NZZ Folio 09/08 - Thema: Traumreisen   Inhaltsverzeichnis

Die Reise nach Oklahoma

Jede Traumreise ist eine Wiederholung der ersten Reise, vielleicht ein Versuch, diese endlich zu verstehen. Dafür ist man ein Leben lang unterwegs.

Von Yoko Tawada

Es gibt Ortsnamen, die mich süchtig machen. Wenn ich sie einmal gehört habe, bleibt mir ihr Klang im Ohr sitzen und lässt mich nie wieder in Ruhe, bis ich den Ort besucht habe. Ich begegnete dem Wort «Oklahama» zum ersten Mal in Kafkas «Amerika»-Roman und verstand «Oklahoma» darunter. Dabei war mir die Variante mit «hama» vertrauter, denn das japanische Wort «hama», das das Gestade bedeutet, kommt in vielen Ortsnamen vor wie in Yoko-hama oder Hama-matsu. «Homa» hingegen hörte sich an wie ein Phantasiewort. Amerika existierte damals für mich nicht als reales Land. In meiner Jugend in Tokio gab es zwar viele Dinge – das Schulsystem, Kentucky Fried Chicken oder Baseball –, die aus den USA eingeführt worden waren, aber keiner erzählte mir etwas Konkretes über das Land. Nicht einmal im Kino sah ich Amerika, denn es galt als kultivierter, einen polnischen oder ungarischen Film zu sehen als eine Hollywood-Produktion. So blieb Amerika für mich eine literarische Erfindung, die in einer Prager Gasse geboren war.

1982 übersiedelte ich von Japan nach Westdeutschland, unternahm von dort aus Reisen in Europa und nach Asien, oft war ich in der Sowjetunion. Amerika blieb mir weiter unentdeckt. 1995 führte mich ein glücklicher Zufall nach New York. Die Stadt fesselte mich sofort. Seitdem war ich oft in den USA, habe zwanzig Staaten besucht. Anders als meine deutschen Freunde flog ich nach dem 11. September noch häufiger in die USA als vorher, ohne den Grund erklären zu können. Ich war überrascht, als ich eines Tages eine Einladung nach Oklahoma bekam. Wer hatte meinen heimlichen Wunsch erkannt, diesen Ort zu besuchen, wo für mich Amerika anfängt? Genau dort endet das unvollendete Werk Kafkas, wenn man überhaupt vom Ende eines unvollendeten Werks sprechen kann. Ich buchte noch an dem Tag einen Flug nach Oklahoma City, als würde die Stadt sonst verschwinden.

Mittlerweile war ich an strenge Sicherheits- und Passkontrollen gewöhnt. Die Kontrolle für die Einreise in die USA fand zum Teil schon am deutschen Flughafen statt. Die Fragen verwirrten mich, aber ich war zumindest nicht mehr von meiner eigenen Verwirrung verwirrt. «Was wollen Sie in Oklahoma?», «Warum steigen Sie in New York um?», «Wie haben Sie die Leute kennengelernt, die Sie dort besuchen?», «Wovon leben Sie?». Egal, was ich sagte, meine Antwort klang wie eine ungeschickte Ausrede.

Nach diesem Verwirrspiel stand ich vor einem Tor. Ich trank hastig meine Flasche Evian aus, nahm meinen Laptop aus der Tasche, legte ihn in einen Kasten, zog meine Schuhe und meine Jacke aus und wollte durch das Tor gehen. In dem Moment hörte ich eine Stimme, die mir sagte, ich solle auch die dünne Bluse, die ich offen über meinem T-Shirt trug, ausziehen. Ich bemühte mich, den Eindruck zu unterdrücken, dass ich Häftling geworden war. Ruhig bleiben und sich gutwillig zeigen.

Das gelinge nicht jedem, sagte mir einmal eine Autorin. Eine sensible Person, die eine zunächst harmlose Situation mit schrecklichen Folgen erlebt habe, könne kaum eine weitere Sicherheitskontrolle ruhig hinnehmen. Sie reagiere aggressiv auf den Kontrolleur, der fühle sich provoziert, behandle sie schlecht, sie verliere die Selbstkontrolle, und die Situation eskaliere. Ich habe keine vergleichbare Erfahrung gemacht, dennoch ist sie meine geworden. In der Luft über einer Grenze versammelt sich das Wissen der Reisenden. Ich hasse jede Grenze und wusste gleichzeitig, dass das Passieren der Ländergrenze für mich der intensivste und vielleicht der wichtigste Moment einer Reise war.

