NZZ Folio 08/07 - Thema: 13-jährig   Inhaltsverzeichnis

Sportmärchen -- Ein gefragter Knabe

© Markus Roost
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In einer Stadt lebte ein Knabe, der war aufgeweckt, arbeitsam und höflich gegen Gross und Klein. Allein in einem Punkte betrug er sich befremdlich: Der Knabe sprach nur sehr ungern und hasste es auf den Tod, wenn man ihm Fragen stellte. Gleichgültig, wer die Rede an ihn richtete und worum es in der gestellten Frage ging – sogleich umwölkte sich des Knaben Stirn, sein lieblicher Mund bekam einen bitteren Zug, und er schüttelte und rüttelte sein lockiges Haupt, als ob sich das Gesagte dadurch ungeschehen, die Frage ungestellt machen liesse?… Wehe aber, wenn einer gar nachzuhaken wagte! Dann ergriff der Knabe die Flucht und mied diesen Peiniger auf alle Zeit.

In der Schule indes gab es kein Entrinnen. An jedem Tag, den Gott werden liess, frug der Lehrer: «Wie viel ergibt drei mal drei?» Und jedes Mal wurde der Knabe bleich, begann zu zittern, dass seine Füsse tanzten und sein Kopf vor Wut hin und her geworfen wurde, was den Lehrer selbstredend seinerseits erzürnte?… Wen wunderts, dass sich der Knabe, kaum war er gross, nach einem Beruf umsah, bei dem man gänzlich ungefragt blieb oder aber jegliche Fragen selber stellte?!

Zum Beispiel versuchte er es als Landvermesser, dann machte er eine Schnupperlehre als Steuerkommissär – allein, ihm mangelte es an guten Zeugnissen, hatte er doch in jedem mündlichen Examen kläglich versagt. Am Ende blieb ihm nichts übrig, als das Handwerk des Fussballspielers zu erlernen. Denn einem Fussballer ist es ja nicht nur erlaubt, bei der Arbeit zu schweigen, er wird vom Schiedsrichter gar belobigt dafür!

So leistete der Jüngling auf dem Feld der Ehre enorme Laufarbeit und half ungefragt aus, wo immer Not am Manne war. Das ging gut, bis er eines Tages ein Tor schoss. Dann noch eins. Und noch eins. Und kaum war das Spiel vorbei, standen die Reporter da und feuerten Fragen gleich Pfeilen gegen ihn: «Sag, Junge, weshalb zielst du immerzu auf die linke Torecke?» «Und warum schnürst du deine Schuhe mit Doppelknoten?» «Und wie kannst du noch in einer Dreizimmerwohnung hausen, wo du doch jeden Sommer 44 Tore erzielst?!»

Stumm vor Schreck schlug der Jüngling die Tür der Umkleidekabine zu und versteckte sich in der Dusche. Draussen aber brüllten die Reporter: «Wir werden hier strampeln und trampeln, bis du uns dein Sternzeichen verrätst!» Da schüttelte der junge Mann wie wild den Kopf, trat auf der Stelle als Stürmer zurück und wurde Trainer. Denn wie hatte sein eigener Fussballlehrer doch immer gesagt: «Als Trainer habe ich hier das alleinige Sagen und möchte mir daher jegliche Fragen verbitten!»

Alsbald trainierte der Mann eine Mannschaft, die so unbekannt war, dass kein Hahn nach ihr krähte – bis sie eines Tages ein Spiel gewann, und dann noch eins und noch eins. Und am nächsten Abend läutete es an der Tür, und noch ­bevor der Mann öffnen konnte, zischte jemand: «Sag schon, wer spielt nächsten Sonntag am linken Flügel?» «Und wie kannst du noch in diesem Loch wohnen, wo du doch der neue Nationaltrainer bist?!»

Da schlug der Mann die Tür zu, legte die Kette vor, löschte das Licht und verkroch sich heftig kopfschüttelnd im Kleiderschrank. Trotzdem hörte er die Reporter im Hausgang toben: «Wir werden hier strampeln und trampeln, bis wir wissen, warum der Kellerhans nie spielt!» Nun packte der Mann seine Siebensachen, stieg über den Balkon ins Freie und irrte sieben Stunden durch die Nacht, bis er zu einem einsamen Häuschen kam, wo noch Licht brannte. Im Fenster aber stand ein Schild: «Wohnung zu vermieten.»

Weil der Mann sterbensmüde war, klopfte er an. Es öffnete ihm eine alte Frau. Sie blickte ihn voller Mitleid an und sprach: «Ach, armer Herr Trainer, wie halten Sie das alles bloss aus?!» Da suchte der Mann das Weite und ward nie mehr gesehen.

Jakob Kuhn, der Trainer der Schweizer Fussball­nationalmannschaft, leidet unter den Medienleuten und schüttelt stets den Kopf, wenn er interviewt wird. Neulich wollte er deshalb heimlich von seinem langjährigen Wohnort ins Nachbardorf umziehen, doch der Plan wurde ruchbar und zog eine Medienkampagne nach sich.

Richard Reich ist Autor; er lebt in Zürich.

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