NZZ Folio 11/96 - Thema: Feuer, bitte!   Inhaltsverzeichnis

Vom Nutzen des frühen Todes

Was das Rauchen die Gesellschaft kostet.

Von Sergio Aiolfi

DASS DER TABAKKONSUM einen ebenso gezielten wie unsinnigen Angriff auf die Gesundheit eines Menschen darstellen kann, wird heute niemand, der bei Verstand ist, bestreiten. Die Frage allerdings, ob ein Raucher mit seinem privaten Laster nicht nur sich selbst, sondern auch der Allgemeinheit Schaden zufügt, ist bereits umstritten, ist es doch nicht immer einfach, sich über das, was man als die sozialen Konsequenzen des Tabakkonsums bezeichnet, verbindlich zu einigen. Die Frage harrt einer zufriedenstellenden Antwort; vor allem in Zeiten, da die Zahl der Raucher im Zunehmen begriffen ist, will die Öffentlichkeit wissen, ob ihr daraus möglicherweise zusätzliche Belastungen erwachsen.

Die Verbreitung einer gesundheitsschädigenden Verhaltensweise, so die gängige Argumentation, steigert die Krankheitsanfälligkeit der fehlbaren Individuen und lässt deren Nachfrage nach medizinischen Leistungen in die Höhe schnellen; dies wiederum heizt die ohnehin schon exorbitanten Gesundheitskosten an, die, wie sich das in einem Sozialstaat modernen Zuschnitts gehört, vorwiegend von Dritten oder von der Allgemeinheit bestritten werden. Vor allem beim nichtrauchenden Publikum dürfte sich nach einer solchen Denkstafette der fürchterliche Verdacht festsetzen, der Tabakkonsument verpeste mit seiner unseligen Gewohnheit nicht nur die Umwelt, sondern liege dem Fiskus unerhörterweise auch noch auf der Tasche.

Die nagende Sorge darüber, dass die Rauchergemeinde sogenannte externe Kosten erzeugen könnte, für die nicht sie - als Verursacherin -, sondern eine allzu langmütige Allgemeinheit aufzukommen habe, hat die Zunft der Wirtschaftswissenschafter dazu bewogen, sich des Themas anzunehmen und die Frage zu klären, ob die selbstzerstörerische Schmaucherei unter der Hand nicht auch noch ungewollt staatlich subventioniert werde. Ein ökonomischer Ansatz impliziert selbstredend, dass man dem Problem auf Grund eines ausgeklügelten Modells beizukommen sucht. Der Versuch, die Realität zu modellieren, ist indessen mit Tücken verbunden. Bereits das genaue Erfassen der Raucherpopulation bereitet den Statistikern Kopfzerbrechen, haben sie es in der Welt des blauen Dunstes doch mit einer besonderen Form des Eskapismus zu tun. Wenn es darum geht, auf irgendeinem epidemiologischen Fragebogen Auskunft über private Laster zu geben, weisen Tabakverbraucher eine fatale Tendenz zum «Underreporting» auf, einen notorischen Hang zur Unterschätzung der eigenen schlechten Gewohnheiten. Diese selektive Amnesie dient wohl in erster Linie der Selbsttäuschung und der Beruhigung des eigenen schlechten Gewissens, mindert aber gleichzeitig den Wert jeder auf Konsumentenbefragungen fussenden Erhebung. Die Neigung zu trügerischen Angaben ist bemerkenswerterweise desto ausgeprägter, je intensiver staatliche Anti-Rauch-Kampagnen für eine Einschränkung des Tabakkonsums werben.

Die Schweizer Ökonomen Robert E. Leu und Thomas Schaub haben in den achtziger Jahren eine Methode zur Berechnung der Raucherfolgekosten entwickelt, die heute noch massgebend ist. Ihre Vorgehensweise besteht im wesentlichen darin, die wirkliche Welt mit all ihren realen Rauchern einem abstrakten Konstrukt gegenüberzustellen, einer «kontrafaktoriellen» Wirklichkeit, in der die Vernunft obsiegt hat und ein Zustand allgemeinen Nichtrauchens herrscht. Alle nun registrierten kostenmässigen Differenzen zwischen der trüben Realität und der wundersamen Gegenwelt, so die Theorie, spiegeln die durch das Rauchen zusätzlich entstandenen Aufwendungen.

