NZZ Folio 12/94 - Thema: Luxus   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Die Sprachpolizei geht um

Von Wolf Schneider

SIE HABEN JA RECHT, die Indianer in den USA, dass sie nicht länger American Indians heissen wollen - so bisher die regierungsamtliche Bezeichnung und das Stichwort im Lexikon, da Indian ohne den Zusatz American auf englisch sowohl Indianer wie Inder bedeutet; die Behauptung des Kolumbus, dass er in Indien gelandet sei, ist da auf noch verwirrendere Weise als im Deutschen konserviert: Native Americans wollen die Indianer sein, in Amerika Geborene also. Doch der Sprachkritiker der «New York Times» hat dagegen bereits eingewandt, das sei eine Diskriminierung der meisten weissen Bürger der USA, die schliesslich ebenfalls in Amerika geboren seien.

So schwierig ist es, den Wünschen von Volksgruppen, Minderheiten, Benachteiligten sprachlich nachzukommen. Mit dem Versuch der letzten Jahre, eben dies radikal zu tun, haben sich die Amerikaner, angeführt von Linksliberalen, Feministinnen, Homosexuellen und Schwarzen, eine schwere Last aufgebürdet, genannt Political Correctness. Ihre Anhänger handeln in der Überzeugung, dass Benennungen immer auch Werturteile sind, aus denen Handlungen folgen können.

Das ist ja richtig - nur: Wie war das mit den «Schwarzen»? Bis gegen Ende der sechziger Jahre galt dies als Schimpfwort für jene Amerikaner, die damals korrekt Farbige oder Neger hiessen. Dann stülpte die Bewegung Black Power die Bewertung um. Das war eine kühne Tat und ihr gutes Recht - wie einst bei den evangelischen Christen, als sie sich den Vorwurf «Protestanten» erhobenen Hauptes zu eigen machten. Doch einen schlimmen Nachteil hat diese Kühnheit auch: Die Schwarzen sind natürlich so wenig schwarz, wie die Europäer mit ihren unzähligen Mischfarben Weisse zu heissen verdienen. Die Umwertung blies also einer primitiv-rassistischen Unterscheidung europäischer Herrenmenschen des neunzehnten Jahrhunderts («die weisse Rasse - die gelbe Gefahr!») neues Leben ein. So ist es wohl ein Fortschritt, dass die Schwarzen sich mehr und mehr Afro-Amerikaner nennen; nur dass die hellhäutigen Bewohner Nordafrikas es sich verbitten, zusammen mit den dunkelhäutigen im Süden unter den Oberbegriff Afrikaner geschoben zu werden.

Glatte Lösungen gibt es eben nicht, wo immer die Sprache mit Menschenrechten und Leidenschaften zusammenstösst. Und der löbliche Wunsch, niemanden durch fahrlässige oder gar mutwillige Wortwahl zu kränken, produziert immer Umständlichkeit, oft Lächerlichkeit und, zumal in jüngster Zeit in Amerikas Universitäten, eine Art Tugendterror, der den Irrsinn streift. In einer Übersetzung des Andersen-Märchens von der kleinen Meerjungfrau wurde aus der Beschreibung ihrer zarten Arme das Wort «weiss» gestrichen, weil es eine rassistische Anspielung sei; als solche gilt an manchen Universitäten auch der historische Begriff «Schwarze Magie».

Gewiss, Witze zulasten ethnischer Minderheiten können bedenklich sein. Doch wie steht es mit jenen vielen Juden, die sich in ihren Witzen mit Vergnügen selbst verspotten? Und wieviel harmloser Spass ginge verloren, wenn die Amerikaner nicht mehr über die Iren, die Deutschen über die Ostfriesen, die Schweizer über die Appenzeller witzeln dürften? Russell Baker, Satiriker der «New York Times», nannte 1993 unter den Gründen, warum er leider nicht Richter am Obersten Gerichtshof werden könnte, den: «Viele Jahre lang habe ich schamlos über Tausende von ethnischen Witzen gelacht und fünf oder sechs davon richtig komisch gefunden.» Die Mode der Political Correctness sei der jüngste Ausfluss der alten puritanischen Gesinnung, dass Freiheit nicht so viel zähle wie moralische Entrüstung, schrieb Baker weiter.

Das Nachrichtenmagazin «Time» schlug 1994 ironisch vor, das Schlagwort der Französischen Revolution nachträglich in «Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit» umzuwandeln. Dagegen meinten zwei deutsche Sprachwissenschafterinnen es ganz ernst, als sie, vom Magistrat der Stadt Frankfurt am Main mit der feministischen Durchleuchtung der Amtssprache beauftragt, die grammatische Tücke beklagten, die uns nötige, «Wer rastet, der rostet» zu sagen oder «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben» (als ob Frauen nicht ebenfalls rosten oder sich verspäten könnten).

Längst haben die Fanatiker der sprachlichen Korrektheit eine ebenso eifernde Gegenbewegung ins Leben gerufen. Der amerikanische Historiker Arthur Schlesinger spricht von der Zerschlagung der USA in selbstgerechte Minderheiten, der Kunstkritiker Robert Hughes von der drohenden «Balkanisierung» Amerikas. Umberto Eco zieht gar eine Parallele zum Wüten der Roten Brigaden während der chinesischen Kulturrevolution.

Ja, den Wortführern der politischen Korrektheit ist es gelungen, ein ursprünglich humanes Anliegen zu pervertieren. Die Sprache haben sie zur Magd ihrer Masslosigkeit gemacht - wo sie doch nur bei viel Augenmass und ein bisschen Augenzwinkern blühen kann. Ein geeignetes Instrument, totale Gerechtigkeit herbeizuführen oder auch nur auszudrücken, ist sie nie gewesen und kann sie nicht sein. Der Stuttgarter Oberbürgermeister Rommel, für seine gelassen vorgetragenen Bosheiten bekannt, sagte 1993 zu einem anderen Versuch der Sprachlenkung: «Es gibt im heutigen Sprachgebrauch kein Unkraut und kein Ungeziefer mehr, bloss noch Wildkräuter und Natur. Aber wenn die Natur in der Speisekammer stattfindet und auf der Butter herumläuft, ist es auch nicht das Wahre.»




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