Unter dem Titel «New Laddism» schickt eine neue Kerligkeit sich an, den Mann zu befreien, ihn wieder so zu machen, wie der Herrgott ihn gewollt hat. Endlich darf er das beschämende Kleid der politischen Korrektheit ablegen und die ganze picklige Unverblümtheit seiner nackten, haarigen Männlichkeit vorzeigen. So zumindest behaupten es die Medien, seitdem das Flaggschiff des britischen Machotums, eine Zeitschrift namens «Loaded», neu lan-ciert wurde.
Der «New Laddism» pflegt dieselbe Vorstellung von Männlichkeit wie jene extremen Feministinnen, die ausschliesslich männliches Gemüse essen: Männer sind egoistisch, sexistisch, materialistisch und ein bisschen plemplem. Seinen Ursprung hat dieses Mackertum bei jenen Fussballidolen, die einen Grossteil ihrer Zeit mit anderen Männern zubringen, sich einer maskulinen Ausdrucksweise bedienen und in einer Art heterosexueller Kommunion Flasche, Frauen und Ferrari miteinander teilen. Inzwischen ist die Sache jedoch zu einem Massenphänomen geworden, und man sieht Männer im mittleren Alter, die zu Studenten regredieren, sich tätowieren lassen und jede Domestizierung ablehnen.
Als «Loaded» 1994 gegründet wurde, eroberte das Heft den Markt im Sturm und provozierte stapelweise Nachahmerprodukte, die einander unerbittlich das Niveau abgruben. Mittlerweile findet man beim Zeitschriftenhändler ein ganzes Regal voller Männermagazine. Ein Foto, das mir in einem von ihnen ins Auge sprang, fasst die zentrale Botschaft des Genres zusammen: Es zeigt eine mit Fussballshorts bekleidete, vollbusige Blondine, die sich mit einem Glas Bier in der Hand auf der Kühlerhaube eines Sportwagens räkelt. Das Selbst als Bündel roher körperlicher Gelüste. Ist der moderne Mann wirklich so simpel gestrickt? Ich machte mich auf die Socken, um es herauszufinden.
Mein erster Besuch galt Rick, einem Ethnologen, der Adoleszenzprozesse an vielen Orten der Welt erforscht hat. Er selbst ist der Archetyp des neuen Mannes. Er bleibt zu Hause und kümmert sich um die Kinder, wenn seine Frau arbeitet, oder er nimmt sie mit in seine Seminare. Wenn ich zum Essen eingeladen bin, bäckt er eine fettarme Quiche. Und zum Beweis unserer Männerfreundschaft verrät er mir das Rezept.
«Laddism?» fragte er, während er mit einer Bürste das Haar seiner Tochter zu entwirren versuchte. «Ja, da schütten sie heutzutage die Forschungsgelder hin. Vor ein paar Jahren wurden noch kulturrelativistische Studien gefördert, die nachwiesen, dass Geschlechterrollen nicht angeboren, sondern erlernt sind; heute sind alle auf der Jagd nach geschlechtsspezifischen Unterschieden in der psychischen Hardware. Solche Forschungen lassen sich bequem und billig im Labor durchführen.»
Und er fuhr fort: «Die Evolutionspsychologie hat Hochkonjunktur – wusstest du schon, dass wir immer noch dieselben Verhaltensmuster in uns tragen, die vor Urzeiten unser Überleben in der afrikanischen Savanne garantierten? Also müssen Männer kämpfen, in der Gegend herumvögeln und miteinander raufen. Wir sind eben so. Man kann das Ganze mit dem Hinweis auf die einzigartigen moralischen Fähigkeiten des Menschen ein wenig abschwächen, aber im Grunde geht das neue Mackertum mit der Überzeugung einher, dass Natur über Kultur triumphiere. Nein danke, nichts für mich. Ich beschäftige mich gerade mit einem Ort in Indien, wo die jungen Männer während ihrer Adoleszenz gezwungen werden, jede Nacht mit einem anderen Mädchen zu schlafen. In ihren Augen die reinste Strapaze. Kannst du zum Essen bleiben? Ich muss sowieso für die Kinder kochen.»
