NZZ Folio 03/97 - Thema: Die Briten   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Hans Ulrich Kesselrings Manoir

© Christian Känzig
Der 50jährige Hans Ulrich Kesselring ist Weinbauer und produziert hauptsächlich Pinot noir. Er lebt im Herrschaftshaus des Gutes Bachtobel im thurgauischen Ottoberg. Linktext
Von Lilli Binzegger

«DAS HAUS STEHT in einem Weinberg, am Ottenberg im Thurgau. Es ist eine Art Landhaus, das zum Gut Bachtobel gehört, einem Weingut mit Landwirtschaft, die zurzeit aber verpachtet ist. Seine Geschichte reicht bis ins Mittelalter zurück. In der alten Eidgenossenschaft war hier eine kleine Gerichtsherrschaft, die meine Vorfahren kurz vor der Französischen Revolution gekauft haben. Der erste, der hier einzog, heiratete in zweiter Ehe eine Berner Patrizierin, die das Haus à la bernoise umbauen liess. Man hat damals dem Haus das Klassizistische quasi drübergeschminkt.

Das Interieur hier im ersten Stock stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Im Erdgeschoss ist alles ein wenig einfacher, mit niedrigeren Räumen, mit Holzdecken und Tannenriemenböden. Wahrscheinlich wussten meine Vorfahren nie so ganz, ob sie sich zu den Bauern oder zur Bourgeoisie zählen sollten. Im Thurgau gab es aber nie ein Patriziat, meine Ahnen mussten sich kurz vor der Revolution aus der Leibeigenschaft freikaufen; die Urkunde davon liegt noch irgendwo im Familienarchiv.

Ich bin hier mit meinen Eltern und einer Schwester aufgewachsen, meistens war auch ein Dienstmädchen da. Mein Vater ist vor 30 Jahren gestorben, ich musste den Weinbaubetrieb früh übernehmen. Meine Mutter lebt heute in Zürich, wo sie aufgewachsen ist. Jetzt wohne ich hier mit meiner Freundin, die Kinderpsychiaterin ist, und unserem Kater Udo Siegfried. Weil wir so nahe an der deutschen Grenze sind, gab ich meinen Katern immer lächerliche Vornamen. Wohl aus einer Art Minderwertigkeitskomplex heraus.

Im Moment suche ich eine neue Putzfrau. Aber wenn sie die zwanzig Zimmer sehen, bekommen alle einen Ohnmachtsanfall.

Diesen Raum benutze ich vor allem, wenn ich für ein paar Leute eine Degustation mache. Allein bin ich hier nie. Ich finde das Zimmer zwar schön, aber nicht sehr gemütlich. Ich stelle mir vor, wie früher die jungen Männer bei ihrer Antrittsvisite steif auf dem Kanapee sassen und sich von den künftigen Schwiegereltern begutachten lassen mussten. Es ist ein Raum, den man auch wie eine Maske benutzen kann, dann, wenn man etwas auf Distanz bleiben möchte. Es gibt intimere, wärmere Räume im Haus, das Esszimmer unten etwa, wo ich mich nach der Arbeit gerne aufhalte. Mein Arbeitstag dauert offiziell zehn Stunden, im Sommer meistens weit länger. Ich bewirtschafte die rund 6 Hektaren Reben und die 13 Hektaren Wald im Winter mit einem, im Sommer mit zwei Mitarbeitern.

Bis vor ein paar Jahren waren hier langweilige Tapeten an den Wänden und an den Fenstern Möbel-Pfister-Vorhänge. Ich habe nach und nach alles wiederherstellen lassen, nach einer Fotografie von 1906. Die Vorhänge wurden auf einem Jacquard-Stuhl nach altem Vorbild gestickt.

Auf den Bildern sind alles Vorfahren mütterlicherseits, auf dem kleineren ist Marie Escher-Escher, aus dem Rahmen rechts vom Kamin schaut Berta Schläpfer-Escher, über deren Mann sich unsere Familie mit der von Salomon Gessner verband.

Das Mobiliar stammt grösstenteils von Minister Kern, einem Verwandten väterlicherseits. Er war Gesandter in Paris, hat die schweizerische Bundesverfassung redigiert, war Mitbegründer des Polytechnikums Zürich und ein Jugendfreund Napoleons III. Er war während dem siebziger Krieg in Paris, und seine Frau und ihre Schwester, die hier im Bachtobel wohnte, haben miteinander korrespondiert. Die Briefe gelangten par ballon monté aus dem belagerten Paris über die preussischen Linien zum Teil über London hierher.

Das Fernrohr haben sich meine Grosseltern zur Hochzeit geschenkt, statt Ringen, sie dachten sicher, das könne man besser brauchen. Letztmals habe ich es benutzt, um den Shoemaker-Levy-Kometen zu beobachten. Das Blechding auf der anderen Anrichte ist der Freiheitshut, der beim Einmarsch der Franzosen 1798 in Weinfelden aufgepflanzt wurde. Den Teppich habe ich über einen Freund nach Mass in China anfertigen lassen. Vorher hatte es keinen mehr hier drin.

Früher waren im Haus nur zwei, drei Zimmer geheizt. Wenn ich als Bub mit der Eisenbahn spielen wollte, kam es vor, dass das Öl zäh vor Kälte war und die Lokomotive nicht recht lief. Das Leben konzentrierte sich im Winter um den Kachelofen, und in die kalten Betten nahmen wir Kirschensteinsäcke mit. Wir waren eine Familie, in der man nicht sehr viel miteinander sprach. Das machte ein lesendes Kind aus mir. Mit Lesen schuf ich mir meine eigene Welt. Noch heute zieht es mich in Buchhandlungen, wenn ich in einer Stadt bin, und ich komme jedesmal mit einem halben Dutzend Büchern heraus.

Vor ein paar Jahren habe ich das zum Gut gehörende Taglöhnerhaus aus dem 17. Jahrhundert renovieren lassen. Das Haus war so kaputt, dass man neu anfangen musste. Einmal etwas Neues machen zu können war wohltuend. Ich zeige es Ihnen nachher, damit Sie nicht denken, dass ich nur in diesem Madame-Bovary-Ambiente lebe. Mich fasziniert gute moderne Architektur sehr.

Ich bin als Puritaner erzogen worden. Dabei produziere ich etwas Sinnliches. Manchmal denke ich, eine katholische Grossmutter wäre für mich besser gewesen als eine Escher aus Zürich.

Ob es für mich noch etwas Besonderes ist, so zu wohnen? Wenn ich wieder einmal an einem anderen Ort war, bei Freunden etwa, die halt in einer Dreizimmerwohnung im Block wohnen, dann schon. Und auch, wenn ich die Handwerkerrechnungen bekomme.»


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