NZZ Folio 05/97 - Thema: Jugendkultur   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Manuelas Wohngemeinschaft

© Christian Känzig
Manuela Ledermann arbeitet teils in ihrem erlernten Beruf als Fotografin und teils in einer Lehrlingseinrichtung. In der WG am Zürichberg lebt sie seit einem Jahr. Linktext
Von Lilli Binzegger

«ICH WOHNE in einer Wohngemeinschaft, weil ich es schön finde, mit anderen Leuten zusammenzuleben. Man ist nicht so ganz auf seine eigene kleine Welt beschränkt. Wir sind hier neun Erwachsene - fünf Frauen und vier Männer - und vier Kinder. Der Zufall hat in dieser WG vorwiegend Leute aus kreativen Berufen zusammengebracht: zwei Fotografinnen, einen Grafiker, einen Gärtner, eine Schmuckdesignerin, einen Bühnenbildner und so fort. Die Älteste im Haus ist 45, Jüngster ist der zweieinhalbjährige Wim. Er und seine Schwester Margaux sind an drei Tagen pro Woche im Hort. Ihre Mutter besucht die Höhere Schule für Gestaltung, der Vater, ein Grafiker, ist zurzeit vor allem Hausmann. Heute, am Samstag, sind die Kinder zu Hause. Die sechsjährige Edda ist hier aber nur zu Besuch.

Dieser Raum ist die Frühstücksküche. Sie liegt im dritten Stock dieses grossen freistehenden Hauses an der Plattenstrasse am Zürichberg. Hier wird wegen der Kinder nicht geraucht. Es ist auch der Ort, an dem man sich tagsüber einen Kaffee macht, die Zeitung liest, sich mittags ein Brot herrichtet. Abends trifft man sich dann in der unteren Küche, wo gekocht und gemeinsam gegessen wird. So um 7 Uhr 30 morgens, bevor die Kinder in die Krippe oder zur Schule und die Erwachsenen zur Arbeit gehen, ist hier oben der grösste Betrieb. Danach ist es jeweils schnell wieder ruhig. Sonntags trudeln die Leute gestaffelt zum Frühstück ein, bloss die Kinder sind so früh auf wie sonst. Während der Grippewelle im Winter war diese obere Küche auch abends belebt. Alle kamen her, um sich Tee zu machen, und waren froh um diesen rauchfreien Raum. Die Möbel in dieser Küche waren alle schon da, als ich herkam. Mein Beitrag waren Dinge wie ein Essigkrug, eine gute Pfanne und Espressotassen. Die fehlten hier.

Am Nachmittag kommen die Kinder manchmal zum Spielen und Zeichnen hierher. Oft sind sie aber auch in ihren Zimmern. Ein Raum wie dieser, den so viele Leute benutzen, bleibt halt ziemlich neutral. Es liegt ja nicht drin, dass da alle ihren Gerümpel liegenlassen. Von hier trägt man die Dinge, die man hergebracht hat, wieder fort, sonst wäre der Ort bald nicht mehr wohnlich. Ab 16 Uhr kommen jeweils die ersten Erwachsenen nach Hause. Wegen der Kinder ist das Nachtessen um 19 Uhr, aber da sind natürlich nicht immer alle schon da. Im Sommer essen wir abends meistens im Garten. Neben den einzelnen Zimmern und den beiden Küchen gibt es noch eine Art Stube mit Sofas, wo auch der Fernseher steht.

Das Haus war, bevor die Stadt es vor zehn Jahren den Besetzern einer Liegenschaft bei der Schmiede Wiedikon überliess, ein Altersheim. Innen ist alles in gutem Zustand, die jeweiligen Bewohner haben es gut unterhalten. Aber das Dach und die Fassade müssten renoviert werden. Wir hätten das Haus gern im Baurecht übernommen, und die Stadt als Besitzerin ging anfänglich auch halbwegs darauf ein. Im Oktober bekamen wir dann aber die Kündigung per Ende März. Das Haus soll renoviert werden, danach soll das türkische Konsulat hier hereinkommen. Wir konnten die Frist noch bis Ende Juni erstrecken, das ist nun aber definitiv. Da letztes Jahr auch noch die letzte aus der ursprünglichen WG weggezogen ist und wir daher nur noch einen Untermietervertrag haben, hatten wir vor der Schlichtungsstelle keine guten Karten. Wir bezahlen 3770 Franken Miete im Monat, was sicher nicht viel ist, aber ja auch nicht nichts. Wohin wir ziehen sollen, wissen wir nicht. Es ist unrealistisch, bis Ende Juni etwas Vergleichbares finden zu wollen. So werden wir vorerst halt einfach einmal bleiben.

Eine WG ist, anders als eine Familie, die eine Art Schicksalsgemeinschaft ist, eine Wohnform, die man sich aussuchen und auch wieder aufgeben kann. Das schafft eine eigene Art von Rücksichtnahme und Respekt. Hier hat jeder einzelne dazu beizutragen, dass der Haushalt und das Zusammenleben gut läuft. Natürlich gibt es manchmal aber auch Krach.

Wenn ein Platz frei wird, werden ein paar Leute vorgeschlagen, die dann vielleicht einmal zum Essen herkommen. Nachher besprechen wir, wer wen möchte und warum. Es ist nicht so, dass ein Neuer sich nur anpassen müsste, vielmehr verändert jeder Neue die Gemeinschaft ein Stück weit. Dass WGs ständig in Bewegung sind, wird gerne so ausgelegt, dass sie nicht funktionierten. Doch gehört es ja gerade zu dieser Wohnform, dass man wieder weggehen kann, um mit anderen Leuten oder allein oder als Familie zu leben.

Ich wohne hier seit einem Jahr, ich habe aber schon zuvor in Wohngemeinschaften gelebt. Aufgewachsen bin ich teils in Bülach, teils in Saudiarabien, wohin wir nach der zweiten Heirat meiner Mutter für fünf Jahre zogen. Von zu Hause weg ging ich mit 19 Jahren.

Ich habe im Stockwerk über dieser Küche ein wunderschönes Zimmer mit einem alten Riemenboden und Aussicht ins Grüne. Möbliert habe ich es mit Sachen, die ich irgendwo gefunden und dann hergerichtet habe. Ich geniesse es, bei offenem Fenster zu schlafen. Das Haus steht in einem schönen, ruhigen Wohnquartier mit prächtigen alten Bäumen. Lediglich zu den Stosszeiten haben wir hier etwas Verkehr. Und zweimal am Tag hört man unten die Kinder zur Rudolf-Steiner-Schule schräg vis-à-vis ziehen. Nein, Leute, die die ganze Nacht Musik hören oder so, gibt es hier nicht. Es müssen am Morgen ja alle früh auf.

In einer so grossen WG zu leben, ist etwas sehr Schönes, wenn gelegentlich auch Anstrengendes. Nur schade, dass es so wenige Räume gibt, die diese Wohnform erlauben.»


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.