NZZ Folio 07/93 - Thema: Woodstock   Inhaltsverzeichnis

Trau keinem über sechzig

Entrüstung eines Nachgeborenen.

Von Thomas Haemmerli

«THIS THING WAS TOO BIG. It was too big for the world. Nobody has ever seen a thing like this.» Zu gross für diese Welt. Der dies spricht, ist ein alter Mann mit zerfurchtem Gesicht, das einiges gesehen hat. Unterdessen dürfte unser Zeitzeuge den Weg alles Irdischen gegangen sein. Noch immer aber bezeugt er auf der Warner-Home-Videokassette «Woodstock» jedem, der es hören will: «Nobody can complain about the kids.» Brav und artig hätten sie sich aufgeführt, die Festivalfreaks. Und da erschallen auch schon die Kopfstimmen der Folkformation Crosby, Stills, Nash & Young, sülzig wie ein katholischer Chor kastrierter Knaben, und flöten: «Ain't it a peeeeeace to be ali-hive?» Kommt auf den geographischen Standort an, heisst die Antwort.

Aber wir wollen nicht pingelig sein, sondern uns der idyllischen Landschaft zuwenden, die über den Bildschirm flimmert, und dem Traktor fahrenden Hippie, eine Szene, die ein Landwirtschaftsmaschinen-Commercial für den Landkommunarden sein könnte. Und dann strömen die Massen herbei, juvenile Rucksacktouristen, psychedelische Pfadfinder, ein verwegen gewandeter zeitgenössischer Wandervogel, und bald schon sollte der Verkehr zusammenbrechen, das Gebiet wegen des kaum zu bewältigenden Ansturms von den Behörden zum Katastrophengebiet erklärt werden. Rund ein Vierteljahrhundert nach dem Ereignis mutet der Film «Woodstock», der das Festival dokumentiert, über weite Strecken kurios an. Und allenthalben entdeckt man kleine Lebenslügen der Legende.

«It's a free concert from now on.» Diese Worte, mit prophetischem Unterton gesprochen, mit so viel Pathos, dass sie heute wieder als gesampelter Bestandteil von Underground-Technosound Verwendung finden, gehören zur Woodstock-Saga und insinuieren, das Festival sei aus lauter Enthusiasmus zum Gratiskonzert ausserhalb kapitalistischen Gewinnstrebens erklärt worden. In Tat und Wahrheit kapitulierten die Organisatoren vor der Tatsache, dass die Zäune niedergetrampelt worden waren. Und dies wiederum war eine Aktion der wilden Hippie-Gang Motherfuckers, um die «hip capitalists», wie Unternehmer im Hippie-Look abschätzig genannt wurden, auszuhebeln.

Zurück zum Film, wo des Abends Joan Baez auf die Bühne schwebt, von jeher eine honette Dame im Dienste des Guten: «Ich möchte euch ein Lieblingslied meines Mannes David singen, und ich möchte euch sagen, dass es ihm gut geht.» Dem Satz lässt Frau Baez eine Kunstpause folgen, bis sich endlich Applaus einstellt, denn der Friedensaktivist David ist im Gefängnis. Ein arbeitsteiliges Familienunternehmen: er, der den Tatbeweis erbringende homme d'action, sie, die musizierende Public-Relations-Abteilung. Mag sie sonst musikalisch brilliert haben, ihr in Woodstock zum besten gegebener Heulbojen-Wimmer-Kitsch lässt einen wünschen, die Baez wäre gesessen und David hätte sich als Sänger versucht. Auch am Himmel zeichnet sich ein kathartisches Katastrophenerlebnis ab, der Festival-Super-GAU, der die atomisierten Einzelwesen zur Gemeinschaft zusammenschweisst: Regen! Eng aneinandergekuschelt frönt die Gemeinde unter Plasticplanen der Adhäsionskraft adoleszierender Dope-Heads, es gehorcht die Meute dem von Gottes unsichtbar lenkender Hand wunderbar eingerichteten Schafherdentrieb.

