Jan Bostridge, 1965 in London geboren, ist einer der meistgelobten Tenöre der Gegenwart. Vor allem seine Interpretationen des deutschen Liedguts von Schubert, Schumann bis Henze brachten ihm enthusiastische Kritiken und viele Auszeichnungen ein. Bis vor sechs Jahren noch hatte Bostridge eine akademische Karriere im Sinn, er schrieb eine Dissertation über Hexen und warum man zwischen 1650 und 1750 aufhörte, an sie zu glauben. «Ich vertraue heute mehr auf meinen Instinkt als früher», sagt er.
Jan Bostridge, lassen Sie uns über Ihre Anfänge reden.
Es war die Oper. Ich habe immer schon Lieder gesungen, aber 1994 war ich Lysander in Brittens Oper «Midsummer Night's Dream», und es gefiel mir überraschend gut. Diese Entdeckung gab mir den Mut, vollamtlicher Sänger zu werden, denn ohne Oper ist heute eine Sängerkarriere fast unmöglich. Ich mache aber höchstens ein, zwei Opern pro Jahr, denn da ist man lange von zu Hause weg, und oft sind die Probezeiten für eine Aufführung sehr kurz. Das ist unbefriedigend. Ich arbeite gerne an grösseren Projekten, so dass sich etwas entwickeln kann. Beim Lied, vor allem wenn du einen ganzen Zyklus machst, hast du keine vorgegebene Rolle, also musst du eine Art Charakter für dich erfinden. Bei einer Aufführung ist vieles improvisiert. Wie du dich bewegst, die Mimik, das alles kommt aus dem Moment heraus, das hast du nicht vorher mit einem Regisseur geprobt.
Was brachte Sie zum Singen?
Als Knabe war ich im Kirchenchor. Und ich hatte einen wunderbaren Musiklehrer, dann einen wunderbaren Deutschlehrer, der uns Deutsch beibrachte, indem er uns Schubert- und Schumann-Lieder mit Fischer-Dieskau vorspielte. Ich war hingerissen.
Machte dieser Geschmack Sie nicht zum Aussenseiter?
Ich war nie an einem Popkonzert, und auch Neueres wie etwa Techno ist an mir vorbeigegangen. Ich glaube nicht, dass ich viel verpasst habe. Diese Musik mag ja Spass machen, da geht es um Tanzen, Sex, Körper. Aber vieles ist sehr berechenbar. Analysiert man ein bisschen, tritt die Banalität dieser Musik sofort hervor. Natürlich gibt es Ausnahmen: Bob Dylan etwa. Er ist unglaublich musikalisch. Oft sind seine Melodien einfach, aber wie er sie dann unterläuft, das ist schon sehr schön. Dasselbe macht er mit den Worten: Dylan gibt denselben Worten immer wieder andere Bedeutungen, indem er sie anders singt.
Schubert, Schumann, Bach - da geht es um Liebessehnsucht, Todesangst, die ganz grossen Gefühle. Was hat das mit Ihnen zu tun?
Eigentlich geht es immer um den Tod. Vor allem bei Schubert. Die romantisch-tragische Liebesgeschichte hat oft nur Alibicharakter und verdeckt die eigentliche Todessehnsucht des Protagonisten. Der Tod ist das grösste Ereignis in unserem Leben. Das ist universell.
Sie denken ständig an Ihren Tod?
Vielleicht würde ich das tun, wenn ich nicht diese Lieder singen könnte. Singen ist für mich eine Art Katharsis, wie bei den griechischen Tragödien. Ich führe in einer sehr kurzen Zeit sehr intensive Gefühle vor auf eine stark formalisierte Art, und danach fühle ich mich erleichtert. Die Worte können leichtfüssig sein oder übertrieben, aber die Musik spricht eine andere Sprache. Sie zeigt, worüber wir nicht sprechen können.
Wie bringen Sie sich in Stimmung?
Ich versetze mich in die Geschichte hinein. Das Lied vom Müllersburschen, der sich unglücklich in ein Mädchen verliebt und sich dann in einen Fluss wirft, ist aber viel mehr, viel tiefer als nur diese Geschichte. Die Musik trägt einen davon. Bei jeder Aufführung erlebt man Überraschungen, weil man ja auf das Publikum reagiert und auf das, was einem sonst passiert während des Singens.
Ihr Begleiter am Klavier ist Julius Drake. Geht er bei allem auf Sie ein?
Ja. Wir kennen uns jetzt schon so lange, dass wir uns fast blind verstehen, auch musikalisch. So können wir Risiken eingehen während einer Aufführung. Julius ist wirklich ein guter Freund, sehr bodenständig. Sänger sind ja eher ein bisschen Diven, sensibel und launisch. Sie tragen halt ihr Instrument immer bei sich, das macht ängstlich.
Wie gehen Sie an ein neues Musikstück heran?
Ich gehe den umgekehrten Weg, den der Komponist geht. Der Komponist geht von den Worten aus, ich von der Musik. Dann versuche ich, die Worte zu verstehen, und setze sie in eine Art Kontrapunkt zur Musik.
Schuberts «Die schöne Müllerin» war eine Ihrer ersten Einspielungen. Würden Sie sie heute, fünf Jahre später, anders interpretieren?
Ja. Denn heute kann ich singen. Vor fünf Jahren hatte ich ja noch keine Ahnung von Technik. Es wird wohl bald eine neue Einspielung geben.
Haben Sie sich verändert, seit Sie sich nicht mehr in der akademischen Welt bewegen?
Ich bin extravertierter geworden, eindeutig. Die akademische Welt ist eine geschlossene Welt, wo manchmal eine ungute Konkurrenz herrscht. Musiker sind netter zueinander, weil sie mehr voneinander abhängen.