NZZ Folio 07/02 - Thema: Tanzfieber   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Züsis und Evs WG für alle Generationen

Von Lilli Binzegger
«BEI ZÜSI sind es jetzt dann 20 Jahre her, dass ihr Mann gestorben ist. Sie hatte sieben Kinder, und als das jüngste auszog, dachte sie sich: Ich möchte nicht allein alt werden. Ev ist ledig und hat mehr als 30 Jahre mit einer Freundin zusammengelebt, sie sagten sich: Eine von uns wird einmal allein sein. Sie beredeten mit einem befreundeten Ehepaar spielerisch einmal die Idee, wie es wäre, später zusammenziehen. Da waren wir aber alle noch berufstätig und schoben es vor uns her. So gingen die Jahre vorbei, der Mann des Ehepaars starb, Evs Freundin starb.

Dann lernten Züsi und Ev einander kennen, eine Nachbarin kam dazu und sonst noch die eine oder andere. Am Schluss waren wir eine Gruppe von sechs, wir gründeten eine Genossenschaft und machten uns auf die Suche nach einem geeigneten Haus.

Es gibt auch Hausgemeinschaften, wo jeder sein eigenes Bad und seine eigene Küche hat. Das wollten wir nicht, wir wollten gemeinsam leben. Aber jede musste ein gutes eigenes Zimmer haben, und das scheiterte lange an den gutschweizerischen Grundrissen. Das Haus musste zudem nahe an öffentlichen Verkehrsmitteln stehen, denn wir können vielleicht einmal nicht mehr Auto fahren. Und es sollte, für alle Fälle, rollstuhlgängig gemacht werden können.

Der Glücksfall trat nach Jahren des Suchens ein. Der Sohn einer Freundin von Ev wusste vom Verkauf dieses Hauses. Als wir es sahen, dachten wir: hoppla, das wär’s. Gross, schön gelegen, nah am Tram und zu einem vertretbaren Preis. Damals waren wir noch zu viert. Einer hatte es zu lange gedauert, sie war unterdessen ausgestiegen, eine andere fand sich schliesslich doch noch zu jung.

Am 1. Juli 1998 war es so weit, wir kauften das Haus. Es hatte der Bircher-Klinik gehört, die Bausubstanz war gut, aber es war vier Jahre lang besetzt gewesen und sah innen ziemlich heruntergekommen aus. Wir nahmen dann noch einen Kredit von 100 000 Franken auf und liessen die Wände streichen, die Böden herrichten, die Badezimmer funktionstüchtig machen. Wir haben selbst auch Hand angelegt, Böden abgekratzt und dergleichen. Nach einem Monat zogen wir, eine um die andere, ein. Anfangs war da noch keine Küche, die mussten wir neu machen lassen. Weil Sommer war, haben wir uns vom Grill im Garten verpflegt. Zum Haus gehören ein grosser Parkplatz und zwei Garagen, die vermieten wir. Das gibt uns etwas in den Renovationsfonds. Es wäre schön, das Haus einmal neu zu verputzen. Zurzeit sind wir aber noch daran, die Fenster zu verkitten. Vermögend sind wir alle ja nicht.

Das Haus, es wurde 1930 gebaut, hat elf Zimmer, zwei Bäder, vier WCs. Gemeinsam haben wir die Wohnstube, die Essstube, die Küche und natürlich die Halle. Ev wohnt hier nebenan, wir andern sind im ersten Stock. Nach anderthalb Jahren zog eine Bewohnerin aus. Es war ihr irgendwie zu gross hier, sie fühlte sich etwas verloren. Damit es sich finanziell trägt, müssen es aber vier sein, die einen Genossenschaftsanteilschein zeichnen und Miete bezahlen.

