NZZ Folio 07/92 - Thema: Sport und Geld   Inhaltsverzeichnis

«Nicht überall geht es schmutzig zu»

Ein Gespräch mit dem Hürdenläufer Ed Moses.

Von Rod Ackermann

1983 wies der amerikanische Hürdenläufer Edwin Moses als erster prominenter Läufer öffentlich auf den in seinem Sport grassierenden Missbrauch leistungssteigernder Drogen hin. Er entfachte damit einen Sturm der Entrüstung, dem allerdings bald Massnahmen folgten. Die Einführung von Dopingtests auch ausserhalb von Wettkämpfen ist weitgehend Moses' Initiative zu verdanken. 1989 hat sich Moses von der Leichtathletik zurückgezogen, immer noch aktiv ist er in den Wintermonaten als Bobfahrer in der US-Nationalmannschaft. Für die Olympiade in Barcelona hat sich der 37jährige ein Comeback in seiner angestammten Disziplin vorgenommen. Später will Moses, der ein Physikstudium abgeschlossen hat, eine Laufbahn in nationalen und internationalen Sportgremien einschlagen.

Ed Moses, der Trend in der Leichtathletik ist nicht zu übersehen: bei Dopingvergehen werden die kleinen Sünder bestraft, doch mit den grossen versucht man sich zu arrangieren. Hat man den Kampf aufgegeben?

Nein, wir sind keineswegs am Ende des Kampfes. Zwar mag es da und dort zu einer Niederlage gekommen sein, oder es wurde nicht mit der gebotenen Sorgfalt getestet, aber die Verbände setzen ihre Bemühungen natürlich fort. Sie tun das nicht zuletzt im Interesse der Mehrheit der Athleten, die sauber - das heisst frei von Drogen - bleiben wollen. Ihnen gegenüber besteht ganz einfach die Verpflichtung, weiterhin Dopingtests vorzunehmen. So bleiben doch immer wieder schwarze Schafe im Netz hängen, vorausgesetzt natürlich, dass das vorgeschriebene Prozedere auch korrekt eingehalten wurde.

Tritt denn Ihrer Meinung nach wirklich die Mehrheit der Aktiven für sauberen, drogenfreien Sport ein?

Ob sie dafür eintreten, ist schwer zu sagen. Tatsächlich ist aber eine grosse Anzahl von Athletinnen und Athleten unbedingt sauber - wenn auch wohl zur Hauptsache deswegen, weil sie bei Wettkämpfen und im Training jederzeit zu Kontrollen gebeten werden können. Es wird sehr viel getestet, und dies hat abschreckende Wirkung.

Aber letztes Jahr wurde das Budget, das der nationale Leichtathletikverband der USA für Kontrollen ausserhalb der Wettkämpfe bereitstellt, von 305 000 Dollar auf 155 000 Dollar gekürzt.

In der Tat wurde die Anzahl dieser Tests reduziert, was für viele die Chance zum Falschspielen erhöht. Das Moment der Abschreckung bleibt indes trotzdem bestehen.

Und wie steht es mit den zahlreichen Fällen, in denen die Strafen für Dopingsünder später zum Teil drastisch verkürzt oder sogar aufgehoben wurden?

Dies mag in ein paar prominenten Fällen zugetroffen haben. Aber es gibt anderseits zahlreiche Beispiele dafür, dass der gesperrte Athlet seine Strafe in vollem Umfang absitzt; nur liest man in der Zeitung dann nichts darüber. Die zwei oder drei Fälle, die das Publikum beachtet, lassen die Situation schlimmer erscheinen, als sie in Wirklichkeit ist. Man mag sich über die Behandlung einer Katrin Krabbe oder eines Butch Reynolds aufregen, aber es liessen sich ungleich mehr Beispiele anführen, bei denen die Sperre vollumfänglich in Kraft trat.