Als ein neuer Tag anbricht, predigen die Organisatoren auf die Fragen eines krawattierten Interviewers wie besoffene Propheten von der historischen Bedeutung Woodstocks: «Dies ist der Anfang einer neuen Sache, einer Kultur, einer neuen Generation, weit weg von der alten Kultur und der alten Generation.» Zum Kern der Woodstock-Saga wurde die Tatsache, dass eine halbe Million Rauschgiftrabauken und Friedensfreaks trotz lausiger Organisation und fehlender Infrastruktur drei Tage lang sich friedlich, solidarisch und ? wie eingangs erwähnt ? artig aufführten.

Mit einer Blume in der Hand stellt der Veranstalter beglückt fest: «Diese Leute kommunizieren miteinander! Wenn du Angst hast, jemanden anzulächeln, was ist denn das für ein Leben?» Jaja, wem wollte es da nicht klamm ums Herz werden beim Gedanken an die eiskalte moderne Gesellschaft mit ihrer Anonymisierung und Entfremdung, mit geschundenen, deformierten Subjekten in diesem technologischen Jammertal, diesem hundstraurigen!

ROCK. Was macht denn Joe Cocker da? Berühmter Mann, dieser Cocker. Mit seiner souligen Stimme trimmt er die Beatles-Schmalzkomposition «With a little help from my friends» auf diesen unter die Haut gehenden Galeerensträflingsklageton. Joe Cocker also weiss auf der Bühne partout nicht, was er mit seinen Händen anfangen soll, und tut so, als hielte er eine Gitarre und würde darauf spielen. Ist er denn immun gegenüber jedem Gefühl von Peinlichkeit? Wild und viril, rebellisch wie Räuber Hotzenplotz dagegen die britische Kapelle The Who, die eine urtümliche Form des Rock-Entertainment vorführt.

Als optischer Mittelpunkt und Sexsymbol amtet Sänger Roger Daltrey, der alle paar Takte seine langen Locken kunstvoll in Szene setzt, das Haupthaar ? hopp! ? nach vorne und allsogleich wieder nach hinten wirft. Dazwischen schwingt der Artist sein Mikrofon am Kabel wie ein Lasso über dem Kopf, um es ? Höhepunkt der Geschicklichkeit ? mit der anderen Hand wieder aufzufangen. Ein verschwundenes Bühnenkunststückchen, das der Verbreitung kabelloser Funkmikrofone zum Opfer gefallen ist. Noch bunter treibt es Who-Kollege Pete Townshend, der für jedes Gitarrenriff erst seinen rechten Arm zwei-, dreimal kreisen lässt, bevor er über die Saiten schrummt, und jetzt nähern wir uns dem Höhepunkt einer richtigen Rocker-Musikdarbietung: dem entfesselten Gitarrengenie, das sich Übermenschliches abquält, das Allerletzte aus sich herausholt und den Schaffensrausch im Zerstören des Instrumentes gipfeln lässt. Townshend haut die Gitarre gegen die Verstärker, um sie hernach zuhanden der Reliquienjäger ins Publikum zu werfen ? dermassen nachlässig und verachtungsvoll, dass dem Gestus schon wieder etwas Grandseigneurales anhaftet.

FUCK. «Gimme an F! Gimme a U! Gimme a C! Gimme a K! What's that spell?» schreit Country Joe McDonald. Und gewaltig schallt es aus der Menge: «Fuck!» Mitmach-Rock im Gewande gemeinschaftlich begangenen Tabubruchs! «Ein Wort hat seine emotionale Kraft und Reinheit behalten. Amerika kann es nicht zerstören, weil es nicht wagt, es zu benutzen. Es ist illegal!» bemerkte Yippie-Leader Jerry Rubin zu «Fuck». Inzwischen ist diese Schlacht gewonnen, man kann, man darf «Fuck!» sagen. Oder wollen Sie einen empörten Leserbrief schreiben?

Als wichtiges filmisches Werbeargument für die Woodstock-Gemeinde fungiert sodann der nackte Körper, insbesondere der Sex-Appeal jugendlicher Frauenkörper: Ausgiebig vorgeführt ist die Nacktheit nicht nur eine Manifestation freierer Sitten, sondern das lockende Versprechen auf Sex. Für Woodstock gilt, was für die ganze Gegenkultur der Sechziger gilt: Sex sells! Und so begutachtet der Zuschauer neben Nackedeis auch noch das eine oder andere Freakpärchen bei Begattungsaktivitäten.

