NZZ Folio 03/99 - Thema: Frischer Fisch   Inhaltsverzeichnis

Wunderblock -- Das Leben und die Enttäuschung

Von Ursula von Arx

SIE WAREN zwei Brüder. Der ältere studierte, der jüngere war Schauspieler und verliebt in seine Partnerin. Mit ihr probte er täglich auf der Bühne. Kurz vor der Premiere machte es Bumm, und es war wild. Der jüngere Bruder fürchtete sich vor Aids, der ältere lachte. Als der jüngere sich nach der Dernière immer noch fürchtete, sagte der ältere: «Bruder, mach einen Test! Ich mache dann auch einen.» Danach ging es dem jüngeren besser, doch der ältere bekam Angst. «Dann müsste ich wenigstens keine Prüfungen machen», tröstete er sich. Ein paar Tage später schneite es, ihre Schritte waren lautlos wie von Phantomen. Im Testzentrum begrüsste sie ein freundlicher Schwuler, der nicht glaubte, dass sie Brüder waren, und sie für ein verklemmtes Paar hielt. Der Schwule öffnete ein grosses Buch. «Es war ein sehr feierlicher Augenblick», sagte der ältere später. Die Brüder nannten ihre Codewörter, sie waren beide negativ. Sie verabschiedeten sich herzlich und schwiegen lange. Sie waren erleichtert, aber auch enttäuscht. Keine Entscheidung war für sie getroffen worden, der ältere würde die Prüfungen machen müssen. Er machte sie nicht. Der jüngere trennte sich bald von seiner Freundin. Sie lebten weiter ihr unauffälliges, ehrgeiziges Leben.


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