NZZ Folio 01/03 - Thema: Angst   Inhaltsverzeichnis

Wie soll ich wissen, dass es nicht der ist, der beisst?

Protokoll einer Hundeangst und der Versuche, sie loszuwerden.

Von Claire Keller

Dem Hund nie in die Augen starren, Gleichgültigkeit und Desinteresse zeigen. Augenkontakt gilt als Herausforderung bei selbstbewussten Hunden: Wer ist der stärkere von uns beiden? Die Körperhaltung soll entspannt sein…» (Aus: www.hundezeitung.de.)

Gleichgültigkeit! Entspannte Körperhaltung! Würde mich jeweils am liebsten auf dem Boden zusammenrollen und den Kopf in den Armen verbergen, wenn ich einem begegne, mich totstellen.

«…aber nicht zu stark aus dem Verhaltensmuster fallen, das der Hund von Menschen gewohnt ist: also nicht schwanken, sich nicht krümmen, sich nicht kleiner machen. Sich nicht unsicher zeigen: keine panischen körper- oder gar lautsprachlichen Reaktionen wie Fluchtbewegung oder Schreien! Solche Unsicherheit fordert einen selbstsicheren Hund nur noch heraus. Aber auch beruhigende Töne können einen unbestechlichen Hund nicht täuschen.»

Dass ich einen Hund zu täuschen vermöchte, hätte ich auch gar nicht angenommen, und zu panischen körper- oder gar lautsprachlichen Reaktionen bin ich sowieso nicht in der Lage: Ich erstarre, wäre also nicht einmal imstande, mich am Boden liegend totzustellen. Aber das wäre ohnehin ein Sichkrümmen und Sichkleinermachen. Und stehend tot geht nicht. Und das wäre der Hund vom Menschen auch gar nicht gewohnt.

Ton bringe ich weder einen schrillen noch einen beruhigenden heraus. Am ehesten ginge noch, wozu ein Hundebuch rät (was aber «nicht in jedem Fall» klappe): «Mit hoher Stimme wie ein Welpe zu fiepen oder zu winseln», wenn man sich «über die Stimmungslage des Hundes nicht im Klaren ist.» Innerlich winsle und fiepe ich sowieso. Mit Winseln und Fiepen kann ich dem Hundebesitzer aber nicht «einfach mitteilen», ich hätte Angst, wie man das mir auch noch rät. Denn so nah, dass er es hört, komme ich ihm nicht.

«Tief ein- und ausatmen während der Begegnung» (Hundezeitung), «das reduziert den Adrenalinausstoss, der für den Hund ein Signal ist: das Gegenüber hat Angst.» www.laufzeit-online.de: «Mit Worten, durch abwehrende Bewegungen oder auch nur mit abweisender Miene zu erkennen geben: Hau ab, ich hab Angst vor dir, ich will mit dir nichts zu tun haben! ist für den Hund eine schwere nervliche Belastung.» (Armer Hund.) Und meine Angst zeigt ihm, das weiss ich längst, dass ich ihm unterlegen bin, und als Unterlegene müsste ich in Unterwerfungsstellung gehen, als Hund müsste ich mich auf den Rücken legen, als Mensch aber nichts tun, was er von Menschen nicht gewohnt ist, siehe oben. Und Angst «darf» ich sowieso keine haben, weil der Hund das «sonst spürt».

(www.kersti.xchaosx.de): «Wer Angst vor Hunden hat, sollte bei einem Angriff stehenbleiben, auf den Hund zeigen und ihn anbrüllen, wenn er sich in fünf bis zehn Metern Entfernung befindet. Da Hunde immer der Überzeugung sind, dass Menschen grösser und stärker sind als Hunde, wird der Hund keinen Angriff wagen, sondern umdrehen oder stehenbleiben und aus der Entfernung bellen.»

Da ist man doch sehr froh, dass sich die Ratgeber derart einig sind.

Sein Bellen in Gottes Ohr.

Welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf, wenn Sie in diese Situation kommen?», fragt sie. Ich hatte der Verhaltenstherapeutin, der ich gegenübersitze, schildern müssen, wann mich die Angst am stärksten überfällt: Wenn ich allein bin und ein freilaufender Hund auf mich zukommt.

Gedanken? Ich versuche mich in diese Lage zu versetzen, und mir wird unbehaglich zumute. Ich möchte nicht drüber reden. Ich möchte hier weg!

«Gedanken? Keine.» Gedanken habe ich nicht: meine Chemie verändert sich, ich kann mich nicht mehr regen und denken schon gar nicht mehr. Über das komme ich auch in diesem geschützten Praxisraum nicht hinaus: in meiner Vorstellung rennt der Hund auf mich zu und friert an diesem Punkt ein.

