Asmus Finzen, 1940 in Taarstedt (Schlesien) geboren, ist promovierter Psychiater. Neben Medizin hatte er auch Soziologie studiert. Von 1968 bis 1975 arbeitete er an der Universität Tübingen, wo er Mitbegründer und Leiter einer Tagesklinik für psychisch Kranke war. Von 1975 bis 1987 stand er als Direktor dem Niedersächsischen Landeskrankenhaus Wunstorf vor. 1987 folgte der Ruf nach Basel. Er amtet seither dort als Leiter der Sozialpsychiatrischen Abteilung der Psychiatrischen Universitätsklinik und lehrt an der Medizinischen Fakultät in Basel. Finzen gilt als etablierter Vertreter der sozialpsychiatrischen Reformbewegung der siebziger Jahre und ist ein profunder Kenner des Themas Suizid. Er ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem «Patientensuizid» und «Suizidprophylaxe bei psychischen Störungen». Beide sind im Psychiatrie-Verlag, Bonn, erschienen. Demnächst startet er eine grössere sozio-demographische Untersuchung über den Suizid in den letzten fünf Jahren im Kanton Basel-Stadt.
Herr Finzen, Sie sind Suizidexperte und erfahrener Psychiater. Was geht in Ihnen vor, wenn sich einer Ihrer Patienten das Leben nimmt?
Das ist jedesmal furchtbar. Häufig handelt es sich um Menschen, die eine lange Krankheitskarriere hinter sich haben, wenn sie sich umbringen. Eine jahrelange therapeutische Beziehung bricht abrupt ab. Ich verliere einen Menschen, und es stellt sich das Gefühl ein, als Therapeut versagt zu haben. Der Auftrag, die Krankheit zu lindern, wird durch den drastischsten Abbruch, den man sich vorstellen kann, für immer verunmöglicht.
Tauchen Schuldgefühle auf?
Sicher stellt sich da die Frage nach der Schuld, nicht nach der gesetzlichen, sondern nach dem subjektiven Versagen. Ein Suizid passiert nicht, weil die Türe einer geschlossenen Station offengelassen wurde. Auch wenn ich weiss, dass Selbstmord nicht in allen Fällen verhindert werden kann, muss ich mich fragen: Habe ich auf der Beziehungsebene das Notwendige übermitteln können, das den Suizid hätte verhindern können? Wenn ich zu abgebrüht bin, kann ich niemanden mehr behandeln. Mediziner und Psychologen haben grosse Schwierigkeiten mit suizidgefährdeten Menschen.
Woran liegt das?
Wenn wir Menschen in einer Situation begegnen, in der sie beim Versuch gescheitert sind, sich das Leben zu nehmen, entspinnen sich von unserer Seite immer wieder Verpflichtungsgefühle und verhaltene Vorwürfe. Von Patientenseite hören wir: Du hast überhaupt kein Recht, mich daran zu hindern. Dies kann sich in massiven Gegenmassnahmen niederschlagen. Das Extremste, was ich erlebt habe, war eine Frau, die sich an beiden Handgelenken die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Der Chirurg nähte nicht nur die Wunden, er gipste die Frau ein, damit sie sich nicht mehr bewegen konnte. Warum nehmen sich Menschen das Leben? Sie sind verzweifelt und leiden unter depressiven Verstimmungen und Hoffnungslosigkeit.
Gibt es Anzeichen für einen Suizid?
Manche Leute sagen ganz direkt: Ich bringe mich um. Dies ist ungehörig und löst Abwehrreaktionen aus. Vielfach zeigen sich die Anzeichen indirekt: Gefährdete Menschen kommen erkennbar mit ihrer Situation nicht mehr zurecht, geraten in eine Sackgasse und werden depressiv. Doch nicht alle können ihre Gefühle zeigen, deshalb werden die Signale oft übersehen. Andererseits bringt sich nicht jeder um, der verzweifelt oder depressiv ist und nicht mehr weiterweiss. Diese Ungewissheit macht den Umgang mit Suizidalen so schwierig. Man kann einem depressiven Menschen nicht dauernd unterstellen, er sei gefährdet. Insgesamt ist der Suizid ja doch ein seltenes Ereignis.
