NZZ Folio 08/97 - Thema: Der Dollar   Inhaltsverzeichnis

Wunderblock -- Die kryptoanarchistischen Mütter

Von Ursula von Arx
WAS IST von zwölf Jahren Schule geblieben? Wenig. Alles Wissen über Differentialgleichungen ist weg, nur den gurkennasigen Mathematiklehrer könnte man noch blind zeichnen. Auf der Erkenntnis, dass wir von der Schule nicht den Stoff, sondern die Lehrer lernen, basiert die Theorie der kryptoanarchistischen Erziehung: Eltern bemühen sich, ihren Kindern Benimmregeln beizubringen - was jedoch bleibt, sind flashartige Schnappschüsse elterlicher Frechdachsereien. So vertrat G.s Mutter immer das Ideal der Höflichkeit. Was den Sohn aber beeindruckte, war folgende Szene: Er und seine Mutter trafen einen ehemaligen Nachbarn wieder, einen Werber, der inzwischen auf Psychoanalytiker umgesattelt hatte. Man setzte sich in ein Café. «Wissen Sie», sagte der ehemalige Werber, «der Beruf des Analytikers, dieses ewige Sitzen, die Verantwortung, das ist so herausfordernd . . .» - «Das sieht man», antwortete die Mutter. Der Analytiker lehnte sich geschmeichelt vor: «Ja?» Die Mutter: «Sie sind fett geworden.»

G.s Mutter ist Hausfrau und wählt bürgerlich. Was ihr nichts hilft. Denn seither wird sie von ihrem Sohn für eine Anarchistin gehalten.


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