Das Modell wird in der Folge noch durch eine Todeskomponente vervollständigt, die dem Umstand Rechnung trägt, dass Tabakkonsumenten das Zeitliche im Schnitt früher segnen als ihre nichtrauchenden Zeitgenossen. Die Ökonomie spricht in diesem Zusammenhang von einer «Dynamisierung» des Ansatzes, unbesehen der in diesem Fall leicht makaberen Konnotation ihrer Terminologie. Die erhöhte Mortalität spielt bei der Bestimmung der Folgekosten des Rauchens eine entscheidende Rolle; ein Tabakkonsument wird beispielsweise das Gesundheitswesen eines Landes zwar häufiger, wegen seines vorzeitigen Exitus aber weniger lang in Anspruch nehmen als ein Nichtraucher. Die erhöhte Krankheitsanfälligkeit und der frühe Tod der Raucher, so kann man annehmen, werden sich in ihrer Kostenwirksamkeit tendenziell gegenseitig neutralisieren.

Im Kalkül zu berücksichtigen gilt es auch, dass der Tabakgenuss nicht die alleinige Verantwortung trägt für die überdurchschnittliche Rauchermortalität. Wie einschlägige medizinische Untersuchungen ergeben haben, ist die allgemein höhere Sterblichkeit der Raucher nur zum Teil, zu 65 Prozent, auf den Tabakmissbrauch zurückzuführen. Den Rest an Euthanasie besorgen andere selbstschädigende Verhaltensweisen, wie der verglichen mit Nichtrauchern häufiger vorkommende exzessive Alkoholmissbrauch oder die durchschnittlich höhere Risiko- und Unfallneigung. Bei der Evaluierung der Kosten eines Rauchertods können dem Tabak also mildernde Umstände zugebilligt werden.

Wie teuer kommt die Gesellschaft die missliebige Raucherei nun tatsächlich zu stehen? Leu und Schaub haben mit Hilfe ihres Konzepts die Schweizer Wirklichkeit unter die Lupe genommen und auf Grund einer Reihe von Statistiken aus dem Jahre 1976 zu bestimmen versucht, wer welche Aufwendungen verursachte und wer dafür aufzukommen hatte.

Die alles entscheidende Frage war natürlich, ob die Raucherpopulation im Schoss der Allgemeinheit ein behagliches Parasitendasein fristet und ob es stichhaltige kostenrechnerische Argumente dafür gibt, den Missetätern mit einer drastisch erhöhten Tabaksteuer zu Leibe zu rücken. Geschätzt wurden zunächst die sogenannten gesellschaftlichen Kosten des Rauchens, also die von allen (inklusive den Verursachern) zu tragenden Aufwendungen, die im Zusammenhang mit dem Tabakkonsum anfallen. Zu unterscheiden galt es hier zwischen den direkten Aufwendungen, die bei der Behandlung von rauchbedingten Krankheiten entstehen, und den indirekten Aufwendungen, mit denen etwa beim vorzeitigen Tod oder im Fall der Invalidität des Tabakverbrauchers zu rechnen ist.

Laut Statistik wurden 1976 zwischen 4000 und 5000 Personen Opfer ihrer verhängnisvollen Sucht; weitere 3000 Personen mussten als Folge ihres unbekömmlichen Habitus für invalid erklärt werden. Auf Grund dieser und anderer Angaben eruierten Leu und Schaub für das genannte Stichjahr direkte Kosten von 40 Millionen und indirekte von 522 Millionen Franken; zusammengezählt machte dieser Betrag rund 0,5 Prozent des damaligen Bruttoinlandprodukts aus. (Das Problem des Passivrauchens, von dem man weiss, dass es gravierende Auswirkungen auf die Gesundheit vor allem von Kleinkindern haben kann, wurde im Rahmen dieses Modells ausgeklammert.)

