NZZ Folio 06/96 - Thema: Vom Reisen   Inhaltsverzeichnis

Interview -- Wie erlebt man mehr in seinem Leben?

Von Andreas Heller

Gerhard Schulze, 1944 als Pfarrerssohn geboren, studierte in München und Erlangen Soziologie. Nach seinem Abschluss als Diplomsozialwirt arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Soziologie und Sozialanthropologie der Universität Nürnberg, wo er 1975 zum Dr. rer. pol. promovierte. Nach seiner Habilitation wurde er 1978 als Professor für Methoden der empirischen Sozialforschung an die Universität Bamberg berufen. Über den wissenschaftlichen Kreis hinaus bekannt wurde Schulze mit seinem Buch «Die Erlebnisgesellschaft», einer empirisch-historisch-essayistischen Bestandesaufnahme der Entwicklung der Bundesrepublik in der Nachkriegszeit. Schulze selbst führt den Erfolg des inzwischen in sechster Auflage erschienen Werkes auf seine in der Soziologie eher unübliche Methode zurück, empirische Daten mit subjektiven Erfahrungen zu verknüpfen. Nach seiner Bestandesaufnahme der durch die Erlebnisgesellschaft geprägten Gegenwart beschäftigt er sich heute vor allem mit Zukunftsfragen. Zentrale Frage dabei: Was fangen wir mit unserem Leben an, wenn uns die Arbeit ausgeht?

Das Gespräch mit Gerhard Schulze führte Andreas Heller.

Herr Schulze, nach meiner Ankunft in Erlangen wollte ich in einem Restaurant mit regionalen, fränkischen Spezialitäten zu Mittag essen. Ich suchte ziemlich lange ein passendes Lokal - vergeblich. Dafür stiess ich auf ein Angebot an Restaurants mit italienischer, türkischer, chinesischer, thailändischer oder mexikanischer Küche. Wie interpretieren Sie als Soziologe das kulinarische Spektrum in ihrer Stadt?

Der kulinarische Sektor ist ein typisches Beispiel für die zunehmende Pluralisierung aller Lebens- und Angebotsbereiche. Auch hier geht es mehr und mehr darum, mit Erlebnismitteln zu spielen: man will dieses und jenes ausprobieren, um diese oder jene Wirkung in sich zu erzeugen, die man dann als schönes Erlebnis bezeichnet.

Es geht uns also immer weniger um das Befriedigen eines Grundbedürfnisses - des Hungers in diesem Fall -, sondern um ein bestimmtes Gefühl, das sich beim Konsum einstellen soll?

Natürlich geht es noch immer auch darum, den Hunger zu stillen, doch ist das mehr oder weniger zur Nebensache geworden. Im Zentrum steht das Bestreben, etwas Schönes oder Interessantes zu erleben. Und das ist auch ganz allgemein die zentrale Ideologie der heutigen Gesellschaft, die ich Erlebnisrationalität nenne: man verwendet bestimmte Waren, Produkte, Dienstleistungen, um bestimmte Zustände in sich selbst hervorzurufen. Ein interessantes Leben zu haben, ist der zentrale Imperativ unserer Zeit. Und der Paria, derjenige, der am niedrigsten steht in der sozialen Hierarchie, ist der lebenslang Gelangweilte, denn er ist die Personifizierung unserer Furcht vor dem sinnlosen Leben.

Sie haben den Begriff der Erlebnisgesellschaft geprägt. Vorher gab es Begriffe wie Wohlstandsgesellschaft, Konsumgesellschaft oder Freizeitgesellschaft. Was sind die Unterschiede, oder meinen alle Begriffe mehr oder weniger dasselbe?

Es wäre sicher falsch, zu sagen, eine Gesellschaft sei das eine oder das andere. Eine Gesellschaft ist nicht einfach ein Apfel oder eine Birne. So weisen wohl alle Gesellschaften Elemente der Erlebnisorientierung auf, manchmal aber nur Spurenelemente. Wir können nun die verschiedenen Gesellschaften miteinander vergleichen, und dabei stellen wir fest, wie sich die Mischungsverhältnisse verändern. In unserer heutigen Gesellschaft ist die Erlebnisorientierung ganz einfach sehr stark - mehr ist mit dieser Etikettierung nicht gemeint.

Wann haben sich die «Mischungsverhältnisse» zu verändern begonnen?

