Es waren die Kinder, die ihr sagten, jetzt müsse das aber ein Ende haben mit dem Lotterleben. Das war an ihrem sechzigsten Geburtstag. Heute ist sie dreiundsiebzig, sieht aber noch immer nicht aus wie sechzig. Und wenn sie auch Schluss gemacht hat mit der Herumreiserei von einem Kiosk zum anderen - in einem Kiosk steht sie noch immer. Das Verkaufen liegt Margrith Schmid einfach im Blut.
In die Wiege gelegt war es ihr nicht. Hausfrau, drei Kinder, dann die Scheidung, Krankheit und Kur im Tessin. Dort, am Kiosk neben der Post in Bissone, fing ihr neues Leben an. Ob sie nicht zwei bis drei halbe Tage aushelfen wolle, wurde sie von der Frau gefragt, bei der sie jeweils Illustrierte kaufte. Weil sie das so gerne und so gut tat, riet ihr der Regionalchef der Schmidt-Agence, sich in Basel bei der Zentrale zu melden. Ein paar Kurse, und sie wurde mit ihrem Auto in die Welt geschickt, nach Zürich, Winterthur, Schaffhausen, ins Appenzell und ins Glarnerland. Um auszuhelfen, Ferien zu überbrücken, den Chef zu vertreten oder bei Neueröffnungen zu helfen, alles richtig einzuräumen. Bald hatte Margrith Schmid so viel Erfahrung, dass sie es sich leisten konnte, Basel mit der Kündigung zu drohen, falls man ihr nicht den Kiosk im Zürcher Brunaupark gebe. Den wollte sie, weil er gross war. Denn es ist eine Sache, einen Kiosk auf dem Land mit vielleicht fünfhundert Franken Tagesumsatz zu führen, eine andere aber, für einen Laden verantwortlich zu sein, der gut und gern das Zehnfache macht mit einem Sortiment, bei dem Unerfahrene leicht den Überblick verlieren.
Natürlich gab die Basler Zentrale nach, und Margrith Schmid musste nicht mehr in Zimmern irgendwelcher Bahnhofrestaurants hausen, was für sie aber kein Müssen gewesen war, weil es ihr gefallen hatte. Nun war es der Arzt, der ihr nach gut sechs Jahren - sie hatte sich einer Unterleibsoperation unterziehen müssen - sagte, jetzt müsse sie sich dispensieren lassen, es sei nicht gut, immer auf den Beinen zu sein. Aber wie hätte sie, als es ihr wieder besser ging, denn Nein sagen können, als die damalige Inhaberin des Kiosks an der Limmatstrasse sie fragte, ob sie nicht zwei halbe Tage in der Woche einspringen würde? Schon zweimal hat der Kiosk seither den Besitzer gewechselt, Margrith Schmid ist geblieben. Schliesslich ist sie es, die etwas vom Geschäft versteht. Das musste sie dem neuen Besitzer jeweils nicht selber sagen.
Es hätten schon Leute aushelfen wollen, sagt Margrith Schmid, die meinten, ein paar Schokoriegel verkaufen, das könnten sie ja wohl auch noch. Mit solchen fängt sie gar nicht erst an. Wenn man ihr zuhört, wie sie das Rechnungswesen erklärt, das sie im Alleingang besorgt, versteht man, warum. Da muss peinliche Ordnung herrschen. Wie viele Zeitungen wurden geliefert, wie viele verrechnet, wie viele verkauft, alles wird fein säuberlich mit Bleistift auf Formularen eingetragen. Wer nicht Freude hat an der Ordnung der Dinge, ist in einem Kiosk fehl am Platz. Heute geht alles per Computer, was aber nicht heisst, dass keine Fehler vorkommen, denn Irren ist menschlich.
Was sich verändert hat in all den Jahren? Von allem gibt es immer mehr und dazu immer wieder Neues. Nur Muster bringen die Zigarettenvertreter keine mehr, gefragt danach wird aber immer noch. Und die Kinder sind reicher als früher. Noch gibt es einen Kaugummi und einen Schleckstengel für je fünf Rappen, aber die meisten Kinder strecken ihr heute eine Handvoll Geld hin und fragen, was sie dafür bekommen. Das ist manchmal viel; wer Geld hat, hat auch Freunde. Jetzt, wo Margrith Schmid sesshaft geworden ist, ist sie mit der Kundschaft vertraut, hat den 17jährigen, der Zigaretten will, schon bedient, als er noch mit Schleckzeug zufrieden war. Weshalb sie ihn dann auch fragt, warum er denn unbedingt rauchen müsse. Ein besonders Vorwitziger hat ihr, als er die Sexblätter vom oberen Regalbrett begutachtete, gesagt, sie solle doch nicht so tun, schliesslich lägen solche Zeitschriften bei ihm zu Hause auf dem Stubentisch herum. Aber eigentlich findet Margrith Schmid es gut, dass man nicht mehr so ein Aufhebens macht von der Sache. Sie war zehn Jahre Einzelkind, bevor die drei Brüder kamen, und der Vater hat, es war eine spröde Zeit, streng darauf geschaut, dass sie, das Mädchen, möglichst wenig vom kleinen Unterschied mitbekam. Als der «Sex-Anzeiger» auf den Markt kam, sagt sie, sei das ein Fressen für Männer und Frauen gewesen, aber heute brauche man ja nur eine Zeitung aufzuschlagen, um solche Angebote zu finden. Vielleicht hat sie der Beruf gelehrt, die Menschen so zu nehmen, wie sie sind, mit ihren Lüsten, Süchten und Begierden. Vor dem Kiosk sind alle gleich.