Der Liebe ganz allgemein und der geschlechtlich spezifizierten besonders dürfte die Tatsache kräftig Vorschub geleistet haben, dass die halbe Million Besucher high war, berauscht von Joints und Unmengen von «Orange Sunshine», einem Qualitäts-LSD, das die Brotherhood of Eternal Love vertrieb. Die geheime Hippie-Vereinigung organisierte aus idealistisch-weltanschaulichen Motiven den Acid-Deal, um guten Stoff zu vernünftigen Preisen zu garantieren. Am Festival waren aber auch ein paar hundert schlechte Trips aufgetaucht, so dass wir eine Art Hippie-Conférencier aus dem Off hören, der klingt, als würde er zu verschreckten Kindern sprechen: «Jemand hat gesagt, dass ein Teil des LSD vergiftet sei. Es ist nicht vergiftet! Es ist nur schlechtes LSD. Also wenn jemand denkt, er habe vergiftetes LSD erwischt ? vergesst es! Wenn euch der Sinn nach einem Experiment steht, versucht es mit einer halben Tablette.» In Grossaufnahme präsentieren sich unzählige Hasch rauchende oder Trips schmeissende Hippies, massenhaft und mit offenem Visier werden Comment und Gesetze gebrochen. Die Polizei sollte später erklären, gegenüber derart breitem Übertreten der Gesetze sei sie machtlos. Woodstock war ein Vorbote, der die normative Kraft faktischer Missachtung von Drogenverboten vorführte.

Aus dem Off bekennt eine junge Männerstimme unter hysterischem Lachen: «There is only one thing I wish, I sure got to pee. And there is no way to go.» Noch unsicher, behaftet mit Restbeständen einer mittelständischen Kinderstube, begeht der Kulturrebell doch mutig den sittlichen Regelverstoss und tut von der Bühne herab einer halben Million Leuten somit von seinem dringenden Bedürfnis zu urinieren kund.

Woodstock präsentierte ein Ensemble umgewerteter Verhaltensweisen, eine neue Moral und neue Sitten. Ausgespart hat der Film die Anwesenheit politischer Aktivisten, die stets auf eine Verbindung von Drogenexperimenten, Rockmusik, neuen Lebensformen und politischem Engagement hingearbeitet hatten. So wurde der Film in den USA als verwässerte und unpolitische Darstellung der Gegenkultur gewertet. Der Aktivist Abbie Hoffman berichtet in seiner Autobiographie: «Fred Weintraub, der bei Warner Brothers für den Woodstock-Film verantwortlich war, sagte mir, dass sie sich im Studio dazu entschlossen hätten, alles mit politischem Beigeschmack zu eliminieren.»
Das Festival selber bedeutete für die Vereinigten Staaten Höhe- und Schlusspunkt eines längeren Weges.

BÜRGERRECHTE, FOLK UND DROGENEXPERIMENTE. Die Wurzeln Woodstocks gehen zurück bis zur Bürgerrechtsbewegung, die seit Mitte der fünfziger Jahre für die Gleichstellung und Integration schwarzer US-Bürger stritt. 1963 fand sie ihren Höhepunkt in einem gewaltigen Marsch auf Washington, wo Bob Dylan aufspielte und Martin Luther King vor einer Viertelmillion Manifestanten seine «I have a dream»-Rede hielt. Die Bürgerrechtsbewegung sollte nach der paranoiden Repression der McCarthy-Ära ein neuer Kristallisationspunkt für politisches Engagement und eine Erneuerung der Linken werden. Lose verbunden mit der Bewegung war ein Teil der damals florierenden Folkmusikszene. Als weitere Ingredienz für den explosiven Cocktail der späten Sixties verbreitete sich an den Universitäten Marihuana, während der Beatpoet Allen Ginsberg und der Wissenschafter Timothy Leary LSD als Mittel der Selbsterkenntnis und Persönlichkeitsentfaltung propagierten.