«Sie sehen also den Hund auf Sie zukommen und erstarren. Und jetzt?»

Und jetzt? Jetzt klingt in meinem Kopf aber nach, wie sie mir vorhin von ihrer Boxerhündin erzählte, die von einem anderen Hund verbissen wurde. Worauf ich sofort den Glauben verlor, dass ich hier Hilfe fände: Sie hatte also einen Hund und konnte somit keine Hundeangst haben und sie somit auch nicht verstehen. Das heisst: verstehen im Unterschied zu mir vielleicht schon, aber nicht nachempfinden.

Mir war sofort klar, dass ich, wenn ich mir einen Hund anschaffen würde, um meine Hundeangst loszuwerden (wozu mir schon manche geraten haben), meine Angst todsicher einfach auf meinen Hund übertragen würde. Der andere Hund würde sich dann zwar nur noch für meinen Hund interessieren und nicht für mich, aber da würde ich mich für meinen Hund fürchten (und das zu Recht! ein Hund hatte ihren Hund verbissen, sagte sie, oder sagte sie nicht sogar: totgebissen?, doch: totgebissen sagte sie!), denn diese Hundebegegnungen sind ja jedesmal wie ein russisches Roulett. Ich würde also aus meinem Hund einen ängstlichen Hund machen, was andere Hunde ja erst recht zum Überfall reizt…

«Was war Ihre Frage?»

«Sie sehen also den Hund auf Sie zukommen und erstarren. Und jetzt?»

Und jetzt? Weiss nicht. Bin seit ewig nie mehr allein einem Hund begegnet, weil ich seit ewig nicht mehr allein auf weiter Flur war, obwohl ich meist nichts lieber wäre als das. Deshalb bin ich ja hier.

«Weiss nicht, ich begegne ja nie einem.»

«Stellen Sie sich nun vor», sagt sie, «Sie gingen auf einem Waldweg, und Sie sähen in der Ferne einen Mann mit einem hellen Labradorhund, der nicht an der Leine ist.»

Heller Labrador geht. Ich hatte für diese Stunde eine Liste zusammenstellen müssen, vor welchen Hunden ich am meisten und vor welchen ich weniger Angst habe. Heller Labrador ist im unteren Drittel. Helle Labradore trotten gemütlich einher und schnüffeln die Grashalme am Wegrand ab.

«Jetzt kommt er näher», sagt sie.

O. K. Lassen wir ihn halt näher kommen.

«Schwänzelt er?»

«Ja.» Helle Labradore schwänzeln immer, das heisst: ihr Schwanz wippt beim Dahintrotten immer irgendwie unkontrolliert hin und her.

«Er kommt also schwänzelnd näher. Und jetzt?»

Jetzt fällt mir ein, dass ich im Hundebuch las, dass Schwanzwedeln oft als freundliche Geste missdeutet werde, missdeutet! Und der Hund in meiner Vorstellung hat jetzt die Ohren eng am Kopf angelegt und fixiert mich beim Näherkommen und ist auch gar kein heller Labrador mehr, sondern ein Schäferhund von ganz zuoberst auf der Hundeangsthierarchieliste.

«Jetzt ist er ein Schäferhund, und er zieht die Lefzen hoch!»

«Versuchen Sie das Bild zu halten.»

Jetzt bin ich aber sowieso nicht mehr auf dem Waldweg, sondern auf dem Weg von meiner Wohnung zur Tramstation, den ich nicht mehr allein gegangen bin, seit ich vor Jahren aus der Ferne einen Hund gesehen habe, der an der engsten Stelle wie ein Hofhund das Gehütt umkreiste, das ein paar Aussteiger ans Bord neben dem Weg hingebaut hatten.

Ich habe es hundertmal probiert, weil es der kürzeste Weg wäre, und bin hundertmal umgekehrt und jenen anderen Weg gegangen, der steil den Hang hinab- und dann durch eine Bahnunterführung zur Busstation führt. Den kann ich, bis auf die Unterführung, von oben ganz überblicken, da brauche ich nur so lange zu warten, wie auch der Langsamste hätte, die Unterführung mit noch dem langsamsten Hund zu durchqueren, und zu kontrollieren, ob sich ihr von unten nicht etwa ein Neuer mit Hund nähert, wobei ich dann natürlich aber vom schnellsten Mann mit dem schnellsten Hund ausgehen muss. Dann renne ich den Weg zur Busstation.

«Exposition in senso nennt man das», sagt sie: sich in der Vorstellung dem Angstobjekt aussetzen. Als Vorbereitung für die Konfrontation mit dem leibhaftigen Angstobjekt, die sie für später ins Auge fasst.

