NZZ Folio 12/92 - Thema: Supermarkt E-Musik   Inhaltsverzeichnis

Ode an die Kasse?

Klassische Musik als kommerzieller Gegenstand.

Von Sören Meyer-Eller

Lange nicht war das Interesse an klassischer Musik so gross wie in den letzten Jahren. Zumindest bis vor kurzem haben die Verkaufskurven nach oben gezeigt. Kompositionen aus den vergangenen 350, 400 Jahren - hauptsächlich - führen in Konzerten und auf Tonträger ein zweites Dasein.

Wäre eine CD ein reiner Massenkonsumartikel - vieles wäre einfacher. Aber es ist «Kunst» darauf, die eben auch Geld bringen soll, also in den Bereich «Kommerz» gerät. Andererseits sind Kunst und Kommerz keine naturgegebenen Gegensätze; viele Werke grosser Künstler sind aus finanziellen Motiven entstanden. Doch werden Aufnahmen auch klassischer Musik häufig als ein reines Konsumprodukt angesehen. Der Tonträger hat für viele mehr den Charakter eines «Ersatzes» für das Live-Konzert, als dass er als selbständige ästhetische Einheit angesehen wird.

Auch wenn das Interesse an der Klassik gestiegen sein sollte, aufregend Neues ist eher im Bereich der Popmusik zu Hause als in der Klassik, die stets dieselben Werke andächtig-ehrfurchtsvoll zu zelebrieren scheint. Dass der Teufel hier im Detail steckt, sprich: in der Art und Weise der Ausführung eines Stückes, seiner Interpretation, wird erst bei näherem Hinhören klar. Und mit klassischer Musik verbindet sich häufig die Vorstellung von einer Anstrengung. Dies hält von vorneherein die Zahl derer klein, die willens sind, sich mit ihr zu beschäftigen - und dann auch noch Aufnahmen dieser Musik zu kaufen. Nur etwa 7 bis 10 Prozent des Welt-Tonträgermarktes entfallen auf klassische Musik, der Rest ist - pauschal gesagt - Pop; in der Schweiz hat die E-Musik mit 60 Millionen Franken einen geschätzten Anteil von 12 Prozent am gesamten Tonträgerumsatz. Gigantische Verkäufe einer einzigen Aufnahme in Millionenhöhe kommen im Reiche Mozarts und Beethovens nur in Ausnahmefällen vor.

Verkaufen sich von einer Klassikaufnahme weltweit etwa 20 000 bis 30 000 Stück innerhalb des ersten Jahres, so verkauft sie sich gut; oft sind es aber nicht mehr als 6000 bis 7000 Exemplare. In Stückzahlen sind das im schlimmsten Fall nicht mehr als je einige hundert Kopien in den Ländern, in denen sich 85 Prozent des Weltmarkts konzentrieren. Das sind neben Amerika, Japan, Deutschland, Frankreich und England - den fünf wichtigsten - noch Italien, Spanien, die Schweiz, die Niederlande, Belgien, Österreich und Korea.

Fünf grosse, global operierende Firmen teilen sich etwa 75 bis 80 Prozent des Weltmarkts - Pop und Klassik zusammengenommen. Internationalität oder zumindest die Präsenz in den fünf wichtigsten Märkten ist die Voraussetzung für langfristigen Erfolg im Klassikbereich. In der Folge der weltweiten Absatzflaute bei Tonträgern in den Jahren 1979 bis 1984 haben sich bei fast allen dieser fünf Firmen - PolyGram, CBS/Sony, RCA/BMG, EMI Music/Thorn und Time Warner -Veränderungen ergeben. So wurde die britische EMI 1982 vom Elektronikkonzern Thorn übernommen, der die traditionsreiche Firma in den darauffolgenden Jahren wieder zu einem der wichtigsten Mitspieler auf dem Markt machen konnte; durch den vor kurzem erfolgten Kauf der letzten grossen unabhängigen Plattenfirma, Virgin, für etwa 500 Millionen Pfund, baute sie ihre Stellung weiter aus. Zur PolyGram, dem Musikzweig der holländischen Philips, gehörten bereits die Phonogram mit ihrem Klassik-Label und die Deutsche Grammophon Gesellschaft (DGG) mit dem gleichnamigen Gelbetikett, als 1979 die Decca als drittes Klassik-Label dazustiess. Die amerikanische Firma CBS ging 1988 an die japanische Firma Sony. Und eine andere amerikanische Firma mit einer langen Geschichte, RCA, wurde 1986/87 Teil des deutschen Medienkonglomerats Bertelsmann und erstand wieder innerhalb der Bertelsmann Music Group (BMG). Auch Warner, zuvor im Klassikgeschäft kaum tätig, setzte 1988 ein deutliches Zeichen mit dem Erwerb der deutschen Firma Teldec und unlängst des französischen Labels Erato, die mit dem schon vorhandenen amerikanischen Nonesuch-Label ein Klassikpaket bilden, das die unterschiedlichen Bedürfnisse weltweit abdecken soll. Neben diesen grossen Firmen tummeln sich auf dem schmalen Klassiksektor noch etliche kleinere und mittlere. Ihr Anteil am Klassiksegment dürfte etwa 20 bis 25 Prozent betragen.

