NZZ Folio 09/93 - Thema: Arbeit   Inhaltsverzeichnis

Sauve qui peut

Roubaix, eine Stadt ohne Arbeit.

Von Andreas Heller

NACH FLINKEN HÄNDEN verlangte die Stadt und bot dafür Arbeit, ein Backsteinreihenhäuschen zur Miete und ein - meist - bescheidenes Entgelt. In dieser Stadt, so formulierte es der lokale Dichter Amédée Prouvost, in dieser Stadt gab es keine Schönheit, keine Kunst und keine Geschichte, nur mühsame Arbeit. «Diese Stadt der dunklen Mauern und des russigen Nebels, der den Himmel tötet, lässt Dich vor Schrecken erzittern.» Ein leichtes Schaudern packt den Reisenden noch heute, wenn er nach Roubaix kommt, auch wenn die Ursache dafür nicht mehr in russiger Luft und stampfenden Maschinen zu suchen ist, sondern vielmehr in einer gespenstischen Stille und im schleichenden Zerfall.

Roubaix, Provinzstadt im französischen Norden: Abends um sieben, wie der letzte TGV aus Paris kommt, sind die Strassen bereits leergefegt. Sieben Passanten verlieren sich unter der Kuppel des viel zu grossen Hauptbahnhofs. Das Hotel am Bahnhofplatz beherbergt keine Gäste mehr, das Café gegenüber ist ebenfalls geschlossen: blind die Fenster, vermauert die Türen, bröckelnder Putz, moderndes Holz. Die Avenue Jean-Baptiste Lebas, die ehemalige Prachtstrasse - lange ist's her - hinunter, vorbei an dürftigen Schaufensterauslagen, heruntergerollten Jalousien und geräumten Geschäftshäusern, vorbei an der von Patina überzogenen Bronzebüste von Jules Guesde; eigentümlich verloren steht der bärtige Arbeiterführer der Jahrhundertwende inmitten der welken Blumenrabatte. Auf der Grande Place, an der das Hôtel de Ville steht, klafft eine Baugrube; seit Jahren schon, so erfahren wir später, warte die Stadt auf die geplante Metro, die das Städtedreieck Lille?Roubaix?Tourcoing unterirdisch verbinden soll. Drei Häuserecken weiter gesichtslose Zweckbauten der siebziger Jahre, dahinter die Backsteintürme der ehemaligen Spinnerei «Motte-Bossut»: Das ehemalige Industrieschloss, im Volksmund einst «l'usine monstre» genannt, erstrahlt in neuem Glanz und prägt das Stadtbild wie eh und je. In den Mauern der ehemaligen Fabrik befindet sich heute das Telekommunikationszentrum Eurotéléport, und noch diesen Herbst soll hier - eine Initiative des Präsidenten der Republik - auch ein nationales Archiv der Arbeit seine Pforten öffnen.

«Dies ist eine Stadt, die die Zukunft bereits hinter sich hat.» Der Herr, der einsam im Strassencafé sitzt, hat sie wie so viele schon vor Jahren Richtung Süden verlassen. Für ein paar Tage nur sei er zurückgekehrt, um die letzten Brücken abzubrechen und die bisher vermietete Wohnung zu verkaufen. Den Preis für das 4-Zimmer-Appartement «an bester Lage» hat er mittlerweile auf 280 000 Francs, 70 000 Franken, gesenkt. «Ein Spottpreis», wie er mit einem sauren Lächeln findet. Und trotzdem habe bis jetzt noch keiner Interesse gezeigt. Denn in Roubaix gibt es auch Wohnungen für 20000 Franken, und ohnehin steht schon bald die halbe Stadt zum Verkauf.

Roubaix: Stadt der Textilindustrie und der Versandhauskataloge, Stadt der Arbeit und der Arbeitslosen, Ziel der härtesten Rad-Classique der Welt, Stadt der pavés, der Backsteinhäuschen und der potemkinschen Fabrikfassaden. Roubaix, die Stadt, in der sich die Spuren des Industriezeitalters, Blüte und Niedergang einer Epoche, zu einer Realität verdichten, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnte.

