NZZ Folio 01/99 - Thema: Sexgeschäfte   Inhaltsverzeichnis

Die Mutter aller Dinge

Sex als Triebfeder neuer Technologien.

Von Gundolf S. Freyermuth

WENN DER KRIEG der Vater aller Dinge ist, wie Heraklit meinte, wer ist dann die Mutter? Wer trägt aus und bringt zur Welt, was kämpferisch gezeugt wurde? Für die Gegenwart gefragt: Wenn technischer Fortschritt unter modernen Umständen im Dunstkreis des militärisch-industriellen Komplexes seinen Anfang nimmt, welche Kräfte steuern die Anpassung der neuen Technologien an den Massenmarkt, wer steuert ihre Integration in den zivilen Alltag? Zweieinhalbtausend Jahre nach Heraklit findet sich die beste Antwort auf diese Frage bei Charles Darwin. Er stellte 1871 seinem Diktum von der natürlichen Selektion, dem kämpferischen «survival of the fittest», ein zweites, nicht weniger mächtiges Prinzip zur Seite: die sexuelle Selektion. Für deren Wirken gibt nicht zuletzt der jüngste Transfer innovativer Technik aus elitären Händen in die der Massen ein hervorragendes Beispiel ab, wie die kurze Geschichte von Computer, Internet und «Virtual Reality»-Techniken zeigt.

Am Anfang aller Forschung, die uns in die digitale Epoche katapultierte, standen zweifelsfrei militärische Interessen und staatliche Gelder. Am vorläufigen Ende dominieren der Markt und das Massenvergnügen. Dieser radikale Funktionswandel der Technik geschah allmählich, also nicht durch plötzliche Usurpation, sondern durch Unterwanderung. In den fünfziger und sechziger Jahren verfügten allein grosse hierarchische Organisationen über Computer: das Militär, Forschungseinrichtungen, staatliche Behörden und einige Konzerne. Die Nutzung der millionenteuren Mainframes war streng nach Effizienzkriterien reglementiert. Nur die wichtigsten Aufgaben durften an ihnen erledigt werden, und nur technische Spitzenkräfte, Hohepriester in weissen Kitteln, hatten direkten Zugang.

Natürlich weckte das Begehrlichkeiten, und so erfanden bereits 1962 junge Hacker am Massachusetts Institute of Technology das erste Computerspiel. Sie ersetzten, wie Allucquère Rosanne Stone in ihrem Buch «The War of Desire and Technology at the Close of the Mechanical Age» beschreibt, die hierarchische Arbeitsethik durch eine Spielethik, das ökonomische Effizienzprinzip der kollektiven Organisationen durch das verschwenderische Lustprinzip des Individuums. Die Wandlung des Computers begann - vom kühlen Werkzeug zum Objekt, das lustvolle soziale Erfahrungen ermöglichte.

Für den nächsten entscheidenden Entwicklungssprung sorgten wiederum Hacker, jene jungen Männer, die Anfang der siebziger Jahre in den Garagen von Silicon Valley den PC bastelten, den persönlichen Computer für jedermann. Von nun an gehorchte die Entwicklung nicht mehr hierarchischen Vorgaben einzelner Geldgeber, die das Wohl und den Gewinn des Staates oder anderer Grossorganisationen im Kopf hatten, sondern den Kräften des Marktes, dem millionenfachen Interesse der Konsumenten. Man begann, die neue Technik für hedonistische Zwecke zu nutzen; ihre Fortentwicklung ging in neue und unerwartete Richtungen. Gigantische Gewinne liessen sich mit kommerziellen Angeboten sexuellen Inhalts machen, ferner mit allem, was die neue Technik für die zwischenmenschliche Kommunikation einsetzte und damit lustbetonte Erfahrungen ermöglichte. In den seit Ende der siebziger Jahre florierenden MUDs (Multiuser Domains), die sich 1989 mit dem   TinyMUD   von Spielwelten zu virtuellen Gemeinschaften wandelten, gehören Romanzen und Affären inklusive Netsex oder Cybersex zum Alltag.

