NZZ Folio 04/06 - Thema: Alt und Jung   Inhaltsverzeichnis

Die Aufmüpfige

© Foto: Suzanne Schwiertz
Emilie Lieberherr, 82: «Ich habe nie Schonung erwartet, ich war aber auch keine Giftnudel.» Linktext
Das Aufbegehren liegt in ihrem Naturell. Emilie Lieberherr war die erste Frau in der Zürcher Stadtregierung, und die Männer waren noch das geringste Problem.

Von Monika Rosenberg

Im Haus an der Limmat, wo Johann Caspar Bluntschli, «Diener am Recht der Heimat, der Staaten und Völker», vor bald 200 Jahren geboren wurde, wohnt heute die Grand Old Lady der Schweizer Politik. Sie empfängt die Journalistin mit einer kleinen Flasche Sekt – «damit wir ein bisschen in Fahrt kommen». Das muss auf die Besucherin gemünzt sein. Emilie Lieberherr, Jahrgang 1924, bedarf keiner prickelnden Anschubhilfe. Sie ist immer noch im Schuss.

«Vielleicht ist es das südländische Temperament. Meine Mutter stammte ja aus Italien, der Vater aus dem Toggenburg. Aufgewachsen bin ich mit meinen Geschwistern in Erstfeld an der Gotthardstrecke. Meine Schwestern waren schon ein wenig sanfter, ich habe hingegen bereits als Kind immer ausgerufen. Damals ging es gegen Hitler. Ich machte ihn in der Schule derart zur Schnecke, dass sich mein Vater bei einem Freund erkundigte, ob wir bei einem Einmarsch der Deutschen etwas zu befürchten hätten. Das Kämpfen habe ich nie verlernt.

Heute will ich die älteren Menschen motivieren, aktiv zu bleiben und in politischen Dingen mitzureden. Sie sollen nicht einfach nur zuschauen und hinnehmen, was mit ihnen passiert. Es macht mich richtig wütend, wenn die Medien von Überalterung und von einer Seniorenschwemme faseln. Wir müssen langsam eine andere Beziehung zum Alter bekommen. Ich kenne jedenfalls junge Leute, die überhaupt keinen Pfuus auf der Leitung haben.

Vor zwei Jahren musste ich an einer Tagung für Bundesbeamte reden, die sich auf die Pensionierung vorbereiteten. Ich sollte den Auftakt machen, damit ein bisschen Schwung ins Ganze kommt. Man erwartete etwas Allgemeines nach dem Motto: Was bringt das Alter und so weiter. Da dachte ich: Heute morgen lege ich ein Bömbeli! Ich sagte also den über tausend Anwesenden im Berner Casino, dass es mich stört, dass den Alten die Pensionierung vorgeschrieben wird, während die Jungen selber über ihr Leben entscheiden können. Der Saal klatschte und tobte!

Klar braucht es ein finanziell abgesichertes unteres Rentenalter für Leute, die ihr Leben lang körperlich schwer gearbeitet haben. Das gehört sich, und dafür sollen die Gewerkschaften kämpfen. Aber nach oben sollte jeder selber entscheiden dürfen, wann er in Pension gehen will. Diesbezüglich sind die Linken auf dem falschen Dampfer. Das ist doch ideologischer Quatsch, was die machen. Ich war ja auch bis 70 in der Zürcher Stadtregierung, und wahrscheinlich wäre ich noch ein weiteres Mal gewählt worden – jedenfalls sagten das die Leute.

Ich kam als erste Frau in den Stadtrat, und später war ich auch im Ständerat lange die einzige Frau. Als der freisinnige Fritz Honegger Bundesrat wurde, eroberte ich in einer Kampfwahl den Zürcher Sitz für die SP. Die einzige Frau unter Männern zu sein, war für mich nie ein Problem. Ich war ja nicht nur studierte Ökonomin, sondern auch leidenschaftlich gern Lehrerin. Die Pädagogik hat mir im Umgang mit den Männern geholfen. Ich weiss schon, wie man sie nehmen muss – mit Charme. Ich habe nie Schonung erwartet, ich war aber auch keine Giftnudel.

Nein, angepasst habe ich mich nicht. Oder finden Sie etwa, ich sei jemand, der sich anpasse? Schliesslich habe ich im Kampf für das Frauenstimmrecht den Marsch auf Bern organisiert, und als Präsidentin des Konsumentenforums nahm man mich vor allem als Frauenpolitikerin wahr. Im Ständerat hat es mir wahnsinnig gut gefallen. In diesem kleinen Kreis konnte man richtig intim diskutieren, und man hörte aufeinander. Ich musste allerdings immer punkt 8 Uhr am Platz sitzen. Vor dem Appell schaute der Vorsitzende nämlich ins Halbrund und sagte: ‹Frau Lieberherr, meine Herren, ich begrüsse Sie zur heutigen Sitzung.› Diese persönliche Anrede zwang mich zur Pünktlichkeit.