Entscheidend für die Debatte um Schuld und Sühne der Raucher sind indessen nicht die gesellschaftlichen, sondern die externen Kosten, die von den Tabakkonsumenten durch ihre geringere Lebenserwartung verursacht, aber nicht selbst finanziert werden. Diese für die Allgemeinheit so irritierenden Transferzahlungen fallen namentlich in den Bereichen der Krankenkasse, der AHV und IV, der Pensionskassen und beim Krankengeld an. Auf dem Gebiet der Sozialversicherung gilt es indessen ebenfalls, die mit der beeinträchtigten Langlebigkeit der Tabakverbraucher verbundenen Neutralisierungseffekte in Rechnung zu stellen: So erfahren einerseits etwa die Rentenansprüche der Raucher eine zeitliche Limitierung, anderseits nehmen die Zahlungen an die von den Tabaktoten hinterlassenen Witwen und Waisen zu. Bei der Feststellung der Kosten der Sozialassekuranz gilt es aber auch einzukalkulieren, dass die Raucher ebenfalls Prämien an die Versicherungswerke zahlen und damit rund 75 Prozent der von ihnen verursachten gesellschaftlichen Kosten selbst abdecken.

Gemäss den Schätzungen von Leu und Schaub summierten sich die externen Kosten des Rauchens 1976 in der Schweiz auf einen Betrag von 100 Millionen Franken. Diesem Total standen im gleichen Jahr Tabaksteuereinnahmen von rund 500 Millionen Franken gegenüber. Vor zwanzig Jahren - so folgern die Ökonomen - gab es somit keinen Grund, die Raucher mit weiteren fiskalischen Forderungen zu drangsalieren.

Und heute? Für zeitgemässeres Zahlenmaterial zum gleichen Thema hat man Studien aus dem Ausland beizuziehen, wo mancherorts nach wie vor verbissen um eine adäquate Bemessung der Folgekosten des Rauchens gerungen wird. In Amerika beispielsweise wurde 1994 von den Centers for Disease Control festgestellt, dass sich die vom Tabakmissbrauch verursachten direkten Aufwendungen auf jährlich 50 Milliarden Dollar beliefen. Anti-Rauch-Aktivisten stellten daraufhin flugs die Forderung, die staatliche Tabaksteuer sei zur Abdeckung dieses horrenden Extraaufwands um zwei Dollar pro Zigarettenpackung heraufzusetzen.

Wie sich jedoch schon nach kurzer Zeit herausstellte, war dieses Postulat etwas vorschnell erhoben worden. Auf Grund einer rechnerischen Differenzierung im Sinne des oben beschriebenen Modells konnte schon bald eine realistischere Einschätzung der auf die Raucher umzulegenden Kosten vorgenommen werden. Eine von der Rand Corporation initiierte «dynamische» Studie stellte den von den Tabakkonsumenten verursachten Aufwendungen die Ersparnisse gegenüber, die dem vorzeitigen Tod der Tabakkonsumenten zuzuschreiben sind: die zeitlich begrenzten Bezüge von Pensionskassengeldern etwa oder die reduzierte Beanspruchung von Pflegeheimen.

Auf Grund dieser Nettorechnung zeigte sich, dass die von den Rauchern erzeugten externen Kosten - pro Packung gerechnet - nicht zwei Dollar, sondern lediglich 33 Cent ausmachten. Diesem Betrag stand eine Tabaksteuer von 52 Cent je Päckchen gegenüber; der Fiskus entpuppte sich als der stille und heimliche Nutzniesser des Tabakkonsums. Die Studie der Rand Corporation gelangte so im wesentlichen zur gleichen Erkenntnis wie Leu und Schaub: Aus kostenrechnerischer Sicht gibt es keine Argumente, den steuerlichen Feldzug gegen den Tabakverbrauch zu intensivieren, im Gegenteil: Zyniker könnten gar auf die verwegene Idee kommen, das Rauchen sei als lukrative fiskalische Einnahmequelle vom Staat zu fördern.

Sergio Aiolfi ist Korrespondent der NZZ in Stockholm.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.