NZZ Folio 10/92 - Thema: Die EG - Modell und Wirklichkeit   Inhaltsverzeichnis

Das ABCD der Europahierarchie

Was EG-Beamte tun - fünf Kurzportraits.

Von Petra Münster

Der Haushaltplan der EG weist für dieses Jahr 23 550 Beamtenstellen und 1461 Stellen auf Zeit aus. Davon entfalten fast 17 500 auf die Kommission. Den Rest teilen sich Parlament (3600), Ministerrat (2200), Gerichtshof, Rechnungshof sowie der Wirtschafts- und Sozialausschuss. Wie bei allen Beamten gibt es auch bei den Eurokraten eine strenge Hierarchie, eingeteilt in die Klassen A, B, C und D. Eine Sonderstellung nehmen die rund 2700 Mitglieder des grössten Sprachdienstes der Welt ein. Womit sind all diese Beamten beschäftigt? Petra Münster hat fünf EG-Mitarbeiter verschiedener Stufen und Nationalität besucht und befragt.

Riccardo Perissich, Generaldirektor

Riccardo Perissich, Jahrgang 1942, ist in Brüssel gleich zu Anfang ganz oben eingestiegen und gehört als Generaldirektor der EG-Kommission zur höchsten Gehaltsklasse (A1). Über ihm rangieren nur noch die 17 Kommissare, die von den Mitgliedsländern, zumeist aus den Reihen der eigenen Regierung, für jeweils vier Jahre nach Brüssel geschickt werden. Der Italiener kam 1970 als Kabinettsmitglied eines dieser Kommissare, des berühmten Altiero Spinelli, in die EG-Zentrale. Der linksgerichtete, aber parteipolitisch unabhängige Spinelli machte sich in der EG-Geschichte einen Namen als feuriger Vorkämpfer des europäischen Bundesstaates und des dazugehörenden Subsidiaritätsprinzips, das in Brüssel zurzeit wieder sehr in Mode ist. In den Fussstapfen seines früheren Chefs hat Perissich eine besondere Vorliebe für alle institutionellen Probleme der EG entwickelt. An der Ausarbeitung der Einheitlichen Akte, die 1986 den Grundstein für den EG-Binnenmarkt legte, war er von seiten der Kommission wesentlich beteiligt. Als Chef der Generaldirektion «Binnenmarkt» hat er nun Gelegenheit, das Subsidiaritätsprinzip in die tägliche Praxis umzusetzen. Nicht selten zügelt er den Harmonisierungseifer seiner Beamten mit dem Hinweis, dass nicht alles und jedes in Brüssel geregelt werden müsse. Im Spannungsfeld zwischen perfektem Binnenmarkt und Dezentralisierung gilt es tagtäglich Lösungen für den grossen EG-Markt zu finden, der vom nächsten Jahr an ganz ohne interne Grenzen funktionieren soll.

Perissich hat sich seit dem Inkrafttreten der Einheitlichen Akte auf den Binnenmarkt spezialisiert. Er trat im Juli 1986 zunächst als Direktor ein in die «GD III», wie die Binnenmarktdivision in der internen Nomenklatur heisst, rückte schnell zum stellvertretenden Generaldirektor und im April 1990 dann auf ausdrücklichen Wunsch von Binnenmarktkommissar Martin Bangemann zum Chef auf. Seine ersten 16 Jahre in der EG-Kommission hat Perissich mit vierjährigem Unterbruch ausschliesslich im Zentrum der Macht, auf der Etage der Kommissare, verbracht. Er diente insgesamt vier italienischen Kommissaren als Kabinettschef.

Der Mailänder, der fliessend Englisch und Französisch spricht, begann seine berufliche Laufbahn 1962 mit dem Schreiben von aussenpolitischen Beiträgen für die römische Wochenzeitschrift «Il Punto». Von 1966 bis 1970 spezialisierte er sich im Istituto Affari Internazionali auf EG-Studien. Auch in seinem Brüsseler Heim geht es international zu: er ist mit einer französischen Rundfunkjournalistin verheiratet.