Wie viele Klassikkäufer es weltweit genau gibt, weiss man nicht. Hinzu kommt, dass anders als bei Popmusik sich das aufgenommene Repertoire nicht wesentlich verändert. Viele Einspielungen einer Beethoven-Sinfonie also wetteifern um die Gunst der Händler und der Käufer. In der letzten Zeit nun zeichnet sich eine Entwicklung ab, die zur Verschärfung der Situation erheblich beiträgt: die Etablierung eines Marktes für Niedrigpreis-CD. Im Gegensatz zu den Hochpreis-CD, die in der im europäischen Vergleich immer noch verhältnismässig billigen Schweiz bis 40 Franken kosten können, werden die Billig-CD für unter 10 Franken verkauft. Teilweise sind diese Aufnahmen höchst fragwürdig. So kann zum Beispiel ein und dieselbe Aufnahme einer Sinfonie auf verschiedenen Labels mit unterschiedlichen und also teilweise fiktiven Künstlernamen vorliegen. Die Kosten, mit denen «normale» Firmen konfrontiert werden, entfallen für diese dubiosen Billigpreisanbieter weitgehend. Dass es angesichts solcher Ausschlachtungen ohne Rücksicht auf Künstler und Verbraucher nicht um Qualität geht, ist klar. Auf der anderen Seite aber vergrössert sich dieses Marktsegment ständig - man spricht mittlerweile von einem mengenmässigen Anteil von 30 bis 40 Prozent am Weltmarkt -, wobei es in den einzelnen Ländern unterschiedlich gross ist. Es hat sich offenbar noch zuwenig herumgesprochen, dass zwischen Aufnahmen mit Interpretationen anerkannter Künstler und den eben beschriebenen mehrfachverwerteten Bändern unklarer Herkunft ein deutlicher Qualitätsunterschied besteht.

Die Kosten sind gerade für die grossen Anbieter ein wichtiger Faktor: Die CD als materieller Träger mag in der Herstellung billiger sein als ehedem die Langspielplatte. Die Reduktion auf blosse Press- und Materialkosten liesse jedoch ausser acht, dass das Geld anderswo ausgegeben wird, nämlich für den «Inhalt» einer CD. Im Bereich der Popmusik ist es üblich, einer Band oder ihrem Management eine bestimmte Summe zu zahlen, mit der dann für die Plattenfirma die Kosten bis zur Fertigstellung der Platte beglichen sind; darüber hinaus gibt es meist noch eine Vereinbarung über Beteiligung am Verkauf der Platte, wenn die anfangs zur Verfügung gestellte Summe wieder «drin» ist. Der Künstler verdient also erst, nachdem die Produktionskosten durch Verkäufe erwirtschaftet worden sind. Im Klassikbereich sind die Verhältnisse etwas anders. Zunächst einmal bezahlt die Firma die Aufnahmekosten, den Produzenten, das Aufnahmeteam, die Studiozeit für Aufnahme, Schnitt und dergleichen direkt. Diese Ausgaben sind das Risiko des Unternehmers. Dasselbe gilt zumeist für Gelder, die etwa Orchestern zu zahlen sind. Die Gagen für eine Aufnahme bei ausbleibendem Erfolg zurückfordern zu wollen hiesse, mit dem Orchester und seinen Mitgliedern zu spekulieren. Das wäre vom Orchestermanagement nicht zu verantworten; diese Kosten sind ebenfalls ein Investitionsrisiko. Im Falle einer «einfachen» Aufnahme etwa mit den Berliner Philharmonikern oder dem Chicago Symphony Orchestra können also ohne weiteres Kosten von umgerechnet 300 000 Franken entstehen, rechnet man noch den Dirigenten, die Technik und die technische Bearbeitung hinzu (ohne noch von anteiligen Marketing-, Promotions- und Vertriebskosten zu reden). Öffentliche Aufmerksamkeit lässt sich im allgemeinen aber nur mit teuren Opern- oder Orchesterproduktionen erzielen. Man nimmt an, dass sich Profit aus einer solchen Aufnahme erst nach 10 bis 15 Jahren realisieren lässt. Kurz - es gibt Einspielungen, die teurer sind, als dies bei einer allein auf Gewinn bedachten Rechnung akzeptiert werden könnte. Geht man beispielsweise von Kosten von 300 000 Franken aus, müssten sich etwa 50 000 CD verkaufen, bis die Gewinnschwelle erreicht wäre - eine abenteuerliche Zahl bei den meisten Klassikeinspielungen und, wenn überhaupt, nur auf mehrere Jahre hinaus denkbar.