Seit dem Mittelalter, seit einem Legat des Herzogs Karl des Kühnen, sind in Roubaix Tücher gewoben und Wolle und Faden gesponnen worden. Und wie überall wurden die Aufträge dieser Manufakturen dezentral vergeben, die Beschäftigten arbeiteten grossenteils zu Hause und wurden von ihren Arbeitgebern nach individueller Leistung bezahlt. Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts entstanden am Ufer des Kanals die ersten Woll- und Baumwollspinnereien, aber Roubaix blieb vorerst ein ländliches Dorf mit rund 7000 Einwohnern. Um so radikaler veränderte sich das Gesicht des Ortes nach der Entwicklung der Dampfmaschine, die Hitze in Arbeitskraft verwandelte, und der Erfindung des mechanischen Webstuhls: Wie Pilze nach dem Regen schoss hier während der industriellen Revolution Fabrik um Fabrik aus dem Boden; innert weniger Jahrzehnte entstand in Roubaix ein zentrales Fabriksystem, das nach Arbeitskräften, nach main d'?uvre, verlangte; aus dem Dorf wurde ein tosendes urbanes Gebilde. Zwischen 1800 und 1850 verachtfachte sich die Bevölkerungszahl; 1896 betrug sie bereits 125 000 - eine Zunahme, wie sie in der französischen Industriegeschichte ohne Beispiel ist.

Heute schrumpft die Stadt wie ein Ballon, dem allmählich die Luft ausgeht. Weniger als 100 000 Einwohner zählt sie noch. In der Textilindustrie, stets das Lebenselixier der Stadt, hat sich die Zahl der Arbeitsplätze innert eines Jahrzehnts halbiert - ein Aderlass, den das moderate Wachstum des Dienstleistungssektors nicht auszugleichen vermochte. Innert derselben Zeitspanne schnellte die Arbeitslosenquote von 6 auf 25 Prozent empor.

Was die Wirtschaftsexperten als Strukturwandel und Desindustrialisierung bezeichnen, ist für die Menschen hier ein wesentlicher Teil ihrer Biographie. Für Bernard Welschbillig zum Beispiel, den Pensionär mit dem akkurat gestutzten Schnäuzchen, den wir auf dem Sekretariat der Textilgewerkschaft treffen, sind die Wechselfälle des Industriezeitalters das persönliche Schicksal. Im letzten Jahrhundert noch war sein Grossvater aus Luxemburg nach Roubaix gekommen, um in einer Spinnerei zu arbeiten. Der Arbeitstag begann um sechs Uhr im Morgengrauen und endete abends um sechs. Sechs lange Tage dauerte die Arbeitswoche. Überstunden lagen im Ermessen des Patrons, und im Winter hatte jeder Arbeiter vier Pfund Kohle für die Heizung mitzubringen. «Die Fabrikarbeit bestimmte das ganze Leben», erzählt Bernard Welschbillig im kargen, nur vom Licht eines PC erhellten Gewerkschaftsbüro, wo er ab und zu aushilft, wenn der Chef gerade abwesend ist.

Da die Bedürfnisse der Maschinen über allem standen, wohnten die Arbeiter in unmittelbarer Nähe der Fabrik in betriebseigenen Backsteinreihenhäuschen; und sonntags war jeder angehalten, den Gottesdienst in der Fabrikkapelle zu besuchen.

Die Welschbilligs waren immer Textilarbeiter. Wie der Grossvater, so der Vater, und wie der Vater, so der Sohn. Dreimal verlor der Vater in den dreissiger Jahren die Stelle, und eine Arbeitslosenkasse gab es nicht. Bernard Welschbillig selbst hat sieben Firmenschliessungen erlebt. Und dennoch habe er irgendwie immer einen Weg gefunden: Am Schluss, bis zu seiner Pensionierung, arbeitete er als Lehrmeister in algerischen und chinesischen Textilfabriken.

Die Anfänge der Krise, berichten die Betroffenen, reichen bis weit in die sechziger Jahren zurück. Mit weiteren Automatisierungen und dem Import billiger Arbeitskräfte aus Nordafrika versuchten damals die Textilunternehmer - die «200 Familien», wie sie in der Stadt genannt wurden - den sich verschärfenden Preisdruck auf dem Textilmarkt abzufedern. Aber die Margen schrumpften weiter, und spätestens in der Ölkrise erwischte das Fallbeil des Bankrotts die kleineren und mittleren Unternehmen gleich reihenweise. Wer jetzt noch im Geschäft bleiben wollte, lagerte die Produktion in Billiglohnländer aus oder sattelte auf Import und Distribution um: Die alteingesessene Textilunternehmerfamilie Mulliez etwa stieg ins Detailhandelsgeschäft ein und gründete die Supermarktkette Auchan; La Redoute, eine der bekanntesten Spinnereien der Stadt, stellte die Produktion ein und verlegte sich ganz auf den Versandhandel. Dem Beispiel folgten weitere Textilunternehmen, und so wurde die Textilstadt mehr und mehr zur Stadt der dicken Versandhauskataloge.