Das heisst, einmal hätte ich den anderen Weg fast geschafft: als ich das Fahrrad mitnahm und es rechts von mir herschob, links war die schützende Mauer, und so etwas zwischen dem Hund und mir gehabt hätte, wenn einer da gewesen wäre. Aber ich kreuzte die kritische Stelle dann mit zwei Frauen, die mir auf dem Weg entgegenkamen, so dass es auch mit Hund keine richtige Exposition in vivo geworden wäre, aber es war ohnehin keiner da.

«Mit dem Fahrrad neben mir habe ich mich einmal auf den Weg getraut», sage ich.

«Halten Sie das Bild», sagt sie. «Sie stehen jetzt also vor dem Schäferhund, der die Lefzen hochzieht. Und halten Sie auch die Angst.» Sie zeigt auf die Zeichnung mit meiner Angstkurve: steiler Anstieg, kurzes Verharren auf der Spitze, fast so steiler Abstieg. Im Moment, da ich umkehre, weil irgendwo ein Hund sein könnte, fällt die Angst rasch ab. Ich soll mir ab jetzt, so oft es geht, das Schreckensbild vor Augen führen und es auszuhalten versuchen, bis die Angst abflacht.

Sie sagt: «Das Fahrrad ist auch bloss Vermeidungsstrategie, es gibt Ihnen vermeintliche Sicherheit.»

Nein! Ich will nicht, dass sie sagt, das Fahrrad biete vermeintliche Sicherheit! Heisst das, das Fahrrad reize den Hund erst recht?!

«Denn Sie gehen nicht nur dem Hund aus dem Weg, sondern auch der Angst. Wenn Sie sich dem Hund, sprich der Angst, stellen, dann flacht sie ab.» Zeichnet jetzt: steil ansteigende Linie, die sich eine Weile auf dem Höhepunkt hält und dann langsam sinkt. «Angst ist kein Zustand, der sich halten lässt, sie lässt ohne Ihr Dazutun nach, wenn Sie ihr nicht ausweichen. Und dann lässt auch die Erstarrung nach, und Sie werden handlungsfähig.»

Handlungsfähig? Fähig zu welchen Handlungen? Es sind ja alle falsch.

«Die Erstarrung ist ein archaischer physiologischer Überlebensreflex. Er bereitet Sie aufs Fliehen oder aufs Kämpfen vor.»

Fliehen? Wie kann ich erstarrt fliehen? Kämpfen?

Fahrrad sei übrigens häufig, sagt sie. Sie weiss von einer Frau, die zum Briefkasten, der zehn Meter vom Haus entfernt war, immer das Fahrrad mitnahm.

Ich habe, als ich von einer Frau las, die auf dem Weg zum Abfallcontainer von einem Kampfhund angefallen wurde, die längste Zeit den Abfallsack mit dem Auto zum Container gefahren, der fünfzehn Meter vom Haus entfernt ist. Habe den Sack mit dem Lift in die Tiefgarage getragen und ihn mit dem Auto zum Container gefahren und jeweils noch eine Runde gedreht, damit keiner sah, dass ich gleich wieder in die Tiefgarage fuhr.

Das mit der Angstkurve leuchtet mir aber ein: dass Angst eine jähe Regung ist, die nicht lange auf dem Höhepunkt bleibt, wenn man sie aushalten kann.

«Und wenn der Hund jetzt zubeissen würde?», fragt sie. Nein: fragt nicht sie . Frage ich!

Ja, wenn er zubeissen würde. Das kann ich mir aber so wenig vorstellen wie, dass er nicht zubeisst. Ich erzähle den Leuten zwar, ich sei einmal von einem Hund angefallen worden, wenn ich mich bei ihnen erst zig-mal versichere, dass ich nicht etwa einen antreffe, ehe ich zu ihnen gehe. Sonst nähmen sie mich gar nicht ernst. Aber es ist nicht wahr, mich hat nie ein Hund gebissen oder auch nur bedroht, ich weiss nicht, warum ich Angst vor Hunden habe, ich kann sie mir nicht erklären, sie war einfach einmal da. Ich bin mit Hunden aufgewachsen, ich habe sie geliebt und sie heftig beweint und betrauert, wenn sie starben. Ich rechne zwar immer mit dem Schlimmsten und mehr, wenn ich den Weg zum Tram (nicht) gehe, Leute (nicht) besuche, hinter mir das leise Scheppern einer Hundemarke zu vernehmen glaube, das dann stets ein Schlüsselbund ist, den jemand am Gürtel trägt. Aber ich kann mir das Schlimmste nicht vorstellen .

