In Asheville gibt es dreimal mehr Demokraten als Republikaner, ein an die Parteien respektive deren Kandidatennominationen «gebundenes» Wahlsystem und - nach unserem Verhältnis - keine Parteien. Die amerikanischen Parteien, Demokraten und Republikaner, kennen keine Mitgliedschaft im Sinne von Vereinen und keine Mitgliederbeiträge. Wer sich als Wähler registrieren lässt, gibt an, ob er demokratisch, republikanisch oder unabhängig ist, und damit hat es sich. Falsch wäre es jedoch, zu behaupten, es gäbe keine Parteiorganisationen; gerade jene der Demokraten war einst berühmt-berüchtigt (während die Republikaner kaum etwas zu sagen hatten); da zogen, wie sich der Präsident der Demokratischen Partei von North Carolina, Herbert Hyde, erinnert, einzelne Persönlichkeiten die Fäden, sorgten der Sheriff oder der City Manager (der Chef der Verwaltung) mittels der Verteilung von Privilegien für «Disziplin» in der Stadt.
Diese Zeiten sind längst vorbei. Die demokratische Parteiorganisation gibt es zwar noch, aber sie hat an politischer Durchschlagskraft eingebüsst; und die Republikaner haben zwar in den letzten Jahrzehnten gegenüber den Demokraten aufgeholt, aber ihr Einfluss auf die Lokalpolitik ist nicht allzu gross. Die Parteistrategen beklagen die mangelnde Disziplin «ihrer» Wähler, und das Bild der in Hinterzimmern Zigarren rauchenden Parteibosse taucht nur noch in Karikaturen auf. Die Parteien spielen auf lokaler politischer Ebene insgesamt eine untergeordnete Rolle, ihre Repräsentanten sehen das - den Umstand bedauernd - nicht anders. Wer gewählt werden will, braucht vor allem einen guten Ruf, viele Freunde und, sobald er die lokale Ebene verlässt, «idiotische Sponsoren», meint Hyde, dessen Hang zum Sarkasmus in den politischen Kreisen der Stadt legendär ist. Die Überzeugung komme an letzter Stelle. Manchmal stehe sie der politischen Karriere geradezu im Wege. So sei es wenig ratsam, in North Carolina gegen die Todesstrafe zu wettern, die hier immer noch vollzogen wird. Da spreche man als Politiker doch lieber über Unverbindliches, beispielsweise über Apple Pie.
Im City Council, dem Stadtrat, sitzen sechs Demokraten und ein Republikaner. Diese Angaben sind lediglich von statistischem Wert, denn entschieden wird oft mit vier gegen drei oder fünf gegen zwei Stimmen, die Parteizugehörigkeit tritt völlig in den Hintergrund, zumindest bis Republikaner und Demokraten jeweils im Vorfeld der Wahlen ihr Kandidatenkarussell in Bewegung setzen. Nicht immer dreht es sich allerdings reibungslos, denn die Bereitschaft, als Bürgermeister im Nebenamt für 3000 Dollar pro Jahr praktisch einen Full-time-Job auszuüben oder als Mitglied des Stadtrates viel Zeit für die Stadt zu opfern (Entschädigung: 2000 Dollar), nimmt auch in einem Land ab, in dem freiwilliger Dienst an der Gemeinschaft nach wie vor grossgeschrieben wird. Die Suche nach fähigen Kandidaten wird (wo nicht?) schwieriger, und das Echo bei den Bürgern bleibt mässig. Die Wahlbeteiligung liegt nach Angaben des früheren republikanischen Bürgermeisters Lou Bissette jeweils bei 20 bis 25 Prozent der eingeschriebenen Wähler.
