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Wer wohnt da? -- Hotelzimmer de luxe
© Heinz Unger
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| Hier wird kultiviertes Wohnen zelebriert. |
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Ein Diplomat mit erstarrter Katze? Ein reiferer reisender Herr mit Haushälterin? Wen ein Psychologe und eine Innenarchitektin anhand der Fotos in diesen Räumen vermuten.
Von Gudrun Sachse
Der Psychologe
Vielleicht offenbart sich mehr über den Betrachter dieser Wohnung als über ihren Besitzer, wenn sich, kaum hat man sich umgesehen, die Frage aufdrängt: Sind diese kostbaren Gemälde echt, oder sind es Kopien? Würde sich ein echter Hodler, ein Caravaggio oder Rubens wirklich mit dem Rest des Mobiliars vertragen? Wir tippen auf Kopien – allerdings von eigenem Standard und mit äusserst anspruchvollen Rahmen, ganz im Sinne der Atmosphäre vom Typ «hergestellte Nobilität». So wird es uns wieder etwas wohler in dieser sonst eher unbelebten Wohnung, in der selbst die Katze auf der Kredenz erstarrt nach vorne blickt.
Hier lebt einer, wir vermuten einen Mann reiferen Alters, der von weiten Reisen geschäftlicher oder gar diplomatischer Art gelegentlich nach Hause kommt, wo ihn ein blitzsauberes Daheim erwartet. Alles ist fein ordentlich hergerichtet, die Blumen frisch, der Tisch zum gepflegten Tête-à-tête gedeckt, selbst der Knick in den Kissen gehört zu dieser perfekten Mise en place. Das sieht fast mehr nach Haushälterin als nach der eigenen Hausfrau aus, eher wie eine Hotelsuite
de luxe als nach Kiez de la rue. Die abendländische Üppigkeit der erlesenen Dingwelt wird spiritualistisch aufgemischt mit fernöstlichem Flair; Buddhastatuen in allen Grössen – ist dies Bruch oder Ergänzung?
Man unterschätze den Bewohner nicht, denn solche Pflege und Sorgfalt gilt auch dem eigenen Körper: Gym-Tisch mit Hanteln im west-östlichen Diwan. Da weiss einer genau, wie er es haben will und wen er zu sich bittet. Wären wir sein Gast, so hätten wir zuvor geduscht und uns dem Stil des Hauses entsprechend zurechtgemacht, wohlbedacht darauf, weder die Reinheit der Sessel noch das Selbstbewusstsein des Gastgebers zu bekleckern. Berthold Rothschild
Die Innenarchitektin
In dieser Wohnung ist die Einrichtung der Hauptakteur. Die Raumhülle hat keinen spezifischen Charakter, ist neutral, konventionell, ein Hintergrund. Ein helles Mosaikparkett, weisse Wände, alles von guter Qualität, nichts Exklusives.
Die Ästhetik und die räumliche Inszenierung gehen eindeutig von den Objekten aus, die das kultivierte Wohnen zelebrieren. Die bewusste Komposition der Möbelstücke und Accessoires choreographiert die Lebensart der Bewohner und ihrer Gäste und verströmt einen Repräsentationsanspruch – sogar bis ins Schlafzimmer.
Die zeitgenössischen Stilmöbel wirken trotz geschwungenen Formen und aufgepolsterten Flächen diskret und diszipliniert. Das Interieur, farblich weitgehend reduziert auf die klassischen Kontraste Schwarz-Weiss und mit goldenen Akzenten barock gewürzt, wirkt vornehm, ohne ins Steife zu kippen. Möbelstücke wie die Wandkonsolen oder der Paravent sind heutzutage typologisch eher ungewöhnlich und haben weniger einen besonderen Gebrauchswert als vielmehr einen hohen Inszenierungswert.
Im Arbeits- und Ankleidezimmer dominieren Bleistifte statt Computer den antiken Sekretär. Hier werden noch Briefe geschrieben – oder doch eher Trainingserfolge notiert? Die Hantelbank wirkt in diesem Kontext zwar frivol, ist aber farblich perfekt zur blauen Wand assortiert.
Hier wird ein Stil gepflegt, der an die Interieurs klassischer Fünfsternehotels in aller Welt erinnert: hochwertig, aber nicht ausgefallen, stilistisch etabliert und weltmännisch gewürzt mit etwas exotischem Lokalkolorit. Jasmin Grego
Auflösung
Beat Schlagenhauf, Finanzberater
«Kopien würde ich nie aufhängen. Das geht einfach nicht. Es gibt um die Jahrhundertwende Schweizer Maler, die von Ferdinand Hodler beeinflusst worden sind, und so ein Bild hängt bei mir über dem Sofa. Ich sammle Schweizer Künstler und gebe ihnen einen anspruchsvollen Rahmen. Ich schätze die Rahmen ebenso wie die Bilder. Ein Bild wird durch einen korrekten Rahmen aufgewertet und kann durch einen falschen entwertet werden. Das Gemälde im Schlafzimmer zeigt Johannes den Täufer, nicht von Caravaggio, obwohl es seinem Stil sehr ähnlich ist.