Bezeichnend für das kaum zu unterdrückende Interesse am Sex ist der Einfallsreichtum, mit dem die Teilnehmer selbst virtuelle Umwelten, die dafür nicht geschaffen sind, sexualisieren. Ein Beispiel: das japanische «Habitat», entwickelt von einer Firma des «Star Wars»-Regisseurs George Lucas und von Fujitsu betrieben. Dem kommerziellen Cybertreff fehlte der Code für bestimmte sexuelle Stellungen, denn die Designer hinkten dem Liefertermin Monate hinterher und hatten schlicht nicht die Zeit, Praktiken wie die Missionarsstellung oder die A-tergo-Position einzuprogrammieren - ein Manko, das die 1,5 Millionen Cyberbürger von «Habitat» durch Einfallsreichtum schnell kompensierten.

DIESE JÜNGSTE UMNUTZUNG digitaler Technik zu sexuellen Zwecken stellt keineswegs die Ausnahme dar. Sie ist vielmehr die Regel. Welche Basiserfindung des 19. oder 20. Jahrhunderts man auch nimmt - so gut wie jede wurde, oft gegen den heftigen Widerstand staatlicher Stellen und selbsternannter Moralapostel, über kurz oder lang für sexuelle Zwecke nutzbar gemacht und erst dadurch zum grossen Geschäft.

Den Anfang machte das Wort. Um 1830 schuf eine Serie von Einzelerfindungen die technischen Voraussetzungen für den Massendruck. Bücher und Zeitungen, die bis dahin in tagelanger Handarbeit gesetzt und gedruckt worden waren, konnten nun binnen Stunden entstehen. Die grössten Auflagen verzeichnete dreierlei: Selbsthilfe- und Aufklärungsbücher von der Art «Privater Begleiter für Jungverheiratete», erotische und pornographische Werke sowie Zeitungen und Zeitschriften. Die wiederum boten in ihrem Anzeigenteil Kontakte und medizinisch-erotische Waren an, die auf anderem Weg für den Durchschnittsbürger nicht erhältlich waren: Verhütungs- und Abtreibungsmittel wie Salben, Spülungen, Kondome oder Pessare sowie erotische Accessoires, von den Pariser Dessous bis zur britischen Peitsche. Der breite Erfolg lockte sofort neue Unternehmer ins Postversandgeschäft und erhöhte die Vielfalt der angebotenen Waren und Dienstleistungen dramatisch. Die Kleinanzeigenseiten wurden zum ersten Massenkommunikationsnetzwerk in der Geschichte der Menschheit.

Etwa in dieselbe Zeit fielen die Anfänge der erotischen Fotografie. 1839 stellte Louis Jacques Mandé Daguerre sein fotografisches Verfahren vor. Keine zwei Jahre später erschien das erste Lehrbuch mit Hinweisen, wie man am besten bei Aktaufnahmen verfuhr. Für den breiten Markt eignete sich die Daguerreotypie nicht, da jedes Bild ein teures Unikat war, für dessen Herstellung die Modelle fast eine Viertelstunde stillsitzen mussten. Dennoch erlebte die Aktfotografie dank wohlhabender Sammler eine Blüte, und Anfang der 1850er Jahre wurde sie durch neue fotografische Verfahren zum Massengeschäft.

Die Initialzündung dazu lieferte das Stereobild. Die Aufnahmen von Statuen, Landschaften und vor allem von üppigen Frauen in leichter Kleidung, aufgenommen von einer doppellinsigen Kamera, waren ein optisches Wunder: Schaute man durch die Linsen der stereoskopischen Apparate, so meinte man, die abgebildeten Personen leibhaftig vor sich zu sehen, nach ihren schwellenden Körpern greifen zu können. Angesichts dieses plastischen Augenschmauses gerieten die Zeitgenossen schier aus dem Häuschen. Auf dem Höhepunkt der Stereo-Manie hielten grosse Händler bis zu 100 000 Stereogramme auf Lager, man konnte Stereogramme ausleihen wie heute Videokassetten. Kaum ein gutbürgerliches Wohnzimmer, in dem nicht ein Guckkasten herumstand.

