NZZ Folio 06/93 - Thema: Atomzeitbomben   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Gratwanderung

Von Andreas Heller

Mirek Barczyk witterte das Geschäft seines Lebens, als er das ihm unter grossen Versprechungen angediente Material in eine Streichholzschachtel verpackte, in seine Brusttasche steckte und sich von Vilnius nach Dübendorf aufmachte. Bei der Empa wollte er das allseits geachtete Reinheitszertifikat einholen, um später die heisse Ware mit hohem Gewinn weiterverkaufen zu können. Der Pole träumte den Traum vom grossen Geld - nicht lange: Denn in der Empa stellte sich das geheimnisvolle Material, angeblich Osmium, bald einmal als wertloses, aber hochgefährliches Cäsium heraus, und Barczyk trat mit leeren Taschen und Strahlenschäden die Rückreise an.

Der in diesem Heft beschriebene Fall ist die Geschichte einer naiven Schieberei, bei der unversehens radioaktives Material ins Spiel geriet. Der Fall ist auch eine Geschichte der falschen Hoffnungen und leeren Versprechungen, die sich über weite Strecken wie eine Parabel auf die sowjetische Atompolitik liest. Wurde die zivile Nutzung der Kernenergie von der Propaganda nicht als Schlüssel für eine Zukunft in Wohlstand und als Beweis für den hohen Stand der Wissenschaft im sozialistischen System gerühmt - bis zum Gau von Tschernobyl? Gründete die sowjetische Weltmacht nicht in erster Linie auf dem Zerstörungspotential der Nuklearwaffen? Heute hören wir von Landstrichen, die durch Kernwaffenversuche verstrahlt sind, von atommüllverseuchten Gewässern, von versäumten Sicherheitsmassnahmen. Natur und Mensch zahlen den Preis für den zynischen Atombetrug. Allein gelassen, fechten sie ihren Kampf gegen den unsichtbaren, strahlenden Feind.

Mirek Barczyk pflegt seine Wunde mit Medikamenten aus dem Westen. Er lebt wieder in Vilnius, wo die Heizungen vergangenen Winter meistens kalt blieben und es an fast allem fehlt; die Forderung nach einem radikalen Ausstieg aus der Kernenergie würde er wohl als frivol empfinden - in Litauen kommt über die Hälfte des Stroms aus Kernkraftwerken. Bestenfalls kann man auf eine austarierte Strategie bauen, wonach im auseinandergebrochenen Ostblock die einen Anlagen im Sicherheitsbereich nachgerüstet und andere, die gefährlichsten, eines Tages stillgelegt werden - eine Gratwanderung und ein Wettlauf gegen die Zeit.


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