NZZ Folio 12/98 - Thema: Nachts   Inhaltsverzeichnis

Die Nacht ist ohne Ende

Ah-Ah-Ah-Ah-haha! Der Soldat schläft nie.

Von Silvan Semadeni

«DIE NACHT IST OHNE ENDE», singt der Soldat, wenn der Himmel ohne Stern und was er liebt so fern ist: «Ah- Ah-Ah-Ah-haha, Ah-Ah-Ah-Ah-haha!»

Doch singen darf er nur, wenn entweder der Feind besiegt ist oder er selber. In diesem wie in jenem Fall liebt er in der Nacht, zumal auch die Strasse ohne Wende und Ende ist, nahezu alles, was fern ist. Sogar die Kaserne. Steht aber die Begegnung mit dem Feind noch bevor, darf er, auch wenn die Nacht ohne Ende ist und der Himmel ohne Stern, dies keinesfalls singend hinausposaunen. Weil der Feind mithört. Und allem Singen und Lieben sofort ein Ende setzen würde. Und dann gute Nacht!

So kennt der Soldat zwei Sorten von Nächten: die Nacht, in der gesungen wird, und die Nacht, in der nicht gesungen wird. Bloss die Nacht, in der geschlafen wird, kennt der Soldat nicht, denn der Soldat schläft nie. Weil auch der Feind nie schläft. Aus diesem Grund darf in der Nacht, in der nicht gesungen wird, überhaupt kein Geräusch gemacht, ja nicht ein Sterbenswörtchen geredet werden. Wer nicht schweigen kann wie das Grab, fällt selbst hinein.

«GEBEUGTE RÜCKEN TRAGEN», summt deshalb stumm der Soldat, die harte schwere Last, und müde Schritte fragen, wann endlich kommt die Rast: «Ah-Ah-Ah-Ah-haha, Ah-Ah-Ah-Ah-haha!»

Überdies trifft er eine Reihe weiterer Vorsichtsmassnahmen, die verhindern, dass weder er noch seine Last vom Feind bemerkt wird. Gamelle, Feldflasche, Essbesteck, Gewehr, Raketenrohr und Handgranaten polstert er ab, damit, wenn er durchs Dunkel der Nacht schleicht, nirgendwo Metall an Metall schlägt und dem Feind verrät, dass da ein Soldat kommt mit Gewehr, Raketenrohr, Handgranaten, Gamelle, Feldflasche und Essbesteck. Und da der Soldat nie allein ist, sondern als «Mitglied der kämpfenden Truppe» mit ebenso schwergerüsteten Kameraden durch den finsteren Wald (der Himmel ohne Stern!) stolpert, gilt es, doppelt und dreifach vorsichtig zu sein. Damit nicht nur nicht Metall an Metall, sondern auch nicht Soldat an Soldat schlägt. Was, wer sich des Nachts im Schweizer Wald ein bisschen umhört, nicht selten der Fall ist.

«Auaah! Arschloch!»

«Selber Arschloch!»

«Ins Auge! Steck die Knarre weg!»

«Steck sie selber weg!»

«Psst!»

Der gestandene Soldat erkennt in jenem scharfen «Psst!» unschwer die Stimme des Vorgesetzten, der nun alles daran setzt, den Ruhestörer ausfindig zu machen und zur Rede zu stellen. Was die einander eben noch wüst beschimpfenden Soldaten sofort zur schweigenden Mehrheit zusammenschweisst. So dass der einzige Laut, der das Schweigen der Lämmer durchbricht, die Stimme des Offiziers ist, der, etwas ungeübt im Gebrauch des Schalldämpfers, brüllt: «Wer war das?»

Was der Feind natürlich mithört. Und was die Nachtübung zu einer Angelegenheit macht, die unbedingt wiederholt werden muss.

«WANN SCHEINT DIE SONNE WIEDER?» fragt sich also der Soldat und weiss nicht, wann wird es hell und licht, wann fällt der Kummer nieder, wann drückt die Not ihn nicht: «Ah-Ah-Ah-Ah-haha, Ah-Ah-Ah-Ah-haha!»