«Das Stereoskop», stellte 1858 eine Werbeanzeige fest, «ist unter allen bekannten Aufheiterungs- und Zerstreuungsmitteln das schätzbarste.» Besonderer, wenn auch verschämter Beliebtheit erfreuten sich erotische Szenen. Es gab Bildserien über die denkbaren Vergnügungen in der Ehe, Krinolinenwitze waren Legion, und drastische Beispiele aus dem Liebesleben der Kokotten und Lebemänner verschafften dem wollüstig-erschauernden Betrachter einen dreidimensionalen Schlüssellochblick auf Ausschweifung und Laster, von raffiniert inszenierten   römischen   Badeszenen bis zu grösseren Mengen ineinander verknäulter Paare.

1844 ERHIELT CHARLES GOODYEAR das Patent für sein Verfahren der Vulkanisierung, ein Meilenstein in der Geschichte der Industrialisierung, der die sogenannte Gummirevolution einläutete. Zuvor hatte sich die Menschheit mit tropfenden Lederschläuchen und mit Regenkleidung aus geteerter Leinwand behelfen müssen, die kaum Schutz gegen die Nässe bot. Und mit Kondomen, die - wie zu Zeiten der ägyptischen Pharaonen und römischen Kaiser - aus Tierdärmen gefertigt wurden, nicht selten in wenig stimulierender Handarbeit von der Ehefrau selbst.

Der Bedarf an angenehmeren Verhütungsmitteln war entsprechend. Noch bevor sie ihre Produktionsverfahren perfektioniert hatten und lange bevor Gummischläuche, Gummidichtungen und andere Gummiwaren die industrielle Produktion und auch die Medizin revolutionierten, überschütteten die Gummihersteller Neuenglands, die Pioniere der Branche, den Markt mit Artikeln für den sexuellen Bedarf. Neben Kondomen waren die Bestseller Gummipessare, Gummikatheter, die Abtreibungen ermöglichten, und - der beliebteste Artikel - Gummispritzen zu verhütenden Genitalduschen.

Das Ausmass des erotischen Versandhandels veranlasste die puritanische US-Regierung 1873 zu einem drastischen Schritt: Man kriminalisierte das postalische Versenden «obszönen Materials», zu dem auch die Verhütungsmittel gerechnet wurden. Bereits wenige Monate nach Inkrafttreten des nach ihm benannten Gesetzes rühmte sich der Sittenwächter Anthony Comstock, 200 000 Fotografien und über 60 000 «Gummiartikel» vernichtet zu haben - womit er selbstverständlich nur eines winzigen Bruchteils der Ware aus dem nun verdeckt stattfindenden Handel habhaft geworden war. WAS AUCH IMMER ERFUNDEN WURDE, es drohten sogleich die Hüter der Moral. Auf die Einführung der Elektrizität folgte der Film. Noch in den 1890er Jahren nutzte Thomas Edison die Kamera bereits zur Produktion des ersten erotischen Kurzstreifens. Handlung: Eine junge Frau füttert splitterfasernackt einen Hund. Ein ebenfalls beliebter Titel aus dem Katalog von Edisons Black Maria Studios: «How Bridget Served the Salad Undressed.»

Mochten sich die Volkserzieher den Film als lehrreiches Medium vorstellen, das über Weltwunder unterrichtete oder gutes Theater abfilmte - das zahlende Volk hatte andere Interessen. Welche, darüber gibt das Protokoll einer Vorstandssitzung der Biograph-Filmgesellschaft aus den 1910er Jahren Auskunft, an der die Tageseinnahmen verschiedener Streifen analysiert wurden: Ein Kriegsschiff auf hoher See brachte 25 Cents, ein Mädchen, das auf enthüllende Weise einen Apfelbaum bestieg, hingegen das Fünfzehnfache, nämlich 3 Dollar und 65 Cents. Was zu dem verständlichen Beschluss führte - Patriotismus hin und Weltkrieg her -, die Landesverteidigung ab sofort im laufenden Bild zu vernachlässigen und statt dessen mehr schöne Mädchen auf hohe Bäume steigen zu lassen. Noch im selben Jahrzehnt sah Amerika nicht nur den ersten abendfüllenden Spielfilm, sondern auch das erste Blue Movie mit dem Titel «A Free Ride».

Etwa zur gleichen Zeit kamen überdies der Lippenstift und die erste elektrische Erektionshilfe auf den amerikanischen Markt. Im Katalog des populären Versandhauses Sears fiel der Preis für elektrische Vibratoren auf verführerische 6 Dollar, dem durchschnittlichen Wochenlohn einer berufstätigen Frau. Und eine zeitgenössische Schlagzeile fürchtete, nun schlage es bald «sex o'clock».

