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NZZ Folio 05/93 - Thema: Schönheit   Inhaltsverzeichnis

Haben es Schöne schöner?

Erkenntnisse der Sozialpsychologie.

Von Susan Sprecher

IN DEN SPÄTEN SECHZIGERN warf der amerikanische Sozialpsychologe Eliot Aronson in einem Referat vor Kollegen die Frage auf, weshalb das (gute) Aussehen bis dahin in der Forschung über Persönlichkeit und soziales Verhalten keine Rolle gespielt hatte. Als Grund vermutete er, dass Wissenschafter eine solche Fragestellung entweder für undemokratisch gehalten hatten oder davon ausgegangen waren, dass Schönheit ohnehin nur bei jungen Frauen eine Rolle spielte und Forschung in dieser Richtung keine grundsätzlichen und allgemeingültigen Erkenntnisse über das Sozialverhalten bringen könne. Inzwischen haben amerikanische Sozialwissenschafter die Einflüsse der äusseren Erscheinung grossflächig erforscht und nachgewiesen, wie wichtig sie in fast jedem Lebensbereich ist.

Ehe man ein Phänomen wie das Aussehen aber erforschen kann, muss man sich über die Messkriterien einigen. Oft wird es wie bei einem Schönheitswettbewerb gemessen. Da bitten Forscher mehrere Leute, die sie als objektiv und fair einschätzen, das Aussehen von jemandem zu bewerten. Der «Notendurchschnitt» ergibt dann das «objektive Mass». Es scheint zur menschlichen Natur zu gehören, dass man sich über jemand anderen sehr schnell und nur auf Grund dürftiger Informationen eine Meinung bildet. Da das Aussehen zum ersten gehört, was wir beim andern wahrnehmen, stützen wir Eindrücke und Erwartungen auf dieses beobachtbare Charakteristikum. Die sozialwissenschaftliche Forschung hat ergeben, dass wir gutaussehenden Menschen auch positivere Eigenschaften zuschreiben als weniger gut aussehenden. Diese Tendenz bezeichnet man als Nimbus-Effekt.

Die grundlegende Untersuchung über diesen Effekt wurde in den frühen Siebzigern von den Sozialpsychologinnen Karen Dion, Ellen Berscheid und Elaine Hatfield durchgeführt. Zunächst suchten sie Portraitaufnahmen von jungen Männern und Frauen aus, die zuvor übereinstimmend als nicht gut, durchschnittlich oder sehr gut aussehend beurteilt worden waren. Nun legten sie die Fotografien einer Gruppe von Studenten vor und baten sie, den Abgebildeten Persönlichkeitsmerkmale zuzuordnen und sich ihren Lebenslauf vorzustellen zu versuchen. Wie sich herausstellte, nahmen die Studenten an, die Gutaussehenden seien sexuell leidenschaftlicher und aufgeschlossener, dazu warmherzig, stark, bescheiden, gefühlvoll, interessant, ausgeglichen, umgänglich, attraktive Ausgehpartner und von besserem Charakter als die weniger Schönen. Sie vermuteten ferner, dass die Gutaussehenden mehr Ansehen genössen, bessere Ehepartner abgäben, eine glücklichere Ehe führten, gesellschaftlich und beruflich erfolgreicher wären und überhaupt mehr Erfüllung fänden. Studentinnen und Studenten hatten die gleichen Vorurteile über Gutaussehende - über Männer wie Frauen.

Seit der Untersuchung von Dion, Berscheid und Hatfield haben zahlreiche andere Forscher den Nimbus-Effekt in ganz unterschiedlichen Versuchsanordnungen nachgewiesen. Zum Beispiel: Zeigt man Lehrern oder angehenden Lehrern Bilder von niedlichen und weniger niedlichen Kindern, nehmen sie von den niedlichen an, dass sie intelligenter und beliebter sind und weniger zu schlechtem Betragen neigen. Oder: Männer sind von einem Essay, einem Bild oder einem Referat mehr beeindruckt, wenn sie dahinter eine schöne Frau vermuten. Frauen allerdings sind nicht im selben Mass voreingenommen, wenn sie über ein Werk zu urteilen haben oder wenn es einem Mann zugeschrieben wird. Oder: In simulierten Geschworenenprozessen werden gutaussehende Angeklagte weniger oft als schuldig verdächtigt und bekommen eine geringere Strafe zugesprochen als weniger attraktive. Oder: Arbeitgeber und Wirtschaftsstudenten, die bald selber über die Einstellung von Mitarbeitern zu befinden haben werden, beurteilen die Unterlagen von gutaussehenden Bewerbern (auf Grund einer angehefteten Fotografie) günstiger als dieselben Unterlagen, denen das Bild von jemand weniger attraktivem beigefügt ist.

