Mit sechzehn fuhr ich mit einer Gruppe Jugendlicher nach Spanien in die Ferien. Trotz den beschwichtigenden Aussagen in dem an unsere Eltern gerichteten Prospekt (gesunde Ernährung, reichliche Verpflegung, ständige Beaufsichtigung) schlugen wir masslos über die Stränge. Aber wie immer gab es im Zentrum des Sturms ein ruhiges Auge. Es war ein ernstes, stilles, schönes Mädchen mit tiefblauen Augen, roten Lippen und dunklem Haar, das sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Ich betete sie aus der Ferne an, sass bei der ersten Mondlandung neben ihr vor dem Fernseher; sie richtete höchstens zwei Sätze an mich.
Im Zug zurück nach Hause schienen die anderen zufällig abwesend, als es um die Zuteilung der Couchettes ging. So kam es, dass wir die ganze Nacht schweigend einander gegenüberlagen, die Nasen keine Handbreit voneinander entfernt, die Luft zwischen uns von einer knisternden Energie erfüllt, die für die Wissenschaft bis heute unmessbar ist. Sie trug ein seltsames Parfum, es war wie ein von Thelonious Monk erfundener blauer Akkord: unentschlossen und doch in sich ruhend. An der Gare de Lyon verabschiedete ich mich mit der Frage nach ihrem Parfum. Sie antwortete: Imprévu, von Coty.
Zwanzig Jahre danach, als Imprévu schon längst nicht mehr hergestellt wurde und kaum noch erhältlich war, gelang es mir, den Duft aufzutreiben. Ich schnupperte von allen erdenklichen Seiten daran, aber der gesuchte Akkord kam darin nicht vor. Sie musste mich unerklärlicherweise belogen haben. Seither hat mich der Akkord vielleicht dreimal gestreift, aber ich habe nie herausgefunden, worum es sich handelt.
Doch mir ist etwas anderes aufgefallen: Jeder Duft hat zwei Seiten, eine alltägliche und eine andere, die vielleicht einmal im Jahr aufscheint, durch eine rätselhafte innere Freude entfacht. Ich bemerkte dies zum ersten Mal bei meiner Vespa, deren Auspuffgase fast immer flach und ölig rochen, aber dann überraschend ein tiefes Aroma entfalteten, das wirkte wie das Lachen einer endlosen Landstrasse. Diese Erkenntnis bestärkte meine Befürchtung: Angenommen, der Akkord war die Ausnahmegestalt eines Dufts, der mir ohnehin nur selten unter die Nase kam, wie sollte ich seiner je habhaft werden?
Einen Monat später, ich war im Urlaub in den österreichischen Alpen, war er wieder da. Er stammte von einer Frau in derselben Gondel. Diesmal sollte er mir nicht entwischen. Meine Frau Desa erkundigte sich auf Deutsch. Die Dame war ein wenig verdutzt, dass Leute an ihr schnüffelten, gab aber bereitwillig Auskunft: «Eine Körpercrème von Dieter …» Die zweite Hälfte hatte Desa vergessen, als sie wieder bei mir angekommen war. Werte Leserinnen und Leser, ich bitte um Ihre Mithilfe. Monks Hände schweben spannungsvoll über den Tasten.