Rio Ferdinand ist einfach gut», sagt der junge Mann in der Mama Africa Hall in Peckham, wo es alles gibt, was ein Hip-Hopper braucht. «Er ist fleissig, wer hart arbeitet, schafft’s.» Aus Peckham kommt Rio Ferdinand, der Verteidiger, der vergangenen Sommer für die exorbitante Transfersumme von 30 Millionen Pfund von Leeds zu Manchester United wechselte. Der Stadtteil im Südosten von London hat keinen guten Ruf. «Gehen Sie da nicht hin», hatte die Dame von der Presseagentur gewarnt, «Sie werden niedergeschlagen, ausgeraubt.»
Triste Sozialwohnungen, ein bisschen Africanità – und eine fabelhafte Bibliothek. Der vor drei Jahren eingeweihte Bau von Alsop & Störmer ist eine architektonische Sehenwürdigkeit. Doch während alle Welt zur Tate Modern strömt, verirrt sich kaum je ein Tourist an die nur wenige Kilometer weiter südlich im selben Stadtteil gelegene Peckham High Street. Peckham, bewohnt vornehmlich von Einwanderern afrokaribischer und afrikanischer Herkunft, gehört zu den ärmsten Gegenden Englands, mit hohen Arbeitslosen- und Jugendkriminalitätsraten. Der Bau der Bibliothek wie auch des Gesundheits- und Fitnesszentrums war Teil der Bemühungen des Southwark Council, den Stadtteil zu regenerieren. «Join the team, get reading», empfiehlt Rio Ferdinand ab Plakat.
Ins Team wollen sie alle. Auf dem Betonplatz im Friary Estate spielen Kinder aller Altersgruppen Fussball. In einem der Backsteinblocks ist Rio Ferdinand aufgewachsen. «Drei Stockwerke über mir», sagt ein junger Mann vor dem Gisburn House. «Jetzt sind sie weggezogen, posh geworden halt.» Rio Ferdinand habe seiner Mutter ein Haus in einer andern Gegend gekauft. Aber mehr will der junge Mann nicht erzählen, ohne Geldscheine zu sehen.
«Es war schwierig, ihm den Ball abzunehmen», sagt Michael Charalambous, Jugendarbeiter und Trainer auf dem Abenteuerspielplatz Leyton Square, wo Rio Ferdinand seine ersten Kicks tat. «Man kam kaum an ihm vorbei. Er hatte unglaubliche Tricks drauf.» Rio sei bei jedem Wetter draussen gewesen, bei Sturm und bei Hagel. «Er war ein sehr ernsthafter Junge», sagt Jake, der an diesem Nachmittag mit den Kids spielt und Rios Babysitter gewesen sein will. «Er ging jeden Tag zur Schule.» Das ist keineswegs selbstverständlich hier.
Rio Gavin Ferdinand – eine Bilderbuchkarriere. 1978 in Peckham geboren. Spieler im Leyton Square FC London, dann verschiedene Jugendclubs, von Scouts entdeckt, als 14-Jähriger als Lehrling für 30 Pfund in der Woche bei West Ham, Mitglied des Teams, dann Leeds, Nationalmannschaft und schliesslich Manchester United. «Er war verdammt gut», sagt einer, «aber Gavin war noch besser.» Für eine solche Karriere brauche man eben auch Glück.
Gavin Rose, einer der Fussballfreunde Rios, arbeitet heute mit Michael Charalambous in der neugegründeten Akademie für Fussballer zusammen, einem Pilotprojekt, das begabten Jugendlichen neben Training auch eine höhere Schulbildung ermöglichen will. «Wir haben hier auf dem Abenteuerspielplatz schon hervorragende Talente gesehen, aber welcher Scout kommt schon nach Peckham?» Die Akademie ist ein Versuch, unabhängig von den grossen Clubs Talente zu fördern und den Jugendlichen eine Chance zu geben.
Jugendbanden sind Peckhams Stigma, nicht erst seit jener Nacht vom 27. November 2000, als der 10-jährige Damilola Taylor in einem Treppenhaus im North Peckham Estate gefunden wurde, verblutend an einer Wunde im Bein. Er war nur wenige Monate zuvor aus Nigeria nach London gekommen, weil die Eltern sich hier für seine Schwester medizinische Hilfe erhofften. Man vermutete eine Gang von Jugendlichen als Täter, der Knabe war in der Schule schikaniert worden. Allein, Zeugen zu finden, erwies sich als schwierig. «Wenn ihr etwas wisst, etwas gesehen habt, ist es nicht cool, wenn ihr es für euch behaltet», appellierte Rio Ferdinand damals in den Medien. «Do the right thing. Call.» 20 000 bunte Karten mit den Telefonnummern wurden in Schulen, Freizeitzentren, Bibliotheken verteilt. Vier Teenager wurden angeklagt, aber im letzten Frühling freigesprochen, die 14-jährige Hauptzeugin hatte geblufft.