Allerdings, ein paar negative Stereotypen über gutaussehende Frauen und Männer gibt es auch. In der Studie von Dion nahmen die Studenten an, dass diese schlechtere Eltern abgäben. In einer vergleichbaren Untersuchung trauten die Befragten hübschen Frauen (auf den Bildern waren nur Frauen) eher als anderen aussereheliche Affären zu und hielten sie dazu für materialistischer, snobistischer und egoistischer. Grundtenor aber bleibt, dass Gutaussehende einen besseren ersten Eindruck hinterlassen.

Wenn nun schöne Menschen von einem positiven Nimbus profitieren, haben sie es im Umgang mit anderen dann auch leichter? Sind wir netter zu ihnen? Lächeln wir mehr in ihrer Gegenwart? Und kommt hier so etwas wie Selffulfilling prophecy, sich selbst erfüllende Vorhersage, ins Spiel, indem attraktive Menschen nun tatsächlich die warmherzigeren und erfolgreicheren Menschen werden, wie das andere von ihnen erwarten?

Die Antwort auf die erste Frage, ob schöne Menschen besser behandelt werden, scheint Ja zu sein. Nachgewiesen wurde das in einer einfachen Untersuchung an der Universität Minnesota in den siebziger Jahren. Männlichen Studenten wurde erklärt, sie nähmen teil an einer Studie zum «Prozess des näheren gegenseitigen Kennenlernens». Man sagte ihnen, sie würden nun via Telefon Bekanntschaft mit einer Studentin machen, und gab ihnen vor dem Gespräch eine Fotografie von ihr und dazu einige biographische Informationen. Das Bild zeigte aber nicht die wirkliche Gesprächspartnerin, sondern entweder eine attraktive oder eine unattraktive Frau. Dann analysierten die Wissenschafter die Unterhaltung und fanden heraus, dass jene Männer, die sich mit einer vermeintlich gutaussehenden Frau unterhielten, mehr auf ihre Partnerin eingingen als die anderen, die glaubten, mit einer weniger hübschen Frau zu sprechen. Aber hatte dieses Verhalten auch Auswirkung auf das Gesprächsverhalten der Frauen? Es zeigte sich in der Tat, dass die Frauen aufgeschlossener und angeregter waren, wo der Mann angenommen hatte, sie seien attraktiv.

Interessanter ist indes die Frage, ob die unterschiedliche «Behandlung» unterschiedlich Aussehender von anhaltender Wirkung ist, wenn sie sich ständig wiederholt. Nehmen dann Gutaussehende eine andere Entwicklung als Durchschnittstypen? Wird aus ihnen tatsächlich das, was die anderen von ihnen erwarten? In einer ganzen Anzahl von Studien wurden Leute, von unattraktiv bis bildschön, gebeten, verschiedene Aspekte ihrer Persönlichkeit und ihres Sozialverhaltens zu bewerten.

Die Wissenschafter untersuchten dann die Zusammenhänge zwischen Aussehen und solchen Selbsteinschätzungen. Alan Feingold, Psychologe an der Yale University, hat die Ergebnisse zusammengefasst. Er fand nur wenige Unterschiede zwischen gutaussehenden und unattraktiven Menschen, was Persönlichkeit und Verhalten betrifft, stellte aber fest, dass schöne Menschen weniger einsam, beliebter und geschickter im Umgang mit den Mitmenschen sind. Er nimmt an, dass einer der Gründe für das Fortbestehen des Stereotyps über Gutaussehende der ist, dass «der Durchschnittsmensch am Tag mehrere Stunden damit verbringt, schöne Menschen zu beobachten, im Fernsehen, im Kino, in Zeitschriften», und zwar im Kontext mit beruflichem und gesellschaftlichem Erfolg. Fasst man zusammen, so haben Gutaussehende den einen grossen Vorteil: sie empfangen positive Signale von ihrer Umwelt. Doch allzuviel scheinen sie von diesem doppelten Vorteil nicht zu profitieren. Aus ihnen werden nur durch die zuvorkommende Behandlung, die man ihnen vielleicht zuteil werden lässt, nicht talentiertere oder gar «bessere» Menschen.

Welchen Effekt zum Beispiel hat das Aussehen im beruflichen Umfeld? Wie schon beschrieben, hält man attraktive Menschen für intelligenter, kompetenter, beruflich mit grösserem Potential ausgestattet als andere. Nun übertrug eine Wissenschafterin die «Versuchsanordnung», mit der der Nimbus-Effekt untersucht wurde, in die reale Welt, indem sie Bewerbungsunterlagen an die Personalchefs grosser Unternehmen und Personalberatungen schickte. Jedem Schreiben legte sie das Bild einer Frau bei. Für die eine Hälfte der Unterlagen hatte man sie geschickt zurechtgemacht, für die andere Hälfte absichtlich nachteilig aussehen lassen. Mit dem besseren Bild bekam sie um acht bis zwanzig Prozent höhere Anfangssaläre angeboten.