Meine Wohnung am Zürichberg ist meine heile Welt, und das zeigen auch die Gemälde. Moderne Kunst mag ich ebenfalls, vorausgesetzt, sie ist nicht destruktiv und damit ein Abbild der heutigen Zeit. Weil ich glaube, dass jeder Gegenstand – auch Bilder – eine Energie ausstrahlt, möchte ich nur Positives an den Wänden hängen haben.
Geld ist mir wichtig, weil ich mit ihm meine Wünsche und meinen Lebensstil finanziere. Geld ist für mich weder gut noch schlecht, es ist wie eine Glühbirne: Die kann ein Puff beleuchten oder eine Kirche erhellen – was man mit ihm macht, ist eine individuelle Sache.
Ich lebe nicht in Saus und Braus, sondern ziehe mich gerne zurück. In meiner Wohnung oder in meinem Haus im Engadin kann ich wunderbar mit mir alleine sein. Ich habe alles selbst ausgesucht, Wohnungen einzurichten, ist mein Hobby. Schon als Jugendlicher haben mich Finanzen und Inneneinrichtung interessiert. Ich hatte schon eine Anfrage von einer Kundin, ob ich nicht ihr Haus auf den Bahamas einrichten würde – das machte ich natürlich gerne.
Beruflich bin ich ständig unterwegs, die meisten meiner Kunden sind Ausländer und mögen es, wenn ich sie besuche. Morgen verreise ich für einige Tage nach Nassau. Ich steige auf meinen Reisen immer in sehr guten Hotels ab.
Drei Stadthotels finde ich wirklich phantastisch: das ‹Sukhothai› in Bangkok, das ‹Imperial› in Wien und das ‹Mandala› in Berlin. Sicher haben mich auch Hotelsuiten bei meiner Einrichtung inspiriert, schliesslich lässt man sich doch pausenlos beeinflussen, von den Möbeln und Farben, vom Beruf, den Freunden und Mitmenschen. Deshalb sollte man sich auch gut überlegen, mit wem man befreundet ist. Mein Freundeskreis umfasst Jung und Alt aus allen sozialen Schichten. Anders meine Kunden, die sind nur in einer Schicht zu Hause, sonst könnten sie ja nicht meine Kunden sein.
Ob Gerhard Schröder auch ein Kunde von mir ist? Nein. Das Bild auf dem Sekretär, das mich neben ihm zeigt, hat der amtierende Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit organisiert. Wowereit ist ein guter Bekannter, er war schon in meinem Haus im Engadin, wir haben zusammen Golf gespielt. Ob er schon in dieser Wohnung war, weiss ich gar nicht. Ich habe einmal im Spass zu ihm gesagt, er könnte mich und ein paar Freunde doch dem Kanzler vorstellen, und das hat er dann tatsächlich getan. Nun stehe ich also auf dem Foto neben ihm.
Ein- bis zweimal pro Woche kommt mein persönlicher Trainer. Ich bin im Sternzeichen Löwe, und die sind eher bequem. Die Fitnessstunde notiere ich mir wie einen Arzttermin, damit mir nicht zig Ausreden einfallen, um keinen Sport treiben zu müssen. Da ich immer auswärts esse, muss ich auf meine Figur achten.
Obwohl mein Büro neben meiner Wohnung liegt, komme ich weder zum Einkaufen noch zum Kochen. Mein Bett mache ich morgens selber – trotz Haushälterin –, und ich räume auch selber die Spülmaschine ein. Ich habe eine phantastische Haushälterin, sie kommt zweimal in der Woche. Ich könnte nie in einer Unordnung leben. Was ich darunter verstehe? Wenn fünf Pullover über der Stuhllehne hängen und drei auf dem Fussboden liegen. Meinen Sinn für Ästhetik hatte ich schon als Jugendlicher.
Nach der Arbeit meditiere ich oder mache autogenes Training, damit ich fit für den Abend bin. Meist gehe ich mit Kunden oder Freunden essen. In der Regel bin ich um elf Uhr zurück und lese dann noch ein paar Seiten.
Die leere Wohnung, die Raumhülle, würde ich als kleinkariert und bünzlig bezeichnen, sie passt nicht zu meiner Einrichtung. Ihr fehlt es an Raumhöhe und an einer grossen Eingangshalle. Aber wo, bitte sehr, findet man in Zürich so eine Wohnung zu einem erschwinglichen Preis?»
Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.
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