An den Fall erinnern eine Skulptur bei der Oliver Goldsmith Primary School und das Damilola-Taylor-Jugend- und Sportzentrum. Das Haus, in dem Damilola verblutete, steht nicht mehr. Die verwahrlosten städtischen Wohnblocks von North Peckham Estate sind niedergerissen worden, neue Häuser werden gebaut. Einige davon sollen auf den freien Markt kommen, auf dass sich die Bevölkerung sozial durchmische.
Die Behörden unternehmen viel, um die Situation in Peckham zu verbessern. Bereits 1995 wurde das Peckham-Partnership-Regenerationsprogramm im Umfang von 280 Millionen Pfund in Angriff genommen. Dazu gehörte der Bau der Bibliothek und des Gesundheitszentrums, 2500 Sozialwohnungen wurden abgebrochen und neue geschaffen. Allein in Kameraüberwachungssysteme wurden 300 000 Pfund gesteckt. Die Safer Southwark Partnership (SSP), ein Zusammenschluss von Polizei, Bezirks- und Gesundheitsbehörden, Feuerwehr, Wohnungsvereinigungen und anderen lokalen Behörden, unterstützt Projekte wie das Gang Reduction Project: Street Wardens werden angeheuert, die die Kinder von der Schule heimbegleiten, Jugendclubs initiiert und unterstützt, und auch die Beleuchtung im Quartier soll verbessert werden.
Ein bewährtes Mittel, die Kids von der Strasse zu holen, ist der Sport. Das Damilola Taylor Centre bietet Sport- und Tanzkurse an, und der Abenteuerspielplatz am Leyton Square, wo Rio Ferdinand zum Fussballer wurde, ermöglicht Tennis (Rio sei auch im Tennis gut gewesen, ein Foto zeigt ihn mit Trophäe), Tischtennis, Selbstverteidigung und Fussball. Der Spielplatz soll den Fünf- bis Fünfzehnjährigen freies Spiel in geschützter Umgebung ermöglichen: «Safe play for your children.»
The Pride of Peckham: Leyton Square FC London, Cup Winner 2001», steht an der Wand des kleinen Hauses geschrieben. Zweimal die Woche wird hier trainiert, am Wochenende gespielt. Draussen ist es bitterkalt, die Jugendlichen rennen um den Ball. Der Freitagabend gehört dem Training. Aufwärmrunden drehen, dann den Ball geschickt durch die Hindernisse am Boden kriegen. Und dann wird gespielt, auf hartem Asphalt. Den hatte es zu Rios Zeiten noch nicht gegeben, da wurde noch zwischen Grasbüscheln gespielt. Lause aus Senegal, Lamin aus Nigeria, Ersanz aus der Türkei, Ashley aus Barbados und Nobby, der sich als Brite vorstellt und von den andern sofort korrigiert wird: «Ire bist du! Ire! Don’t forget your roots.» «A real footballer» wollen sie alle werden, wenn möglich in die Akademie eintreten. Talente gebe es in Peckham genug: «Wir könnten die ganze Nationalmannschaft stellen.»
Auch sie kennen Rio Ferdinand alle persönlich. Er kommt immer wieder hierher zurück, spricht mit den Jugendlichen, ermuntert sie. Er bringt ihnen Fussballschuhe, auch signierte, die Michael Charalambous dann versteigert, um Geld für die Akademie zu bekommen. «Kürzlich konnten einige der Jungs sich in Swindon vorstellen», erzählt er, «Rio bezahlte die Spesen.» Sie hätten sonst nicht hinfahren können. Einige haben den Sprung geschafft. Michael Charalambous konnte soeben einen seiner Schützlinge an Nottingham Forest vermitteln. Anton Ferdinand erhielt mit 17, kurz nachdem Manchester United und Leeds den Riesendeal mit seinem Bruder Rio getätigt hatten, einen Profivertrag bei West Ham.
«Das war aber Pedigree», sagt Charalambous. Ab einer gewissen Celebrity-Klasse kommt auch ein Junge aus Peckham zu einem Stammbaum.
Lilo Weber ist freie Journalistin in London.