NZZ Folio 12/91 - Thema: Verführungen   Inhaltsverzeichnis

Schlüsselsätze -- Die stille Anarchie des Paradoxen

Von Cora Stephan

Eigentum ist Diebstahl. - Ein Satz wie eine Fanfare, weshalb er sich in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren dieses Jahrhunderts grosser Popularität erfreute, ähnlich wie Sentenzen à la «Kapitalismus führt zum Faschismus» oder die Versicherung, das Ausrauben einer Bank sei moralisch unerheblich im Vergleich zur Gründung derselben.

Ein Satz, der überdies wunderbar paradox ist, dem deshalb anarchische Qualitäten unterstellt wurden und den ergo gerade linke Dogmatiker und theoretisch Korrekte seinerzeit keineswegs liebten: Diebstahl setzt die Existenz von Eigentum oder Besitz, den man wegnehmen kann, voraus, kann mit seiner Voraussetzung also nicht identisch sein. Das gleiche gilt umgekehrt: Erst Eigentum ermöglicht Diebstahl, ist aber nicht jener.

Den antiautoritären Anhängern des Satzes war das egal. Sie benutzten die schnelle Sentenz sowieso nur mit hinterhältigem Grinsen vor dem Klassenfeind und in der Absicht vehementer Stilkritik am gutbürgerlichen Privatleben, dessen Protagonisten denn auch prompt die individuelle Zahnbürste in Gefahr wähnten. Eigentum war spiessig, und als «anal» galten sie sowieso, all jene, die «alles für sich behalten» wollten. Das kam irgendwie eher von Freud, nicht von Marx. Ja, von solchen Leuten wurden damals tatsächlich WC-Türen ausgehängt. Nein, um eine wirkliche Analyse spätkapitalistischer Eigentumsverhältnisse handelte es sich nicht. Der Urheber dieses Satzes wurde von seinen späten Interpreten gründlich missverstanden.

Der Satz ist tiefes 19. Jahrhundert. Er stammt von einem, der nicht ganz zu Recht als Begründer des Französischen Anarchismus gilt, von Pierre-Joseph Proudhon (1809?1865), und heisst richtig: «Privateigentum ist Diebstahl.» Mit seinem Werk «Die Philosophie des Elends» (1846) hat sich Proudhon insofern unsterblich gemacht, als er sich eine harsche Replik von Karl Marx zuzog: «Das Elend der Philosophie». Seither hat die sozialistische Hegemonialgeschichtsschreibung Proudhon systematisch zum erzbösen und erzblöden Kerl gemacht, was, wie gesagt, auch eine Art Nachruhm verbürgt. Denn tatsächlich war der Mann, der zu so radikalen wie paradoxen Sätzen neigte, den beiden grossen Bartträgern der internationalen Arbeiterbewegung längst nicht konsequent und radikal genug. Proudhon wollte das Eigentum nämlich durchaus beibehalten, aber nur jenes, das nicht per Akkumulation zu Kapital und damit zum Lohnarbeitsverhältnis führe. Er wollte etwas, das Marx und Engels für unmöglich hielten: Kleineigentum auf Handwerkerniveau, dezentrale und kooperative Industrieunternehmungen, Selbstverwaltung und Genossenschaften. Solche Modelle könnten, hoffte er, übergeordnete Strukturen wie Staat oder Regierung ohne Revolution ersetzen.

Derlei Gedankengut galt der aufstrebenden sozialdemokratischen Arbeiterbewegung spätestens von den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts an als hoffnungslos romantisch und kleinstbürgerlich. In der deutschen Sozialdemokratie reüssierte Ende des 19. Jahrhunderts immer einmal wieder das, was ihre Kritiker «Kasernenhofsozialismus» oder «Staatssozialismus» nannten: Grossindustrie unter staatlicher Ägide. Genossenschaftliche Produktions- und Konsumationsweise? Reformerischer Unsinn, der nach Gedankengut jenes früh verstorbenen und von seinen Gegenspielern August Bebel und Wilhelm Liebknecht zur Unperson gemachten Ferdinand Lasalle roch.

Was in der frühen Arbeiterbewegung noch strittig war - ob es nicht, wie auch Proudhon dachte, eine andere Form des Eigentums als das kapitalistische geben könne, etwa in der Gestalt des genossenschaftlichen Besitzes an Produktionsmitteln -, war entschieden: das Proletariat setzte auf den «naturwüchsigen» Trend des Kapitals zu Zentralisation und Konzentration, zur «Sozialisierung» des Eigentums, das schliesslich fast von selbst in Staats- und dann in Volkseigentum übergehe.

Eigentum ist Diebstahl? Ein frecher, ein verspielter Satz nicht nur angesichts der damaligen gewaltigen Kapitalakkumulation, sondern auch des «ehernen Tritts der Arbeiterbataillone» und der «Gesetzmässigkeit der kapitalistischen Entwicklung hin zum Sozialismus». Mit solchen in Erz gegossenen Phrasen kündigte die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts den Tonfall künftiger Revolutionen an, in denen nicht die kleinbürgerlichen Proudhonisten das Wort hatten, sondern die Stellvertreter des Proletariats. Die sannen nicht über neue Formen von Eigentum und Produktionsweisen nach, sondern veranstalteten mit dem «sozialistischen Volkseigentum» eine Orgie der Verstaatlichung und, wie heute überdeutlich ist, der Verschwendung. Womit sich das sozialistische Volkseigentum als der wahre Diebstahl erwiesen hat.

Dass bei dem Raub und Raubbau, den dieses Volkseigentum bedeutet hat, das höchst private Eigentum einmal als rettende Idee am Horizont erscheinen würde, hätten die Denker des 19. Jahrhunderts völlig unglaubhaft gefunden. Diese Geschichte des Eigentums, seiner Toterklärung nebst partieller Abschaffung und seiner wundersamen Wiederauferstehung wäre noch zu schreiben.

Wobei von Wiederauferstehung auch nur höchst bedingt die Rede sein kann. Denn die sozialistischen Analytiker des Kapitalismus hatten ja recht: mehr und mehr des gesellschaftlichen Reichtums entzieht sich der Herrschaft der Individuen - im Westen allerdings nicht zugunsten des Staates, sondern zugunsten grosser Konzerne und supranationaler Konsortien. Aber wenigsten eröffnen die marktwirtschaftlichen Demokratien dem Einzelnen einen gewissen Spielraum für eigenen Ehrgeiz und eigene Bereicherungslust, was in manchen Gehaltsklassen doch hinwegtröstet über seine faktische Enteignung. Lieber einen schönen kleinen Besitz als allzuviel lästiges Eigentum. Weshalb auch die Proudhonsche Idee der genossenschaftlichen Produktion nur selten geklappt hat. Schade, eigentlich.


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