BLACK POWER, VIETNAM UND EIN NEUER LIFESTYLE. 1965 begannen die Schwarzen sich zu radikalisieren, das SNCC, der Jugendflügel der Bürgerrechtsbewegung, schloss weisse Aktivisten aus und ersetzte die Forderung nach Integration durch die Parole «Black Power». Im gleichen Jahr erhoben sich Schwarze in Watts, Los Angeles. Aufstände in Chicago und Detroit sollten folgen. Weisse Aktivisten richteten ihr Augenmerk zunehmend auf den Krieg in Vietnam. Dylan schloss am traditionellen Newport-Folkfestival zum Entsetzen der Traditionalisten seine Gitarre an einen elektrischen Verstärker an und leitete den Folkrock ein.

Derweil formierte sich eine neue, mit traditionellen politischen Begriffen schwer zu fassende Subkultur. Hunter S. Thompson schrieb 1965 in «The Nation», die Auftritte der neuen Radikalen seien eher poetisch als politisch, auch wenn viele von ihnen überzeugte Anhänger der Bürgerrechtsbewegung seien. Ihre politische Ausrichtung sei links, aber ihr wirkliches Interesse gelte dem Schreiben, dem Malen, gutem Sex, gutem Sound und Marihuana.

Erste Friktionen zwischen dem gegenkulturellen Selbstverständnis und der neuen Linken ? einen Zusammenstoss zwischen psychedelischer Subkultur und seriösem pazifistischem Politisieren ? brachte die Vietnam-Day-Demonstration in Berkeley. Als Redner war Ken Kesey, der Autor von «One Flew Over the Cuckoo's Nest» eingeladen. Der LSD-Pionier Kesey hatte eine Schar abenteuerlustiger Verrückter um sich geschart, die «Merry Pranksters». Zusammen bereisten sie mit einem ausgedienten, bunt bemalten Schulbus die USA und erprobten kollektives Leben unter ständigem LSD-Einfluss. In Berkeley betrat Kesey die Bühne in einer orangefarbenen Phantasieuniform, assistiert von leuchtfarbenbepinselten Pranksters, die mit ihren Instrumenten einen Höllenlärm veranstalteten. Er verkündete, die Marschiererei könne den Krieg nicht aufhalten, und fragte: «Do you know how to stop the war? Just turn your backs on it, fuck it!» Das schockierte; selbst in der Kapitale des «Free Speech Movement».

Die neue, irrationale Form des Politisierens, für die Ken Kesey stand, setzte sich zunehmend durch. Als sich im Oktober 1967 die Friedensbewegung in Washington versammelte, hatte sich das Gesicht der Opposition grundlegend gewandelt. Das Epizentrum der Manifestation bildete ein Spektakel mit Rockmusik, Drogen und Theater. Befriedigt notierte der Demonstrant Norman Mailer: «Jahrelang hatte man von den Befürwortern des LSD aus religiösen Gründen nur flauen Haferbrei als Erlebnisberichte vorgesetzt bekommen. Hier nun schien eine ganze Generation von Acid-Heads den seichten Visionen eines fröhlichen Himmels Lebewohl gesagt zu haben. Jetzt waren sie zu revolutionären Alchimisten geworden.» Die Verbindung von Musik, Rausch und Politik hielt allerdings nur kurze Zeit vor.

«TSCHECHAGO». 1968 rüsteten die Yippies für eine Massenmobilisierung anlässlich des Parteikonvents der Demokraten in Chicago, wo der Präsidentschaftskandidat gekürt werden sollte. Während des Konvents standen 10 000 Revolte-Adepten einem 23 000 Mann starken Apparat, bestehend aus Polizei, National Guard und Militärs, gegenüber. «Tschechago», wie die Vorkommnisse in Anspielung auf die sowjetische Ausradierung des Prager Frühlings später genannt werden sollten, war ein blutiges Desaster. Entfesselte Ordnungshüter knüppelten, ohne Unterschiede zu machen, brutal militante Aktivisten, gewaltlose Pazifisten, Passanten und Reporter nieder. Ein Schrei der Empörung ging durch den Blätterwald, Chicago war ein Schlag, von dem sich die Yippies nie mehr richtig erholten.