Wenn ich wirklich einmal gebissen würde, dann würde ich vielleicht die Erfahrung machen, dass man es überlebt. Vielleicht…, es überleben es ja nicht alle. Klar, ist die Wahrscheinlichkeit, von einem Auto angefahren zu werden, grösser als die, von einem Hund angefallen zu werden, das weiss ich auch. Aber warum soll der Hund, der auf mich zukommen könnte, nicht dieser eine von tausend sein, der statistisch zubeisst? Und wieso soll er, wenn er der ist (und er ist es bestimmt!), nicht mich beissen, die ihn mit der Angst, die er von weit her sieht/spürt/riecht, ja dazu reizt?

Und wie soll jemand mir helfen können, meine Angst loszuwerden, wenn ich die Angst fast nur habe, wenn niemand dabei ist?

«Das bekommen wir in den Griff», sagt die Therapeutin. «Bei anderen Problemen wage ich diese Prognose nicht immer, aber das bekommen wir in den Griff.»

Meist hat man nur Angst, weil man das Wesen des Hundes nicht kennt, das sollte sich wegbringen lassen», hatte die liebenswürdige Leiterin des Hundeangstkurses gesagt, wo wir zu viert Begegnungen mit ihren zwei Hunden übten, einem lustigen Winzling mit Glubschblick und einem fröhlichen grossen Mischling, die ich beide ohne Umstände ins Herz zu schliessen vermochte. Weil wir ja eben zu viert waren und ich nicht allein war. Weil das Wesen der Hunde mir ja nicht fremd, sondern vertraut ist. Weil ich in Situationen wie dieser Übungsanlage einem Hund ohne weiteres sogar die Hand in die Schnauze halten kann, selbst wenn der, wie der Labrador eines Freundes, riesig und schwarz ist und mir bei jeder Begegnung freudig den Schädel zwischen die Knie rammt.

Ich weiss fast alles über Ängste, aber über die eigene Angst weiss ich nur, dass ich sie habe. Ich reagiere grantig auf jeden Angriff auf meine Freiheit und schränke mir meine Bewegungsfreiheit derart ein. Ich schäme und verachte mich für das lächerliche Sicherheitsdispositiv, das über fast meinem ganzen Tun liegt.

Das bringen wir ganz rasch oder aber ganz lange nicht weg», hatte vor Jahren der Psychiater gesagt, der posttraumatische Schäden, auch Ängste, mit EMDR behandelt, mit Eye Movement Desensitization and Reprocessing: mit der Stimulierung der Hirnhemisphären durch Augenbewegungen. «Schauen Sie dem Licht auf der Lichtlaufschiene nach, und halten Sie sich dabei die Situation vor Augen, die die Angst ausgelöst hat», hatte er gesagt. Das könne die Blockade lösen.

Da war aber keine solche Situation, für meine Hundeangst können die Hunde nichts.

«Angst kann man relativ rasch loswerden: wenn sie sich nicht generalisiert, keine eigene Funktion bekommen, sich nicht selbständig gemacht hat. Jene, die man nicht rasch loswird, hat eine versteckte Ursache und einen versteckten Sinn», sagt der Psychologe, der Angst und andere Störungen erfolgreich mit einer Therapie behandelt, in die er Hypnose einbaut. Und wenn jemanden etwas so intensiv und so lange begleitet habe wie meine Hundeangst mich, dann könne man sich ein Leben ohne diese Angst wohl nur noch schwer vorstellen.

Können? Meint er vielleicht «wollen»? Klingt da vielleicht jene Unterstellung mit, die mich jeweils erst recht entmutigt («Du hast ja gar keine Hundeangst» oder «Du willst sie ja gar nicht loswerden»)? Ich habe die Sache bis jetzt allerdings noch nie so betrachtet wie er: dass das Wegnehmen ohnehin nicht die Lösung wäre, weil dann da zunächst einfach etwas fehlte, und mit Löchern könne weder er noch ich arbeiten.

Er beginnt, ohne dass ich es als das erkenne, mit etwas, was er Dehypnose nennen wird, als ich ihn später frage, wie und wann er denn die Hypnose einsetzen werde, auf die ich ja gefasst sein wollte. («Wir sind schon mittendrin.») Er versucht als Erstes, der fixen Idee in meinem Kopf eine andere Grundstimmung zu geben, indem er sie eine neue Form annehmen lässt.

«Stellen Sie sich vor», sagt er, «alle Hunde aus dem Quartier sässen jeden Morgen aufgereiht an Ihrer Strasse und warteten darauf, dass die Keller käme, die Angst vor ihnen hat. Was glauben Sie, was Sie denen für eine Freude machen!»

Das Problem können wir gern miteinander angehen, sagt er. «Erzählen Sie.»

Claire Keller ist Übersetzerin. Sie lebt in Zürich und in Sussex, GB.


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