Was sollen Angehörige tun, wenn jemand Selbstmordgedanken äussert?
Suizidäusserungen müssen in jedem Fall ernst genommen werden. Beim Nachfragen sollte man sich aber nicht konkret auf den Suizid fixieren, sondern die gesamte Situation dieses Menschen einbeziehen: Wo ist sein Problem, was ist es, was ihn verzweifeln lässt? Warum erscheint ihm die Situation ausweglos? Dann muss abgewogen werden, ob man einen Fachmann, eine Fachfrau hinzuziehen sollte. Oft hilft ein Anruf beim Hausarzt, der, auch wenn er kein Spezialist ist, für eine Familie eine Bezugsperson ist und Rat geben kann.
Was machen Sie in der Klinik mit einem suizidgefährdeten Menschen?
Das Wichtigste ist, ihn zu stützen. Dann gilt es, die Grundkrankheit zu behandeln. Wenn sich jemand in der Klinik befindet, hat er meistens eine psychische Störung, die nicht allein in der Suizidgefährdung besteht. Wir versuchen, diese Störung gezielt anzugehen. Bei einer - phasisch verlaufenden - Depression geben wir Antidepressiva. In jedem Fall ist es sinnvoll und berechtigt, Tranquilizer, Beruhigungsmittel, zu geben, um die Angst wegzubringen. Wenn der Patient bereit ist, sprechen wir mit ihm über seine Selbstmordabsichten.
Ein bekannter Schweizer Psychiater plädierte kürzlich dafür, suizidal depressive Patienten nach Möglichkeit mit Medikamenten zu behandeln.
So ist mir das zu apodiktisch. Es muss definiert werden, was ein Depressiver ist. Eine schwere Depression wird mit Antidepressiva behandelt, vor allem, wenn der Patient suizidal ist. Wenn ein Patient trauert, depressiv verstimmt ist und sich entschliesst, dies ohne Medikamente durchzustehen, dann ist dies konstruktiv.
Man hört von Suizid-Epidemien, auch in psychiatrischen Kliniken. Letztes Jahr haben sich beispielsweise in Bad Ragaz sechs junge Menschen das Leben genommen. Ist Suizid ansteckend?
Es spricht einiges für diese These. Suizid ist eine menschliche Möglichkeit. Es gibt wohl keinen halbwegs empfindsamen Menschen, der nicht schon in schwierigen Situationen darüber nachgedacht hat, ob das Leben noch einen Sinn hat. Wenn jemand Nahestehender in einer ähnlichen Situation Suizid begeht, steht einem diese Möglichkeit des Auswegs näher, als wenn das nicht der Fall wäre. Dies scheint bei den sogenannten Imitationssuiziden eine Rolle zu spielen. In Anlehnung an Goethes Briefroman spricht man vom Werther-Effekt.
Zu den Medien: Sollten sie besser nicht über Suizide berichten?
Das ZDF strahlte vor Jahren die Filmserie «Tod eines Schülers» aus. Im Vorspann wurde gezeigt, wie sich ein 19jähriger vor den Zug wirft. Der Film hatte den Sinn aufzuklären, doch die Aufklärung fand in einer Weise statt, die bei den jungen Zuschauern nicht nur Verständnis geweckt hat. Sie haben den Suizid als Möglichkeit für sich begriffen. In der Folge stieg die Zahl der Jugendlichen, die sich vor den Zug warfen, kurzfristig um bis zu 175 Prozent. Die Berichterstattung über Selbstmord muss sachlich sein. Gefährlich ist, wenn eine Verherrlichung des Suizids stattfindet oder an Rachegefühle appelliert wird wie: Der hat es denen aber gegeben.
Was halten Sie in diesem Zusammenhang von Suizidanleitungen?
Ich will niemandem das Recht absprechen, sich das Leben zu nehmen. Manche Leute haben, zumindest subjektiv, gute Gründe dafür. Meine Aufgabe als Arzt besteht aber darin, bei der Suche nach Überlebensmöglichkeiten behilflich zu sein. Die Gefahr von Organisationen wie Exit oder von Suizidanleitungen sehe ich dort, wo die Leute zur Selbsttäuschung verleitet werden. Bestimmt hätte mancher, der sich das Leben genommen hat, seine Situation nach dem Abklingen einer Depression ganz anders beurteilt. Für mich ist die Grenze dort erreicht, wo mit der Popularisierung von solchen Anleitungen Menschen unter Druck geraten, sie möchten sich nun bitte ihr Leben nehmen, weil es nichts mehr wert sei.