Das Klima war mit dem Amtsantritt Nixons ein anderes geworden. Offene und verdeckte Repression setzte in einem nicht gekannten Mass ein, die Führer der militanten Black Panther Party wurden eingekerkert, die weisse Protestgemeinde mit Prozessen überzogen und infiltriert. Die «Weathermen», der radikalste Flügel der wichtigen Antikriegsorganisation Students for a Democratic Society, tauchten ab, bereiteten sich auf den bewaffneten Kampf vor und exorzierten mittels LSD und Selbstkritik bourgeoise Lebensart. Das FBI schleuste Heroin in rebellische schwarze Gemeinden und die weisse Subkultur ein. Kommerzialisierung und das Abgleiten der Movement-Überbleibsel in den Untergrund gaben der «Woodstock Nation» den Rest. SCHWEIZ. Als der Woodstock-Film 1970 in der Schweiz anlief, war er eine Offenbarung für lokale Adepten der Gegenkultur, denen Drogenexperimente, musikalische Entwicklungen und neue Lebensformen näherstanden als studentische Theorien und marxistische Askese. Woodstock bestach durch die numerische Grösse, durch die Manifestation einer halben Million Personen, und durch die Botschaft, dass subkulturelle Utopien realisierbar seien.

Woodstock verführte aber auch durch seine sittliche Lockerheit. Befragt man Schweizer Freaks von ehedem, so beklagen sie unisono die kleinkarierte Moral und engstirnige Mentalität, die damals selbst in grösseren Schweizer Städten geherrscht habe. Wo lange Haare, Joints oder abgerissene Kleidung Schwierigkeiten verursachten, war Woodstock ein Versprechen. Eines, das eingelöst wurde, wenigstens was äusseren Habitus und Drogenkonsum anbelangt.

Aus der Warte des traditionelleren Politikverständnisses der Achtundsechziger wurde der politische Gehalt des Films allsogleich in Zweifel gezogen. Ein gestrenger Adorno-Jünger etwa mäkelte in einer Kritik: «Das Lebensgefühl der Woodstock-Besucher, eine Mischung aus exhibitionistischem Sektierertum und exotischer Allüre, kann doch in Wirklichkeit nur Moderevoluzzer vom Sessel reissen, aber keine eingefleischten Dialektiker. Da bleibt von der kritischen Theorie, die das Ganze ja mit ausgelöst hat, nur noch der Schatten einer Idee übrig.» Fürwahr, weitsichtige Worte. Denn im Gegensatz zur kritischen Theorie hat Woodstock überlebt.

Mich erreichte die frohe Woodstock-Botschaft 1978. Ich war damals ein widerspenstiger, vierzehnjähriger Rockmusikenthusiast. Flower-Power-Musik-Platten, auf Rockmusik-Geschichte spezialisierte Sendungen des Südwestfunks und Teenagerpostillen verankerten den Begriff Woodstock mitsamt einer diffusen Utopie in meinem pubertierenden Gefühlshaushalt. Die Saga von freundlicher Kollektivität, von Hippie-Lifestyle, langen Haaren und die Aussicht auf eine friedliche, bessere Welt ergriffen von mir Besitz. Äusserst angetan war ich von alten Fotografien der Jefferson-Airplane-Sängerin Grace Slick. Das volle, lange schwarze Haar, die Mixtur aus rebellischer Laszivität und berauschter Entrücktheit entzückten mich genauso wie ihre Songs über Revolution und freie Liebe. Dass die Dame realiter ein bejahrtes, versoffenes und aufgedunsenes Wrack geworden war, mochte meiner Verehrung keinerlei Abbruch zu tun. Denn trist und grau war die Lage der Dinge ohnehin. Ende der Siebziger versteiften sich die Mädchen meiner Schule darauf, im Gefolge zeitgenössischer Modetorheiten sich die dauergewellten Haare zu affigen Frisuren aufzustruppen, Muzak zu hören und sich weder für die weite Welt noch für den befreiten, genauer: den sexuell entfesselten Menschen zu interessieren. Ich, Streiter gegen tumben Discosound, ich, Prediger wider die damals beliebten Teenagerstars John Travolta und Olivia Newton-John, ich, Kulturkämpfer für richtige Gesinnung, blieb bei Grace Slick und Hippie-Träumen.