Karla Rielau, Bibliothekarin

Karla Rielau kam vor zwanzig Jahren aus privaten Gründen nach Brüssel. Ihr Freund arbeitete bei den EG-Behörden, und als gelernte Bibliothekarin war sie überzeugt, dort eine ebenso begehrte Arbeitskraft zu sein wie daheim in Deutschland. Da die EG ganz nach dem Vorbild des französischen Verwaltungssystems modelliert ist, musste sie zu ihrer Überraschung aber zunächst den «concours» absolvieren, ein Auswahlverfahren, zu dem sich heutzutage nicht selten 7000 Bewerber für 70 ausgeschriebene Stellen anmelden. So trat sie mit 23 Jahren im Januar 1972 zunächst als Stagiaire in die Dienste der Kommission. Nach Ablauf dieser Praktikantenzeit rutschte sie dann aber problemlos auf einen Posten (Beamtenkategorie B) in der Kommissionsbibliothek, die alles Wissenswerte über Europa und seine Einigung in sämtlichen EG-Sprachen umfasst. Nach 17 Jahren Bibliotheksdienst übernahm sie im Sommer 1989 Archiv und Dokumentation beim Pressedienst der Kommission. Dort ist das schnelle Erfassen aller Presseinformationen der Behörde per Computer eine der besonderen Herausforderungen. Mit Hilfe der Elektronik werden nicht nur die im Gestrüpp von technischen Verordnungen und Richtlinienentwürfen ständig nach «guten» Geschichten forschenden Journalisten, sondern auch die zahllosen Anrufer von Firmen und Behörden aus den Mitgliedsländern rasch und lückenlos versorgt. Alle Informationen der Kommission, so versichert Karla Rielau stolz, können noch am gleichen Tag per Computer bei ihr abgerufen werden.

Privat fühlt sich die im Schwarzwald geborene Deutsche in Brüssel inzwischen ganz zu Hause, obwohl sie vor zwanzig Jahren nur Deutsch und Englisch beherrschte und ihre paar Brocken Französisch erst bei der Brüsseler Alliance française aufpolieren musste. Im Dienst habe sie jedoch von Anfang an ohne falsche Scham drauflosparliert, und inzwischen habe sie natürlich keinerlei Schwierigkeiten mehr. Überhaupt finde man auch mit den Telefonanrufern von «draussen» immer einen Verständigungsweg, selbst wenn sie Griechisch oder Niederländisch sprächen. Ihren Freundeskreis hat sie sich bewusst auch unter Leuten gesucht, die nichts mit der EG zu tun haben. Sie wohnt in Gehdistanz zu ihrem Arbeitsort in einem der typischen belgischen Stadthäuser, denen man den gemütlichen Garten im Hinterhof von aussen nicht ansieht. Ihr grosses Hobby ist die Laientruppe «Deutsche Theaterwerkstatt». Beim jüngsten Aufführungszyklus, der im Saal des Brüsseler Palais des Beaux-arts über die Bühne ging, gab die Bibliothekarin die Rolle der Maria Stuart in Friedrich Schillers Tragödie.

 Jean Thompson, Sekretärin

Jean Thompson gehört zu den gut 2000 EG-Beamten, an die selten gedacht wird, wenn von den Eurokraten die Rede ist. Sie arbeitet nämlich nicht bei der EG-Kommission, sondern ist Teil des Apparates, der die zwölf nationalen Aussen- und Fachminister unterstützt, wenn sie als Ministerrat in Brüssel oder Luxemburg zusammentreffen.

Jean Thompson ist Sekretärin (C-Beamtin) im Pressereferat des Rates. Dort sorgt sie dafür, dass die Informationen, die die Minister aus ihren stets hinter verschlossenen Türen stattfindenden Beratungen an die Öffentlichkeit geben wollen, schnell und korrekt an das im Foyer des schmucklosen Ministerratsgebäudes «Charlemagne» versammelte Heer der Journalisten gelangen. Die Engländerin kam nach Abschluss der Sekretärinnenschule in ihrer Heimat und kurzer Firmenpraxis 1980 mit 21 Jahren nach Belgien, um als Au-pair-Mädchen bei einer Familie das Französisch, das sie in der Schule lesen und verstehen gelernt hatte, auch sprechen zu lernen. In ihrem ersten Monat in Belgien tat sie, so erzählt die EG-Beamtin, kaum den Mund auf, um sich nicht zu blamieren. Heute arbeitet sie am Telefon und an der Schreibmaschine mehr auf französisch als auf englisch und spricht zu Hause mit ihrem baskischen Mann nur französisch.

