NZZ Folio 06/95 - Thema: Kokain   Inhaltsverzeichnis

Bauten -- Die grüne Botschaft

Von Roman Hollenstein

SEINEN MONUMENTALBAUTEN zum Trotz galt Washington bisher nicht als architektonische Hochburg. Nun aber katapultierten zwei Neubauten die US-Hauptstadt gleichsam über Nacht in den Strudel der aktuellen Architekturdebatte: Während jedoch Oswald Mathias Ungers monumentale deutsche Botschaftsresidenz die Geister scheidet, wird die finnische Botschaft von Fachleuten und Laien am Potomac fast einmütig als exotisches «Designobjekt» gefeiert.

Auf einer kleinen, abschüssigen Waldparzelle des Rock Creek Park an der vornehmen, Embassy Row genannten, oberen Massachusetts Avenue - unmittelbar gegenüber dem Haus des Vizepräsidenten - entstand das Gebäude zwischen 1990 und 1994 als Resultat eines Direktauftrags an Mikko Heikkinen (*1949) und Markku Komonen (*1945), das wohl kreativste jüngere Architektenteam Finnlands. Die beiden Architekten, die seit nunmehr 20 Jahren zusammenarbeiten, machten sich einen Namen mit unkonventionellen, zwischen Minimalismus und Dekonstruktivismus oszillierenden Bauten wie dem 1988 vollendeten Wissenschaftszentrum «Heureka» in Vantaa bei Helsinki und dem European Film College von 1993 im dänischen Ebeltoft.

Entscheidend für ihr Washingtoner Botschaftsgebäude waren der subtile Umgang mit dem Tageslicht, die vom Material bestimmte Farbigkeit und die harmonische Integration in die Natur; Anliegen, die schon ihr Landsmann Alvar Aalto hegte. Sonst aber hat das aus einem streng rationalistischen Modul entwickelte Gebäude kaum etwas mit der Denkweise des grossen Finnen gemein. Eher wäre dieser wohl irritiert von der auf den urbanistisch klug konzipierten Vorplatz an der Massachusetts Avenue bezogenen Hauptfassade: einem grün patinierten, einer Minimal Structure ähnlichen Bronzespalier für Rosen und Klematis, das als architektonisch subversives «Objet cache-toi» Erinnerungen wachruft an die Arte povera.

Hinter dieser «Sonnenblende» verbirgt sich die eigentliche, aus Glasbausteinen, Fensterbändern und grün oxidierten Kupferleisten bestehende, transluzide Eingangsfassade, die sich - leicht variiert - auf der dem Wald zugewandten Rückseite wiederholt. Seitlich hingegen spiegeln Fensterflächen und polierte grüne Marmorwände den Wald und steigern so - im Schwanken zwischen Körperhaftigkeit und Transparenz - die immaterielle Wirkung des Gebäudes. Die Auseinandersetzung mit dem Dekonstruktivismus, dem Rationalismus eines Aulis Blomstedt und dem konstruktivistischen Minimalismus Aarno Ruusuvuoris führt zu einer schillernden Hülle, die etwas Kostbares fasst: einen betörenden architektonischen Raum.

Schon bei den beiden Eingangstüren, die man durch eine rechteckige Öffnung in der Spalierwand erreicht, wird ein an Juhani Pallasmaas Finnisches Institut in Paris erinnerndes Interesse am Detail deutlich, welches das Innere des Gebäudes nicht weniger bestimmt als das allgegenwärtige Tageslicht. Dieses flutet durch ein grosses Oberlicht in den zentralen, fast 20 Meter hohen Mittelraum, den die Architekten «Grand Canyon» nennen. Diese Halle teilt das im Grundriss fast quadratische Gebäude in zwei parallele, dreigeschossige Scheiben, in denen die japanisch inspirierten Büros Licht von aussen und innen erhalten. Zu ihnen gelangt man über geschwungene Treppen, Kanzeln, Brücken und Laufstege. Zwischen den beiden im Raum schwebenden, mit Kupfer verkleideten Kuben der Konferenzräume und den mit aufgerauhtem Stahl beschichteten Kahnschen Servicetürmen dehnt sich der Raum dynamisch in alle Richtungen - eine dekonstruktivistisch inspirierte Reverenz an Piranesis Carceri.

Mit barockem Schwung führt eine Treppe vom Eingangsniveau hinunter in die Finland Hall, einen multifunktionalen Raum, der dank seiner Lichtführung und seiner aussergewöhnlichen Akustik ebenso geeignet ist für Ausstellungen wie für Konzerte und Empfänge. Eine verglaste Veranda weitet die Halle zum Wald hin, wo vertikale, nachts leuchtende Strukturelemente, Objekten der Land- und Minimal art gleich, den das Haus durchziehenden Grundmodul sichtbar machen. Sie erzeugen eine virtuelle Ebene, die überleitet zu dem als Deck im Wald inszenierten Sitzplatz. Mit seinen Sonnensegeln - einer der vielen Schiffsmetaphern - verströmt er etwas vom Optimismus der fünfziger Jahre.

Weit weg von Finnland ist Heikkinen und Komonen mit der Washingtoner Botschaft ein Meisterwerk gelungen: ein von Ordnung und Chaos, Stille und Dynamik, Einfachheit und Komplexität, Körperhaftigkeit und Immaterialität bestimmtes, die Aussöhnung von Natur und Technik anstrebendes Gebäude zwischen rigider Form und räumlicher Exuberanz, zwischen dem rationalen Konstruktivismus der neueren finnischen Architektur und Aaltos romantischem Individualismus.


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