Dann kam Jeannette dazu, sie hatte im Psychoanalytikerinnen-Chörli von unserer WG gehört. Nun hatten wir die aber als Alters-WG gegründet, und Jeannette war erst 45 und hatte einen 13-jährigen Sohn, Severin. Sie kamen probewohnen und sind geblieben. Soeben ist zur Miete im oberen Zimmer Rosanna eingezogen, die nochmals eine jüngere Generation vertritt. Nun ist unsere Alters-WG halt zur Mehrgenerationen-WG geworden. Wir finden das wunderbar. Und Jeannette kann die Zeit, die sie früher neben dem Beruf zum Haushalten brauchte, als sie noch alles allein machen musste, für ihre Kunstprojekte nutzen. Jetzt nimmt uns natürlich wunder, wer als Nächstes einziehen wird. Das schönste Zimmer, das mit der grossen Terrasse, ist nämlich zu haben.

In der Küche ist eine Tafel, dort trägt sich ein, wer zum Essen hier sein wird, und wir entscheiden spontan, wer kocht. Es gibt auch Tage, da ist keiner da. Seit Jeannette hier ist, veranstalten wir Salons. So alle zwei, drei Monate gibt es eine Rieseneinladung, wir haben ja den Platz dazu. Das war einmal eine Buchvernissage mit Otto Steiger, ein andermal eine Lesung mit Dragica Rajcic, und kürzlich hat Irène Schweizer gespielt, da waren sicher 100 Leute hier. Das Nächste wird eine literarisch-musikalische Modeschau mit Modeschöpferinnen aus der Stadt sein. Wir bieten Getränke und Häppchen, die wir mit vereinten Kräften machen. Bis jetzt war alles gratis, wir sind aber nicht alle gleicher Meinung, ob das so bleiben soll. Die Leute würden nämlich gern etwas geben.

Wir sind zu unterschiedlich, auch altersmässig, als dass wir uns aneinander reiben. So rivalisiert man nicht, und alle können ihr individuelles Leben leben. Eigenheiten werden respektiert, Jeannette etwa nimmt jeweils ihr Frühstück aufs Zimmer, um dabei zu arbeiten. Es kann auch eine allein Gäste haben. Dann macht sie hier die Schiebetüre zu, und sie und ihre Leute sind für sich.

Es braucht Selbstverantwortung, damit die Gemeinschaft funktioniert. Man muss nachgiebig sein, wo es einem nicht darauf ankommt, und beharren, wo einem etwas wichtig ist. Wahrscheinlich würde sich zum Beispiel jede für sich nicht so einrichten, aber es können alle damit leben. Es sind weitgehend die Sachen, die jede mitgebracht hat. Wer neu dazukommt, kann aber auch alles auf den Kopf stellen. Es kamen natürlich mehrere Haushalte zusammen, vieles lagert noch in der riesigen Winde. Es wird immer weniger, aber das braucht alles seine Zeit, und die haben wir. Im Estrich hat Severin auch sein Schlagzeug, er nimmt Schlagzeugunterricht. Wenn er übt, hört man unten aber nur gerade die dunklen Bumbum, und auch die nicht laut.

Natürlich machen die, die zu Hause sind, mehr im Haushalt. Das ist auch in Ordnung so. Bei Ev ist das sowieso der Beruf, sie war betriebswirtschaftliche Hausbeamtin, das kommt uns zugute. So kann jede ihre Gaben einbringen. Für die grösseren Arbeiten haben wir eine Putzfrau. Den Rasen mäht uns Severin, den Garten - zum Haus gehören 2000 Quadratmeter Land - haben wir mit Hilfe von Kosovo-Albanern aus der Nachbarschaft wieder nutzbar gemacht. Dabei wollte Züsi nie mehr einen Garten, sie hatte sich als Pfarrfrau ein Leben lang mit den grossen Pfarrgärten herumschlagen müssen - die ja auch noch ein bisschen als Vorbild gelten sollten.

Unser Haus grenzt an die Schrebergärten des Vereins für Volksgesundheit. Dort haben wir zwei nette Männer als Nachbarn, wir winken einander jeweils zu, wenn wir in unserer schönen neuen sonnendurchfluteten Küche beim Frühstück sitzen.

Jeden Tag sagen wir einmal zueinander, wie schön wir es haben.»

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