NZZ Folio 11/99 - Thema: Echtzeit   Inhaltsverzeichnis

Ächz-Zeit, Lechz-Zeit

Der Preis für die Echtzeit ist, dass einem das Warten länger dauert.

Von Peter Glaser

<Im übrigen ist der Vorschlag, den Menschen in die Gegenwart einzusperren und ihn von Vergangenheit und Zukunft abzuschneiden, nicht erst unserer Zeit entsprungen und auch nicht an die ausschliessliche Orientierung auf die elektronische Kommunikation gebunden. Die alte Beziehung für diese Form zentralisierter Kontrollmacht ist Bücherverbrennung.> Lewis Mumford

Es war Anfang der achtziger Jahre. Ich dachte, Computer machen immer alles sofort. Wie viele Computerbegeisterte war ich von berechneten Grafiken angetan. Ich schrieb ein kleines Programm für meinen ersten eigenen Computer, das die damals beliebten 3-D-Funktionen darstellen konnte, die aussehen wie Sombreros. Ich dachte erst, das Programm hat einen Fehler. Nach ein paar Minuten sah ich, dass die Maschine von der linken oberen Ecke aus ab und zu einen Punkt entlang der ersten Bildschirmzeile zeichnete. Ich ging eine Pizza essen.

Als ich nach drei Stunden zurückkam, war meine Grafik gerade mal einen Finger hoch. Ich war davon ausgegangen, dass die Zauberformel von Mikrochips Dummheit mal Geschwindigkeit lautet. Ein Computer kann nicht einmal bis zwei zählen (Null und Eins), das aber in einem atemberaubenden Tempo. Eine Maschine mit einer mirakulösen Geschwindigkeit. Der Traum also hiess: Echtzeit. Der Computer, die Jetzt-sofort-alles-Maschine.

«Ich persönlich brauche Computer, weil ich von ihrer Schnelligkeit abhängig bin», sagt die Künstlerin Laurie Anderson. «Ich mag diese Geschwindigkeit, weil sie die Gedanken spiegelt.»

Um das Phänomen der Zeitdehnung anschaulich zu machen, empfahl Albert Einstein, sich je eine Minute lang auf den Schoss einer schönen Frau und auf eine heisse Herdplatte zu setzen. Warten - es reicht vom launigen Herumsitzen im Café über bedingten Verweilzwang (Friseur, Behörde) bis hin zur Haft -, warten heisst die Zeit, in der wir fühlen, wie gleichermassen banal und bedeutend das ist, was wir Freiheit nennen. Es gibt ein Nord-Süd-Gefälle: Warten in seiner mitteleuropäischen Form ist die dunkle Seite des Müssiggangs. Je weiter nach Süden man kommt, desto mehr verwandelt es sich in Lebensqualität. Wer klug ist, findet in Athen oder Kairo ein Kaffeehaus, in dem die Zeit nicht Ticktack macht, sondern Mmmh.

Jener Süden, in dem das Warten als eine Lust an der Zeit empfunden wird, reicht hinauf bis an den Südrand der Alpen. Die österreichische Kaffeehauskultur verlangt ihren Teilnehmern eine herzenstiefe Bereitschaft zur Zeitnachlässigkeit ab. Während das Warten in Flughafenterminals und dergleichen ein durch Zwecke verunreinigtes Ausharren darstellt, ist das Kaffeehaussitzen der pure Aufenthalt im Diesseits.

Inmitten von Nusskipferln wirft man geruhsame Blicke in den Strassenverkehr, und man geht Fragen nach wie der, weshalb die sogenannte Echtzeit stets von einem Gefühl der Leblosigkeit und stahlgratscharfer Absolutheit begleitet ist. Es müsste doch wundervoll sein: Alles geschieht wie mit dem Zauberstab angetippt, sofort. Aber ich habe noch einen anderen Traum: Zeit müsste man einfrieren können und später wie Eiswürfel wieder auftauen. Schlucke aus dem Stundenglas, on the rocks.

Zu beobachten ist die Individualisierung bei CNN. Die Dabeiseinsspezialisten mit ihren neuen Handys. Live-Reportagen von den Brennpunkten des Nichts. Menschen mit Kommunikationsmitteln auf der Höhe der Zeit, ohne Ahnung, was zu sagen ist, ohne Stil, wie es zu sagen ist, und ohne Empfinden dafür, worum es geht. Das Echo der blanken Technik. Als würde die Lederhose an der gegenüberliegenden Bergwand reflektiert, nicht der Jodel.