Und wenn der Wunsch vom Suizidwilligen selbst kommt? In Holland wird dieses Vorgehen assistierte Euthanasie genannt.
Nach gründlicher Überlegung kann sich ein Mensch für Suizid entscheiden. Er ist autonom in seiner Entscheidung, wenn er psychisch gesund ist. Es ist aber nicht meine Aufgabe als Arzt, ihm aktiv sterben zu helfen.
«Wir leben, was den Umgang mit dem Tod und dem Suizid betrifft, tatsächlich noch im finstersten Mittelalter», resümierte der Schweizer Schriftsteller Hermann Burger. Was meinen Sie zum Suizid als Tabu?
Der Suizid ist nicht mehr tabuisiert. Dafür sprechen die vielen Suizidanleitungen. Auch die Zahl der Exit-Suizide hat in den letzten Jahren drastisch zugenommen.
Eine klassische Medienschlagzeile lautet: «Immer mehr Selbstmorde in der Überflussgesellschaft.»
So stimmt das nicht. In Deutschland etwa ist die Suizidrate in den letzten 20 Jahren kontinuierlich zurückgegangen. In der Schweiz nicht; über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Suizidrate bei Menschen im hohen Alter ansteigt. Vermutlich ist die Suizidrate in der Schweiz deshalb nicht zurückgegangen, weil hier mehr ältere Leute leben; es ziehen sich Menschen aus anderen europäischen Ländern hierher zurück, um alt zu werden. Das spricht gegen die These der «Überflussgesellschaft», eher für Faktoren wie Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit, die unter den älteren Menschen gehäuft vorzukommen scheinen.
Warum weisen die europäischen Binnenländer, darunter die Schweiz, sehr hohe, die südlichen Länder wie Italien tiefe Suizidraten auf?
Das hat mit der religiösen Tradition zu tun. In katholisch geprägten Kulturen, in denen der Suizid von der Kirche geächtet wird, sind die Suizidraten tiefer als in protestantischen.
Gibt es Unterschiede zwischen Stadt und Land bezüglich Suizidhäufigkeit?
Sie ist in Grossstädten generell höher als auf dem Land. In der Schweiz haben der Kanton Appenzell und das Toggenburg eine besonders hohe Suizidrate. Dafür habe ich keine Erklärungen, höchstens Phantasien. Es ist eine Kultur für sich, in der der Suizid stärker als eine kulturelle Möglichkeit gesehen wird als sonst irgendwo.
Warum bringen sich im Frühsommer am meisten Leute um?
Das Leben ist von Rhythmen und Jahreszeiten mitgeprägt. Es kann sein, dass sich biologische und soziale Faktoren in einer unguten Art und Weise in bestimmte Jahreszeiten verlegen.
Als am stärksten suizidgefährdet gilt die Gruppe der 20- bis 35jährigen Männer, bei denen Selbstmord auch an erster Stelle der Todesursachen steht. Die Rate ist im Zunehmen begriffen.
Es ist klar, dass Suizid bei jungen Menschen die häufigste Todesursache sein muss, da es, wenn sie gesund sind, ausser Unfall keine andere gibt. Über die behauptete Zunahme hege ich gewisse Zweifel. Ich glaube dies erst, wenn ich eine kontinuierliche epidemiologische Entwicklung über die letzten 20 Jahre sehen kann. Im übrigen liegt die Suizidrate der 20- bis 35jährigen deutlich unter jener der 40- bis 65jährigen und ist nur halb so hoch wie diejenige der über 65jährigen.
Gibt es gesellschaftliche Präventionsmassnahmen?
Mit einem freundlicheren und weniger repressiven Stil im Umgang mit Menschen, beispielsweise im Militär oder in den Schulen, könnte viel Schlimmes vermieden werden. Dazu gehört schliesslich auch der Suizid.