Gibt es eine Komplizenschaft von Verbänden und Sponsoren, um Dopingtests zu unterlaufen? Oder ist diese Verschwörung ein blosses Gerücht?

Eine Verschwörung würde ich es nicht gerade nennen, aber natürlich kommt es vor, dass Sponsoren, Athleten, Verbände und so weiter die Kenntnisse, die sie von Dopingvergehen haben, lieber verschweigen; und damit perpetuieren sie das Problem. Es hat Athleten gegeben, von denen jedermann wusste, dass sie sich dopten, aber solange keinerlei positive Testergebnisse vorlagen, liess man die Sache stillschweigend auf sich beruhen. Ich denke da zum Beispiel an Ben Johnson, den bis 1987/88 meistbeachteten Leichtathleten überhaupt. Aber auch bei anderen Athletinnen und Athleten, bei denen klare Anzeichen für den Gebrauch von Doping bestehen, unternimmt niemand etwas, will niemand je etwas gewusst haben.

Weil in der Regel alle Beteiligten in irgendeiner Art und Weise profitieren, wenn es mit dem Business wie gewohnt weitergeht?

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es in manchen Sportverbänden - in den Vereinigten Staaten wie auch in anderen Ländern - einfach niemanden gibt, der für die Dopingbekämpfung verantwortlich ist. Manche Länder kennen Dopingtests überhaupt nicht; deren Athleten können jahrein, jahraus trainieren, ohne jemals kontrolliert zu werden. Einige dieser Länder - zum Beispiel Marokko, die Volksrepublik China, generell Staaten der Dritten Welt, aber wohlgemerkt, nicht nur sie allein - haben Starathleten hervorgebracht. Das dort bestehende System der Dopingbekämpfung ist einfach nicht effizient genug, um eine wirksame Abschreckung zu gewährleisten. Mancherorts fehlt auch ganz einfach das Geld. Dopingtests sind teuer, sehr teuer. Allein schon zur Aufrechterhaltung eines integren Kontrollbetriebs mangelt es häufig an der nötigen Infrastruktur, und manche Verbände haben schlicht keine Mittel. Zwar gibt es in gewissen Ländern staatliche Unterstützung, aber anderswo liegt man noch weit zurück. Es ist gerade in der Dritten Welt sehr schwierig, für Dopingbekämpfung zwei oder drei Millionen Dollar aufzutreiben und Experten zu engagieren, wenn gleichzeitig die Leute Hunger leiden.

Wann hat die seriöse Arbeit der Dopingtester überhaupt begonnen? Wann wurde das Problem in seiner vollen Dimension erkannt und entschieden, dass endlich etwas unternommen werden müsse?

Nach den Skandalen bei den Panamerikanischen Spielen im Sommer 1983 in Caracas, Venezuela. Vorher, und auch noch 1984 und 1985, wurden wir bei Wettkämpfen nur ganz selten kontrolliert und ausserhalb davon praktisch nie. Ausnahmen waren höchstens die Weltcups und, ab 1983, die Weltmeisterschaften. Bei deren erstmaliger Austragung, in Helsinki, hatten wir die ersten wirklich ernsthaften Tests; damals wurde zum erstenmal die Gas-Chromatographie angewandt. Etwas später wurde in den USA auch das erste eigens für diesen Zweck bestimmte Labor in Betrieb genommen, an der UCLA-Universität in Los Angeles. Vorher, in der zweiten Hälfte der siebziger sowie Anfang der achtziger Jahre, hatte der Dopinggebrauch einen konstanten Aufstieg erlebt; zuvor hatte beispielsweise praktisch niemand anabole Steroide genommen. Sie waren fast ausschliesslich unter den Kugelstössern und Diskuswerfern verbreitet gewesen; erst später gab es auch mehr und mehr Sprinter, die sie verwendeten.