Bevor die Arbeitsplätze zur Manövriermasse geworden waren, die sich fast beliebig an den günstigsten Produktionsstandort verschieben liess - gestern noch Hongkong, heute Indien und morgen China -, waren es die Menschen, die der Spur der Arbeit folgten. Und so waren zuerst Immigranten aus den nahen Benelux-Staaten nach Roubaix gekommen, es folgten Polen, später vor allem Nordafrikaner aus dem Maghreb. Die meisten blieben, weil es sich selbst in der krisengeschüttelten Industriestadt des Nordens noch immer besser leben liess als in der Heimat.

Das Quartier Alma, wo sich früher zahlreiche Textilbetriebe befanden - Rue du Nouveau Monde heisst hier eine der von Fabrikruinen und längst erkalteten Kaminen gesäumte Strasse -, ist so im Laufe der Zeit zu einem arabischen Dorf geworden. An der Rue d'Alouette haben sich Vietnamesen und Kambodschaner niedergelassen. Roubaix - das ist vor allem auch eine multikulturelle Kleinstadt, und eine Stadt der fremdenfeindlichen Animositäten. Im Café Le Nouveau Shanghai drängen sich junge Asiaten um den Billardtisch, nach jeder Partie wechseln Hunderternoten flinke Hände, und draussen vor der Tür verschafft ein älterer Mann seinem Ärger darüber Luft, dass er bald noch der einzige Franzose mit Wohnsitz in dieser Strasse sei: «Cette rue est devenue dégueulasse.» 27 Prozent beträgt heute offiziell der Anteil der Ausländer an der Wohnbevölkerung; rechnete man jedoch noch die zahlreichen, bei Geburt eingebürgerten Kinder der Ausländerfamilien hinzu, würde der Ausländeranteil sogar bei 50 Prozent liegen. So paradox dies auf den ersten Blick erscheinen mag: Selbst in der Krise ist Roubaix eine Stadt der Einwanderer geblieben.

Auf der Stadtverwaltung erklärt man dieses Phänomen damit, dass in den letzten zehn Jahren vor allem der Mittelstand die Innenstadt nahezu fluchtartig verlassen hat und in die besseren Vororte gezogen ist, derweil im gleichen Zeitraum - angelockt vom günstigen Wohnraum - namentlich kinderreiche Familien der untersten sozialen Schicht zugewandert sind. Roubaix, sagt Jacky Minard, der für Beschäftigungspolitik zuständige Chefbeamte, sei zu einer Stadt mit einer demographischen Struktur geworden, wie man sie sonst nur in den bidonvilles der Grossstädte antreffe: das Durchschnittsalter der Bevölkerung liegt mit 28 Jahren rund 7 Jahre unter dem Landesdurchschnitt; ein Viertel der Bevölkerung ist jünger als 15jährig; die Hälfte der Kinder und Jugendlichen unter 19 sind Ausländer; jeder vierte Jugendliche unter 25 hat keine abgeschlossene Ausbildung. Auf der andern Seite gibt es in Roubaix 46 000 Arbeitsplätze, aber nur 34 Prozent werden von Leuten, die auch in Roubaix wohnen, besetzt. Für Jacky Minard zeigen diese Zahlen, dass die hohe Arbeitslosenquote nicht allein auf die Strukturkrise der Textilindustrie zurückzuführen ist, sondern zu einem wesentlichen Teil auch auf die Wanderungsbewegungen der letzten Jahre. Die Arbeitslosen, ist er überzeugt, seien oft identisch mit den neusten Zuwanderern. Und wird dann deutlicher: «Was uns beunruhigt, ist der Zustrom, l'affluence, von Immigranten, die sich lediglich darauf eingerichtet haben, von den Sozialleistungen und den in Roubaix speziell günstigen Wohnbedingungen zu profitieren.»

Seit Jahren, sagt Minard, bemühe sich die Stadt, mit Ausbildungs- und Weiterbildungsprogrammen die zwischen dem Arbeitsplatzangebot und dem Qualifikationsstandard der Bevölkerung klaffende Lücke zu überbrücken. Jetzt aber sei der Trend wohl nur noch mit drastischen Massnahmen zu brechen, «damit unsere Stadt nicht ausschliesslich in die Hände von Randgruppen fällt». In erster Linie denkt Minard dabei an eine Redimensionierung des günstigen Wohnraums. Im Klartext: Schon bald einmal sollen Bagger auffahren und die dem Verfall geweihten Arbeitersiedlungen dem Boden gleichmachen. Gewissermassen auf Vorrat kaufe die Stadt bereits heute Häuser auf, wenn sie höre, dass Ausländer sich dort niederlassen wollten. Das sei zwar nicht ganz legal - aber jetzt helfe eben nur noch die Politik der verbrannten Erde.

