MARC VOUILLAMOZ kommt aus Saillon, einem mittelalterlichen Städtchen, das dafür bekannt ist, den kleinsten Rebberg der Welt zu besitzen, drei im Dreieck gepflanzte Weinstöcke, mit deren Wein jedoch «Hunderte von Flaschen» gefüllt werden. Da wohnte auch Farinet, der berühmte Falschmünzer, der 1880 in einer Schlucht von einem Gendarmen namens Dupertuis erschossen wurde.
Marc hat sich 1963 in Martigny niedergelassen, «einem Durchgangsort; sogar Napoleon kam vorbei.» Heute spürt man in der Stadt die Rezession. Die Leute haben Angst. Niemand ist davon verschont. In einem Supermarkt wurde monatlich bezahlten Angestellten angekündigt, dass sie nun im Stundenlohn arbeiten sollten, sonst würden sie rausgeschmissen. Sogar Beamte sind bedroht. Marc hat nicht immer dazu gehört. Zu den Beamten. Er hat als Taxichauffeur begonnen, dann war er Lastwagenfahrer. Durch Europa. Er mag das Ausland, «vor allem Frankreich, wegen seiner Sprache und seiner Küche». Er kann sich «in Italienisch verständigen». Auf deutsch nicht. Einige Wörter Englisch von der Arbeit, mit den Touristen. Er hat Europa in 28 Tagen durchreist, mit Amerikanern, einem Jugendorchester, mit sechs Fahrzeugen, 250 Personen. «Das war fabelhaft.» Er hat auch Australier durch die Schweiz geführt. «Sie hatten Angst vor den Kurven und dass die Berge auf sie fallen würden.» Jetzt transportiert er in seinem Postauto immer die gleichen Leute. Schüler und solche, die kein Auto haben, wie überall in der Schweiz. Sie nehmen ein Abonnement, zwölf Fahrten für den Preis von zehn. Ziemlich eintönig, diese Arbeit. Er hat nie einen Unfall gehabt. Zwei Millionen Kilometer, kein einziger Verletzter.
Marc Vouillamoz ist Grossvater. Er war zweimal verheiratet. Geschieden. Er ist jetzt allein, aber er ist sehr beschäftigt. Er liebt Musik wie sein Vater und sein Grossvater. Blasmusik. Er spielt Euphonium. Im Winter probt er fast jeden Abend. Heute morgen hat er mit der «Harmonie» von Martigny gespielt. Beim Begräbnis eines Freundes. Der war auch in der Musik, gleich neben ihm. Er war im Dienst Wachtmeister gewesen, und eine Granate war während einer Übung gerade hinter seinem Rücken explodiert. «Schicksal! Die Rede des Majors war sehr schön, und als die -Harmonie? eine Stelle von Bizets Arlesienne spielte, weinte die ganze Kirche.» An Begräbnissen spielt man auch «Adieu mon camarade», was viel Erfolg hat, und Chopins Trauermarsch, aber der ist schwieriger, «nicht alle kriegen das hin». Ausser Musik macht er auch Holzmodelle. Er hat Admiral Nelsons «Victory» nachgebaut, zweitausend Stunden in vier Jahren, eineinhalb Stunden pro Tag. Er hat sie unter Glas gestellt im Eingang des Chalets, wo er lebt, in Ravoire, einem Dorf über Martigny. Er liebt die Landschaft sehr, das Profil der Berge. Hier ist es sehr ruhig. «Nachts», sagt er, «höre ich der Stille zu.»
Mit 52 Jahren hat er sich wieder ein Motorrad geleistet, eine Honda von 270 Kilo. Nächstes Jahr wird er mit sechs Töff-Freunden in die USA reisen. Sie werden mit Harley-Davidsons durch das Land fahren. Wenn er noch verheiratet wäre, könnte er so etwas vielleicht nicht.
Er hat immer eine Flasche kühl gestellt für seine Freunde. Was er in dieser Gegend besonders schätzt, sind die Solidarität und die gegenseitige Hilfe. Und jeder kennt jeden.