Das politische System, vor allem die Einflussnahme und Machtverteilung, ist nicht nur deshalb kaum zu durchschauen, weil Einzelpersonen eine grössere Rolle spielen als Parteiapparate und weil ein feines Netz persönlicher Beziehungen den Gang der Dinge wesentlich beeinflusst. Auch die auf den ersten Blick einfache und in Amerika weitverbreitete Organisationsform kompliziert in der Praxis das System. Dem Stadtrat, der Exekutive, steht keine Legislative gegenüber, kein Parlament und keine Gemeindeversammlung. Institutionell funktioniert die demokratische Kontrolle in erster Linie über die Wahlen; dabei ist die (von ihm selbst festgelegte) Amtsdauer des City Council mit zwei Jahren ausserordentlich kurz - zu kurz, wie Kritiker meinen. Seltener bestehen Referendumsmöglichkeiten, etwa im Zusammenhang mit Kreditaufnahmen der Stadt für grosse Infrastrukturaufgaben wie die Wasserversorgung.
In der Praxis sorgt ein weiterer Umstand für Kontrolle: Der Stadtrat und die von einem City Manager geführte Verwaltung agieren im Glashaus. Die wöchentlichen Sitzungen des City Council sind öffentlich, und wer etwas von der Verwaltung wissen will, geht hin und erkundigt sich; die Informationspraxis ist für schweizerische Verhältnisse ungewohnt freimütig, hin und wieder hat man gar den Eindruck, die Verwaltung könne es sich gar nicht leisten, Auskünfte von allgemeinem Interesse zu verweigern. Politisch relevante Fragen der Planung und Entwicklung, des Umweltschutzes oder des Infrastrukturbaus werden zu einem frühen Zeitpunkt öffentlich zur Diskussion gestellt und dann in Kommissionen, Hearings und Versammlungen eingehend erörtert.
Mehr als 30 ständige Kommissionen sind gegenwärtig an der Arbeit, und von Fall zu Fall kommen weitere hinzu. Ihre Zuständigkeiten sind sehr unterschiedlich, sie reichen von rein beratenden Funktionen bis zur Wahrnehmung eigentlicher Verwaltungskompetenzen städtisch oder regional in Zweckverbänden. Über die Zusammensetzung oder die Frage, wer Asheville in einem regionalen Gremium vertritt, entscheidet der Stadtrat. Dabei sind solche Entscheide, wie auch die Sachpolitik, auf Ausgleich angelegt. Man versucht, möglichst alle relevanten Gruppen am Meinungsbildungsprozess zu beteiligen, sie rasch zu integrieren. Als die Stadt in den achtziger Jahren die Ausarbeitung des «Asheville City Plan 2010», eines Masterplans für die künftige Entwicklung, in Angriff nahm, wurde eine Kommission mit 140 Mitgliedern eingesetzt, die danach einen wahren Planungsmarathon mit zahlreichen öffentlichen Hearings und Diskussionsveranstaltungen absolvierten; es resultierte ein breit abgestütztes Planungsinstrument, das die wichtigsten Entwicklungsziele in allen relevanten Bereichen, von der Wirtschaft bis zur Sicherheit der Bevölkerung, auflistet und auf das sich Behördenvertreter und Bürger heute im politischen Alltag immer wieder berufen.
Neben Stolz über die aktive Beteiligung der Bürger und die erzielten Resultate klingt in den Worten traditionalistischer Lokalpolitiker, etwa des demokratischen Bürgermeisters Ken Michalove, eines klugen und witzigen Mannes, aber auch Skepsis an. Immer neue Gruppierungen, «Grass-Root»-Bewegungen, formieren sich, insbesondere im Umweltbereich, melden Kritik an, durchleuchten die politischen Vorgänge und Abhängigkeiten, stellen Forderungen und starten Telefonaktionen, ein in Amerika beliebtes Mittel zur Erzeugung politischen Drucks.
Diese Gruppierungen sind oft sehr gut organisiert und können sich auf ein landesweites «alternatives» Informationsnetzwerk verlassen. Aus der Sicht des politischen Establishments werden damit der politische Prozess schwieriger und die Konsensfindung mühsamer - aber nicht nur: Früher, sagt City Manager Doug Bean, der Administrator der Stadt, und betont die positiven Aspekte der Entwicklung, früher hätten zehn bis fünfzehn Leute die Macht in Asheville ausgeübt, heute sei die Politik offener.