Der moderne Mensch leidet an chronischer Abwechslung. Mit den Beschleunigungen von Bildschirmfrequenzen und Computer-Befehlszyklen, die unsere unbewaffnete Wahrnehmung überschreiten und unser angeborenes Gefühl für Rhythmen hinter sich lassen, wird die Abwechslung zu einem merkwürdigen Maximum getrieben, dem Overdrive. Am Computer kann man beispielhaft studieren, wie die Beschleunigung des Stillstands zum Hauptziel der Technologie geworden ist. Die ganze gegenwärtige Entwicklung läuft darauf hinaus, dass die Maschinen immer schneller warten. Neues aus der Gähntechnik.

Zur Geschwindigkeit gehören ansteigende Gefühle, nicht mithalten zu können mit der Beschleunigung des Jetzt hinein in die Echtzeit, mit immer kürzeren Sätzen, schnelleren Schnitten. Wir befinden uns, falls das jemanden beruhigen sollte, in einem Phasenübergang, und die Beschleunigung gehört zu den Symptomen des Übergangs, nicht zu den nachfolgenden Verhältnissen. Was wir derzeit erleben, ähnelt dem Bildschirmflimmern, das so lange nervt, bis die Frequenz auf über 70 Hertz beschleunigt ist und das Bild plötzlich ruhig und klar wird, auch wenn man weiter beschleunigt. Die Frage, worin eigentlich der Unterschied liegt, ob mein Computer nun mit 300 oder mit 500 Megahertz auf mich wartet, da ich nicht 100 000mal in der Sekunde auf eine Taste drücken kann, gehört zu den Problemen der zeitgenössischen Philosophie, die es auch so schon schwer genug hat.

Ich ging ans Fenster und erlebte mich während der Schritte im Nachmittagslicht als einen organischen Regentropfen am Ende eines mehrere hundert Millionen Jahre dauernden Falls aus einer vorzeitlichen Wolke auf den Erdboden, erfüllt von einer grossen Gelassenheit, durch all die Zeiten an genau diesen Punkt gelangt zu sein. Ich schaute aus dem Fenster. Die Zeit verging, als wäre nichts. Was sollte sie auch tun? Vor dem Fenster standen Sonnenblumen. Ich hatte zum erstenmal im Leben Blumen gepflanzt und durchs Jahr gefüttert. Sie wachsen so langsam, dass man ihnen gerade nicht dabei zusehen kann, und schnell genug, um Tag für Tag Veränderungen sichtbar zu machen.

Nun sah ich, dass Schnecken anfingen, Löcher aus den Blättern zu fressen. An den Mülltonnen traf ich meinen Nachbarn, einen alten Herrn von 86 Jahren. Er grub für mich eine leere Sauerkrautdose, die er gerade weggeworfen hatte, wieder aus dem Abfall. Dose zwischen den Blumen eingraben, Bier rein. Eine Schneckenfalle. Dann fuhr ich los, um meinen alten Freund Vic zu besuchen.

Geschwindigkeit ist für Vic etwas, das die Aufmerksamkeit schärft und ihm erlaubt, ganz in der Gegenwart aufzugehen. Er fährt Motorrad, «das macht, dass du an nichts anderes mehr denkst». Anspannung als Entspannung. Vic wohnt in dem feinen Hamburger Elbvorort Blankenese und segelt auch gern - mit einem Katamaran, «weil der halt auch besonders schnell ist. Wenn das Ding abhaut, das macht einfach Spass». Noch schneller geht es mit dem Speedboat, einem Boston Whaler, das ihm zur Hälfte gehört. Ein weiteres Gustostück an Wasserrasanz ist leider gerade defekt - der Air Foil, ein Zweimann-Flugboot, von dem nur acht Exemplare weltweit gebaut wurden, ausgelegt auf 150 km/h Reisegeschwindigkeit.

Vic mag die Freiheit der Boote. Keine Verkehrsschilder im Wasser. Einen Aspekt dieser Freiheit hat er auch in der digitalen Welt gefunden. Der Computer trumpft mit der Verheissung auf, jede Geschwindigkeitsbeschränkung in Echtzeit beiseitezufegen. Vic schätzt diese Art Geschwindigkeit, weil sie die Gedanken spiegelt, genauer das schnelle Denken: «Beim Verstehen war ich immer erster.» Er stieg früh als Programmierer in die Computerei ein. Im Herbst 1987 wurde publik, dass Hacker aus dem Umfeld des Hamburger Chaos Computer Clubs (CCC) über 120 Rechner in einem von der Nasa betriebenen weltweiten Computernetz unter ihre Kontrolle gebracht hatten; einer von ihnen war Vic. Sie hatten einen Fehler im Betriebssystem der Computer genutzt.

Es war das erstemal, dass die Öffentlichkeit staunend von der Existenz weltweiter Computernetze erfuhr. Heute ist es erste Bürgerpflicht, online zu sein; 1987 löste der Versuch, hors concours am Netz teilzunehmen, eine internationale Polizeiaktion aus. «Der Pay-off für das Risiko? Hacken war Spass», sagt Vic.