Ende 1988 - nach dem Dopingskandal um den Sprinter Ben Johnson an den Olympischen Spielen von Seoul - begannen Sie mit einigen Kollegen ein Programm für Dopingkontrollen ausserhalb der Wettkämpfe zu entwerfen. Wie weit ist dieses Programm in der Zwischenzeit gediehen?

Im Oktober 1989 wurde das Programm in Kraft gesetzt. Es ist, würde ich sagen, ein Erfolg - und sei es nur wegen seiner präventiven Wirkung. In den USA kann jeder Leichtathlet und jede Leichtathletin bis zu viermal jährlich ausserhalb von Wettkämpfen, im Training also, getestet werden, wobei das Aufgebot nur 48 Stunden im voraus erlassen wird. Ich selber habe erst kürzlich wieder eine Vorladung bekommen.

Hat man das Problem also im Griff?

Man spricht meiner Meinung nach viel zu selten über all jene Aktiven, die ihren Lorbeer ohne unerlaubte Mittel, auf saubere Art und Weise, zu erobern trachten. Allzuleicht entsteht durch ein oder zwei in aller Ausführlichkeit publizierte Vorfälle der Eindruck, dass es überall schmutzig zugehe - und dieses Bild stimmt nun einfach nicht.

Wie sieht denn das beispielsweise in Prozenten aus? Wie viele Sportler der «Top twenty» jeder Leichtathletikdisziplin sind sauber?

Das kann ich unmöglich sagen - ich weiss es nicht. Unbestreitbar ist indes, dass die Leichtathletik unter einem Imageproblem leidet, wenn vom Doping die Rede ist. Das hat nicht zuletzt auch mit den unglaublichen Fehlern zu tun, die ausgerechnet bei Dopingkontrollen bekannter Athleten begangen wurden. Fehler auf jeder Ebene: bei der Entnahme und der Aufbewahrung der Proben, beim Ausfüllen von Dokumenten, bei der Computeranalyse. Dies sollte man berücksichtigen, bevor man einen Athleten vorschnell als Dopingsünder verurteilt.

 Aber ist die Zahl dieser Fehler nicht unverhältnismässig hoch? Da entsteht doch leicht der Eindruck, dass nicht alles pure Inkompetenz und purer Zufall sein kann?

Lassen Sie mich dazu zwei Sachen sagen. Erstens: im Amateursport wird doch viel eher und öfter über Dopingprobleme diskutiert als zum Beispiel im Berufssport, wo man nie von einem Athleten hört, dass er Testergebnisse kritisiert. Zweitens: wenn es bei den Berufssportlern - in den USA im American Football, im Baseball und Basketball, auf internationaler Ebene im Fussball, Tennis, Golf, Boxen, Automobilrennsport - so viele Tests gäbe wie bei uns, würden dort mit Gewissheit mehr Athleten erwischt werden. Bei den Profis hört man jeweilen nur, dass ein Fall behandelt wird, aber Details dringen keine an die Öffentlichkeit. In der Leichtathletik nehmen wir es so gründlich wie sonst praktisch nirgends.

Was könnte zur Verbesserung der Kontrollen, zur Aufrechterhaltung ihrer präventiven Wirkung unternommen werden?

Vorauszuschicken wäre einmal, dass weltweit die Zahl der Dopingkontrollen von Jahr zu Jahr steigt, während die Zahl der positiven Tests abnimmt. Da besteht ein Zusammenhang. Daher ist es wichtig, dass die Zahl der Kontrollen nicht nur aufrechterhalten, sondern erhöht wird. Das geht ins Geld, und die dafür notwendigen Mittel müssten unbedingt bereitgestellt werden.

Und woher sollen diese Mittel kommen? Ist es denkbar, dass dafür zum Beispiel Sponsoren gewonnen werden können?