Die Kunden, gerade die, mit denen es das Leben nicht besonders gut gemeint hat, sind dankbar für ein paar freundliche Worte oder ganz einfach dafür, dass jemand ihre Sorgen abhört, was Frau Schmid gerne tut, wenn sie Zeit dafür hat. Schon manchmal durfte sie hören, nachdem sie ein paar Tage weg war, man habe Angst gehabt, sie komme nicht mehr. Und auch Münz kann man geben, selbst wenn man es erst zusammenklauben muss. Wo darf man das sonst? Schwierige Kunden, sagt sie, hat sie keine, manche sind halt einfach etwas mürrisch. Die Zeit, als die Gegend der Drogensüchtigen wegen Schlagzeilen machte, war nicht besonders angenehm. Obschon der Laden lief, denn an Geld, das muss man auch sehen, mangelte es denen nicht.
Auf die Frage nach dem aufregendsten Erlebnis muss Frau Schmid etwas nachdenken. Ja, das war, als einer die Glacetruhe ausräumte, während der andere ihr den Weg versperrte. Da hat ihr schon das Herz geklopft. Mit sieben Schachteln haben sich die beiden davongemacht, und die Passanten haben ihnen nachgeschaut, weil sie nicht wussten, was los war. Aber Angst hat sie keine. Wenn sie abends schliesst, wartet sie, bis ein Tram kommt und Leute in der Nähe sind, sicher ist sicher. Im übrigen darf man nicht vergessen, morgens den Alarm wieder auszuschalten. Geht er los, kommt die Polizei oder die Securitas, und das kostet 150 Franken, auch wenn's umsonst war.
Die Klatschzeitschriften, die sie selber lesen möchte, wie die «Neue Post», die «Neue Welt» oder die «Schweizer Illustrierte», darf sie mit nach Hause nehmen, muss sie aber nach drei Tagen wieder bringen, worauf sie zuunterst in den Stapel kommen. Von dort werden sie meist sowieso nicht mehr verkauft. Aber Sorge tragen muss man doch, und die Kreuzworträtsel darf man natürlich nicht ausfüllen. Auch Lotto macht Frau Schmid manchmal. Das grosse Los hat sie nie gezogen, doch Kunden, die Glück hatten, haben schon zwanzig Franken in die Kaffeekasse gespendet. Macht einer auf dem Lottozettel sieben Kreuze, fragt sie, ob es recht sei, wenn sie das letzte streiche, was nicht immer recht ist und vom Kunden sorgsam bedacht sein will.
In die grosse Welt reist sie, so oft sie kann. Der ältere Sohn hat ein Reisebüro. In Namibia war sie auf Safari, jetzt stehen Prag und dann Vietnam auf dem Programm. Nach Afrika hat sie Kleider und Schuhe mitgenommen und verschenkt, rechte Ware, kein Ramsch. Die Leute fielen ihr um den Hals, woran sie sich so gern erinnert wie an den Sternenhimmel über der Lodge und die wilden Tiere, die an die Wasserstelle trinken kamen, eines nach dem anderen, wie am Kiosk. Nur dass der Löwe brav gewartet hat, bis das Nilpferd davongetrottet war.
Nein, wieder heiraten möchte sie auf keinen Fall, dafür ist sie schon zu lange unabhängig. Dass sie dies ab und zu einem Mann klarmachen muss, hat auch etwas Schönes. Denn dass die Arbeit ihr die Genugtuung verschafft, gebraucht zu werden, muss ja nicht heissen, dass sie auf die Genugtuung, begehrt zu sein, verzichten möchte. Einmal im Monat veranstaltet der Evergreens-Club, in dem sie mitmacht, einen Tanznachmittag. Immer unter einem Motto; «Fasnacht» hiess es im vergangenen Februar. Im Brockenhaus hat sie sich Glacéhandschuhe besorgt, dazu einen goldenen Minirock, eine blonde Perücke samt Hut und schwarze, durchbrochene Strümpfe getragen, wie man auf dem Foto sieht: «Schauen Sie, diese schönen Beine!»