Und doch gibt es da etwas, weswegen der Soldat selbst einem so sonnenlosen Unternehmen wie einer Nachtübung etwas abgewinnen kann. Wo alle Katzen grau sind, ist er es auch. Freudig also unterzieht sich der Soldat, der nichts so sehr fürchtet wie aufzufallen, jener kosmetischen Behandlung, die für eine Nachtübung unabdingbar ist wie die Maske für Leute, die ins Scheinwerferlicht der Fernsehkameras treten. Mit Korkzapfen, von klammen Fingern über einer Flamme geröstet, schwärzt sich der Soldat Gesicht und Hände, bis ihn nicht einmal diejenige wiedererkennen würde, die er liebt so fern. So ist er unsichtbar für den Feind, der weder rechts noch links, sondern vor ihm steht: der Vorgesetzte.

Dergestalt steht der Soldat still und stumm im Walde und lauscht dem Echo jener Frage nach dem Störenfried, die so unbeantwortet bleiben wird wie die nach dem Sinn des Lebens. Hier draussen hat es sowieso keinen.

«GEDULD, ES WIRD SICH WENDEN», hofft nichtsdestotrotz der Soldat und verlässt sich fest darauf, dass in Gottes weisen Händen liegt aller Weltenlauf: «Ah-Ah-Ah-Ah-haha, Ah-Ah-Ah-Ah-haha!»

So ist es denn auch, und eines Tages wird er viele schöne Erinnerungen haben, der Soldat. Nicht jeder dieselben. Unvergessen bleiben wird dem einen die Übergabe der «persönlichen Waffe» durch den Kompaniekommandanten, ein Akt so feierlich wie eine Trauung, auch wenn die Braut hier eine Nummer trägt und kalt ist wie ein toter Fisch. Dem anderen das Ende der Rekrutenschule, die Bestätigung, dass er zum Mann geworden ist und jetzt die Mütze in die Luft werfen, die Krawatte abschneiden und den Zipfel an die Wand nageln darf.

Alle aber werden sie sich erinnern an die Begegnung mit dem inneren Schweinehund als an den Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Wenn des Morgens um fünf Uhr dreissig der Weckdienst mit schweren Schuhen den Schlafsaal betritt, «Tagwache!» schreit und eine Kanonade von Neonröhren zündet, dann flüstert dieser, zärtlich wie die Nacht, dem Soldaten ins Ohr, was immer der Soldat gerne hören mag. Niemals ein Wort wie «Tagwache». Wörter wie «Disziplin», «Kampfmoral» oder «Manneszucht» kennt der innere Schweinehund nicht, weshalb er neben dem eigentlichen Feind der Hauptfeind aller Feldweibel und Offiziere ist. Haben sie nicht jedem Soldaten seinen inneren Schweinehund zugeteilt, auf dass er ihn überwinde?

Nie wäre der innere Schweinehund etwa auf den Gedanken gekommen, nach einem Tag voller Blut, Schweiss und Tränen eine Nachtübung zu veranstalten. Oder Wache zu halten in der Nacht. Wache, nicht Nachtwache. Denn eine Nachtwache, wie sie in Spitälern und anderen der Gesundheit dienenden Institutionen gebräuchlich ist, kennt der Soldat nicht. Er kennt nur die Wache, und die will gehalten sein, ob es nun Tag ist oder Nacht. Was übrigens aus dem Tagesbefehl hervorgeht, dessen Geltungsbereich sich auch auf die Nacht erstreckt.

So steht sich der Soldat ein Soldatenleben lang die Füsse in den Leib, starrt ins Bodenlose irgendeiner Bergwelt und hadert mit seinem besten Freund, dem inneren Schweinehund, der auch dieser Nacht wie allen Soldatennächten sofort ein Ende setzen und was er liebt aus der Ferne entfernen und an sich drücken möchte: «Oh-Oh-Oh-Oh-hoho!»

Silvan Semadeni, Infanterist, lebt in Airolo.


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