Man kann also nicht auf eine Produktion allein bezogen kalkulieren, entscheidend ist der «Back-Katalog», also die bereits vorhandenen Produktionen jüngeren oder älteren Datums. Ihre kommerzielle Auswertung unter anderem in Form von Serien und Editionen ist das wirtschaftliche Rückgrat der grossen Firmen. So betrachtet auch Hanno Rinke, Marketingmanager der DGG, Neuaufnahmen eher als Visitenkarte denn als kurzfristig gewinnbringende Produkte. Bei der DGG, so Rinke, werden 85 Prozent des Jahresumsatzes mit Aufnahmen aus dem Back-Katalog gemacht - und wesentlich anders dürfte es bei den anderen grossen Firmen auch nicht aussehen. Kleine Anbieter haben dagegen den Vorteil, ihren Katalog ohne die kaufmännische Wirtschaftlichkeitsbetrachtung der Lagerhaltung pflegen und ausbauen zu können. Der Vorwurf, es würden immer die gleichen klassisch-romantischen Highlights auf Platte gebannt, trifft sicher zu einem Gutteil zu. Allerdings hat Zeitgenössisches seinen Preis, und hier wären - was die Verbreitung moderner Musik angeht - eher die Rechte-Inhaber beziehungsweise Verlage gefordert: Zwischen umgerechnet etwa 90 und 140 Franken pro CD-Minute beträgt nur schon die Leihgebühr für das Notenmaterial bei geschützten Werken.

Was macht also den (Nischen-)Markt Klassik so interessant? Sicherlich ist der grosse Imagewert klassischer Musik von Bedeutung und die Tatsache, dass sie nicht solchen Schwankungen und Moden unterliegt wie die Popmusik. Attraktiv sind die relativ gute Berechenbarkeit des Absatzes, das lange Verbleiben der Aufnahmen im Katalog und eine im Vergleich zum Pop langfristig relativ sichere Rendite mancher Produktionen. Zudem ist die Kundschaft kaufkräftiger und auch teureren Neuerungen gegenüber aufgeschlossen. Der enorme Schub, den die Einführung der CD nach einer jahrelangen Flaute des Tonträgermarktes dem Geschäft ab 1984 verliehen hat, zeigt die wichtige Rolle der klassik-interessierten Hörer, denn sie waren es, die bereit waren, für den digitalen Klang mehr Geld auszugeben als zuvor für eine LP. Erst später griff das Interesse an der CD auch auf den Popbereich über.

In den letzten sieben fetten Jahren ging es mit der Klassik bergauf, mit dem Umsatz stieg auch die Produktion von Neuaufnahmen, neue Anbieter erschienen im Markt - mehr und mehr Klassiktitel wurden veröffentlicht. Aus dem Dilemma eines relativ kleinen Klassikmarkts und eines enormen Titelangebots wird allmählich ein Trilemma, wenn man die in den letzten zehn Jahren gestiegenen Kosten mit einbezieht. Gerade die grossen Klassikfirmen sind in der Zwickmühle zwischen Anspruch und Kosten; immer aufwendigere Produktionen mit immer teureren Stars verkaufen sich immer weniger, der Titelausstoss muss gesteigert werden, damit der benötigte Umsatz erzielt wird.

In einer solchen Situation entfaltet das Wörtchen «Marketing» seinen Zauber; die Rettung naht in Form von Sensationen. Ereignisse, Stars und die Formel von einer «Cross-over»-Musik, wie man die Verschmelzung von Klassik und Pop heute nennt, sollen das klassikinteressierte Publikum vergrössern und auch den Popfan in die «Ode an die Freude» einstimmen lassen. Überwiegen die Stars, überwiegt die Vermarktung schnellebiger Ereignisse, dann nähert sich klassische Musik in ihrer öffentlichen Präsentation dem Pop, und noch nicht einmal der «echte» Klassikliebhaber könnte befriedigt werden: Nischenproduktionen ohne Breitenwirkung entfielen, das Gesamtangebot wäre weniger vielfältig, anstatt mehr Käufer zu erreichen, verlöre man noch die wenigen. Die neuen Kaufimpulse, die die CD in den letzten Jahren gegeben hat, schwächen sich zunehmend ab. 1991 hat sich das Wachstum verlangsamt. Ein sehr wettbewerbsintensiver Markt in einer Phase der Stagnation oder sogar Rezession wird vermutlich eine weitere Konzentration auf seiten der Anbieter zur Folge haben. Es ist schwer abzusehen, ob neue Tonträger wie die Laser Disc oder die Digital Compact Cassette DCC neuen Schwung bringen können.

Sören Meyer-Eller ist Chefredaktor von «FonoForum».


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