Nun hat es freilich auch in Roubaix, ja gerade hier, nie an staatlichen Initiativen gegen den schleichenden Niedergang gefehlt. «L'Avenir de Roubaix» und «Sauver Roubaix» lauten seit dreissig Jahren die Schlagworte, mit denen Wahlkämpfe bestritten werden. «Roubaix 2000» hiess das in den siebziger Jahren unter der damals sozialistischen Stadtregierung aus dem Boden gestampfte Gewerbezentrum, das der Wirtschaftsbelebung dienen sollte und heute praktisch leer steht. Mit Investitionsbeihilfen und Steuererleichterungen versuchte die heute regierende Mitte-Rechts-Koalition neue Unternehmen anzulocken - mit mässigem Erfolg, sieht man ab von Firmen wie der Textildiscounterkette Camaïeu, der vielleicht erfolgreichsten Neugründung in Roubaix in diesem Jahrzehnt. Und auch für das wachsende Heer der Arbeitslosen hatte die öffentliche Hand schnell einmal ein dichtes Netz von Beratungsstellen, Kursen und Vermittlungsbüros geknüpft - oft nicht viel mehr als ein Beschäftigungsprogramm für Sozialarbeiter und Bürokraten.

Heute sucht man nach neuen Wegen. «Wir haben eingesehen, dass auch die beste Weiterbildung nur verschwendetes Geld und verlorene Zeit ist, wenn der Betreffende keine realistische Chance hat, eine Stelle zu kriegen», erklärt Jean-Philippe Leclerq vom kommunalen Integrationsbüro Gagner. Im Unterschied zu früher gehe heute jede Weiterbildung oder Umschulung nicht von den Wünschen des Stellensuchenden aus, sondern vom bestehenden Arbeitsplatzangebot, und dem Praxisbezug bereits während des Integrationsprogramms werde absolute Priorität eingeräumt. Konkret sieht das dann so aus, dass etwa ein Konfektionsbetrieb einen Teil seiner Arbeit einem Integrationsunternehmen übergibt, das dann - angeleitet von einer Fachkraft - die Arbeiten ausführt. Die Leistung wird vom Unternehmen entschädigt, die öffentliche Hand übernimmt die Kosten der Infrastruktur sowie der in der Anlernphase anfallenden Produktivitätseinbusse. 420 solcher Integrationsarbeitsplätze konnten innert eines Jahres geschaffen werden, aber nur 50 Absolventen konnten bisher eine Stelle finden.

Trotzdem ist Leclerq mit dem bisherigen Verlauf der verschiedenen Ausbildungsprogramme zufrieden. Dass sich das Interesse an den Integrationsprogrammen - gemessen an der Arbeitslosenzahl - in Grenzen gehalten hält, überrascht ihn nicht. Nur die überdurchschnittlich Motivierten würden sich für ein Ausbildungsprogramm melden, die grosse Mehrheit, die Langzeitarbeitslosen vor allem, sei indessen mit derlei Angeboten kaum mehr zu erreichen, stellt Leclerq illusionslos fest. Viele hätten bereits resigniert, und dann gebe es freilich auch noch die, die sich auf ein Auskommen mit Sozialbeihilfen eingerichtet hätten. Gut 1000 Franken beträgt die garantierte Erwerbsausfallentschädigung bei einer vierköpfigen Familie, dazu können Mietzinszuschüsse kommen, das alles ist nicht viel, aber auch nicht viel weniger als der garantierte Mindestlohn bei einem Integrationsprogramm oder für eine einfache Fabrikarbeit. Und dazu kommt oft noch etwas Schwarzarbeit: «Rund die Hälfte der Arbeit auf Baustellen», schätzt Leclerq, «wird schwarz gemacht.»