Als ich nach Hause ging, stachen mir auf der Strasse die Zeitungsschlagzeilen in die Augen, es ging um eine Lehrerin, die von ihren Schülern vergewaltigt wurde. Der Hooliganism, der in den trostlosen Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus herrscht, ist das Lieblingsobjekt der gegenwärtigen Hysterie, und sämtliche Zeitungen vertreten die Ansicht, durch die selbstsüchtige und unbeherrschbare Mannsjugend sei das Überleben unserer gesamten Gesellschaft bedroht. Tagtäglich werden irgendwelche Geschichten über betrunkene und gewalttätige Jugendliche ans Licht gezerrt und in grellen Schlagzeilen verbreitet.
Tony Blair mit seinem Riecher für Probleme, aus denen sich rasch Kapital schlagen lässt, hat den Halbstarken umgehend den Kampf angesagt. Aber es gibt so viele Ähnlichkeiten zwischen Hooligans und Lads, dass ein Lad im Grunde nur ein Hooligan ohne Vorstrafenregister ist. Die Hysterie kommt in Wellen, und wie es sich im Zeitalter des Egalitarismus gehört, haben die Jungmänner nun einen neuen Schutzheiligen bekommen – nicht die gelangweilten, Leim schnüffelnden Migrantenkinder aus den kommunalen Wohnungen, sondern Prinz Harry, dessen Saufereien, Prügeleien und Knutschereien bereits zu Spekulationen über seine verblüffende Ähnlichkeit mit James Hewitt geführt haben, einem Liebhaber Dianas, der sich ebenfalls durch grosse Meisterschaft in allen Künsten des Müssiggangs hervortut. Harry wurde zwecks Besserung in die Zitadelle der Männerkultur – die Armee – gesteckt, während James Hewitt sich durch die TV-Shows schlägt.
Ich schalte den Fernseher an. Dort präsentiert Jerry Springer einen Mann, der mit seiner Schwiegermutter ins Bett geht. Er zuckt mit den Achseln: «He, Mann. Wir sind allein zusammen im Haus, was erwarten Sie?» Ich wechsle den Sender. Dort wird eine Show mit einer resoluten Frau gezeigt, die in Halbstarkenfamilien eindringt, um ihnen Disziplin und die Verhaltensweisen der Mittelschicht beizubringen. Fritten futternde Flegel werden dazu verdonnert, mit Messer und Gabel am Tisch zu essen.
Danach folgt eine Sendung, in der schlafflippige, aber rebellische, überwiegend betrunkene oder bekiffte Jugendliche wie Sträflinge in überseeische Lager verschifft und dort von einer Kolonne trist dreinblickender Wärter gedemütigt und bestraft werden. Die Briten können sich daran gar nicht sattsehen. Inzwischen gibt es eine neue Quiz-Show über Fragen des Benimms, wo die Leute Punkte bekommen, wenn sie wissen, wie man einen Bischof anspricht. Ich werfe einen Blick auf die Bestsellerliste. Auf dem ersten Platz steht nicht etwa ein Buch über Sex oder beruflichen Erfolg oder wenigstens über die Zubereitung von Quiches, sondern über Höflichkeit und gutes Benehmen. Ja, was nun: neues Mackertum oder neue Kultiviertheit? Der Mann steckt offenbar mal wieder in einer Krise.
Es gibt einen, der es wissen muss: James Brown ist Journalist und als Gründer des Magazins «Loaded» gewissermassen der Pate des neuen britischen Machotums. In späteren Jahren übernahm er einige politisch höchst unkorrekte Zeitschriften, die trotzdem zum Teil recht witzig waren. (Eine enthielt einen Comic mit dem Titel «Die fetten Schlampen».) Auch sie wurden unter seiner Leitung sehr erfolgreich und mit Gewinn weiterverkauft.
