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Liebhaber -- Glitzert, flimmert, vergeht
© Claudia von Boch, D, Kronberg/...
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Fürstin Gabriela zu Sayn-Wittgenstein-Sayn widmete sich in den letzten Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Fürst Alexander dem Wiederaufbau des neugotischen Schlosses sowie der Burg Sayn in Bendorf-Sayn am Mittelrhein. Schloss und Park wurden für den Fremdenverkehr erschlossen. 1987 gründete die Fürstin den «Garten der Schmetterlinge» im Schlosspark. Das Fürstenpaar hat sieben Kinder. www.sayn.de |
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Fürstin Gabriela zu Sayn-Wittgenstein-Sayn liebt Schmetterlinge, vor allem die einheimischen. Und die sind vom Aussterben bedroht. Um sie zu retten, zeigt die Fürstin den Menschen tropische Falter.
Von Anja Jardine
In einem Seitental des Mittelrheins, jener Region, in der die Loreley ihr Unwesen trieb, lebt eine Fürstin. In ihrem Schloss allerdings ist sie nicht oft anzutreffen, meist findet man sie in einem Glashaus im Schlosspark. Warm ist es dort und schwül. Wenn ein kalter Wind draussen durch die alten Bäume im Park geht und Wolken den Himmel verdunkeln, wähnt man sich in den Tropen kurz vor dem Monsunregen.
Die Luft ist schwer vom Duft des Hibiskus und gärender Früchte, ein Leguan verharrt reglos auf einem Stein am Wasserfall, eine Vogelspinne döst in ihrer Vitrine. Ruhig und träge ist alles, bis plötzlich ein Sonnenstrahl einfällt. Wie aus dem Nichts erheben sich zehn, zwanzig, ja Hunderte von Schmetterlingen in die Luft. «Sehen Sie», sagt die Fürstin und lächelt, «alles schwebt.» Besucher bleiben verblüfft stehen, selbst hartgesottene 15jährige auf Schulausflug unterbrechen für einen Moment die eigene Balz, einer ruft: «Voll krass, Alter!» und fügt fast nachdenklich hinzu: «Ich glaube, die leben nicht lang.» Treffender hätte es auch Hesse nicht sagen können, der schrieb: «Flügelt ein kleiner blauer Falter / vom Wind geweht / ein perlmutterner Schauer / glitzert, flimmert, vergeht.» Tatsächlich leben die tropischen Falter nur wenige Wochen, auch wenn es nicht das ist, was Hesse gemeint hat.
Einmal pro Woche trifft auf Schloss Sayn Nachwuchs aus den Tropen ein – aus Costa Rica, Malaysia oder Brasilien. Geschickt nutzen die Züchter die Bedürfnislosigkeit der Puppen, um sie – sorgfältig verpackt – um den Erdball zu verfrachten. Etwa 300 daumengrosse, scheinbar leblose Gebilde pinnen die Fürstin und ihre Mitarbeiter wöchentlich an das Brett in der Puppenvitrine. Dazu bedarf es eines Fitzelchens jenes Gewebes, Gespinst genannt, das die Raupe beim Einpuppen gefertigt hat, um sich für die Puppenruhe an einem Ast zu fixieren. Wie Schmuckstücke hängen diese nun hinter Glas, auf den ersten Blick vertrockneten Blättern gleich. Auf den zweiten allerdings ähneln sie winzigen Drachen oder Mumien. Lampions aus Pergament. Oder giftigen Kapseln, wie die gold-metallisch schimmernden Puppen der weissen Baumnymphe. Kein Feind frisst die freiwillig.
Die Tränen der Krokodile
Wer Glück hat, sieht, wie eine Puppe plötzlich aufbricht und etwas Zerknittertes zum Vorschein kommt, ähnlich einem Fallschirm. Und nicht anders als der Fallschirmspringer hat es der Schmetterling sehr eilig, seine Flügel auszubreiten. Das tut er – noch immer an der Puppenhülle baumelnd–, indem er Blut in die Adern pumpt; die Flügel dürfen nicht trocknen, bevor sie voll entfaltet sind. «Erst dann hat er die Ruhe, den Rüssel zu kontrollieren», sagt die Fürstin. «Das sind geniale Konstruktionen: Sie lassen sich zum Reinigen reissverschlussartig in zwei Halbrohre teilen.» Und je nachdem, welchen Saft ein Schmetterling bevorzugt, ist er kurz und kräftig, um Bienenwaben zu knacken, lang und biegsam, um Nektar aus tiefen Blütenkelchen zu schlürfen, oder gar speziell geformt, um ihn einem Krokodil unter das Augenlid zu schieben und seine Tränen zu trinken. Aber Krokodile gibt es hier nicht.
Nach etwa einer halben Stunde hat sich der Schmetterling von der Wiedergeburt erholt und wird aus der Puppenvitrine in sein kurzes, lustiges Schmetterlingsleben entlassen: schön sein, Nektar schlürfen, balzen. So wie jener Schwarm weisser Baumnymphen, der rund um die fleischigen Blüten der Hoya tänzelt, anmutig wie Ballerinas. Welch grandioser letzter Akt.
