten hypnotisieren liessen. In mehreren Sitzungen trainierten sie die Studenten darauf, beim Schlüsselsatz «go to sleep» in Hypnose zu fallen.

Eine Woche nach der letzten Sitzung – die Versuchspersonen glaubten, das Experiment sei abgeschlossen – passten Howard oder Kobayashi ihnen vor einem Hörsaal ab und aktivierten in einer stillen Ecke die Hypnose mit «go to sleep». Dann befahlen sie ihnen, bei einem Drogendeal mitzumachen. Wenn du die Augen öffnest, sagten die Forscher zu den Versuchspersonen, steigst du mit mir in meinen Wagen, und wir fahren zu einem Wohnblock, wo du zwei Portionen Heroin ablieferst und dafür 100 Dollar entgegennimmst. Ich bleibe im Auto und hupe dreimal, wenn Gefahr droht.

Alles schien perfekt vorbereitet, Howard hatte sich sogar bei Drogenexperten erkundigt, wie Heroin üblicherweise verpackt und verkauft wird. Das Theater ­zeitigte Wirkung: Wie erwünscht, ahnte ­keine der Versuchspersonen, dass der Drogendeal Teil des Experiments war – und genau darin lag das Problem. Die Forscher waren nämlich nicht auf die Reaktionen der Versuchsteilnehmer vorbereitet. Einige waren extrem aufgebracht, als sie im Nachgespräch erfuhren, dass alles nur Show war.

Die Tochter des Professors

In einem Fall wurde Kobayashi fast verprügelt. Das kam so: Eine Studentin, der er «go to sleep» ins Ohr geflüstert hatte, tat nur so, als ob sie hypnotisiert wäre, und bat zwei Freunde um Hilfe, ohne das Kobayashi etwas davon merkte. Während diese Kobayashi festhielten, rannte die Frau davon. Er hatte grosse Mühe, ihnen zu erklären, dass alles bloss ein Experiment sei. Danach dauerte es einige Zeit, bis er die Frau gefunden und über die wahren Umstände aufgeklärt hatte. Sie war eher belustigt als empört, doch unglücklicherweise war ihr Vater Professor an derselben Universität, und der fand es gar nicht komisch, dass seine Tochter für ein psychologisches Experiment zur Drogendealerin hätte gemacht werden sollen. Es brauchte mehrere Gespräche im Beisein des Rektors, um die Sache zu bereinigen.

Ein interessantes Resultat brachte die Studie trotzdem: Kobayashi und Howard kamen nämlich auf die Idee, einige der Studenten einfach so zu bitten, beim Drogendeal mitzumachen, ohne dass sie hypnotisiert waren. Je besser sie die Forscher kannten, desto eher gingen sie darauf ein; im ganzen waren es nicht weniger als unter Hypnose.

«Hypnose funktioniert nicht wie im Film», sagt Howard, «Sie können unter Hypnose niemanden zwingen, etwas zu tun, aber Sie können es, indem sie eine positive Beziehung zu ihm aufbauen.»

Und was ist mit den sporadischen Zeitungsmeldungen über Leute, die behaupten, sie hätten unter Hypnose gehandelt, als sie den Schmuck gestohlen oder die Pistole gezogen hätten?

Auch die Studie von Kobayashi und Howard schliesst nicht aus, dass es so etwas gibt, und tatsächlich vermutet man bei einigen wenigen Verbrechen, Hypnose könnte im Spiel gewesen sein. Die einzig wirklich gesicherte Erkenntnis aller Experimente ist wohl, dass sich diese Frage nicht experimentell beantworten lässt.

Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.

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