Mittlerweile tritt Brown häufig im Fernsehen auf, ein unbezähmbarer Lockenschopf in zerknitterten Klamotten. Sieht man seinen Lebenslauf an, würde man einen Typen vom Schlag grunzender Fussballfan erwarten. Aber er ist leichtgewichtiger, als man denkt, sanftmütig, ja beinahe ein wenig schwächlich. Ich frage ihn nach der Krise der Männlichkeit. Er scheint überrascht. «Krise? Was für eine Krise? Ich sehe keine Krise. Das haben sich die Medien bloss ausgedacht. Ich finde, es gibt heutzutage viel mehr Möglichkeiten zu erreichen, was man will, als noch zu meiner Kinderzeit in Yorkshire.» Seine Stimme klingt spitzbübisch. «Männer bekommen nach wie vor mehr Lohn als Frauen und haben die meisten Spitzenpositionen inne. Warum zum Teufel sollten sie sich bedroht fühlen?»
Das stimmt natürlich, aber vielleicht liegt das Problem darin, dass die Männer sich heutzutage entscheiden müssen. Früher waren die Rollen viel stärker festgezurrt, und man bemühte sich, ihnen zu entsprechen. Jetzt muss man sich selbst entwerfen und die volle Verantwortung dafür übernehmen, wer man ist. Man könnte es Selbsturheberschaft nennen. Wir sind alle Konsumenten, aber nicht nur von Industrieprodukten, sondern auch von uns selbst. Ist Mackertum, so frage ich mich, nicht einfach nur eine unselige Phase, die alle jungen Männer durchlaufen und irgendwann hinter sich lassen sollten?
Ein Hauch von Wehmut legt sich über James Browns Stimme wie ein fernes Beben aus dem verlorenen Paradies. «Auf jeden Fall bringe ich heute weniger Zeit mit Männern zu. Als ich mit ‹Loaded› anfing, war ich 28. Inzwischen bin ich 39 und Vater, und wenn ich abends essen gehe, dann meistens mit anderen Paaren, und wir reden darüber, wohin wir unsere Kinder in die Schule schicken sollen. Mir scheint, man verbringt seine Zwanziger damit, in eine Beziehung reinzukommen, und seine Dreissiger, sich zu fragen, warum und wie man wieder rauskommt.»
Er hat zu flüstern begonnen, als fürchte er, seine Frau könnte ihn hören. «Heute arbeite ich mit vielen Frauen im selben Büro. Klar, manchmal vermisse ich den männlichen Humor, aber dafür ist die Hygiene besser.» Er räuspert sich tapfer. «Die Neuauflage von ‹Loaded›? Scheint so zu sein, wie die Kritiker früher schon immer behaupteten, als es gar nicht so war. Früher war das Heft anarchisch und drehte sich um Dinge wie Fussball, die Männer wirklich interessieren. Aber neben den spassigen Sachen wie Computerspielen und Mädchen brachten wir auch Tiefschürfendes, Interviews mit Leuten wie Robert Redford. Heute gibt’s kaum noch Text, nur noch Bilder.» Und mit sich aufheiternder Miene: «Ehrlich gesagt, ich bin froh, dass ich die Zeitschriften verscheuert und damit so viel Geld gemacht habe, dass ich mir ein grosses Haus leisten konnte, hypothekenfrei. Es gefällt mir hier sehr.»
Das war nun nicht gerade die messianische Botschaft standhaften männlichen Selbstbewusstseins, die ich erwartet hatte: keine Rede von Männlichkeit als einer schönen, aber gefährdeten Sache, die vor den Frauen geschützt werden muss wie eine zarte Blüte vor gefrässigen Läusen. Ob er eine Botschaft an die jungen Männer von heute habe? Er dachte eine Weile nach. «Wenn die Welt besser werden soll, müssen mehr Frauen auf den Markt», antwortete er. In meinem Kopf blitzte die Vision eines Sklavenmarkts mit in Ketten gelegten vollbusigen Blondinen auf, aber das war es nicht, was er meinte. Ich hatte wohl schon zu viele Männermagazine gelesen.