DIE ENTWICKLUNG KULMINIERTE in den zwanziger Jahren und brachte den USA, der fortgeschrittensten westlichen Konsumdemokratie, das endgültige Ende des Viktorianismus. Die nachhaltigste Wirkung zeitigten dabei aber nicht die neuen Waren für das unmittelbare Umfeld menschlicher Sexualität, Büstenhalter oder das erste «gefühlsechte Latexkondom», sondern unverdächtigere Gadgets, vom Auto bis zum Telefon, die bis dahin ausserhalb der Reichweite des Normalbürgers gelegen hatten.

Nun drangen sie in die Mittelschicht. Phonograph und Radio, erfunden für Geschäftsdiktate und zur obrigkeitsstaatlichen Verkündung von Nachrichten, erlaubten zum erstenmal in der Geschichte der Menschheit Nichtkönigen und Nichtmillionären, sich zur Musik zu lieben. Die grossen Hits der Ära waren denn auch Liebeslieder, deren Stil zeitgenössische Kritiker an die Balzrufe von Vögeln und anderen brünstigen und läufigen Tieren erinnerte.

Kaum hatte sich die Masse hinters Steuer des Autos gesetzt, entfremdete sie auch gleich dessen Zweck. Bereits 1913 beklagte der Präsident der einflussreichen World's Purity Federation den vierrädrigen Untergang der Moral: Das Auto ermögliche Ausflüge zu Bordellen und «andere Lustfahrten». Dem damaligen Verbreitungsgrad der Luxusware entsprechend, meinte er damit vorab die Abwege begüterter Familienväter. In den zwanziger Jahren jedoch kam eine neue Generation in den Genuss der Mobilität: Amerikas Mittelschicht-Teenager. Sie rollten in billigen Familienmobilen zum sozialen Ereignis des Jahrzehnts, dem «Date» - am Umstand, dass die Mehrzahl der Amerikaner ihre ersten sexuellen Erfahrungen im Auto machten, hat sich bis heute wenig geändert.

Das vielleicht schönste Beispiel aber für die sexuelle Adaptation von Techniken, die zu ganz anderen Zwecken geschaffen wurden, ist das Telefon. Von den staatlichen Organen war es für kurze Geschäftstelefonate und die Übermittlung wichtiger Nachrichten geplant, nicht für privaten Klatsch, Tratsch oder gar für Sexgeflüster. Bereits in den zwanziger Jahren hielt es jedoch in private Sphären Einzug, ganze Benimmkolumnen nahmen sich nun des Problems der plötzlichen Gleichzeitigkeit von Intimität und physischer Entfernung an. Da wurde etwa erörtert, ob ein anständiges Mädchen seine Telefonnummer weitergeben dürfe und ob es schicklich sei, mit einem Mann zu telefonieren, während man selbst im Bett lag oder nicht vollständig bekleidet war. Bis Telefonsex im engeren Sinne möglich wurde, bedurfte es allerdings technischer und ökonomischer Veränderungen. Für den privaten Gebrauch war das vor allem die Selbstwählanlage, die das mithörende Fräulein vom Amt beseitigte.

Zu den wenigen offiziellen und zugänglichen Unterlagen, anhand derer sich die Entwicklung von Telefonsex studieren lässt, gehören die Abhörakten der Stasi, die auch den (Telefon-)Verkehr zwischen Westberlin und dem Bundesgebiet dokumentieren. Sie deuten darauf hin, dass spätestens in den sechziger Jahren akustische Erotik auch Normalbürgern nicht mehr unbekannt war. Um Telefonsex allerdings vom privaten Spass zur millionenschweren Geschäftsidee zu machen, brauchte es mehr.