Mir ist es in der Politik nie um Macht gegangen. Sonst hätte ich in der Zürcher Stadtregierung sicher nicht das Sozialdepartement übernommen. Den Männern geht es hingegen schon um Macht. Sie sind einfach anders. Nein, Bundesrätin wollte ich nie werden. Ich hatte lieber einen Posten, wo man konkret etwas bewegen kann. Das ist in einer Stadtexekutive eher der Fall als im Bundesrat. Willi Ritschard sagte zwar einmal, er hätte am liebsten mich als Nachfolgerin. Aber mit dem damaligen SP-Präsidenten Helmut Hubacher hatte ich alles andere als ein Liebesverhältnis. Er war total auf die Zürcher Nationalrätin Liliane Uchtenhagen fixiert. Gewählt wurde dann aber Otto Stich. Vor dieser Wahl kamen bürgerliche Ständeräte zu mir und sondierten, ob ich bereit wäre zu einer wilden Kandidatur. Sie sicherten mir die gesamten Stimmen des Ständerats zu, querbeet durch alle Parteien. Ich sagte ihnen, nur das nicht, ich müsste ja dann mit Hubacher kutschieren. Aber ich fand es nett, dass sie mich fragten.

Später schlossen mich die Zürcher Sozialdemokraten aus der Partei aus, weil ich den freisinnigen Kandidaten Thomas Wagner fürs Stadtpräsidium unterstützte. Sie sagten mir: Du bist ja gar keine Büezerin. Ich fragte zurück, wer eigentlich von den SP-Notabeln noch aus einer Büezerfamilie stamme. Mein Vater war immerhin Eisenbahner gewesen, und ich habe mein Studium bis auf den letzten Rappen als Werkstudentin selber finanziert. Ich machte einen Rekurs gegen den Parteiausschluss und zitierte Rosa Luxemburg: ‹Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden, sich zu äussern.› Es nützte nichts. Der Entscheid wurde mit dem Stichentscheid des Präsidenten bestätigt. Eigentlich war ich froh über den Rauswurf. Jetzt bin ich wieder so frei, wie ich immer sein wollte.

Am liebsten hätte ich Jus studiert und dann als Anwältin die Frauen verteidigt, die früher vor Gericht oft unter die Räder kamen. Im Kanton Uri gab es aber keine Mittelschule für Mädchen. So machte ich als Protestantin die Wirtschaftsmatura in der Klosterschule Ingenbohl im Kanton Schwyz. Damit konnte ich mich an der Uni Bern allerdings nicht als Jus-Studentin immatrikulieren. Das war eine Riesenenttäuschung für mich. Beim Herumfragen stellte ich dann fest, dass die Wirtschaftsmatura des Knabenkollegiums Maria-Hilf in Schwyz anerkannt wurde. Offenbar war man in der Erziehungsdirektion der Meinung, in Knabengymnasien gehe es wissenschaftlicher zu und her als in Mädchengymnasien. So bin ich halt bei der Ökonomie und der Pädagogik gelandet. Aber diese Episode regt mich noch heute auf.

Angst vor dem Alter habe ich nicht. In den 24 Jahren meiner Tätigkeit in der Zürcher Stadtregierung war ich immer mit diesem Thema konfrontiert. Seit der Pensionierung habe ich viele Vorträge über Altersfragen und zur Drogenpolitik gehalten. Es kommen immer wieder Anfragen aus dem In- und Ausland. Ich habe in Italien, Deutschland, Frankreich und Österreich und sogar in New York referiert. Jetzt möchte ich langsam ein bisschen kürzer treten, damit ich wieder vermehrt an meine Lieblingsorte reisen kann. Am liebsten möchte ich wieder häufiger meine Verwandten in Italien besuchen. Ich war schon fast überall auf der Welt. In Amerika war ich früher als Erzieherin von Peter, Jane und Klein-Amy Fonda und von anderen Hollywood-Kindern tätig. Dort hätte ich auch Karriere machen können – nicht gerade beim Film, aber als Pädagogin.

Nein, ich bedaure nicht, dass ich keine Kinder habe. Mein Einsatz in der Politik wäre mit einer eigenen Familie niemals möglich gewesen. Ich war immer ein selbständiger Mensch, schon als Kind. Heute geniesse ich das Zusammensein mit den Nachbarskindern und mit all meinen Freunden und Verwandten.

Doch, ich habe mich mit dem Alter schon ein bisschen verändert. Ich bin vielleicht etwas nachsichtiger geworden. Jetzt drängt es mich aber nochmals auf die Barrikaden. Für die Initiative, die verlangt, dass die Nationalbankgewinne der AHV zugute kommen, stürze ich mich ein letztes Mal in Kampfmontur.»


Emilie Lieberherr , geboren 1924 im Kanton Uri, arbeitete bei einer Grossbank. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften und Pädagogik in Bern und promovierte in Politikwissenschaften. Zwei Jahre verbrachte sie als Erzieherin in den USA, war dann zehn Jahre Lehrerin an der Gewerbeschule Zürich. 1970 wurde sie in den Zürcher Stadtrat gewählt. Bis 1994 war sie Vorsteherin des Sozialamtes der Stadt Zürich. Von 1978 bis 1983 gehörte sie dem Ständerat an.

Monika Rosenberg ist Bundeshauskorrespondentin der NZZ.


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