Jede Reise ist die Wiederholung der ersten Reise. Bei meiner ersten Auslandsreise 1979 wurden die Grenzen schon vor der Abreise sichtbar. Da ich einen Pass und das Visum für die Sowjetunion brauchte, betrat ich zum ersten Mal im Leben ein bewaffnetes Gebäude in Tokio. Die mir vertraute Stadt wurde von einer homogenen, friedlichen Fläche zu einem Bienenkasten mit exterritorialen Zellen. Mein Pass verunsicherte mich noch mehr als die sowjetische Botschaft. Weil es in Japan keine Identitätskarte gibt, war der Pass mein erster Ausweis, abgesehen vom Studentenausweis. Mir fiel mit Schrecken ein, dass ich ohne ihn im Ausland automatisch zu einer illegalen Einwanderin würde und dass die Welt hauptsächlich aus Gebieten besteht, die für mich Ausland sind. Dort könnte man mich verhaften, wenn ich die Anwesenheit meines Körpers nicht legitimieren kann. Die meisten Bewohner der Ersten Welt glauben blauäugig, diese Gefahr betreffe nicht sie, sondern nur die anderen.

Als ich an der sowjetischen Grenze kontrolliert wurde, wurde mein Gefühl, dass ich überall als illegal abgestempelt werden könnte, stärker. Ländergrenzen sind hungrig. Ihre Lieblingsgerichte sind Erinnerungen und Angst der Reisenden. Ohne diese Nahrung sind sie nicht wirksam. Bei meiner ersten Reise musste ich nicht nur die Grenze zwischen Japan und der Sowjetunion, sondern auch die sowjetisch-polnische Grenze und die zwischen Polen und der DDR überqueren, bis ich endlich vor der Berliner Mauer stand. Die Welt bestand daraus, bewaffnete Grenzen zu überqueren. Wäre ich zu Hause geblieben, hätte ich keine furchterregenden Grenzerfahrungen machen müssen. Aber das bedeutete nicht, dass ich zu Hause sicher war. Wenn es eine Gefahr hinter der Grenze gibt, ist sie als Schattenbild von etwas zu verstehen, was auf unserer Seite ­existiert. Eine Grenze ist ein Spiegel. Vor der Perestroika besuchte ich noch acht Mal Moskau wie eine Zwangsneurotikerin und sammelte jedes Mal neue Erfahrungen an der Grenze. Ich liebte natürlich die russische Literatur, die Sprache und die menschliche Nähe, die die Bewohner der Stadt in ihrem privaten Raum zu pflegen wussten. Aber irgendwie war mir bewusst, dass gerade die schreckliche Grenze für mich der Hauptantrieb war, dorthin zu reisen.

Endlich war der Kalte Krieg vorbei, und ich verlor die sowjetische Grenze. Dabei hatte ich noch nicht begriffen, was die Existenz der Grenzen für den individuellen Körper bedeutete. Die Welt bewegte sich schneller, als die Reisenden ihre Erfahrungen verarbeiten konnten. Eine Reise ins neue Russland half mir nicht, über meine erste Reise nachzudenken. Anstelle der blassen, militärischen Androiden, die damals meinen Reisepass streng kontrolliert hatten, arbeiteten junge Frauen, die freundlich lächelten. Sie erinnerten mich an die Verkäuferinnen in japanischen Kaufhäusern. Im neuen Russland gab es eine neue Sorte der Kontrolle: Polizisten überraschten mich auf der Strasse mit der Frage, ob ich meinen Reisepass dabeihätte. Wenn nicht, musste ich auf der Stelle Strafgebühr zahlen. Das war zwar ärgerlich, aber nicht beängstigend, ich dachte, es sei eine halboffizielle Arbeitslosenmassnahme oder einfach Geldgier der Polizisten. Die kleine Amtsgewalt im Alltag war mir zu kleinlich. Es gab keine UdSSR mehr, und ich konnte meine Studie über jene Macht nicht fortsetzen, die mich einst gelähmt und mein Selbstwertgefühl zunichte gemacht hatte.

Jede Traumreise ist eine Wiederholung der ersten Reise, vielleicht ein Versuch, diese endlich zu verstehen. Jede Reise ist die Wiederholung der Traumreise, die tief ins Gedächtnis eingegangen ist, weil man sie nicht verstanden hat. Wer sie verstehen will, ist ein Leben lang unterwegs. Sonst müsste man seine Albtraumreisen im Schlaf durchmachen. Das bedrohliche Gefühl, dass mein Körper an einer Grenze geopfert werden könnte, verliess mich nie wieder. Eine Grenze braucht lebendes Fleisch als Opfer. Man bekommt beim Erhalten eines Visums zu hören, dass die Grenzkontrolle einen trotz dem Visum ablehnen könne.