Ich telefonierte mit einem Freund. James ist ein «New Warrior», er gehört zu einer jener Männergruppen, die übers Wochenende aufs Land fahren, um unter sich zu sein. Angeblich geht es ihnen darum, einen separaten Männerraum zu schaffen, in dem sie sich besser entfalten können, ganz ohne Angst und ohne Schuldgefühle, was so viel heisst wie: ohne Frauen. «Du lernst, deine Gefühle und dein Gehirn in Übereinstimmung zu bringen, reife Beziehungen zu anderen Männern einzugehen, ohne diese lächerliche Angst vor dem Schwulsein; du lernst, offen zu sein, im Einklang mit dir selbst, ohne dich deiner Gefühle als Mann zu schämen.» – «Aber was genau macht ihr da?» – «Das kann ich dir nicht sagen, wir haben uns zu Verschwiegenheit verpflichtet.»
Ich telefonierte mit einem anderen Freund, einem Psychologen, und fragte ihn, was er darüber denke. Er klang genervt. «Alles Quatsch», raunzte er, «Laddism ist bloss ein neuer Name für eine egoistische Entwicklungsverzögerung. Übrigens, habe ich dir schon gesagt, dass ich mich scheiden lasse und mir wieder eine eigene Wohnung nehme? Ich hab gemerkt, dass ich eigentlich gar keine Kinder will. Die hab ich schon den ganzen Tag bei der Arbeit um mich. Wo war ich stehengeblieben? Ach ja. Du bist auf der falschen Fährte. Das wahre Problem des Laddism sind nicht die Männer, sondern die Frauen! Heute benehmen sich doch alle gleich, gehen saufen, essen Fastfood, machen Nächte durch. Früher sagten wir, dass alle sozialen Probleme verschwänden, wenn alle sich wie Frauen verhielten. Kein Knast, keine Kriege, keine Gewalt. Von wegen. Hast du die neusten Zahlen zur weiblichen Kriminalität gesehen? Ach was, hast du gesehen, wie die Mädchen sich heute bewegen? Das sagt doch alles. Ich kann mir keinen Mann vorstellen, der so den Macker raushängen liesse. Mich widert das an.» – «Aber was genau hat sich denn verändert?» – «Scham!» brüllte er wie ein alttestamentarischer Prediger, der Frösche auf die Gottlosen herabregnen lässt. «Es gibt kein Schamgefühl mehr. Oder es wird verdrängt – auf diese Weise können wenigstens die Psychotherapeuten noch am Schuldgefühl verdienen. Mehr hat es mit dem New Laddism nicht auf sich, es ist lediglich eine Auswirkung der allgemeinen Abwesenheit von Scham.»
Ich legte den Hörer auf und sah mir noch einmal die Notizen an, die ich während meines Gesprächs mit James Brown gemacht hatte, und tatsächlich, da war sie, die Scham, wie ein Leitmotiv zog sie sich durch unsere gesamte Unterhaltung. Ein rechter Mann braucht sich seiner selbst auch unter kritisch vernichtendem weiblichem Blick nicht zu schämen. Er darf auf seine Wasserscheu stolz sein, sich mit Löchern in den Socken oder Flecken auf den Unterhosen erwischen lassen oder sein Mittagessen auf der Toilette einnehmen. Aber Macker sein schliesst nicht nur eine gewisse Selbstgefälligkeit ein, sondern auch eine Geste aktiven Trotzes, die man als solche geniessen kann wie ein eigenhändig eingeschlagenes Fenster. Je asozialer, desto besser fühlt es sich an. Der unbändige Körper ist das positive Symbol des unbändigen Mannes.
Mir wird klar, dass ich nie ein richtiger Macker werden kann, weil ich einen letzten Rest an Schamgefühl besitze. Betrübt widme ich mich wieder meiner Ausgabe von «Loaded». Der Lesertest dreht sich diesmal um die Frage «Wie macho bist du?» Man kann zwischen zwei Alternativen wählen: «Du lässt dir einen blasen, du kommst und fragst: Wie war ich?» oder «Du lässt dir einen blasen, du kommst nicht und fragst: Passiert dir das öfter?» Nächsten Monat geht es um die Frage «Wie klein ist dein Schwanz?» Ich kann es kaum erwarten.
Nigel Barley ist Ethnologe, er lebt in London.
Übersetzung: Robin Cackett, Berlin.