Linderung sollte der Eintritt ins Gymnasium Oerlikon bringen. Dort fanden sich stilistisch Verbündete mit langen Haaren und langen Hemden, die über abgeschabte Hosen hingen. Der ferne Traum Woodstock materialisierte sich ansatzweise durch eine Mikrosubkultur, deren Träger aus Fleisch und Blut waren. Die Freaks versammelten sich täglich an drei Tischen der Mensa, von wo sie auf angepasstere Schüler hinabsahen. Denn Freaks waren politisch bewusst, experimentierfreudig, hatten schon Erfahrungen mit Drogen und Sex, waren verwegen angezogen, rebellisch und frech. Meine Schulbücher zierten Peace-Symbole und der Slogan «Woodstock». Alsbald nannte ich ein Schillum, eine unpraktische, aber auffällige Haschpfeife, mein eigen und ersetzte meine Pilotenbrille durch runde John-Lennon-Gläser.

Im Einklang mit meinem Predigen wider das bürgerliche Vorurteil Eifersucht verliebte ich mich, flankierend zur bestehenden Liaison, aufs heftigste in eine politisierte, langhaarige, Hasch rauchende und unendlich begehrenswerte Dame von den vorderen Mensatischen. Zur Bekräftigung des neu geschlossenen Bundes zogen wir mit Rucksack und Zeltpack auf die Zürcher Allmend, wo jährlich ein nichtkommerzielles Freak-Festival stattfand. Das Allmendfest lockte alte Hippies aus der ganzen Schweiz, ja selbst aus Süddeutschland an, vereinigte die lokale Subkultur und initiierte junge Novizinnen und Novizen. Hunderttausend heulende Höllenhunde ? das Allmendfest anno 80 markierte einen Höhepunkt meiner damals bescheidenen sechzehn Jahre Lebenserfahrung.

Alles war da: nackte, schlaksige Typen, die in der Sihl badeten, an jedem Lagerfeuer aufsteigende Haschdüfte, überall Rausch und Liebe, ein vages Gemeinschaftsgefühl, das bunte Treiben herumziehender Händler, Hare-Krishna-Jünger auf Seelenfang, Rockmusik und die Freiheit, tun und lassen zu können, wonach immer einem der Sinn stand. Bekifft und zerstreut nahm ich an jener Vollversammlung teil, die just die Demonstration beschloss, die die achtziger Unruhen einläuten sollte.

Mein Fall mag den politischen Gehalt Woodstocks illustrieren. Der Film und die Musik eines Ereignisses, das zehn Jahre zurücklag und auf einem anderen Kontinent stattgefunden hatte, empfahlen mir eine gegenkulturelle Lebensart. Diese tat sich zwar nicht direkt in klaren politischen Präferenzen kund, im Moment aber, da es zu wählen galt, wo politischer Positionsbezug unausweichlich war, wurde auch der politische Gehalt des Woodstock-Lifestyle virulent. Von den Freak-Mensatischen und dem Allmendfest führte mein Weg direkt in die Jugendbewegung. Meine Haare wurden noch länger und durch einen Vollbart ergänzt, jede Krawatte wurde zur Feindesuniform, deren Träger ich mindestens durch verächtliches Feixen anzugreifen pflegte. Unter dem Eindruck von Polizeiprügeln und partiell ausgesetzter Rechtsstaatlichkeit legte ich flugs den naiven Woodstock-Pazifismus ad acta und wurde zum Hausbesetzer und staatlich beglaubigten Agitator.

Woodstock steht weder für ein politisches Programm noch für einen irgendwie gearteten politischen Willen. Im Gegensatz zur spezifisch europäischen und traditionell politisch ausgerichteten Chiffre «68» steht Woodstock für eine kulturelle und mentale Dynamik, welche die westliche Gesellschaft in einem Ausmass umgepflügt hat, das zu Beginn der Sechziger undenkbar gewesen ist.
Dig it, Fucker?

Thomas Haemmerli ist Chefredaktor des Videomagazins «Code» und freier Journalist in Zürich.


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