Gerade das Visum gab mir das Gefühl der Unsicherheit. Man hat grundsätzlich kein Recht, ein Land zu betreten. Der Grundcharakter einer Grenze ist, dass ihr Mechanismus undurchschaubar bleibt. Machtlos, ungeschützt und einsam stehe ich vor dem Schalter, als hätte ich nie Freunde oder Familie gehabt. Es gibt nicht einmal eine flüchtige Bekannte in der Nähe, die etwas über meine Vergangenheit sagen könnte. Selbst eine kleine Episode oder die Namen meiner Katzen könnten mich wieder zu der Person bringen, die ich vorher war. Aber nein. Keiner weiss etwas über mich. Mein bisheriges Leben wird für ungültig erklärt, mein gespartes Geld verliert seinen Wert, meine Sprache ist nur noch mit Vogelzwitschern vergleichbar. Ich denke automatisch, ich besitze kein Recht. Wenn eine Behörde mich vernichten will, habe ich kein Argument, mit dem ich mich verteidigen könnte. Nur mein Pass kann sagen, wer ich bin, aber gerade deshalb ist er ein Beweis dafür, dass einem die Identität weggenommen werden kann.

Die Wolken flogen unter mir, darunter, auf den rötlich schimmernden Feldern, rannten ihre Schatten. Die Konturen der Schatten waren viel klarer als die der Wolken. Hier und da blitzten blaue Flecken, kleine Schwimmbäder. Im Wasser des Schwimmbads, in dem ich auf einmal stand, tanzten winzige Frauen, durchsichtige Mäntel flatterten um ihre Schultern. Das Tanzprogramm war von einem Trompetenkonzert in C-Dur begleitet. Hier ist das grosse Theater in Oklahama, ja, da wollte ich schon immer hin! Kafka schrieb, dass jeder dort eine Beschäftigung fände. Also haben sie auch für mich einen Job, vielleicht als Bademeisterin, da sie noch nicht wissen, dass ich nicht gut schwimmen kann. Die winzigen Tänzerinnen waren mittlerweile im Begriff, im Schwimmbad zu ertrinken. Das waren meiner Ansicht nach Wespen, sie sahen aber anders aus als die, die man vom Alten Kontinent her kannte. Ich schöpfte sie mit beiden Händen aus dem Wasser und schmiss sie in die Luft. Wie schnell die Zeit vergeht, dachte ich mir. Kaum hatte ich die Schwimmbäder vom Flugzeug aus gesehen, schon stand ich in einem von ihnen.

Die Erinnerung an die Grenze war verschwunden, und ich verstand wieder nicht, was die Grenze mit mir gemacht hatte. Blickte ich zurück, fand ich dort bloss eine Zeitlücke. Ich rettete weitere Wespen. Dieses Ungeziefer! Warum springen sie ins Wasser, wenn sie nicht schwimmen können? «Mutig!» Wer sagte das zu mir? Ich hatte die ganze Zeit gedacht, ich sei die Einzige unter den Hotelgästen, die dieses kleine Schwimmbad entdeckt hatte. Nun sah ich aber eine junge Frau, die in einem Liegestuhl sass und in einem Buch blätterte. Der gelbe Umschlag des Buches kam mir bekannt vor. «Was liest du?» Die langen braunen Haare der Frau tanzten im Wind – wild und elegant zugleich. Ich dachte, sie könnte eine Indianerin sein. Sie betrachtete mich verwundert, antwortete nicht. Ich stellte ihr eine andere Frage: «Woher kommst du?» – «Aus Paris.»

In der Tat sah sie französisch aus. Warum hatte ich gedacht, dass sie von hier stammen könnte? Wahrscheinlich, weil ich gerade gelesen hatte, dass viele Native Americans in dieser Gegend wohnen. Das Wort Oklahoma bedeutet in einer ihrer Sprachen die rote Erde. Wenn man doch ein Indianer wäre: Kafka schrieb seinen Wunsch auf, Indianer zu werden. Vielleicht schickte er seinen Protagonisten deshalb nach Oklahama, um diesen Traum zu verwirklichen. Aber kann man ein Indianer werden? Keine Identität ist eine angeborene. Uns allen wird nachträglich ein Pass in die Hand gedrückt: zuerst in einem Traum, dann an einer Grenze.

Yoko Tawada ist Schriftstellerin; sie lebt in Berlin.

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