Die Last wird in erster Linie von den Verbänden getragen. Aber es gibt, vor allem hinter den Kulissen, auch private Geldgeber. Leider sind sie nicht zugleich auch olympische Sponsoren und in ihrem Wirken deshalb eingeschränkt. Mir ist zum Beispiel ein Pharmazeutikahersteller in den USA bekannt, der aus eigener Initiative in dieser Beziehung tätig geworden ist - auf dem Gebiet der Erziehung und Aufklärung in Dopingfragen ebenso wie mit direkter Hilfe an Athleten.

Wie schätzen Sie die in letzter Zeit öfters angeregte Dopingkontrolle mittels Blut- oder Haartests ein?

Ich habe mir von medizinischen Fachleuten sagen lassen, dass Urintests für Langzeitanalysen am besten geeignet sind; besser als Bluttests, problemloser zu entnehmen und, was eben auch ins Gewicht fällt, billiger - von anderen Komplikationen ganz zu schweigen: Blutentnahmen könnten auf eine ganze Reihe von Widerständen stossen, solche religiöser Art etwa, oder es könnten Aktive sich aus gesellschaftlichen oder irgendwelchen persönlichen Gründen weigern. All dies erfordert ernsthafte Diskussionen, auch auf internationaler Ebene.

Sie meinen also, dass das bestehende, auf Urinproben gegründete System der Dopingkontrollen genügt, auch wenn es da und dort Mängel aufweist?

Man muss da auch an gewisse praktische Grenzen denken. Für hundert verschiedene Arten anaboler Steroide, für fünfzig verschiedene Arten von Amphetaminen, für Betablocker und so weiter gibt es ungezählte verschiedene Testverfahren. Aber in der Tat würden sich mit mehr finanziellen Mitteln mehr und zuverlässigere Tests vornehmen lassen. Ausserdem sollte der ganze Papierkram vereinfacht werden. Wünschenswert wäre, dass auf der ganzen Welt nur noch ein einziges, standardisiertes Testverfahren bestünde, eine einzige Art der Entnahme, der Verpackung der Proben und so weiter. Aber die Frage bleibt offen, woher das Geld für diese Verbesserungen zu kommen hätte - von internationalen Verbänden, von nationalen Verbänden, von Privatunternehmen.

Aber ein hundertprozentig «sauberer Sport» bleibt doch eine Illusion?

Hundert Prozent von irgend etwas sind illusorisch. Immerhin habe ich eine Entwicklung beobachtet, die vom totalen Laissez-faire in den späten siebziger und in den frühen bis mittleren achtziger Jahren zur heutigen Überprüfbarkeit führte. Das ist auf jeden Fall ein Fortschritt. Mit der Abschreckung allein ist es nicht getan.

Müssten im Kampf gegen das Doping nicht auch andere Mittel angewendet werden?

Gewiss. An erster Stelle wäre da die Aufklärung zu nennen, doch bleiben Bemühungen in dieser Richtung normalerweise unbeachtet. Wir haben in den USA in dieser Beziehung viel getan, mehr als alle anderen, haben an alle Athleten Informationsmaterial verteilt, haben durch unser Nationales Olympisches Komitee eine telefonische «Hotline» einrichten lassen, wo ein Athlet 24 Stunden am Tag Auskunft über die Zulässigkeit von Pharmazeutika erfragen kann. Da darf mit Berechtigung gesagt werden, dass bezüglich des Dopings heutzutage doch ein ganz anderer Bewusstseinsstand herrscht als einst.

Spielt das Verschwinden des ideologisch motivierten Sportwettstreits zwischen Ost und West bezüglich des Dopinggebrauchs eine Rolle?

Ich glaube schon. Es gibt zwar zuwenig zuverlässige Informationen, aber man kann mit Sicherheit annehmen, dass systematisches Doping ein Kennzeichen des Ostblock-Sports war; Doping wurde dort als etwas Normales, Alltägliches betrachtet und eingesetzt. Aber ganz abgesehen davon: Wo für die Erzielung sportlicher Erfolge finanzielle Anreize bestehen, ist die Versuchung zum Doping eben da - gleichgültig, in welchem politischen System.


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