FELSEN, BURG UND TÜRME prägen bis heute das Weichbild Salzburgs. Die Idylle wird aber jäh gebrochen durch die Härte einer Komposition technischer Bauten an der Salzach. Dieses expressive Nachkriegsensemble der Stadtwerke wurde 1987 erweitert um eine aussergewöhnliche Rauchgasreinigungsanlage des Zürcher Architektenpaars Marie-Claude Bétrix und Eraldo Consolascio. Mit dem barock geschwungenen Dach und dem nach oben sich verjüngenden Schlot erinnert das Gebäude an elegante Kirchenbauten der fünfziger Jahre, aber auch an den monolithischen Entwurf des Zürcher Teams für ein Theater in Neuchâtel. Heute gilt die Rauchgasreinigungsanlage als eine jener architektonischen Perlen, die das neue Salzburg der 1982 vom damaligen Stadtrat Johannes Voggenhuber initiierten «Architekturreform» verdankt.
Besucher, die auf den Spuren dieser neuen Bauten die Stadt durchforschen, werden am Gebirgsjägerplatz ihren Augen kaum trauen: Gleich neben der Rauchgasreinigungsanlage von Bétrix & Consolascio erhebt sich neuerdings auf einer abgewinkelten Restparzelle ein urbanistisch präzis definierter, aus zwei ineinander verschränkten Volumen bestehender Baukörper, der ausschaut, als würde eine corbusianische Villa von einem riesigen, schachtelartigen Gebilde aus graubraunem Gestein zermalmt. Bei diesem ebenso kargen wie suggestiven Gebäude handelt es sich um ein die Stromversorgung der Innenstadt sicherndes Umspannwerk, das das Architektenpaar zusammen mit Eric Maier zwischen 1991 und 1995 als zukunftsweisendes Haus für Mensch und Maschine realisierte.
Die strassenseitigen Fassaden dieses Elektrotempels veranschaulichen, wie hier zwei Volumen - ein neomodernes und ein brutalistisches - zueinanderfinden. Als subtiler Balanceakt und statisches Bravourstück erweist sich, was man zunächst für formale Aggression hielt: Drei sorgfältig austarierte Bauelemente, eine aus der Fassade vorspringende Quadersäule, eine Pendelstütze und ein Würfel erlauben den Ausgleich der Kräfte an der aussen tragenden Fassade. Die seitliche Ansicht macht zudem die von Licht und Tiefe geprägte Schichtung - felsgraue Betonhülle, weisser Baukörper und dahinterliegende Glasflächen - deutlich und zeigt so das kubische Konstruktionsprinzip, das auch das Gebäudeinnere bestimmt.
An der Ostfassade wird der schwere Betonblock durchbrochen von drei transparenten Streifen: im Erdgeschoss durch die Glaswand des Ladenlokals, darüber durch das klassisch modern wirkende Fensterband der Werkstätten und dann durch den Glasvorhang von Schaltwarte, EDV-Raum und Leiterbüro. Die Öffnung im dunklen Balken deutet schliesslich an, dass sich hinter dem auskragenden Element ein Dachgarten verbirgt, um den sich Grossraumbüro und Dienstwohnung anordnen.
Das Herzstück des Gebäudes aber ist das Treppenhaus. Hier verdichtet sich das durchdachte Farb- und Raumkonzept zu einer safrangelben Skulptur, die als begehbares Objekt nicht nur der Erschliessung dient und eine zentrale Rolle bei der Lichtregie spielt, sondern auch vielfältige Durchblicke ermöglicht. In ihr kann man zudem das artistische Gegenstück zu den beiden völlig abgeschirmten Elektroräumen sehen, dem ultramarin und kobaltblauen 110-kV-Raum und dem schwefelgelben 10-kV-Raum, in dem die Elektrizität fast physisch erlebbar wird. Farb- und Formgebung beweisen hier, dass auch Technikräume architektonisches Profil haben können.
Bétrix & Consolascio haben sich mit diesem Bauwerk dem Einfluss von Rossis Geometrien, Symmetrien und Rastern entzogen und zu einer freieren Architektursprache gefunden, die bestimmt wird durch Raum, Licht und Farbe. Statt wie einst Körper zu addieren, entschieden sie sich nun für ein fliessendes Raumkonzept, das jenes ihres jüngst vollendeten Hauses in Avegno an Komplexität noch übertrifft. Dabei beschwört ihr kunstvoller Einsatz roher Materialien wie Holz und Beton bald japanische Traditionen, bald lässt er an die Arbeitsweise von Carlo Scarpa denken, dessen Vorliebe für Details, subtile Farbigkeit und komplexe Ecklösungen sie in diesem hochästhetischen Technikbau teilen.