Es herrscht Streit in der Chefredaktion der amerikanischen Zeitschrift «Time»: Soll Abu Mussab az-Zarqawi oder Katrina zur «Person des Jahres» gewählt werden? Zarkawi ist der Chefterrorist im Irak, Katrina der Wirbelsturm, der diesen Herbst den Südosten der USA verwüstete – diese Hinweise nur, falls jemand in den vergangenen Monaten auf dem Mond gelebt haben sollte.
So selbstverständlich wie wir heute noch wissen, wer «Zarkawi» und «Katrina» sind, so selbstverständlich werden wir es morgen vergessen haben. Der Platz auf den Titelseiten ist beschränkt. Skandale von heute verdrängen jene von gestern, das Erdbeben vom Winter den Wirbelsturm vom Herbst. Der amtierende Musicstar sieht den nächsten schon vom Fliessband rollen, während er sich noch im Rampenlicht aalt. Manche müssen von der Bühne getragen werden, andere flüchten vor der Öffentlichkeit, die sie nie gesucht haben.
Für das vorliegende Folio haben wir Helden und Bösewichte, Stars und ihre Liebhaber, Skandale und ihre Protagonisten aufgespürt. Wir wollten wissen: Was passiert, wenn nichts mehr passiert?
Schnell stellte sich heraus, dass nicht nur Personen (Mathias Rust) in unserer passiven Erinnerung lagern. Mindestens so wichtig erschien uns die Frage: Was wurde aus Katastrophen (Tschernobyl-Verstrahlung), Erfindungen (Esperanto), Kriegen (Rwandakonflikt)?
Die Vorarbeit zu dieser Ausgabe glich einem gewaltigen Detektivspiel. Zwischendurch berichteten unsere Autoren von ihrer Jagd auf das Vergessene: Eine rapportierte enttäuscht, ihre Zielperson sei nicht gesprächsbereit. Wochen später ergänzte sie nachdenklich, die Person sei das, «was wir alle gern wären: ungreifbar und unangreifbar», (Ursula Koch). Ein anderer war auf den Spuren von Christiane F. Seinen erschütternden Beitrag kommentierte er mit den Worten: «Bitte kürzen Sie den Text. Ich wüsste nicht, wo. Ich bin zu befangen.»
Das Ergebnis der sechsmonatigen Fahndung: 92 kurz gehaltene, alphabetisch geordnete Geschichten über die Gegenwart der Vergangenheit.
Erwarten Sie nicht Vollständiges. Erwarten Sie Verblüffendes. Erwarten Sie Anregungen zum Erinnern. Erwarten Sie vor allem Berichte von 34 Autoren, die mit offenen Augen und grosser Beharrlichkeit in Archiven und manchmal auch im Dreck gewühlt haben. Das Fazit der Fahndung: Die Zeit heilt alle Wunder.