Neben der Aufhebung der staatlichen Monopole, die derlei kommerzielle Anbieter lange Jahre nicht zulassen wollten, war es vor allem die Entwicklung digitaler Technik, die schnelles Hinundherschalten, Konferenzgespräche, das Blockieren von Anrufen und automatische Abrechnungssysteme ermöglichte. Die ersten, noch auf Vorauszahlung, Rückruf und Zweiergesprächen basierenden Angebote tauchten Anfang der achtziger Jahre in New York auf. Den letzten Stand stellen heute die interaktiven «Telefonwelten» dar, die mit den für den Geschäftsbereich entwickelten Telefonanlagen operieren und in denen die Kunden nicht mit einem professionellen Partner, sondern direkt mit Gleichgesinnten in Kontakt treten, um über Sexuelles zu plaudern.

«ALLE NEUEN Technologien werden von den Interessen der kommerziellen Sexverwerter vorangetrieben», sagt Bob Guccione, Herausgeber von «Penthouse». «Das ist nur natürlich.»

Charles Darwin hätte ihm vermutlich zugestimmt. Denn obwohl sein Name damit unwiderruflich in Verbindung gebracht wird, wusste er, dass die natürliche Selektion, das Überleben des Stärkeren, den Prozess der Evolution nicht erklärt. Physische Stärke allein, der Sieg im Kampf gegen die Bedrohung durch Umwelt und äussere Feinde reichte nie aus, das Fortleben der eigenen Gene zu sichern. Vom voluminösen Pfauenschweif, der seinen Träger zur leichten Beute seiner natürlichen Feinde macht, bis zur menschlichen Nacktheit, die im Überlebenskampf nur Nachteile bot - die Evolution schuf eine Vielzahl von Charakteristika, die im direkten Widerspruch zur natürlichen Selektion standen.

In «The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex» führte Darwin daher das ebenso wichtige Prinzip der sexuellen Selektion ein. Es stellt dem Überleben des Stärkeren das Überleben des Attraktiveren gegenüber. Pfauen mit grossen Schweifen zum Beispiel pflanzen sich allen Schwächen zum Trotz hervorragend fort, weil Pfauenweibchen bunte Schweife mögen und daher ihre Träger gegenüber Männchen mit weniger spektakulären Schweifen bevorzugen. Ähnliche Präferenzen, nahm Darwin an, beförderten den Verlust des menschlichen Fells. In seiner «Prehistory of Sex» beschreibt der britische Archäologe Timothy Taylor den evolutionären Vorteil der Nacktheit als Zuwachs an «sexueller Haut», die bei den Primaten auf wenige Quadratzentimeter beschränkt ist. Zunehmende Haarlosigkeit erhöhte somit die Attraktivität der Hominiden beiderlei Geschlechts.

Entscheidend wurde die sexuelle Selektion für die Evolution des Menschengeschlechts erst mit dem aufrechten Gang. Er gab vor 1,6 Millionen Jahren die Hände frei für Werkzeug- und Waffenproduktion, und er schaffte in Brustkorb und Lunge die physischen Voraussetzungen für kompliziertere Lautfolgen, für die Entwicklung von Sprache. Der physischen Attraktivität gesellte sich nun die kulturelle hinzu. Erlerntes begann die schiere Natur zu korrigieren. Kleidung und Kosmetika, die primäre Geschlechtsmerkmale teils verführerisch verhüllten, teils demonstrativ hervorhoben, rechnet Taylor zu den ersten von Menschen erzeugten Produkten. Zunehmend galten kulturelle Elemente als attraktiv, handwerkliche Fähigkeiten, aber auch eine gute Stimme oder sprachlich-dichterisches Talent. «Das Vortäuschen von Orgasmen», schreibt Taylor, «ist augenscheinlich ebenso einzigartig menschlich wie die entwickelte Sprache.» Technisches Können und Sexualität gingen so eine symbiotische Beziehung ein. Wer intelligent und geschickt war, erlangte sexuelle Vorteile, ob er nun gut jagen oder wertvolle Gegenstände basteln, ob er musizieren oder Geschichten erzählen konnte. Den kulturellen Kriterien der sexuellen Selektion entsprechend, wuchs in den ersten 1,4 Millionen Jahren, die die Hominiden aufrecht verbrachten, das Gehirn kontinuierlich, bis es vor 150 000 Jahren die gegenwärtige Maximalgrösse erreichte.