Im Februar besuchte er mich und kippte als Gastgeschenk eine Handvoll Glasscherben auf meinen Schreibtisch. An einem warmen Sonnentag war er auf einem schnurgeraden Autobahnstück mit seinem Porsche 968 auf Glatteis geraten. Der Wagen überschlug sich ein paarmal, mähte ein Stück Wald ab, der Mann entstieg ihm unverletzt. «Am Risiko merkt man erst, dass man lebt», sagt Vic. «Das Risiko ist die Antwort auf die Frage nach dem Unterschied zwischen Leben und Tod.»

Wer Vic dabei zuschaut, wie er programmiert, sieht einen Daten-Debussy, der komponiert. Den rasanten Schaltgeschwindigkeiten der Computer steht das Programmieren als extreme Form von Zeitlupe gegenüber. Wochenlang tüfteln Leute wie Vic, indem sie dessen geplante Geschehensweise Nanosekunde für Nanosekunde beschreiben, an einem Ereignis, das sich schliesslich innerhalb eines Augenblicks abspielen wird: am Programmlauf.

«Die vierte Dimension eines Hackers», sagt Vic, «ist nicht das Hier und Jetzt, sondern die Echtzeit.» Wer mit einem Computer arbeitet, will alles, und zwar sofort. Die digitalen Schaltgeschwindigkeiten erzeugen eine neue, äusserst aufreizende Art von Ungeduld.

Ich beschloss, über die Bierfalle hinaus noch Gift zu kaufen, Schneckenkorn. Über Monate hatte ich den Sonnenblumen Licht zugefächelt, und sie waren zu mir hoch gewachsen. Krieg den Schnecken.

Neulich habe ich Faginelli, einen anderen meiner programmierenden Freunde, am Flughafen getroffen. Er hielt das «Manager-Magazin» zu einem steifen Hochglanzknüppel gerollt in der rechten Faust und haute damit, während wir uns unterhielten, unentwegt auf eine verchromte Geländerstange. Er schlug die Zeit tot.

Sein Urerlebnis war der Übergang vom Dreirad zum Tretroller gewesen. Die damit verbundene Zunahme an Aktionsradius hatte ihm ein Gefühl von Freiheit beschert, das er seither wieder und wieder zu erleben sucht. Das Tempo liess sich via Mofa, Auto und Flugzeug mit dem Erwachsenwerden weiter forcieren. Wie ich, so fand auch Faginelli schliesslich das Geschwindigkeits-Eldorado im Computer. Der Wermutstropfen: Mit dem Tempo zeigt auch die Ungeduld neue Qualitäten.

Faginelli verdient sein Geld unter anderem mit Software zur Kuh-Erkennung. Er verkauft Grossbauern Computer, die über eine Videokamera zwischen Kühen und Ochsen unterscheiden können. Ein Knecht kann zwar eine Kuh erkennen, ohne auf Erfahrungen bei der Auswertung von Satellitenbildern zurückgreifen zu müssen, aber das ist nicht innovativ. Wenn Faginellis Laptop 20 Sekunden braucht, um ein Programm von einer Diskette zu laden, windet er sich vor Ungeduld. Auch das kenne ich von mir selbst.

Am Ankunftsflughafen teilten wir uns ein Taxi in die Stadt. Der Fahrer kroch mit 50 dahin, obwohl Faginellis Armbanduhr mehrmals mahnend piepste. Bei solchen Gelegenheiten wird deutlich, wie sich an dem Wunsch, dass es richtig abgehen möge, das Abgehen in zwei konträre Bedeutungen aufspaltet. Zum einen: Speed. Zum anderen: Mangel. Es geht etwas ab. Und was fehlt, ist nicht Zeit, sondern Keine Zeit. Tut sich ein unerwartetes Loch im Zeitdruck auf, so haben wir nicht plötzlich Mehr Zeit zur Verfügung, sondern bloss nicht mehr Keine Zeit. Das quälende Gefühl heisst moderne Ungeduld. Wenn das Schnitzel im Mikrowellenherd nicht in zehn Sekunden durch ist, fängt man an, die Wand hochzukriechen; ebenso, wenn die Festplatte einen Augenblick braucht, um 25 Megabyte zu laden.

Im Baumarkt, hatte man mir telefonisch gesagt, könne ich Schneckenkorn bekommen. Halbe Stunde Wegs, ein schöner Spaziergang. Leider kein Schneckenkorn beziehungsweise nur in der Filiale auf der anderen Seite der Stadt, da dort jemand mit einer Apothekerbefähigung angestellt war. Nur der darf Schneckenkorn verkaufen. Ich kaufte auf dem Rückweg noch eine Dose Bier.