Im Herbst, so erzählt die Fürstin, würden sie und ihre Mitarbeiter täglich gefragt: «Verpuppen sich die Schmetterlinge jetzt?» – «Nein, sie sterben.» – «Das ist aber traurig», rufen die Leute. – «Das ist keineswegs traurig», entgegnet die Fürstin, «das ist der Lauf der Dinge.» Und sie wird nicht müde, den Kreislauf immer und immer wieder zu beschreiben: «Ei – Raupe – Puppe – Schmetterling. Dann ist Schluss. Doch bevor er stirbt, placiert er die nächste Generation auf den Blättern der Staude. Das Spiel beginnt von vorn.»
Voilà! Die Fürstin hat auf der Unterseite eines grossen Blattes der Bananenstaude eine Ansammlung weisser Eier entdeckt, gross wie Stecknadelköpfe. Ganz in der Nähe kriechen, parallel zu den Blattrippen und somit perfekt getarnt, die jungen grünen Raupen herum. Auf dem Rücken haben sie drachenartige Stacheln. «Sie tun so, als seien sie gefährlich», sagt die Fürstin, «aber streichen Sie mal drüber.» Es fühlt sich an wie Samt.
Wen der blaue Morpho küsst
Schmetterlinge sind Meister der Tarnung und der Täuschung. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, harmlos wie sie sind. So ist die junge Raupe des Bananenfalters grün und lebt an Blättern, während die ältere braun ist und am Stamm lebt. Bis dahin hat sie dem Ruf einer Raupe Nimmersatt alle Ehre getan, wurde immer fetter und fetter. Viermal sprengt sie ihre Haut, zuletzt gross wie eine Zigarre, und wenn sie sich ein fünftes Mal häutet, kommt keine Raupe mehr zum Vorschein, sondern die Puppe. «Erst hängt da kopfüber eine Raupe am Ast», erzählt die Fürstin, «und wenn man eine halbe Stunde später wiederkommt, baumelt da ein welkes Blatt.»
Die Bestimmung des Bananenfalters, der sich Wochen später aus dem welken Blatt pellt, ist es eigentlich, in der Dämmerung durch das Amazonasgebiet zu streichen. Deswegen gibt er vor, eine Eule zu sein. Die grossen Augenflecken auf den Hinterflügeln sehen exakt aus wie Eulenaugen, inklusive einer Spiegelung auf der Pupille.
Als hätte er gehört, dass grad von ihm die Rede ist, landet ein Bananenfalter an der «Obstbar» neben der Staude und nascht an gegärten Bananen. «So wie dieser Falter die Bananenstaude braucht, so brauchen unsere heimischen Falter ihre spezifischen Futterpflanzen», sagt die Fürstin, «der Admiral die Brennnesseln, der Apollofalter die Fetthenne, der Aurorafalter das Wiesenschaumkraut, der Zitronenfalter den Liguster und das Schachbrett ein paar Gräser.»
Damit sind wir beim Thema. «Das Ei hast du nur, wenn du die Pflanze hast, und die hast du nur, wenn du den Boden nicht versaust. Schmetterlinge sind Bioindikatoren.» – Entschuldigung, Fürstin, aber wer kommt denn da des Weges? Mit majestätischem Flügelschlag schwebt ein grosser und unglaublich blauer Falter vorbei. Ein Raunen geht durchs Glashaus. Der blaue Morpho! Kein Zweifel, das ist der Star in der Manege. Einer zumal, der wahrlich nicht jedem sein Blau zeigt. Sitzt er mit geschlossenen Flügeln auf einem Blatt, bleibt das Blau verborgen. Da kann man noch so lange warten. Umso verdutzter ist mancher Bewunderer, dem sich der Morpho unversehens auf die verschwitzte Stirn setzt. Er liebt Ausscheidungen! Dem Bürgermeister von Bendorf küsste der Falter gar die feuchten Lippen. – Doch wo waren wir stehengeblieben? Bioindikatoren.
«Bleiben die Schmetterlinge weg, stimmt etwas nicht mehr», sagt die Fürstin. Das ist es, was sie den zigtausend Besuchern jedes Jahr mitzugeben versucht. Sie hegt und pflegt seit über 25 Jahren diesen Garten, importiert bis zu 200 verschiedene Arten pro Jahr und beschäftigt zehn Mitarbeiter, um unsere Aufmerksamkeit vom blauen Morpho auf den himmelblauen Bläuling zu lenken. Der und seinesgleichen sind es, die ihr am Herzen liegen. Die tropischen auch, wohlgemerkt. Durch die Zucht sind mittlerweile einzelne Arten von der Roten Liste verschwunden, aber so weit sollten wir es mit den verbliebenen einheimischen gar nicht erst kommen lassen.
«Wenn mich nur jeder zehnte fragt, was er tun könne, um Schmetterlinge in seinem Garten zu locken, ist doch schon etwas erreicht.» Was also kann er tun? Brennnesseln stehen lassen zum Beispiel oder nektarreiche Blumen mit vielen kleinen Blüten pflanzen. Auf dem Balkon reicht ein Topf mit Wandelröschen. «Viel verlangt er nicht», sagt die Fürstin, und denkt an den Schmetterling von Wilhelm Busch, der seine Blume liebt: «Doch was am meisten ihn entsetzt, / das Allerschlimmste kam zuletzt. / Ein alter Esel frass die ganze / von ihm so heiss geliebte Pflanze.»
Und wer der Esel ist, ist ja wohl klar.
Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.
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