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben wir eine ständige Ausweitung unserer Handlungsmöglichkeiten erlebt. Als ich ein Kind war, musste ich zu Fuss ins fünf Kilometer entfernte Nachbardorf gehen, um mir die Haare schneiden zu lassen. Mein einziges Transportmittel waren meine Füsse. Heute stehe ich vor einem riesigen Möglichkeitenspektrum. Ich kann überall hin, ich kann mir fast alles kaufen, sofern ich das Geld dazu habe.

Wie hat sich diese Angebotsausweitung auf das Konsumverhalten ausgewirkt?

In den fünfziger Jahren war der blosse Besitz eines Autos oder von neuen Möbeln von grosser Bedeutung. Das Denken der Leute war darauf ausgerichtet, sich Dinge anzueignen. Diese habensorientierte Haltung ist im Laufe der Zeit mehr und mehr von einer seinsorientierten abgelöst worden. Vor allem in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre wurde die Subjektivität erst eigentlich entdeckt und zum zentralen Bezugsmassstab des Konsums erhoben. Es ist immer weniger wichtig, einfach ein Bedürfnis zu befriedigen, sondern man will durch Konsum von Waren oder Dienstleistungen sein Lebensgefühl planmässig beeinflussen.

Gerade die 68er Bewegung versuchte sich aber - unter anderem - von der Konsumgesellschaft abzugrenzen.

Vordergründig ja. Aus kultursoziologischer Sicht entscheidender als die in jener Zeit betriebene Agitation ist jedoch die damals ebenfalls verbreitete Botschaft: wir leben, wie es uns gefällt. Die 68er entdeckten die Subjektivität, nach der heute praktisch die ganze Bevölkerung ihr Leben richtet. «Ich tue, was mir gefällt», las ich kürzlich in einer Anzeige für einen Pullover in einer französischen Frauenzeitschrift. Was ist das anderes als Originalton der 68er?

Sie sagen, dass der Mensch von heute in erster Linie auf Erlebnisse aus ist. Erlebt er denn auch mehr als die Menschen früherer Generationen?

Im Gegenteil. Wir erleben weniger und weniger. Denn je mehr wir uns Erlebnisse verschaffen, desto blasser werden diese, erst recht, wenn wir dies mit den Mitteln des gegenwärtigen Erlebnismarktes tun. Wie viele Leute unternehmen eine Kreuzfahrt in die Karibik, ohne das zu erleben, was sie sich eigentlich vorgestellt hatten! Das hat damit zu tun, dass Erlebnisse wesensmässig Nebensache sind; sie stellen sich nur als Begleiterscheinung ein. Wenn man sie jedoch zur Hauptsache macht, ist das Risiko ziemlich gross, dass man sie zerstört, nämlich dadurch, dass man zuviel über sie nachdenkt: Ist der Sonnenuntergang wirklich so schön, dass sich die Anfahrt gelohnt hat? Man investiert Zeit und Geld, um etwas Bestimmtes zu erleben, man will eine bestimmte Wirkung in sich selbst erzeugen - doch der Mensch funktioniert nicht wie eine Maschine: was in einem selbst abläuft, ist nur begrenzt planbar.

Und doch erzählt jeder, wie tolle Ferien er verbracht habe, er schwärmt von seinem neuen Auto oder von der neuen Stereoanlage . . .

. . . was damit zu erklären ist, dass die Suggestion in der wirtschaftlichen Gegenwart einen völlig neuen Stellenwert erhalten hat. In der Erlebnisgesellschaft ist es rational, der Suggestion zu glauben. Der Käufer eines Parfums, für das mit dem Bild eines Mannes von kraftvoller Virilität und Frische geworben wird, fragt sich nicht, ob dieses Parfum tatsächlich diese Qualitäten aufweist. Denn damit würde er ja das, worauf er gerade aus ist, zerstören: nämlich das Erlebnis. Rational handelt heute, wer der Suggestion glaubt, und je besser einem das gelingt, um so zufriedener wird man sein. Oder man frage einen Museumsbesucher, der gerade 265 Bilder angeschaut hat. Er wird vielleicht im Sinn der Suggestion sagen: «Die Ausstellung war ganz phantastisch.» Was allerdings nicht unbedingt heisst, dass er nur ein einziges Bild noch beschreiben könnte.

Das klingt ganz so, als ob wir alle zu Scheinerlebnissen Verführte wären . . .