MAG DER KRIEG der Vater der Technik sein, ihre Mutter ist die Sexualität. Sobald der Umgang mit innovativer Technik nicht hierarchisch kontrolliert oder zensiert wird, setzt sich sexueller Gebrauch zügig durch. Militärische Forschung gibt den Anstoss, für den Reifezustand neuer Techniken jedoch sorgt der Markt. Der wiederum gehorcht den sexuellen Grundbedürfnissen der Konsumentenmassen. Sie erwerben käuflich, was über Hunderttausende von Jahren evolutionäre Vorteile verschaffte, vor allem Innovationen, die wie Telefon, Auto oder Internet die kommunikative Mobilität und damit die Zahl der möglichen Sexualkontakte erhöhen.

Ein Einwand gegen die These, die sexuelle Selektion beziehungsweise der Wunsch, in ihr zu obsiegen, stecke hinter der Durchsetzung von Technik, liegt auf der Hand: Ein Grossteil der adaptierten Verfahren und Waren - etwa Kontrazeptionsmittel, Dildos oder pornographische «Onaniervorlagen» - dient nicht der Fortpflanzung und auch nicht der Attraktivität und Präsenz auf dem sexuellen Markt.

Doch im Zuge von Zeitgeistwandel oder technischen Innovationen können passive Techniken durchaus Teil des Liebesspiels werden. Ein Beispiel gibt die visuelle Pornographie. Avantgarde-Künstler wie Alfred Stieglitz oder Man Ray haben ihre Frauen und Freundinnen «dabei» fotografiert, Yoko Ono und John Lennon taten «es» vor laufender Videokamera, und spätestens die Erfindung des Polaroidfilms machte Fotografie statistisch zu einer sexuellen Praktik. «Niemand kann in einem Drugstore eine Polaroid-Kamera kaufen», schrieb Norman Mailer, «ohne der Welt damit zu verkünden, dass dieser Fotoapparat von jedem zweiten dazu benutzt wird, die Kopulation mit der eigenen Frau oder die von Freunden festzuhalten.» Entscheidender als solch neuerlicher Funktionswandel von Techniken ist jedoch, dass der Einwand, etwas diene nicht der Fortpflanzung und habe daher mit sexueller Selektion nichts zu tun, grundsätzlich falsch ist. Denn er übersieht die Besonderheit menschlicher Sexualität, den «Sex for Fun», wie es der Evolutionsbiologe Jared Diamond in seiner gleichnamigen Studie formulierte.

Neben dem aufrechten Gang und der Gehirngrösse beziehungsweise der Intelligenz unterscheidet uns vom Rest der Säugetierwelt die Tatsache, dass wir allzeit bereit sind. Sexualität ohne Fortpflanzungsabsicht ist eine humane Errungenschaft. Der durchschnittliche Sex des Homo sapiens dient dem Vergnügen. Und auch das hat seinen evolutionären Sinn.

Die Grösse menschlicher Gehirne erforderte die Frühgeburt des Nachwuchses, der erst ausserhalb des Mutterleibs zur Lebenstüchtigkeit reift. Bei den Jägern und Sammlern lag die Stilldauer bei vier Jahren - eine lange Zeit, in der es für Männer, die an der Verbreitung ihrer Gene interessiert waren, wenig Sinn machte, bei Frau und Nachwuchs auszuharren. Der «Sex for Fun» sorgte als Lockmittel dafür, dass der Mann die Frau bei der Aufzucht des Nachwuchses unterstützte, er sorgte also für das Wohl von Frau und Kind. Insofern standen und stehen auch jene Techniken im Kontext der sexuellen Selektion, die nicht direkt der Fortpflanzung dienen, aber das sexuelle Zusammenleben stabilisieren.

Ob wir uns also ein luxuriöses Ehebett zulegen oder einen Videorecorder, ob wir das Badezimmer mit einem Whirlpool versehen, den Computer für Cybersex upgraden oder gar die Anschaffung einer vollautomatischen Sexpuppe erwägen: wir handeln im Interesse unseres vorhandenen oder zukünftigen Nachwuchses. Denn was über Hunderttausende von Jahren richtig war, kann in den paar Jahren, in denen wir von Low-Tech-Tieren zu bionischen High-Tech-Wesen wurden, nicht plötzlich falsch geworden sein, nicht wahr?

Gundolf S. Freyermuth ist Autor von «Cyberland», einem Führer durch den High-Tech-Underground. Er lebt auf einer Ranch in den USA.


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