Seymour Cray galt als Beethoven unter den Computerkonstrukteuren. Um sich von den Anstrengungen bei der Komposition seiner Höchstleistungsrechner zu entspannen, stieg er in den Keller seines Hauses in Chippewa Falls und trieb mit der Spitzhacke einen mannshohen Tunnel durch die Erde voran. Durch den sorgsam mit Holz ausgekleideten Stollen, durch den er sich über Jahre auf einen nahen Wald zugrub, kamen die Elfen zu ihm: «Wenn sie merken, dass ich aus meinem Arbeitszimmer gehe, kommen sie und lösen alle Probleme, die ich zurückgelassen habe.»

Seine Maschinen sind die Supercomputer schlechthin. Die Verdrahtung der Cray wurde von Hand gezogen, um keinen Zentimeter zu verschenken, der wertvolle Nanosekunden an Datenlaufzeit kosten könnte. Um jede Cray herum ist eine Art gepolsterter Ofenbank angebracht - die extrem dicht gepackten Chips kommen tatsächlich förmlich ins Glühen. An der Universität von Minnesota wurde mit der Abwärme einer Cray eine Garage beheizt.

Am 5. Oktober 1996 starb Seymour Cray 71jährig an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Ein Auto war in seinen Jeep Cherokee gerast. Auf der Homepage der Firma Cray Research im Internet wurde der Tod des Firmengründers angezeigt, darunter ein Werbe-Banner mit einem Slogan der Firma Silicon Graphics, die im Frühjahr 1995 die trotz allem in Konkurs gegangene Cray Computer Corporation übernommen hatte: «We'll take your breath away.»

Auf den Zahlenfressern werden Dinge wie Sternexplosionen, Auto-Crashs, Bombensimulationen, Wettervorhersagen oder Filmanimationen berechnet. 1983 gründete der damals 26jährige MIT-Absolvent Daniel Hillis in Cambridge, Massachusetts, die Firma Thinking Machines Corporation und entwickelte einen neuartigen Superrechner mit paralleler Architektur. Die «Connection Machine» enthielt 65 536 Prozessoren, die gemeinsam mehrere Milliarden Rechenschritte pro Sekunde ausführen können.

1987 waren etwa ein Dutzend solcher Rechner im kommerziellen Einsatz, Ende 1991 war Thinking Machines Marktführer. Nach dem Ende des kalten Krieges jedoch blieben die Aufträge von Supercomputer-Stammkunden wie den Atomwaffenschmieden aus. Thinking Machines geriet in den Strudel der Konjunkturkrise. Seit 1996 sucht das Unternehmen sein Heil im Data Mining, der intelligenten Veredelung grosser Datenbestände.

Ein deutscher Programmierer machte sich Anfang der neunziger Jahre als «artist in residence» bei Thinking Machines einen Namen: Karl Sims. Er entwickelte spezielle Algorithmen, welche die extreme Leistungsfähigkeit der Connection Machine ausnutzten, und schuf phantastische nie gesehenen Bilderwelten, etwa eine leuchtende Wasserfallkaskade, ein Partikelsystem, das sich aus einem Sturmwirbel in einen Kopf verwandelt, und «Panspermia», die Reise eines Samenkorns durchs All und die Explosion der Fruchtbarkeit nach dem Aufprall auf einem Planeten.

Er schuf Pflanzen, suchte die aus, die ihm am besten gefielen, und liess den Computer die nächste Generation berechnen, in Echtzeit. In einem Interview erzählt Sims von Spaziergängen, die er in die Natur unternimmt. Jedes Grasbüschel, jeder Strauch rege ihn zur algorithmischen Nachahmung an, aber wenn man beginne, in die Details der Flora einzudringen, zeige sich eine unermessliche Komplexität. Er kehre aus der grünen Welt demütig zurück vor die Maschine.

Ich war tagelang unterwegs, um Schneckenkorn zu bekommen. Schliesslich bestellte meine Apothekerin es für mich. Ich vertrieb mir die Zeit bis dahin mit Computerei, wie überhaupt in den letzten zwanzig Jahren. Als ich, die Dose mit dem Gift in der Hand, in den Hinterhof trat, sah ich, dass meine Nachbarin sich einen Hundewelpen aus lauter Ohren und Pfoten zugelegt hatte.

In Augenblicksgeschwindigkeit war er bei mir, soff die Krautdose mit dem Bier leer und verzehrte die zwei toten Schnecken, die drin schwammen. Kein Gift. Ich brachte das Schneckenkorn in die Abstellkammer. Vielleicht leuchtet es nachts, dann schreibe ich ein kleines Schneckentreiberprogramm und vernetze es mit dem Computer.

Peter Glaser ist Schriftsteller und Journalist, Mitgründer des Internet-Magazins «konr@d». Er lebt in Hamburg.


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