Die Wechselbeziehungen sind komplex. Es ist nicht so, dass die Anbieter nur noch Bedürfnisse befriedigen, sondern sie schaffen stets auch neue Angebote für mögliche Bedürfnisse: man schaut, was Anklang finden könnte. Auf der andern Seite gibt es auch autonome Entwicklungen in der Bevölkerung, die dann in kommerzielle Angebote übersetzt werden. Auch Subkulturen, die sich ursprünglich abgrenzen wollten, denken wir etwa an die Rapper, erliegen dieser Vermarktung. Die Anbieter und die Nachfrager arbeiten gemeinsam an neuen Erlebnisschemata.

Sie haben in Ihrer Untersuchung verschiedene Milieus der Erlebnisgesellschaft definiert, wie etwa das Gemütlichkeitsmilieu oder das Selbstverwirklichungsmilieu. Sie sagen weiter, diese Milieus hätten die traditionellen sozialen Schichten abgelöst - warum?

Wo man geboren wurde, spielt heute immer weniger eine Rolle, wir sind ortsungebunden; es gibt keine Klassenschranken mehr wie früher, weil nicht mehr genau erkennbar ist, was eigentlich eine soziale Schicht ist. Dennoch müssen wir uns an andern orientieren, weil wir nicht in der Lage sind, uns kreativ als Einzelwesen zu erfinden. Wir suchen ähnliche Subjektivitätstypen, um gemeinsam bestimmte Vorstellungen vom schönen Leben aufzubauen. So bilden sich die jeweiligen Milieus, die der Erlebnismarkt zitiert und gleichzeitig auch formt.

Man braucht also jemanden, der einen in den eigenen Erlebnissen bestätigt?

Alle reden von der Individualisierung der Gesellschaft, ich jedoch stelle das genaue Gegenteil fest. Die Bestätigung durch andere ist ein ganz wichtiger suggestiver Impuls, um ein Erlebnis als solches zu begreifen. Wenn ich nur für mich allein ein Erlebnis habe, weiss ich nicht unbedingt genau, wie ich es bewerten soll. Wenn mir jemand aber sagt, dass dieses Erlebnis etwas ganz Tolles, etwas Exotisches, etwas Erhabenes sei, weiss ich, in welche Richtung ich mich polen muss. Und wenn viele andere nach diesem Erlebnis streben, ist dies erst recht ein ganz wichtiger suggestiver Stimulus. Diese Suche nach Suggestion ist schliesslich auch dafür verantwortlich, dass sich in der Erlebnisgesellschaft immer wieder neue Gruppen, Subkulturen und Milieus finden.

Wie geht es weiter? Wird auch der Erlebnismarkt irgendwann gesättigt sein?

Es gibt verschiedene Strömungen. Festzustellen ist etwa eine weitere Expansion im Reiseverhalten. Reisen zu Fernzielen, und dies mehrfach im Jahr, werden an Popularität weiter zunehmen. Was nicht heisst, dass man sich über den Rest des Jahres flach legen würde, sondern da geht man weiter in die Erlebnisgastronomie, man kleidet sich nach der jeweiligen Mode, man kauft mehr Bücher als man eigentlich lesen kann. Auf der andern Seite gibt es doch Zeichen einer Distanzierung, wenn zum Teil auch nur verbal. Ein paar wenige schliesslich klinken sich wirklich aus und kehren zur alten Philosophie der Enthaltsamkeit zurück. Mag sein, dass die Erlebnisgesellschaft nur eine pubertäre Zwischenphase in einem kollektiven Reifungsprozess ist, in dem man allmählich lernt, mit den uns heute gebotenen Betätigungsmöglichkeiten sinnvoll umzugehen.

Wie sähe denn ein solcher sinnvoller Umgang aus?

Wir müssen uns darauf besinnen, dass man die besten Erlebnisse dann hat, wenn man nicht explizit danach strebt. Die Verantwortung für Erlebnisse ist nicht an Produkte oder Dienstleistungen delegierbar, sondern liegt bei uns selbst, bei der Organisation unseres Bewusstseins oder unseres Wissens: je mehr ich über den Wein weiss, um so besser schmeckt er mir; wer ein Musikinstrument beherrscht, der verschafft sich Erlebnisse, die in keinem Angebot des Erlebnismarktes zu finden sind.

Das Erleben findet bei einem selber statt - daran führt kein Weg vorbei?

Marcel Proust führt uns vor, was individuelles Erleben heisst. Allein der Duft der Madeleine, des französischen Gebäcks, die er in den Tee eintaucht, weckt in ihm Assoziationen seines bisherigen Lebens. Etwas, das nur ihm gehört. Diese Form von Individualität hat jeder von uns, nur schreiben wir keine Romane darüber.




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