Bei Gérard, den wir in einem Bistro hinter den sieben Geleisen des Bahnhofs treffen, weiss man auf den ersten Blick nicht so genau, zu welcher Gruppe er nun gehört. Gérard hat schon ein paar Bier getrunken; er trägt ein Überkleid und hat ein Schweissgerät bei sich. Bestimmt zählte er einmal zur ersten Kategorie: «Die Programme, die es für Arbeitslose gibt», sagt er, «habe ich längst alle gemacht, es hat nichts genützt.» Später zog er nach Köln, um auf einer Baustelle zu arbeiten. Kehrte zurück. Blieb arbeitslos. Alkohol. Scheidung. Die übliche Geschichte. Seit fünf Jahren beziehe er nun Arbeitslosenunterstützung, 700 Franken im Monat. Ein wenig Geld, sagt der Mann mit der schweren Zunge und den schwarzen Händen, habe er immer, und immer sehr viel Zeit. So ziehe er halt den ganzen Tag mit seinem Schweissgerät durch die Stadt, denn irgendwo, auf irgendeiner Baustelle, finde sich immer ein kleiner Job. «Sauve qui peut.»

Nur wenige Strassen von hier betreibt der 28jährige Vietnamese Bernard Ngo sein Atelier. Vor zehn Jahren ist er mit seinen Eltern nach Frankreich gekommen und hat sich über mangelnde Arbeit seither nie beklagen müssen. Seine neue Heimat ist sein Atelier, in dem er ein Dutzend Näherinnen aus drei Kontinenten beschäftigt. In der Regel arbeitet Ngo 72 Stunden die Woche, aber es können auch mehr werden. «Wenn nötig, arbeite ich auch rund um die Uhr», und als Patron sei er sich nicht zu schade, sich selber an die Nähmaschine zu setzen. «Denn unsere kurzen Lieferfristen, dass wir unsere Arbeit schneller erledigen als die andern, das ist unsere grosse Stärke.»

Konfektionsateliers wie dieses, fast versteckt in einem Schuppen hinter dem Bahnhof, gibt es in Roubaix und Umgebung schätzungsweise um die 100. Fast alle sind im Besitz von Flüchtlingen oder Immigranten aus Vietnam, Laos und Kambodscha, die mit sicherem Gespür eine Marktlücke entdeckt haben: Die emsigen «ateliers asiatiques», wie sie heute offiziell genannt werden, dienen zum einen den Versandhäusern als schnelle und flexible Ersatzlieferanten, wenn sich ein Artikel unerwartet grosser Nachfrage erfreuen sollte, zum andern ermöglichen sie Camaïeu und anderen Kleiderdiscountketten, die Zeitspanne zwischen Produktion und Verkauf zu verringern, was diesen wiederum erlaubt, schneller den immer rascher wechselnden Mode- und Geschmackstrends der Konsumenten Rechnung zu tragen - circuit court heisst diese jüngste Optimierung der Arbeitsteilung.

Nicht immer, räumt Bernard Ngo ein, sei es einfach, das Arbeitsgesetz - regulär 8 Arbeitsstunden im Tag, nicht mehr als 130 Überstunden pro Jahr - mit dem Wunsch nach grösster Schnelligkeit in Einklang zu bringen. Und selbstverständlich gebe es auch Ateliers, welche die Bestimmungen unterlaufen, Ateliers, die illegale Immigranten, auch solche mit gefälschten Arbeitspapieren, in Akkordarbeit beschäftigen würden - 2.50 Franken für das Nähen eines Jupes, der für 40 Franken in den Handel kommt; 6 Franken für ein Hemd, das im Versandkatalog für gut 60 Franken zu finden ist. «Bei uns ist aber alles o.k., unsere Familie ist gross, und so können wir uns immer gegenseitig aushelfen.»

Noch weiss man in Roubaix nicht so recht, ob man die Ankunft der selbstlosen Fabrikanten aus Südostasien begrüssen oder verurteilen soll. Die Gewerkschaften stossen sich daran, dass gewissermassen durch die Hintertür wieder Arbeitsbedingungen Einzug halten, die man längst überwunden glaubte. Auf der andern Seite steht das Gewicht von 1500 Arbeitsplätzen, welche die Asiaten ohne jede Unterstützung aus eigener Initiative geschaffen haben...

Was man auch höher gewichtet: Getrieben vom Agens der Arbeit und des Geldes bewegt sich die Wirtschaft weiter. Immer verwirrender die globalen Handelsströme, immer schneller der Wandel, immer internationaler die Märkte der Arbeit, die sich immer weniger nach den einst von Sozialpartnern und Politikern ausgehandelten Regelungen und Gesellschaftsverträgen richten.

Wenn man die Sache so betrachte, sagt André Diligent, Roubaix' Bürgermeister, dann sei Roubaix - auch wenn sich hier manches vielleicht etwas ausgeprägter zeige - eigentlich eine ganz gewöhnliche Stadt.




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