In den Dienst der Gemeinschaft wechselte sie im November 1982. Die Grossmutter in ihrer Au-pair-Familie hatte sie auf den «concours» aufmerksam gemacht, und die Entscheidung fiel ihr leicht: Nicht nur das ansehnliche Gehalt und die milde Besteuerung der Eurokraten lockten sie, sondern auch das, was man gemeinhin die europäische Herausforderung nennt. In den Unternehmen, in denen sie vorher gearbeitet hatte, so meint sie, ging es letztlich immer nur darum, Profit zu erwirtschaften. Bei ihrem neuen Arbeitgeber würden dagegen tägliche Dinge entschieden, die das Leben jedes einzelnen Bürgers betreffen. Sie scheut das Klischee, aber wird hier in Brüssel nicht wirklich etwas sehr Spannendes und ganz Neues versucht? Ihren Arbeitsplatz in der Presseabteilung liebt sie nicht nur wegen der vielen Kontakte mit Journalisten, sondern auch wegen des Überblicks über alles, was in der EG geschieht.

Der Umgang mit Kollegen und Besuchern aus vielen unterschiedlichen Sprach- und Kulturbereichen bereitet Jean Thompson keinerlei Schwierigkeiten. Ihr Freundeskreis in Brüssel ist bunt aus allen Nationalitäten gemischt, und sie beobachtet amüsiert die kleinen Überraschungen, die in einem solchen Kreis auf Grund der unterschiedlichen Traditionen immer wieder entstehen. Da stellt zum Beispiel ein spanischer Bekannter einen sehr guten Wein nur als Kostprobe auf den Tisch und muss dann entsetzt mit ansehen, wie die amerikanischen Gäste, die an Selbstbedienung gewöhnt sind, sich seine Kostbarkeit in vollen Zügen schmecken lassen. In ihre Heimat nach Yorkshire fährt Jean Thompson regelmässig zu den grossen Festtagen und meistens auch im August, wenn die EG in ihren Sommerschlaf versinkt. An eine endgültige Rückkehr hat sie jedoch schon lange nicht mehr gedacht.

Luis Antonio Madeira dos Santos, Bürobote

Der gelernte Elektriker Luis Antonio Madeira dos Santos (sein langer Nachname ist der portugiesischen Tradition zu verdanken, stets den Namen der Mutter und des Vaters zu führen) war als Siebenjähriger mit seinen Eltern nach Belgien gekommen und ergriff gleich beim Eintritt seines Landes in die Gemeinschaft im Jahre 1986 die Chance, EG-Beamter zu werden. Französisch ist dem heute 35jährigen daher mindestens so geläufig wie seine Muttersprache, zumal er zu Hause mit seiner belgoitalienischen Frau und den drei Töchtern nur Französisch spricht.

Zweifellos hat dem Elektriker bei seiner Bewerbung der portugiesische Pass geholfen, bemüht sich die EG doch, bei der Herkunft ihrer Beamten einen gewissen «Nationalitätenproporz» einzuhalten. Das gelingt ihr allerdings nur äusserst unvollkommen; die Gastländer der EG-Behörden, Belgien und Luxemburg, sowie die wanderungsfreudigen Italiener haben in der Beamtenschaft seit je ein gewaltiges Übergewicht. So stellten die Belgier nach einer Statistik aus dem Jahre 1989 über 3500 Beamte der EG-Kommission, während das nach der Bevölkerungszahl sechsmal grössere Deutschland es auf nur 1800 Eurokraten brachte und Portugal, mit 10 Millionen Einwohnern etwa gleich gross wie Belgien, mit nicht einmal 500 Beamten vertreten war. Luis Madeira hatte bei seiner Bewerbung als Bürobote (D-Beamter) also gute Chancen und landete denn auch gleich in der obersten Etage des Kommissionspalastes, wo er fünfmal täglich die Post an die Kommissare und ihre Mitarbeiter verteilt. Besonderen Respekt flösse ihm die Nähe zur Macht aber nicht ein. Man bekomme die Herren (und die zwei Damen) ja selten zu Gesicht. Allerdings habe der Bote doch das Gefühl, besser über die EG Bescheid zu wissen als seine Freunde und Bekannten «draussen». Die Attraktivität des EG-Jobs liegt für ihn freilich nicht darin begründet: Luis Madeira schätzt vor allem den sicheren Arbeitsplatz als EG-Beamter auf Lebenszeit.