Bürgermeister Michalove, Primus inter pares in der Stadtregierung und damit ohne Vetorecht, nennt die wichtigsten Anliegen der Behörden: Verbreiterung der ökonomischen Basis, Wohnungen für sozial Schwächere, Bekämpfung des Drogenproblems, Verbesserung des Bildungssystems, Abbau von Spannungen zwischen den Rassen. Bereits in den sechziger Jahren war er aktiv an der Umsetzung der Sozialprogramme der Präsidenten Kennedy und Johnson beteiligt gewesen, und noch heute sind ihm soziale Fragen ein Anliegen, auch wenn er rückblickend meint, damals sei viel Geld in (wenig effiziente) Programme hineingepumpt worden. Momentan dominiert indessen ein anderes Thema: wirtschaftliches Wachstum unter Beibehaltung der Lebensqualität, «managing the growth», wie der Bürgermeister es nennt. Dabei kümmert sich die Stadt zusammen mit dem County, den Bezirksbehörden, vorab um den Ausbau der Infrastruktur (Wasserversorgung, Abfallentsorgung usw.) und unternimmt - im Vergleich mit der Situation in der Schweiz - recht zaghafte Schritte, um mit Hilfe von Planungsinstrumenten wie Zonierungen und Bauvorschriften die Entwicklung zu steuern; Eingriffe in die Verfügungsrechte von Grundeigentümern scheinen noch nahezu tabu zu sein. Langsam aber bahnt sich, nicht zuletzt unter dem Einfluss der «Grünen», auch in diesem Bereich eine Trendwende an. Dabei gehören Rentner, die hierhergezogen sind, um den Lebensabend in Asheville zu verbringen, oft zu den engagiertesten Verbündeten der Umweltschützer, denn ihnen liegt viel an der Erhaltung der Natur, während ihr Interesse an einer rasanten Wirtschaftsentwicklung nicht (mehr) ganz so gross ist.
Forsch geht es zu und her, wenn die Stadt die (steuerzahlende) Basis für ihre Aktivitäten verbreitern will. Das Recht des Staates North Carolina gestattet es ihr, unter bestimmten Bedingungen (Nähe zur Stadtgrenze und Dichte der Überbauung sind dabei massgebend) Gebiete zu «annektieren» - wobei man immerhin versucht, mit den Bewohnern eine Einigung zu erzielen, teilweise allerdings ohne Erfolg, wie die vor dem Obersten Gericht des Staates hängigen Verfahren zeigen. Selbstverständlich begründet die Stadt ihr Vorgehen nicht mit finanziellen Gelüsten, sondern damit, dass die Bewohner in diesen Quartieren nach einer Eingemeindung von den städtischen Leistungen profitierten. Die Zwangsverstädterten betrachten das Ganze allerdings oft weniger als Wohltat denn als Angriff auf ihr Portemonnaie, werden sie doch verpflichtet, zusätzlich die städtische Eigentumssteuer (Property Tax) zu bezahlen.
Unbestritten ist indessen, dass Asheville für ein grosses Gebiet Zentrumsfunktionen ausübt, die nicht ganz gratis sind. Das Budget der Stadt sieht insgesamt Ausgaben von rund 60 Millionen Dollar pro Jahr (ohne Schulen) vor, wobei die Aufwendungen für die Wasserversorgung, für Polizei und Feuerwehr etwa die Hälfte der Ausgaben ausmachen. Der Gesamtbetrag wirkt nicht allzu imponierend, lässt sich aber kaum mit Schweizer Städten vergleichen, weil die Aufgabenteilung zwischen Stadt, Bezirk, Staat und Bund völlig anders ist; insbesondere erbringt auch das County (Bezirk) wesentliche Infrastrukturleistungen. Immerhin bleibt der Eindruck, dass Asheville mit der vom City Manager im Stil eines Privatunternehmens geleiteten Verwaltung nicht nach bürokratischer Perfektion schweizerischen Zuschnitts strebt.