Wenn gutes Aussehen bei der Stellensuche von Vorteil sein kann, was passiert später, wenn man die Stelle hat? Wissenschafter wollten von Berufsleuten wissen, wieviel sie verdienen, und untersuchten noch andere Indikatoren für beruflichen Erfolg (etwa das Prestige ihrer Arbeit). Es zeigte sich in vielen Fällen, dass gutaussehende Männer und Frauen besser verdienen und höheres berufliches Ansehen geniessen als die weniger attraktiven. Zum Beispiel wurde in einer Befragung von 630 Absolventen einer Business school der Zusammenhang zwischen Aussehen und Anfangssalär bzw. Salärentwicklung eruiert. Diese Befragung ergab, dass das Aussehen eindeutig die Gehälter beeinflusste. In einer anderen Erhebung wurde ein repräsentativer Querschnitt der amerikanischen Bevölkerung über ihre Lebensqualität interviewt, wobei unauffällig auch das Aussehen bewertet wurde. Hier fanden die Befrager heraus, dass gutes Aussehen klar mit beruflichem Erfolg und seelischem Wohlbefinden korrelierte.

Mag sich jemand noch wundern, dass Aussehen im Beruf eine Rolle spielt, wird niemand staunen, dass dies für den persönlichen Bereich zutrifft, wo es um Liebe und Freundschaft geht. In einer grundlegenden Untersuchung, die die Bedeutung des Aussehens bei der ersten Verabredung nachwies, brachten Elaine Hatfield und ihre Mitarbeiter Erstsemester der Universität Minnesota nach dem Zufallsprinzip für einen Tanzabend zusammen. Zuvor war auch bei ihnen ohne ihr Wissen das Aussehen beurteilt worden. In einer Pause mussten sie dann auf einem Fragebogen Auskunft darüber geben, ob ihnen der Partner zusagte. Resultat: Sozialverhalten, Persönlichkeit, Intelligenz spielten überhaupt keine Rolle; was zählte, war allein die äussere Attraktivität. Nach dieser Untersuchung wurde noch eine grosse Zahl weiterer Studien durchgeführt, um die Bedeutung des Aussehens zu ermessen. Die Ergebnisse lassen sich etwa so zusammenfassen: Sollen die Teilnehmer sagen, was für sie an den Mitmenschen wichtig ist, nennen sie meist innere Werte wie Verlässlichkeit, Freundlichkeit und Aufrichtigkeit; beobachten Forscher hingegen das Verhalten von Leuten (wie sie auf Partner reagieren)dann bekommt das Aussehen ein weit grösseres Gewicht. Das trifft für Frauen wie für Männer zu, doch stehen Männer eher dazu, dass das Äussere ihrer Partnerin für sie eine Rolle spielt. Attraktive Partner werden aus einer ganzen Reihe von Gründen bevorzugt: Wie ein schönes Bild sind schöne Menschen nur schon ein Gewinn fürs Auge. Dann der Nimbus-Effekt: Wir erwarten, dass schöne Menschen gefühlsstark, leidenschaftlich, gesellig und dergleichen mehr sind. Schönheit färbt ab: Wir erwarten, dass wir vom guten Aussehen des Partners profitieren, und unser eigenes Ansehen wächst, wenn ein gutaussehender Mensch uns unwiderstehlich findet.

Während wir uns nun all die schönen Dinge erhoffen, die das Leben für uns bereithalten kann, einschliesslich eines attraktiven Partners, hängt das, was wir am Ende erreichen können, von dem ab, was wir selber zu bieten haben. Im wirklichen Leben führt das Gesetz von Angebot und Nachfrage meist auch die Menschen zusammen, deren Aussehen sich einigermassen entspricht. Schöne tun sich mit Schönen zusammen. Paart sich eine Schöne mit einem Unattraktiven oder umgekehrt, spielen meist noch andere Dinge mit wie Status, Geld, aussergewöhnliche Intelligenz oder Charme.

Wir wissen nicht, ob Schönheit heute wichtiger ist als in früheren Zeiten, ehe sich die Wissenschaft mit ihr zu beschäftigen begann. Man nimmt aber an, dass sie in unserem modernen Leben an Bedeutung gewonnen hat. So schrieb Ellen Berscheid, eine der führenden Forscherinnen auf dem Gebiet: «Ich denke, dass die wachsende Bedeutung des Aussehens zu tun hat mit unserer wachsenden Mobilität und mit der Konzentration unserer Bevölkerung in riesigen urbanen Zentren. Heute kommen Menschen weit öfter als früher mit anderen nur ein einziges oder wenige Male zusammen.» Tatsächlich spielt gutes Aussehen in jenen Situationen die grösste Rolle, die kein näheres Kennenlernen erlauben. In längeren und tieferen Beziehungen wird es konkurrenziert von anderen Eigenschaften wie Intelligenz, Sportlichkeit, Charme, Humor und Geselligkeit.

Susan Sprecher ist Soziologieprofessorin an der Illinois State University und Mitautorin von «Mirror, Mirror . . . the Importance of Looks in Everyday Life» (1986) und anderen Sachbüchern.


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