Pauline Camacho, Dolmetscherin

Dass die beiden Kinder von Pauline Camacho, die in der Küche neugierig die Mutter beim Kochen und die Journalistin beim Handwerk beobachten, dreisprachig aufwachsen, haben sie letztlich dem EG-Beitritt Spaniens und Portugals zu verdanken. «Pauli», die in Lissabon geboren wurde, in Zürich aufwuchs und dort die Dolmetscherschule absolvierte, spricht mit ihnen konsequent nur Deutsch. Ihr Mann, Brite und von Beruf ebenfalls Dolmetscher, redet mit seinen Sprösslingen nur Englisch. Auf der Strasse und auf dem Spielplatz - man lebt schliesslich im französisch dominierten Teil von Brüssel - lernen die beiden Französisch. Und da die Buben zudem Schweizer sind, werden Fragen der Journalistin zwischendurch auch auf züritüütsch beantwortet. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, auf portugiesisch: Filho de peiche peixinho è - der Sohn des Fischs ist ein kleiner Fisch.

1985 erwarb Pauline Camacho in Zürich das Dolmetscherdiplom, ein Jahr später trat Portugal der EG bei, und Frau Camacho konnte in Brüssel erste Berufserfahrungen sammeln. Dass sie als Schweizerin in den Dolmetscherdienst der EG aufgenommen wurde, hängt mit ihrer ersten Muttersprache, dem Portugiesischen, zusammen: In der EG werden alle Verhandlungen zwischen den Mitgliedstaaten in 9 offizielle Sprachen übersetzt, was insgesamt 72 mögliche Sprachenkombinationen ergibt. An Arbeitsmöglichkeiten für Dolmetscher mangelt es in Brüssel deshalb nicht. Rund 400 Dolmetscher sind gegenwärtig fest angestellt; etwa 1000 Freischaffende werden regelmässig eingesetzt, darunter Pauline Camacho. An durchschnittlich drei Tagen in der Woche arbeitet sie im Auftrag der EG-Kommission in der Dolmetscherkabine. Dass sie ihren späteren Ehemann «in der Kabine» kennengelernt hat, ist nachgerade typisch: Die meisten Ehepartner von Dolmetschern sind, wie Pauline Camacho sagt, auch Berufskollegen.

Auch wenn Pauline Camacho fast täglich Verhandlungen zwischen Politikern, Landwirtschafts-, Fischerei- oder Rechtsexperten aus der EG begleitet, vereint sie jedes Spezialwissen in Gemeinschaftsbelangen. Dieses bilde sich eher bei den Übersetzern heraus, die alle juristischen Feinheiten schriftlich von einer Sprache in die andere übertragen müssten. Der Dolmetscher dagegen sei eher ein Kommunikator mit breitem Allgemeinwissen, rascher Auffassungsgabe, immer bereit, sich sprachlich in neuen Sachgebieten zurechtzufinden. Selbst Untertöne oder Gefühlsäusserungen sollte er den Verhandlungspartnern übermitteln können, alles in der richtigen Dosierung. Allzu heftige Manifestationen von Wut und Zorn allerdings, so verrät Pauline Camacho, würden von Dolmetschern meistens leicht abgedämpft - nach aller Kunst der Diplomatie. Den Gesprächspartnern am runden Tisch immer verborgen bleibt ausserdem die Gestik der Dolmetscher und Dolmetscherinnen in den engen Kabinen der Sitzungszimmer, die Gestik, die den eigenen Worten Nachdruck verleihen soll.

Petra Münster ist Benelux-Korrespondentin der NZZ in Brüssel.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.